Schmidt – Gnostische Schriften in koptischer Sprache aus dem Codex Brucianus (Texte und Untersuchungen 8, 1892)

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page 415
14532IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 399
14533auf sein eigenes drittes Buch übertragen, um dasselbe durch diese
14534Bezeichnung jenen ältern teuyn gleichzustellen. Bei den beiden
14535ersten aber zog er die Bezeichnung Pistis Sophia vor, um auf
14536den Hauptgegenstand derselben, den er mit so grossem Interesse
14537schildert, gleich von vorn herein hinzuweisen“.
14538Soweit Koestlin. Wer mit Aufmerksamkeit unsern früheren
14539Auseinandersetzungen gefolgt ist, wird erkennen, dass wir uns
14540den hier vorgetragenen Ansichten nicht anschliessen können.
14541Es ist unrichtig, dass der Verfasser den beiden ersten Büchern
14542den Titel Pistis Sophia gegeben hat, denn das erste Buch führt
14543überhaupt gar keinen Titel, das zweite hat die Überschrift: „Der
14544zweite Topos der Pistis Sophia“. Ⲓⲱ koptischen Texte findet
14545man zu dieser Stelle von Petermann folgende Notiz: „Titulus
14546multo lucidiori atramento. Scripsit, ni fallor, recentior quidam
14547Coptita, etsi haud dubie satis antiquus“. Hieraus ergiebt sich
14548mit voller Evidenz, dass irgend ein späterer Schreiber diesen
14549Titel eingefügt hat u. z. auf eigene Hand, indem er aus dem
14550Hauptinhalt sich einen Titel zurecht konstruierte. Dies zeigt
14551schon die unklare Fassung, denn welcher Verfasser würde wohl
14552sein Buch mit einem Titel „zöxot der Pistis Sophia“ versehen
14553haben? Verstehe ich diesen recht, so soll wohl mit dem ersten
14554töx0g der Aufenthalt der P. S. in der Unterwelt, mit dem zweiten
14555ⲧⲟ̀ⲡⲟϩ ihre Rettung aus derselben durch Jesus, ihre Versetzung
14556in einen Topos unterhalb des dreizehnten Äons und zum Schluss
14557ihre Einführung in ihren ursprünglichen Wohnsitz bezeichnet
14558werden; aber damit ist der Inhalt noch lange nicht erschöpft.
14559Wir gelangen daher mit Notwendigkeit zu dem Resultat, dass
14560die Benennung des ganzen Buches mit dem Namen Pistis Sophia,
14561wie sie bis heute allgemein üblich geworden ist, durchaus jeder
14562Berechtigung entbehrt und vom Verfasser nicht beabsichtigt ge-
14563wesen sein kann; daher hat die Behauptung von K. sehr wenig
14564Wahrscheinlichkeit, dass der Verfasser der ersten beiden Bücher
14565den Titel ,ⲕⲟⲟϩ teEv/Ory“ auf sein eigenes drittes Buch über-
14566tragen habe. Die Titel des dritten und vierten Buches sind von
14567derselben Hand, die den ganzen Kodex geschrieben hat, denn
14568Schwartze-Petermann berichten nicht das Gegenteil, der Ab-
14569schreiber fand sie also schon in seinem Original vor. Nun findet
14570sich am Eingang des dritten Buches ein merkwürdiger Einschub,
14571der, wie ich eingestehen muss, den Zusammenhang in lästiger
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14572400 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
14573Weise unterbricht; würde derselbe fehlen, so möchte er nicht
14574vermisst werden, und das dritte Buch könnte sich unmittelbar
14575an das vorhergehende anschliessen. Wie ist dieser Einschub ent-
14576standen und zwar gerade an dieser Stelle? Der Text beginnt
14577mitten in einem Satz: „und die, welche der Mysterien, die in
14578dem Ineffabilis wohnen, würdig sind“. Der Inhalt sticht trotz
14579aller Anklänge an p. 228. 241 von dem sonstigen Thema ab,
14580indem die höchsten Mysterien, d. h. die Mysterien des Ineffabilis
14581in eigentümlicher Weise hehandelt werden. Die Meinung,
14582welche auftauchen könnte, dass diese Seiten durch irgend einen
14583Zufall in den Kontext hineingeraten sind, u. z. aus einem später
14584verlorenen Buche, ist sehr sonderbar und durchaus unhaltber,
14585denn unerklärt bliebe, warum es gerade an dieser Stelle einge-
14586schoben, ja noch unerklärter, warum uns ein abrupter Anfang
14587vorliegt. Denn gesetzt den Fall, dass irgend ein Leser, um einige
14588im vorhergehenden Buche gegebene Anspielungen aufzuklären,
14589aus einem früheren Werke einen zusammenhängenden Teil aus-
14590geschrieben hätte, so würde er doch wohl schwerlich mitten im
14591Satze angefangen haben. Aber hat nicht Koestlin bei alledem
14592das Richtige getroffen? Findet sich nicht am Schluss des ersten
14593Buches ein ähnlicher, ganz unmotivierter Einschub? Zum Glück
14594lässt sich dieser Einwand ohne Mühe entkräften, denn wie aus
14595der Bemerkung von Schwartze: „haec verba alia addidit manus
14596literis pulchrioribus, sed atramento minus nigro“ zu erkennen ist,
14597gehört dieses Einschiebsel der prima manus gar nicht an. Selbet
14598wenn diese äusseren Merkmale der Unechtheit nicht vorhanden
14599wären, würden wir auf den ersten Blick die Hand eines späteren
14600Interpolators erkennen. Denn einmal gehören diese Spekulationen
14601nicht zum Ideenkreis der übrigen Bücher, andererseits hat der
14602Verfasser uns ein zusammenhängendes Ganze mit Anfang und
14603Ende überliefert. Hier ist auch die Ursache mit Händen zu
14604greifen. weshalb er seine müssigen Gedanken gerade an dieser
14605Stelle der Nachwelt überliefert hat. Er fand nämlich das letzte
14606Blatt des ersten Buches nur auf der einen Seite beschrieben und
14607suchte daher die letzte Seite mit seinem eigenen kabbalistischen
14608Unsinn auszufüllen. Diese äusseren Indicien fehlen bei unserm in
14609Frage stehenden Stücke gänzlich. Ebenso wenig kann uns die
14610Annahme Befriedigung gewähren, dass die Überschrift ⲙⲟϩ ⲧ. X
14611nur zu dem Fragmente am Eingang gehöre; wir müssen vielmehr
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14612IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 401
14613einen andern Ausweg zur Lösung des Problems suchen, und
14614dieser kann meiner Meinung nach nur der sein, dass wir annehmen,
14615es habe ursprünglich das dritte Buch nicht mit den vorhergehenden
14616Büchern ein Ganzes gebildet, gehöre also nicht einem Verfasser an,
14617sondern sei erst durch Kompilation mit diesen in Verbindung
14618gebracht. Dieses Buch, aus welchem der Redaktor schöpfte,
14619führte den Namen: t&uyn to YwtHo0s; aus ihm hob er unsere
14620beiden letzten Bücher heraus und gab diesen den passenden
14621Titel: u&005 ⲧⲱ tEvXOV ⲧⲟⲟ ZwtHEOs. Freilich hat der Kom-
14622pilator diese Manipulation ungeschickt verdeckt, denn aus irgend
14623einer unbekannten Ursache sind noch die letzten Seiten! der
14624vorhergehenden Abhandlung stehen geblieben. Dies bestätigt der
14625Inhalt selbst; betrachtet man nämlich diesen etwas genauer, so
14626zeigt sich deutlich, dass die Behauptung von K., es fehlten die
14627Schlussworte dieses Eingangs, ganz unbegründet ist; bilden doch
14628die Worte: „Denn die Gnosis der Erkenntnis des Ineffabilis ist
14629es, in der ich heute mit euch gesprochen habe“ einen sehr
14630passenden Abschluss. Dieselben lehren uns zugleich, dass einen
14631Hauptinhalt dieser verlorenen Abhandlung die Lehre vom Inef-
14632fabilis bildete, von dem wir in unsern Büchern eine ungenügende
14633und unklare Kunde überliefert fanden. Auch verlangt die Ein-
14634leitung des Verfassers der ersten Bücher gebieterisch ein anderes
14635Werk als die beiden Bücher Jeü, da sonst gewisse Andeutungen
14636Jesu über frühere Mitteilungen ganz unverständlich wären.
14637Doch wird es zur Lösung dieser Hypothese noch einmal
14638einer gründlichen handschriftlichen Untersuchnng, insbesondere
14639aber einer erneuten Übersetzung, verbunden mit einem eingehen-
14640den Studium des Inhaltes selbst, bedürfen.
14641b. Der Kosmos. Die Anthropologie.
14642Die transcendente Welt wird durch das otepg£&aOua (Firma-
14643ment) abgeschlossen, es ist mit Vorhängen (xatanETÄOUATE)
14644(ⲣ. 213) und Thoren versehen und von Archonten, Gewalten
14645* (&£ovolar) und Engeln bewohnt. Dieselben bilden die niedrigsten
14646Gestirnssphären und sind mit Banden an die ta&«g gebunden.
146471 Wie ich vermute, standen diese auf einem Blatte des Arche-
14648typus geschrieben.
14649Texte u. Untersuchungen VII, 1, 2. ⲑⲃ
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14650402 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
14651In weiter Entfernung von ihm liegt der x6ö0gos, die Wohn-
14652stätte der Menschheit. Auf welchem Wege derselbe entstanden
14653ist, erfahren wir nirgends. Wenn wir aber aus den andern gno-
14654stischen Systemen ! Rückschlüsse ziehen dürfen, so kann es keinem
14655Zweifel unterliegen, dass auch nach Lehre der P. S. diese Welt
14656von den Engelmächten? geschaffen ist, darum der Vergänglich-
14657keit wieder anheimfallen wird. Denn ein Charakteristikum aller
14658gnostischen Lehren ist der eigentümlich ausgestaltete Pessimis-
14659mus, der sich bald in schrofferen, bald in milderen Formen aus-
14660prägt, jene Weltanschauung, die sie zu der Erkenntnis trieb,
14661dass die Welt kein Produkt des einen guten Gottes, sondern nur
14662das der bösen Dämonen sein könnte. Diese pessimistische Welt-
14663anschauung ist keine genuin gnostische, sondern tritt auch bei
14664den ältesten Christen kräftig hervor, aber diese lebten in einer
14665zu enthusiastischen Stimmung, um die letzten Konsequenzen zu
14666ziehen, haben daher die Identität des Weltschöpfers und des
14667höchsten Gottes niemals anzutasten gewagt. Der Ginosticismus
14668zeigt an dieser Stelle deutlich seinen hellenisch-spekulativen Cha-
14669rakter; er versuchte auf seine Weise die Lösung eines Problems,
14670welches die denkenden Geister aller Zeiten beschäftigt hat, näm-
14671lich unde malum et quare?? et unde homo et quomodo? (Ter-
14672tull. de praeseript. haer. cap. VII), denn das Christentum konnte
14673ihm dieses Rätsel keineswegs in befriedigender Weise erklären
14674helfen.
14675„Sehr ausführlich dagegen verbreitet sich der Verfasser über
14676die Schöpfung des Menschen und seine Stellung im Universum.
14677...... Der Mensch ist dasjenige Wesen im gesammten Reiche
14678des Daseins, welches, auf der letzten Stufe der aus Licht und
14679Materie gemischten Schöpfung stehend, alle Kräfte, alle guten
14680und bösen Elemente sämmtlicher über ihm befindlichen Stufen
14681ı! Simon Magus Iren. IT, 28, 3. Menander Iren. I, 23, 5, Ⲧⲉ
14682tullian de resurr. carnis 5. Saturnin Iren. I, 24, 1. Basilides
14683Iren. I, 24, 4. Carpocrates Iren. I, 25, 1. (cf. Iren. II, cap. 1£).
14684Valentin Clemens Al. Strom. II, 8.
146852 Daher wird die Welt auch „Kosmos der Archonten“ (p. 281)
14686genannt.
146873 Dieses ⲡⲟⲗⲱⲑϩⲘⲏⲧⲟⲩ Entnua, wie Euseb. h. e. V, 27 sagt
14688cf. Epiph. h. 24, 6. Tertullian adv. Marc. I, 2.
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14689IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 403
14690in sich vereinigt, und um welches sich daher das gute und böse
14691Princip (die Lichtwelt und die Weltherrscher) streiten, so dass
14692die Menschheit der Boden ist, auf welchem der Kampf zwischen
14693beiden schliesslich ausgekämpft wird. Licht und Materie, Gött-
14694liches und Dämonisches (Archontisches) ist im Menschen zur
14695Einheit verbunden und ebendamit zu innerem Widerstreit zu-
14696sammengethan; dieser Widerstreit muss wie alle Disharmonie
14697im Universum gelöst werden, aber der Mensch selbst vermag es
14698nicht, weil er, trotz der in ihm wohnenden göttlichen und archon-
14699tischen Kräfte, doch eben im Gegensatze zu den ⲁⲥ︦ⲟⲭⲟⲩⲅⲉϩ, zu
14700diesen mächtigen und gewaltigen Beherrschern der Welt, das
14701Moment der unselbstständigen Endlichkeit, das im Universum nicht
14702fehlen durfte, darzustellen bestimmt ist; die Lösung jenes Wider-
14703streits hängt vielmehr einzig und allein davon ab, welches der
14704beiden Principien, das Göttliche oder das Archontische, die Macht
14705hat, das andere zu besiegen und so auch im Menschen dem einen
14706oder andern die Oberhand über das ihm entgegenstehende zu
14707verschaffen“ (Koestl. S. 85f.). Zu diesem Zwecke ist eine Er-
14708lösung durch ein höheres Wesen, d. h. Christus statuiert worden.
147091. Entstehung des Menschengeschlechts.
14710Durch den Abfall der Archonten war eine Disharmonie im
14711Universum entstanden, Lichtteile des Urwesens waren in der
14712Materie eingekerkert und mussten wieder ihrer Gefangenschaft
14713enthoben werden. Zu diesem Geschäfte wurden mehrere Geistes-
14714wesen eingesetzt, besonders Jeü und Melchisedek. Zu bestimmten
14715Zeiten tritt daher letzterer in die Mitte der Äonenwelt und
14716reinigt die in den Archonten befindliche Kraft, den Hauch ihres
14717Mundes!, das Wasser ihrer Augen, den Schweiss ihrer Körper
147182 Zur Vergleichung kann man die Lehre der Valentinianer von
14719der Sophia herbeiziehen Iren. I, 4, 2: Tavrıy ϭⲱ̀ϭⲅⲉϭⲓϧ Kal 0UOlav ⲧ
14720ⲟⲓⲥ yeyevnodas ⲣⲟⲱϭⲓⲩ, EE ⲫ 60e 6 x00Mos ϭⲱⲙϭⲧϥⲕⲉ. ’Ex tv yao
14721ⲧⲥ ⲉ̀ⲡⲓⲟⲅϩⲟϣⲏϩ ⲧⲓ) ⲧⲱ KOOMOU Kal TOD ϧⲛⲙⲓⲟⲱϩ)ⲟ KAday ⲱⲗⲓ ⲧⲓ
14722ⲣϧⲉϭⲓ ⲉϥϣⲟⲓ, ⲕ ⲑⲉ ⲧⲟ poßov ⲕⲁⲓ ⲧⲉ ⲙⲡϩ ⲧⲟ ⲟⲓⲡⲉ ⲧ) ⲉϯ)
14723̀ϭⲩϥⲕ ⲟⲓ. *ⲡⲟ ⲣⲁ ⲧⲱ̄ⲩ ⲁⲕϩⲱⲱⲩ aUTHS yeyovEvaı ⲡⲉ̄ϭϭ ⲉ̀ϧⲱⲣⲣⲟⲩ
14724ⲟϭ ⲉⲡⲟ Öl ⲓⲟ ⲣⲉ̃ⲗⲱⲧⲟϩ ⲧⲓ) ϣⲱⲧⲉ) And ⲟ ⲧ̄ Ⲓⲥ Kal ⲧϥ
14725Enmin eos ⲧⲉ ϭⲱⲙⲁⲧⲓⲭⲉ TO ⲭϭⲙⲟⲱ ϭⲧⲟⲓⲭⲉⲓⲕ. Cf. Clemens Al. excerp.
14726ex script. Theod. S 45. ;
14727ϩⲟ
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14728404 1V. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
14729und trägt das gewonnene Licht in den Lichtschatz. Das bei
14730dieser Operation „sich abwärts senkende hylische Residuum
14731jener Elemente“ sammeln dann die Liturgen der Archonten,
14732und die von der eiuwpyen und ogpalox fangen es auf,
14733machen daraus Menschenseelen, Seelen von Tieren, Reptilien,
14734wilden Tieren und Vögeln und senden sie zum Kosmos der
14735Menschheit (p. 34 ff). Dieses Geschäft der Entleerung und Seelen-
14736bildung wird nun stets fortgesetzt, bis die Archonten zu schwach
14737und ohnmächtig werden, um ihre Herrschaft noch aufrecht er-
14738halten zu können. Als treue Gehülfen des Melchisedek beweisen
14739sich die zapgainurtogEs der Sonne und des Mondes!, denn diese
14740führen die hylische Hefe zu der og@algax und bereiten daraus
14741Menschen- und Tierseelen entsprechend dem Kyklus der Ar-
14742chonten jener oga/oa (Zodiacus) und allen oyYuata ihrer Kreis-
14743bewegung; es besteht also nach dieser Lehre zwischen Menschen-
14744und Tierwelt in Bezug auf die Seelensubstanz ? kein Unterschied.
14745Auf diese Weise soll den Archonten das weniger reine Licht,
14746welches ihnen noch immer geblieben ist, entzogen werden, um
14747es „in niedere, der Abhängigkeit von der höheren Welt sich
14748hesser fügende, leichter zur Bekehrung und Sehnsucht nach
14749dem Lichtreich zu vermögende Geschöpfe, d. h. in die Mensch-
14750heit überzuleiten und es so einst mittelst der an diese Empfäng-
14751lichkeit des Menschen für die Wahrheit anknüpfenden christ-
14752lichen Erlösung in die oberen Regionen, denen es ursprünglich
14753angehört, zurückzuführen“.
14754Anfangs waren die Archonten sich des Zweckes, welches
14755das Urwesen verfolgte, nicht bewusst, sie dachten nur an sich
14756selbst und wollten durch diese niederen Wesen ihre Herrschaft
14757auf Erden begründen, aber lange konnte ihnen die wahre Ab-
14758sicht dieses Prozesses nicht verborgen bleiben. Darum liessen
14759' Dass Sonne und Mond bei der Reinigung der Welt beteiligt
14760sind, lehrten auch die Manichäer.
147612 Die Lehre, dass einunddieselbe Weltseele in der ganzen
14762Natur verbreitet. sei, findet sich auch bei den Gnostikern des Epiph.
14763ϯaⲉr. XXVI. cap. 9., ist aber in schmutzige Handlungen umgesetst
14764worden; doch unterscheidet sich die P. S. dadurch, dass sie die mensch-
14765liche Seele mit. einem höheren Lichtfunken versehen sein lässt.
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14766IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke, 405
14767sie, als ihre Kraft sehr geschwächt wurde, die Hyle ihrer Hefe
14768nicht zum Kosmos gelangen, um Seelen zu werden, sondern
14769drehten sich in ihrem Laufe um und verzehrten sie. Dadurch
14770gelang es ihnen in der That, das Zustandekommen der be-
14771stimmten Anzahl von vollkommenen Seelen und infolge dessen
14772die Vernichtung ihrer Weltherrschaft auf eine längere Zeit
14773hinauszuschieben. Zu diesem Zwecke tritt, wie wir sehen wer-
14774den, der Erlöser als das Weltprincip in die Welt ein und be-
14775reitet dem jetzigen Zustande der Dinge ein jähes Ende.
14776Sehr ausführliche Nachrichten über die Entstehung und
14777über die Bestandteile der menschlichen Natur erhalten wir im
14778dritten Buche. Die gesammte Lehre vom Menschen kann eine
14779trichotomische genannt werden, denn man betrachtet ihn als ein
14780Kompositum von w%vy, oc@ua und vis luminis; und dies wird nun
14781im Einzelnen sehr weitläufig auseinandergesetzt u. z. in sehr
14782phantastisch-rationalistischer Weise, die keineswegs bei den Gno-
14783stikern! unerhört war.
14784Da nach Lehre der Gnostiker die Seele einer Wanderung
14785in andere Körper unterliegt, so giebt es alte und neue Seelen.
14786Was die ersteren anbetrifft, so geben die Archonten der grossen
14787EinaQuEPN der alten Seele (cf. p. 338) aus dem 0xtpua der xaxla
14788einen Lethetrank?, der mit allen verschiedenen Begierden und mit
14789Vergesslichkeit angefüllt ist. Die nun davon trinkende Seele
14790vergisst alle Topoi, zu welchen sie gegangen ist, und zugleich
14791alle Strafen, deren sie teilhaftig geworden ist. Dieser Lethetrank
14792wird zu einem besonderen, das Äussere der Seele bildenden
147931 ⲃ︦. Harnack: Unters. S. 82f.
147942 Die Ansicht eines Lethetrankes ist in die griechische Philo-
14795sophie durch Plato eingeführt; der Einfluss desselben ist unverkenn-
14796bar. Gegen diese Lehre Plato’s wendet sich Irenaeus II, 33, 2: Ad
14797haec Plato, vetus ille Atheniensis, qui et primus sententiam hanc
14798introduxit, quum excusare non posset, oblivionis induxit poculum, pu-
14799tans se per hoc apvriam huiusmodi effugere; ustensionem quidem
14800nullam faciens, dogmatice autem respondens, quoniam introeuntes
14801animae in hanc vitam ab eo, qui est super introitum, daemone, prius-
14802quam in corpora intrent, potantur oblivione. Irenaeus macht sich
14803im Folgenden über diesen Einfall lustig.
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14804406 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
14805Körper, welcher der Seele in allen Gestalten gleicht und ähnelt,
14806darum auch &yrtiwyuor zvedua (nicht xweupatos) genannt wird
14807(cf. p. 338).
14808Wenn es dagegen eine neue Seele ist, so nehmen die fünf
14809grossen Archonten der grossen &iuaguE&un von dem Schweiss, der
14810Thränenfeuchtigkeit oder dem Hauch des Mundes der Archonten
14811einzelne Teile, kneten sie mit einander und machen Seelen daraus,
14812u. z. legt jeder der 365 Archonten! auf diese Weise seinen Teil
14813in die Seele. Darauf muss die Seele, um sie ihres höheren Ur-
14814sprungs vergessen zu machen und den Keim der xaxlia in sie hinein-
14815zulegen, den Lethetrank geniessen, der ihr von Jaluhar (p. 38)
14816einem zagainuntNSc des Adamas, gereicht wird; dadurch entsteht
14817das Aptiuınov ⲡⲩⲉⲟⲩⲕⲥ, das die Seele gleichsam wie ein Kleid
14818und Hülle umgiebt und ihr in jeder Art gleicht. Dann blasen
14819die fünf grossen Archonten und der Archon des Sonnen- und
14820Monddiskus in die Seele hinein, und es kommt in ⲙ̃ⲑ ein Teil
14821von Jesu Kraft? (s. o.); dies ist das höhere Element, welches
14822den Menschen zum Bürger einer anderen Welt macht und seine
14823Sehnsucht zu jeder Zeit auf das Licht der Höhe gerichtet sein
14824lässt (ef. p. 130. 134. 182. 285). Ohne Zweifel geschieht dies, wie
14825K. richtig gesehen, auf Anordnung der Lichtjungfrau, in deren
14826Gebiet wahrscheinlich die vires aller Menschen ihre letzte For-
148271 Nicht richtig ist die Behauptung von Koestlin, dass die fünf
14828grossen Archonten allein das Ihrige hinzuthun und so ein jeder An-
14829spruch auf ihren Besitz hat.
14830? Man kann hierzu wohl die xgoowgrnuat« des Basilides ver-
14831gleichen cf. Clemens Alex. Strom. II, 20, 112 und die seines Sohnes
14832Isidor ze9l ⲡϩⲟϭϣⲱⲟⲩϩ wurns Clem. Al Strom. II, 20, 118 p. 488.
14833* Sehr eingehend haben sich die Gnostiker mit der Zweinaturen-
14834lehre (göttlich-archuntisch) beschäftigt, um den Menschen für die Er-
14835lösung empfänglich zu machen. Dieselbe Vorstellung, dass ein höherer
14836Tichtkeim in den Menschen von einer engelfeindlichen Macht niedergelegt
14837sei, um ihm einen festen Halt zu geben, finden wir auch bei den
14838Ophiten Iren. I, 30, 6. Pseudo-Tertullian de praeser, haer,. LXVI
14839und Saturnin Iren. I, 24, 1. Theodoret haer, fab. I, 3, ebenso bei den
14840Valentinianern Iren. I, 5, 6. Clemens Al. exe, ex script. Theod.
14841S$ 2 p. 966 und 8 53, Clemens Strom, II, 8, 38 p. 449.
page 423
14842IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 407
14843mierung erhalten, denn zu ihr kehrt nach dem Tode die vis zu-
14844rück (p. 284), und umgekehrt giebt sie solchen Seelen, die ins
14845Erdendasein zurückkehren, auch ihre Lichtkraft wieder mit (p. 285).
14846Während das Ayrtiuıuop ⲡϧⲉⲱⲏⲥ nur äusserlich der Seele an-
14847haftet, gleichsam als Wächter für die schlechten Handlungen,
14848befindet sich die Kraft innerhalb derselben. Das erstere binden
14849die Archonten mit ihren Siegeln und Banden an dieselbe, damit
14850es sie zwingt, ihre zx&9n und dvouları zu jeder Zeit zu verrichten,
14851auf dass dieselbe ihnen dient und in der Uxoray“ zu ihnen
14852bleibt (ⲣ. 343 ff), Auf diese Weise verbleiben die Menschen-
14853seelen ihr Eigentum und werden nach dem Tode wieder in den
14854Kosmos geschickt. Die Archonten, die Eltern der Seele (p. 341.
14855342), übergeben nun dieses mixtum compositum ihren 365 Li-
14856turgen, zugleich mit dem Befehl, diesen Typus in den Körper der
14857Hyle des Kosmos zu legen, ⲟ. h. in den dyrtituvros (p. 345.
14858Ihrem Befehle gemäss führen die 365 Liturgen die drei Teile:
14859„Kraft, Seele und dyriuwuop xvetua“ hinab zum Kosmos, aber
14860unterwegs treffen sie die Archonten der Mitte, welche noch als
14861viertes Element die ⲕⲟⲓⲥ (ⲃ. 0.) hinzufügen. Darauf geht die
14862Bekleidung der Seele mit dem ϭⲱϥ viıxöpy der Archonten vor
14863sich, d. h. die Ausgeburt ins leibliche Dasein. Die Liturgen
14864der Sphära mischen alle vier Elemente, machen zwei Teile daraus
14865und geben, wenn sie einen Mann und eine Frau im Kosmos ge-
14866funden haben, welche durch Zeichen kenntlich gemacht sind,
14867einen Teil dem Manne und einen Teil der Frau in einer Nahrung
14868des Kosmos, oder dem Hauche der Luft oder Wasser oder in
14869irgend einem «dos, welches sie trinken?. Sobald dies geschehen
14870ist, werden sie durch die Liturgen insgeheim gezwungen, mit
14871einander in einer ϭⲱⲙⲣⲱⲱⲓ des Kosmos zu dvuqwpely, mögen
14872sie auch noch so sehr von einander entfernt wohnen. Die Em-
148731 Die Seele des Menschen wird also prüexistent gedacht, der
14874irdische Körper ist nur die äussere Hülle, das vestimentum pelliceum
14875/p. 150), der yırmv deguatıvOs (Genes, 3, 21) in den Excerpt. ex script.
14876Theod. ⲃ 55 p. 982; schon Justin kämpfte gegen diese Auslegung
14877in seinem A6yos ⲡⲉϩ dvw«otAGEwS ⲥ Procopius ⲅ. Gaza comm. ad Genes.
14878VM (bei A. Mai Class. auct. e Vat. codd. VI, p. 204).
148792 Genauere Angaben werden auf eine spätere Zeit verschoben.
page 424
14880408 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
14881pfängnis geht in der Weise vor sich, dass das im Manne befind-
14882liche dprigıuor ⲡⲙⲉ zu dem Teile kommt, welcher dem
14883Kosmos in der Hyle seines Körpers anvertraut ist, dieser stöset
14884es (das ⲉⲧ. x7.) in den Mutterleib der Frau, welches dem ox£oua
14885der xaxia! anvertraut ist. Sofort gehen die 365 Liturgen? in
14886den Leib, wohnen in ihm, führen beide Teile zu einander, nehmen
14887das Blut aller Nahrung, welche die Frau essen und trinken wird,
14888in Besitz und halten sich in ihr 40 Tage auf. Dann mischen
14889sie das Blut der Kraft der tovgpal in dem Mutterleibe und
14890bauen während 30 Tage die Glieder nach dem Bilde des mensch-
14891lichen Körpers, ein jeder eins von diesen. Ist der Körper fertig,
14892so rufen die Liturgen in denselben zuerst das ⲉⲱⲅ[ϣⲉⲙⲟⲙ KYEÖNG,
148931 Die Zeugung gilt schon als Sünde, dies ist die Lehre der
14894meisten Gnostiker.
148952 Die Zahl von 365 Himmeln ist eine besonders dem basilidianischen
14896System charakteristisache Lehre, die noch den alten Zusammenhang
14897mit der Astrologie deutlich zeigt, wie es schon Irenaeus bemerkt hat
14898(Iren. I, 24, 7. Von ihm aus haben auch die späteren Valen-
14899tinianer die Zahl aufgenommen (Epiph. haer. 81, 4), ebenso die „Gno-
14900stiker“ (Epiph. haer. 26, 9). Sehr interessant aber ist die Stelle
14901aus Epiph. haer. 24, 7 über Basilides: Elta &vreüdev, ϥ⳪) ⲕⲁ 6
14902&vdgwros Eyeı TOLKKOCLA ⲕⲟⲧϥ ⲡⲓⲧⲉ ϣⲉ), GE ⲟϭ ⲧⲱ Ϩⲱⲩⲥ̀ⲕⲉⲱⲓ
14903ⲉ̀ⲡⲟⲩ̃ⲕⲉϭⲑⲁⲓ ⲉ ⲕⲉⲗⲟϩ. ⲞⲐⲉⲩ ⲕⲁ) Ev ⲅⲟⲱⲧϣ ⲡϧⲡⲧⲱⲭⲉⲛ AUTO N ⲕⲉϧⲉⲩⲟ‐
14904ⲙⲉⲩ ⲕⲁⲓ vöBos ⲟⲓⲁϭⲕⲁⲗ E&v yAg ⲧϣ ̀ϧⲐϩⲱ̀ⲡϣ ⲃⲟⲧ td’ mein. Statt
14905ⲉⲙ lesen die meisten Herausgeber ⲉ Schwierigkeit bereitet die An-
14906sicht des Epiph., dass der Mensch aus 364 Gliedern bestehe; daher
14907hat Petavius ⲉ in ⲟ ändern wollen und rt&8’ in ⲓ „non esse 365
14908membra“, Dies ist aber durchaus unstatthaft, weil dann der Rhythmus
14909des (Giedankens gestört würde, denn vorher heisst es: Özıxvuvres dr
14910ⲁⲧⲟⲩ (sc. Aßouwo«E) to ⲉϥⲉⲓ) ⲧⲟ̀ EvLavtOV TQLEKOCLOV Ein xovtn ⲡⲟⲧⲉ
14911ⲛ̃ⲏⲉⲑⲱ̀ⲩ AyLduOV ⲭⲁⲧ ⲡⲉϩⲓⲟⲑⲟⲓ. ITkrrwxe dl ⲁⲱⲧⲟⲱ 6 AnNQwWENG Aoyos.
14912Evoloxereı ⲣⲉϩ ⲟ ⲉⲙⲟⲱⲧⲟϩ ⲧϩⲓⲟⲕⲟϭⲓⲱⲩ EEnKovta ⲡⲱⲧⲉ NMEQNV ⲕⲉ ⲱ̀ϩⲱⲙ
14913ⲧⲫⲓⲱ︦. Daraus ist zu schliessen, dass die Behauptung von 8364 Glie-
14914dern die Basilidianer widerlegen soll, oder dürfen wir hierin eine
14915Ironie erblicken? Denn so weit mir bekannt, ist niemals eine der-
14916artige Ansicht im Altertum aufgestellt worden, nur Elias Thisbi soll
14917nach Petavius 248 Glieder angenommen haben.
page 425
14918IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 409
14919dann die Seele, in diese das u/yua der Kraft und ausserhalb von
14920ihnen allen die ⲙⲟⲓ. Sodann siegeln die Liturgen alle an
14921einander mit den Siegeln, welche sie von den Archonten empfangen
14922haben: den Tag, an welchem sie in der Frau wohnten, in die
14923linke Hand des x2äcya, in die rechte den Tag der Vollendung
14924des Körpers, den Tag der Übergabe der Bestandteile von seiten
14925der Archonten in die Mitte des Schädels, den Tag des Heraus-
14926gangs der Seele aus den Archonten in den Schädel, den Tag,
14927an welchem sie die Glieder gemischt und zu einer Seele getrennt
14928haben, in den rechten Schädel, den Tag der Anknüpfung des
14929artiuınop ⲡϧⲉⲩⲩⲙⲥ hinten am Kopf, den Tag, an welchem sie
14930die Lichtkraft in den Körper geblasen haben, in das Gehirn und
14931in das Herz, die Zahl der Jahre des Lebens an die Stirn. Darauf
14932übergeben die Liturgen das ganze {dıoy der Siegel den &otrator
14933Archonten, die den Strafen vorgesetzt sind, jene wiederum ihren
14934zaQalnuUKTAL, damit diese die Zeit wissen, wann sie die Seele
14935aus dem Körper führen sollen und wann die Geburt gewesen ist,
14936auf dass sie ihre Liturgen senden, die der Seele folgen und
14937Zeugnis für die begangenen Sünden ablegen.
14938Nach Erfüllung ihrer olxovouia weichen die Liturgen zu-
14939rück, um ihr Geschäft von neuem zu beginnen. Bel der Geburt
14940des Kindes ist in ihm das uzyua der Kraft, die Seele und das
14941&ptiucuov ⲡϧⲉⲟⲩⲙⲥ gering, gross dagegen die ⲕⲟⲓ, welche den
14942Menschen bis zu seinem Tode begleitet, und deren einzige Auf-
14943gabe darin besteht, für die Menschen den ihnen durch die
14944Archonten der grossen eiuapuErn bestimmten Tod herbeizuführen.
14945So sind in dem Menschen die Keime der bösen Natur angelegt,
14946er steht ganz unter dem Einfluss der &iuagu&rn!. In dem ersten
14947Kindesalter? tritt die böse Natur noch nicht hervor, da das
14948Unterscheidungsvermögen von Gutem und Bösem fehlt, aber da
14949der Körper zu seiner Existenz und Fortentwicklung der Nahrung
14950bedarf, so nimmt das hylische Element an Umfang zu, denn die
14951Nahrung ist ein Produkt der Archonten und birgt die Sünde in
14952sich. Infolge dessen werden die Kraft, die Seele und das «prti-
149531 Man erkennt hier deutlich den Einfluss der griechischen Vor-
14954stellung von ⲙⲟϩ und &iuaguErn.
149552 S. Harnack, Unters. etc. S. 75f.
page 426
14956ⲩ ϫ ϫ -- ----.. ...ⲛ
14957410 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
14958LMOP ⲡⲉⲙ gross, und jede von diesen nimmt entsprechend
14959seiner Natur wahr, die Kraft! forscht nach dem Lichte der Höhe,
14960die Seele nach dem Topos der dıxaı000rn, d. h. dem dreizehnten
14961AÄon, und das dprtiyınop. ϫⲉⲟⲩⲕ nach allen Schlechtigkeiten, Be-
14962gierden und Sünden. Letzteres hat das Übergewicht, zwingt als
14963Feind die Seele, fortwährend in Sünden zu wandeln, und reizt
14964die &0valoı Liturgen, von den begangenen Sünden sorgfältig
14965Notiz zu nehmen, um nach dem Tode gegen dieselbe Anklage
14966erheben zu können. Denn selbst der Tod befreit den Menschen
14967nicht von ihrer Knechtschaft, es kommen nämlich die zxagalijp-
14968xTaı &0mvaloı (ⲣ. 227. 234. 235. 287 ff.), führen die Seele aus dem
14969Körper und wandeln mit derselben drei-Dage in allen Topoi,
14970um ihr alle Äonen der‘ Welt zu zeigen; das ayrluınov ϫⲱⲉⲟ
14971folgt ihren Spuren, während die Lichtkraft zur Lichtjungfrau
14972zurückgeht.
14973Nach Verlauf dieser Zeit führen sie die Seele hinab zum
14974Amente und zum Chaos — vorausgesetzt, dass sie nicht gleich
14975in den untersten Strafort versetzt wird — und übergeben sie
14976ihren Peinigern, sie selbst aber begeben sich wieder an ihr altes
14977Geschäft. An ihrer Stelle wird nun das dptiuepop xveÜna der
14978xaQainurTNS der Seele, um sie wegen der begangenen Sünden
14979anzuklagen und bestrafen zu lassen. Ist dies geschehen, so führt
14980es sie nach oben zu dem Wege der Mitte, hier fragen die Ar-
14981chonten nach den Mysterien der yoga; da sie dieselben nicht
14982gefunden hat, wird sie bestraft, Zum Schluss bringt das Apr. xy.
14983die Seele auf Befehl Jed’s vor den Richterstuhl der Lichtjungfrau;
14984dieselbe erkennt sie als eine sündige Seele, teilt ihr die Licht-
14985kraft mit, damit sie aufrecht stehen kann, und übergiebt sie einem
14986ihrer zxagalyırtaı, der sie in einen Körper stösst, welcher der
14987von ihr begangenen Sünden würdig ist (p. 281 ff.).
14988I Unverkennbar tritt an dieser Stelle die trichotomische Anlage
14989des Menschen, wie sie sich insbesondere schroff in den valent. Systemen
14990zu erkennen giebt, hervor, d, h. die Einteilung der Menschen in
14991TvEvLATIKOL, ⲯⲱⲭⲓϫⲟ4 und zoixol (Ulıxol), aber den fatalistischen Zag
14992hat die P. 5. vermieden, da sie allen Menschen dieselbe Naturanlage
14993zuteil werden lässt, sie nähert sich mehr der christlichen Lehre, die
14994die gesammte Menschheit der Erlösung teilhaftig werden lässt,
page 427
14995IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 411
14996Ergänzend tritt das vierte Buch ⲣ. 379 ff. hinzu, wo uns in
14997auistischer Weise und mit einem ganz katholischen Gepräge
14998e Strafen der Seelen für bestimmte Sünden geschildert werden.
149991) Das Schicksal eines Fluchers ! ist, dass seine Seele in dem
15000mente sechs Monate und acht Tage gepeinigt wird, ebenso im
150011808 und von jedem Archonten des Weges der Mitte. Die
15002ıngfrau richtet sie, übergiebt sie bei Wendung der Sphära?
15003ren xapalnurtAaL, die sie in die Äonen der Sphärs stossen.
15004ie Liturgen der Sphära führen sie heraus zu einem unterhalb
15005ⲃ Sphära befindlichen Wasser, wo sie von einem wallenden
15006zuer gereinigt wird. Dann giebt ihr Jaluha, der xapal. des
15007damas, den Lethetrank, und sie wandert in einen Körper, dessen
15008erz beständig betrübt ist.
150092) Schicksal eines beständigen Verleumders (xatalalcr).
15010ⲉ seine Zeit durch die Sphära vollendet ist, so holen ihn
15011biuth und Charmon?, die xapgainurtaı des Ariel, aus dem
15012ⲣⲉⲅ, führen seine Seele drei Tage umher, um sie über die
150133schöpfe des Kosmos zu belehren, dann zum Amente zum Ariel,
150143lcher sie 11 Monate 21 Tage peinigt, darauf zum Chaos zu
15015Jdabaoth und seinen 49 Dämonen, — jeder von diesen geisselt sie
15016it feurigen Peitschen, quält sie in feurigen Flüssen und bro-
15017Inden Flammenmeeren wiederum 11 Monate 21 Tage, — zuletzt
15018den Archonten der Mitte; hier geschieht dasselbe wie oben.
150193) Strafe eines Mörders. Seine Seele holen die xapgainurtAaL
15020ⲃ Jaldabaoth, binden sie mit ihren Füssen‘ an einen pferde-
15021pfigen Dämon, der mit ihr drei Tage im Kosmos wandelt,
15022hren sie zu den Örtern der Kälte und des Schnees, um drei
150231 Ⲓ der vorhergehenden Lücke war, wie man auf Grund von
15024366 schliessen kann, das Schicksal eines Jähzornigen beschrieben.
150252 Hier zeigt sich wiederum die astrologische Grundlage, die
15026ırstellung, dass die Sterne bei der Geburt des Menschen beteiligt
15027ⲓ und auf ihn einwirken. cf. Clem. exc. ex scr. Theod. 8 25. ⲡ
15028ⲛ̃ϧⲱⲩ (sc. t@v 12 ⲱⲱ) ⲓ yEvecıs dıomeitar cf. $ 70. 71 und die
15029ısichten eines Tertunllian de anima c. 37 und Clemens Al. ecl. ex ser.
15030»ph. $. 50.
150313 Dies sind die vorher genannten ⲡϩⲁⲗ]ⲕⲡⲧ⳪ⲓ Egivaior.
150321 Die Seele wird also noch körperlich gedacht.
page 428
15033412 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
15034Jahre und 6 Monate gequält zu werden, dann zu dem Chaos des
15035Jaldabaoth und seiner 49 Dämonen, darauf zum Chaos zu der
15036Persephone und schliesslich zu den Archonten der Mitte. Die
15037Lichtjungfrau lässt sie. bei Wendung der Sphära in die äusserste
15038Finsternis stossen, damit sie vernichtet werde.
150394) Strafe eines Räubers. Nach seinem Tode führen die
15040xagainurtAaı des Adonis die Seele zum Amente des Ariel, wo
15041sie 8 Monate 8 Tage und 2 Stunden gepeinigt wird, zum Chaos
15042des Jald. und seiner 49 Dämonen und zum Wege der Mitte. Bei
15043der Palingenesie wird sie in den Körper eines Lahmen, Krüppels
15044oder Blinden gestossen.
150455) Das Schicksal eines Hochmütigen. Die xagQal. des
15046Ariel bringen die Seele zum Amente des Ariel, der sie 2U Monate
15047straft, etc.
150486) Schicksal eines Lästerers. Seine Seele führen die xagal.
15049des Jaldabaoth, binden seine Zunge an einen grossen pferde-
15050köpfigen Dämon, bringen sie nach dem Ort der Kälte und des
15051Schnees zu elfjähriger Pein, zum Jaldabaoth und sofort in die
15052äusserste Finsternis, in der die Seele verzehrt wird.
150537) Ganz dieselbe Strafe erleidet die Seele eines Päderasten,
15054die im Chaos während 11 Jahre durch Feuerfiüsse und Pech-
15055meere, die mit schweineköpfigen Dämonen angefüllt sind, gequält
15056wird und sodann in die äusserste Finsternis gelangt. |
150578) Die härtesten Qualen warten einer bestimmten Sorte
15058Menschen! wegen ihrer exorbitanten Unsittlichkeit, denn sie
15059werden olıne Gnade zu der äussersten Finsternis gebracht, an
15060einen Ort, in dem kein Erbarmen noch Licht herrscht, sondern
15061Heulen und Zähneklappern 2.
15062Sehr bezeichnend für den ethischen Standpunkt der P. ⲃ
15063ist der Umstand, dass sie zwischen groben und leichten Stindern
15064unterscheidet und in ausgleichender Gerechtigkeit den ersten
15065ewige Verdamnmnis, den letzteren 3 nur vorübergehende Strafen zu-
150661 cf. Harnack, Unters, etc. . 68f.
150672 Man vergleiche die neutestamentliche Vorstellung von der
15068Hölle Matth, 8, 12 ete.: of 1 zug ⲃϭⲓⲗⲉⲒϩ EEekeugovras eig ⲛ
15069ϭⲕⲟⲧⲟϩ ⲧ EEwrEg0v* Exel ⲉⲧⲁⲓ ⲟ ⲕⲗⲁⲱⲑⲏⲟϩ xal 6 Pouyuds ⲧⲱⲙ Sdovrwr.
150705 Dies ist auch die Ansicht der orthodoxen Kirchenlehrer.
page 429
15071IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 413
15072erkennt; in dieser Beziehung hat sie ihre Ethik streng durch-
15073geführt, da uns auch in dem dritten Buche! dieselbe rigorose
15074Haltung entgegentritt.
15075c. Die Unterwelt.
15076Aus den eben angeführten Erörterungen wird schon deutlich
15077geworden sein, dass diese Gnostiker ihre Unterwelt wieder in
15078drei Regionen zerfallen lassen: Amente, Chaos und äusserste
15079Finsternis. Zugleich ersieht man den unglaublichen Synkretis-
15080mus, den sie beim Ausbau ihres phantastischen Systems zu Hilfe
15081nahmen. Ein Ort der Qual konnte ihnen nicht genügen; aber
15082woher sollte man die zwei übrigen nehmen? Ohne viel Skrupel
15083benutzte man die Nomenklatur der Unterwelt aus den verechie-
15084denen Völkern, ohne sich bewusst zu sein, dass dies nur ver-
15085schiedene Namen für einunddieselbe Sache sind. So stellte man
15086den Amente der Ägypter, das Chaos der Griechen und das oxdtos
15087ⲧ 8E0TEQOV der Juden unvermittelt neben einander.
15088Im Amente herrscht Ariel (p. 255 f. 380. 383) mit seinen
15089aQaiNUXTAL und Strafgeistern; ein Ort, der durch Feuerströme
15090und Flammenmeere furchtbar ist (p. 255 f.); das hier befindliche
15091Feuer ist neunmal gewaltiger als das im Kosmos (p. 324).
15092Schon furchtbarer ist das Feuer im Chaos oder im „grossen
15093Chaos“ (p. 324), in welchem Jaldabaoth mit seinen 49 Dämonen
15094herrscht (p. 257. 380. 382. 383. 385). Derselbe ist ein Archon mit
15095Löwengesicht, dessen eine Hälfte Flamme, dessen andere Hälfte
15096Finsternis ausmacht (p. 47), neben ihm steht wahrscheinlich als
15097weibliches Gegenbild die Persephone; ob auch Adonis, ist frag-
15098lich, vielleicht gehört dieser zum Amente. In diesem Orte sind
15099schreckliche Feuerströme, Flammen- und Pechmeere, die mit
15100drachen- und schweineköpfigen Dämonen angefüllt sind. Auch
15101Jaldabaoth hat seine ⲡϭⲣϭⲗⲙⲡⲧϭⲓ (ⲣ. 382. 385) und Liturgen
15102(p. 257).
15103Der Ort der Verdammnis ist die „äusserste Finsternis“ ⲣ. 31
15104319 ete.), der „grosse Archon mit dem Drachengesicht, welcher
15105die Finsternis umgiebt“ (ⲣ. 385. 258). Derselbe wird ⲣ. 31
15106genauer beschrieben: Dieser Drache hat nämlich seinen Schwanz
151071 ef. Harnack s. o. ⲑ. 67f.
page 430
15108414 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
15109in seinem Munde, der sich ausserhalb des ganzen Kosmos be-
15110findet und diesen ganz umgiebt. In ihm befinden sich zwölf
15111Tauısla als Topoi der xploers, in jedem derselben ist ein Archon.
15112Der Archon des ersten tagt. hat ein Krokodilsgesicht ! (ef. p. 257),
15113mit seinem authentischen Namen ⲉⲗⲟ genannt; aus seinem
15114Munde kommen Frost, Staub, Kälte und alle Krankheiten; seinen
15115Schwanz hat er im Munde. Der Archon des zweiten rtay.: Xagayat
15116hat ein Katzengesicht, apyaowy im dritten ray. ein Hundegesicht,
15117ⲥⲭⲣⲱⲗϭⲣ im vierten tray. ein Schlangengesicht, «apgyovo im fünften
15118Tau. hat das Gesicht eines schwarzen Stieres, Aayyapoog im
15119sechsten ⲧϣ. das eines Bergschweines, 40vxag im siebenten tar.
15120das eines Bären, ⲥⲟⲥⲱⲗ im achten ⲧⲕ. das eines Geiers, ϩⲭⲉⲱ)
15121im neunten ⲧⲕ. das eines Basilisken; im zehnten rag. befinden
15122sich viele siebenköpfige Drachen, ihr Oberhaupt heisst Saguapny
15123ebenso befinden sich im elften tray. viele katzenköpfige Archonten,
15124jeder hat sieben Köpfe, ihr grosses Oberhaupt ist ⲟⲱⲗϭϩ: im zwölften
15125Tau. sind sehr viele Archonten mit sieben Hundeköpfen, der
15126Herrscher ist yonuaomo. Ein jeder von diesen im Drachen be-
15127findlichen Archonten hat stundenweise einen Namen und wechselt
15128auch stundenweise sein Gesicht, aber, obwohl diese Namen ver-
15129schieden sind, bilden doch alle ein Ganzes, denn sobald man
15130einen Namen nennt, nennt man sämmtliche Namen. KEin jedes
15131Tau. hat ein Thor, welches nach oben hin geöffnet ist, an jedes
15132derselben hat Jeü einen Engel der Höhe als Wächter aufgestellt,
15133damit nicht der Drache nebst seinen Archonten die Weltordnung
15134durch seine Unbändigkeit vernichte. Auch an dieser Stelle er-
15135kennen wir klar die astrologische Grundlage, denn der Drache
15136mit seinen zwölf rayuızza ist nichts weiteres als die zwölf Stunden
15137der Nacht. Dies bestätigt p. 335, denn wenn die Sonne scheint,
15138so bedeckt sie die Finsternis des Drachen, geht sie aber unter,
15139ⲃⲟ verschleiert der Drache die Sonne, und der Hauch der Finsternis
151401 Auch in dem ophitischen System, welches uns Orig. cont. Cels.
15141VI, c. 30 schildert, treten uns Dämonen mit Tierköpfen entgegen:
15142Michael der löwenförmige, Suriel der stierförmige, Raphael der
15143schlangenförmige, Gabriel der adlerförmige, Thauthabaoth der bäres-
15144förmige, Erataoth der hundsköpfige, Thaphabaoth oder Onoel der esels-
15145köpfige. cf, Orig. 1. ce. VI. 40.
page 431
15146IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 415
15147dringt wie ein Rauch in der Nacht in die Welt ein; daher könnte
15148der Kosmos, sobald die Sonne ihre Strahlen einziehen würde,
15149die Finsternis des Drachen in seiner wahren Gestalt nicht er-
15150tragen, sondern müsste sogleich untergehen.
15151Diese drei Straförter gehören nicht mehr der transcendenten
15152Welt an, sie müssen vielmehr unterhalb oder den Kosmos rings-
15153um umgebend gedacht sein. Über den Ursprung der Höllen-
15154geister können wir nichts Genaueres sagen, da merkwürdiger
15155Weise nirgends davon die Rede ist. Betrachtet man aber das
15156vierte Buch, so wird man mit Bestimmtheit behaupten können,
15157dass diese Wesen ursprünglich im Universum noch nicht be-
15158standen haben, erst der Abfall der Engel hat sie an diesen Ort
15159versetzt, da sie wahrscheinlich die schlimmsten unter allen waren.
15160Dies geben uns die beiden Bücher Jeü an die Hand, da denselben
15161noch gar nichts von diesen schrecklichen Regionen bekannt ist,
15162ja Jaldabaoth noch in der Äonenwelt ansässig ist. Nur auf einem
15163einzigen Blatte, welches auf Grund unserer obigen Erörterungen
15164ursprünglich mit keinem der beiden gnostischen Werke in Zu-
15165sammenhang gestanden hat, finden wir eine Erwähnung der Ar-
15166chonten der Mitte und zwar nur auf der verso-Seite des betreffen-
15167den Blattes (P. 88). Leider ist dieselbe sehr lückenhaft über-
15168liefert, nur so viel erkennt man, dass die Seele, um von den
15169furchtbaren Qualen befreit zu werden, den Verderben bringenden
15170Gewalten der Mitte das Mysterium ihrer Furcht! giebt. So giebt
15171sie einem Archonten, — sein Name ist nicht erhalten —, wel-
15172cher sie raubend hinweggetragen hat?, das Mysterium der Furcht
15173ⲍ] dann gelangt sie zu der Taxis der Paraplex, die auf dem
15174Wege der Mitte ausgebreitet ist — ein weiblicher Archon wie
15175in der P. 8. s. 0. —, das Mysterium ihrer Furcht ist ayow.....
15176darauf zum Typhon*® (ebenfalls in der P. S. ⲃ. 0) Von hier aus
151771 In derselben Weise heisst es P. S. p. 294: „Wenn die Seele
15178zu dem Topos der Archonten des Weges der Mitte kommt, dann
15179treten die Archonten des Weges der Mitte vor sie in sehr grosser
15180Furcht, und die Seele giebt ihnen das Mysterium ihrer Furcht.“
151812 Derselbe Ausdruck „otegeciums auferre“ wird ⲣ. 262 bei den
15182Archonten der Mitte gebraucht.
151833 Der im Text verstümmelte Name muss m. E. zu Typhon er-
15184gänzt werden.
page 432
15185416 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
15186raubt sie Jachthanabas (cf. P. S. 6.) derselbe ist ein gewaltiger
15187Archon, der von Zorn angefüllt ist und der dı@doyoc ! des Ar-
15188chon der äusseren Finsternis genannt wird. Das Mysterium
15189seiner Furcht ist av7oveßowad oa.
15190Damit hört das Verständnis des Textes auf, aber wir haben
15191erkannt, dass dieses Blatt viel näher steht der P. S. als den
15192beiden Büchern Jen. Zugleich muss uns auch klar werden, durch
15193welchen Umstand dieses Blatt in den Kodex Brucianus gekommen
15194ist, nämlich, um es kurz zu sagen, dadurch, dass es als ein Frag-
15195ment aus einem Werke einundderselben Sekte von dem Sammler
15196der Aufbewahrung für würdig gehalten wurde.
15197Der Mensch hat also jegliche Selbständigkeit verloren, er
15198ist als Kind der Archonten diesen ganz zugethan, seine sittliche
15199Freiheit ist dahin, seine Seele, in diesen verabscheuenswerten
15200Körper gefesselt und eingekerkert, steht unter der „dira necessitas“
15201oder &iuaQguErpn; trotz des höheren Lichtfunkens kann sie sich
15202ihrer Fesseln nicht entledigen und ist daher rettungslos dem Ver-
15203derben preisgegeben, wenn nicht Hülfe von einer höheren Macht
15204naht. Welchen nachteiligen Einfluss eine solche Weltanschauung
15205auf das sittliche Leben haben musste, lehrt die Geschichte des
15206Gnosticismus selber und hat von allen Seiten die heftigste Polemik
15207hervorgerufen.
15208Freilich suchten die Gnostiker ihren pessimistischen Stand-
15209punkt in Bezug auf die Menschenseele dadurch zu mildern, dass
15210sie aus der griechischen Philosophie? die Lehre von der Seelen-
15211wanderung entnahmen; dies kehrt auch in der P. S. wieder.
15212Denn nicht ewig wird die sündige Seele wegen ihrer Vergehen
15213von den verschiedenen Gewalten gepeinigt, vielmehr gelangt sie
15214nach bestimmter Zeit zu der Lichtjungfrau, der xger%6, wird zu
152151 Auch nach Lehre der P. S. ist Jachthanabas (p. 360) der Be-
15216herrscher der fünften und letzten Taxis; bei dieser Übereinstimmung
15217können wir schliessen, dass der an erster Stelle angeführte Archon
15218die Hecate oder Ariuth gewesen ist,
15219? Diese hat die Lehre der aegypt. Religion entnommen, aber ver-
15220geistigt; Iren. II, 33, 2 ist im Irrtum, wenn er Plato als den Ur-
15221heber der Lehre von der Seelenwanderung hinstellt „qui et ⲱⲱ
15222sententiam hanc introduxit“, dies waren vielmehr die Pythagoräer. ‘
page 433
15223IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 417
15224der Metensomatose! verurteilt und von den xagainuntar in
15225einen ihres früheren Lebens würdigen Körper? gestossen (p. 286.
15226323 etc.), um ein neues Leben beginnen zu können und der
15227hohen Gnadengüter teilhaftig zu werden. Diese ⲙⲉⲧ,
15228HETAYYLOUGS, Ⲙⲉⲧⲉⲙⲯⲱ̀ⲭⲱϭⲓϩ Oder &vowudtAMGLG dauert eine be-
15229stimmte Anzahl von Wiederholungen; ist aber auch diese Ge-
15230legenheit verscherzt, so giebt es kein Mittel mehr, die Seele
15231ihrem Verderben? zu entreissen, ohne Gnade wird sie in die
15232äusserste Finsternis gestossen (ⲣ. 319. 323. 324 ⲉⲥ.) um am
15233Tage des Gerichts vernichtet zu werden (p. 259), ein Schicksal,
15234welches auch den groben Sündern zuteil wird (p. 258. 382.
15235385. 386). Seine Seelenwanderung findet der biedere Gnostiker
15236auch von Jesus in Matth. 5, 25 sq. (Luc. 12,58 sq.) gelehrt (p. 296).
15237Merkwürdigerweise berief sich auf dieselbe Stelle Carpocrates *
15238cf. Irenaeus I, 25, 4 (Iren. 1, 33, 1) Epiph. 27, 5: gas ⲩϩ, det
15239ⲡⲟ̀ⲩⲧⲱϩ ⲡⲁ̄ϭ⳪ϧ XONCLW ⲧⲟⲱ̀ⲧⲱⲩ ⲡⲟⲉⲓϭ AL, ϭ un 8829 0D0aı
15240ϫⲟⲓ ̀ϭⲅⲉϩϭⲥϭⲟⲓ ⲧⲟϩ Eoyov, TOVTOV Evexa XataGt(XQAGL ⲉϩ
15241ϭⲱ̀ⲕⲟⲧ xäalıy ab ⲯⲗ ⲉϩ ⲧ ⲡϩϭ︦ⲫⲟⲓ ⲥⲟ̀ϭⲝ & un Exoasav. Kar
15242ⲧⲟⲧⲟ ϭ, ⲫⲟⲟⲓ̀), ⲡⲉϩ ⲟ Ϯϥϭⲟⲟ̅ⲝ ⲉ ⲧⲫ︦ ⲉ̀ⲟⲩⲩⲉⲗϣ ⲉⲡⲉ ⲟⲓⲥ
15243ⲡϭϩϥⲃⲟ ϥ ⲟⲩⲧ ⲟⲓ ⲉϧⲟⲱⲩ TO ⲉⲩⲧⲓiϫϣ ϭⲟⲱ, . ⲫ ϥⲉ &y
15244ⲧ︦ ⲟ︦ ⲕⲉⲧ auto xal ⲟⲩϩ ⲟⲥ. ⲉ︦ⲗⲗⲗ︦ⲭϭⲓ Ar’ aUTOT,
152451 Von derselben sind nach p. 248 die bösen Wesen der oberen
15246Regionen ausgeschlossen.
152472 Die Lehre der Aegypter, dass die Seele nach dem Tode zur
15248Läuterung durch Tierleiber wandern müsse, ist nicht ganz aufge-
15249geben, denn aller Wahrscheinlichkeit nach wird der Verfasser bei
15250den Worten: „die ⲡϩⲁ. bringen mit ihr drei Tage zu, indem sie
15251dieselbe über die Geschöpfe des Kosmos belehren“ auch daran ge-
15252dacht haben.
152533 Freilich hat auch diese Härte die P. S. zu vermeiden gesucht
15254cf. Harn. Unters. etc. S. 72f.
15255+ Schon Simon Magus muss eine Seelenwanderung behauptet
15256haben, wie aus seiner Lehre von der Helena hervorgeht cf. Iren. I,
1525723, 2. Tertull. de anima cap. 36. Epiph. haer. 21, 2. Ausser den
15258andern Gnostikern haben sich dieser Lehre auch die Manichäer ange-
15259schlossen cf. Epiph. haer. 66 passim. und Toll. Insign. Itin. Ital.
152601696, p. 144ff., doch vergleiche Kessler „Mani“ ⲃ. 362 Anm. 2.
15261Texte u. Untersuchungen VIII, 1, 3. 27
page 434
15262418 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
15263ⲃ ⲡⲱⲥ 6 äyrtidıxos xagad ϭⲉ TO ϫⲓⲧ, ⲕⲱ ⲟ ϫⲟⲥ ⲉ vo
15264ϥⲟⲧϥ, Kal 6 UxNOETNG BAALY ϭⲉ ⲉⲓ̀ϩ puLCKTD. Ayınv, ⲓⲟⲙ ϯⲱ
15265ϭⲟ.. 0 un EECLONG &xetdep, ⲱϩ ⲥⲩ) ⲉ̀ϫⲟⲩϩ︦ϩ ⲧⲟ̀ Eoyatop ⲕⲟⲣ
15266ⲧ] ...ⲭⲓ ⲫⲥϭⲓϧ elvaı ⲧⲟⲩ ayrtidıxov Exelvov ta TOD XOOKOV
15267ⲓⲉⲡⲟⲓ ϫⲟⲧⲟⲩ ⲉⲩⲣⲉⲗⲱⲩ Eva, ⲕⲁ ⲉⲓϩ ⲟⲓⲧⲟ ⲅⲟⲟ︦ⲅⲟ ⲕⲟⲧⲉϭⲕⲑⲱⲥ̃ⲟ ⲉⲍ
15268ⲉⲓϩ ⲧⲟ dnayeıy ⲧⲉϩ ϣⲱⲗϩ ⲡϩⲟϩ TOP XQLTEND, TAG ÄrteuGeEp
15269ⲉ̀ⲉⲟⲭⲟⲙⲉⲟϩ ⲉ̀ϫ ϭⲱⲙⲉⲧⲱⲩ ... KAQAldoodaı dt ⲉ̀ϫ TOT AOKOVTOS
15270ⲧϣ ⲟⲧⲡ... ⲉϩ TO ϣⲉⲓ TAG ϣⲱⲗϩ ⲡⲙ ⲕⲟ ⲉⲓϩ ϭⲱⲕⲟⲧ
15271ⲭⲟⲧⲟⲩⲩⲓⲥⲉⲉϧ dıagopa ... pad yaQ slvaı ⲧ) ϣⲱⲗⲙ) TO ϭⲱ ⲕⲥ etc.
15272Auch ‘hier dieselbe allegorische Methode, wie wir sie in der
15273P. ⲃ︦. finden.
15274Auch Basilides? schloss sich der Idee der Seelenwanderung
15275an und berief sich zur Stütze seiner Ansicht auf Paulus Röm. 7, 9 ef.
15276Origenes comment. in epist. ad Romanos lib. V. „Sed haec Basi-
15277lides non advertens de lege naturali debere intelligi, ad ineptas
15278et impias fabulas sermonem Apostolicum traxit, et in Ⲙⲉⲅⲉϧϭⲱⲏⲟ‐
152791 Carpocrates hat in sein Lehrsystem sehr viele platenische Ge-
15280danken aufgenommen (Kommunismus); so hat er auch seiner Lehre
15281von der Seelenwanderung eine echt platonische Grundlage gegeben,
15282dass nämlich die Seele schon auf Erden sich ihres göttlichen Ursprungs
15283erinnern und alle Stufen des Daseins durchlaufen müsse, um zu Gott
15284zurückkehren zu können. Mag nun Carpoorates und sein Sohn Epi-
15285phanes diese Lehre noch in ihrer rein geistigen Seite ‚emtwickelt
15286haben (dies ist fraglich), so haben seine Anhänger es Nbertinistisch
15287ausgelegt, daher Useners Bemerkung (Weihnachtsfest S. 110 Anm. 9),
15288dass Iren. die Lehre „boshaft entstellt und Epiph. die übliche Stink-
15289brühe hinzugegossen‘“, durchaus unberechtigt ist.
152902 Ebenso die Ophiten Orig. c. Celsum VI, cap. 21 und Marcion nz. A.
15291ef. Clemens Al. Strom. 3, 3 p. 516; 4, 12 p. 601; 6, 4 p. 757. Epiph.
15292haer. 42, A und haer. 42 602 (Öhler) „Dept. ⲛ ⲟⲕ 8 6
15293ZÜzeıvös 0UTOS ⲉⲙⲁ ⲧⲟⲓ̄ϩ ⲟⲧⲱ ϣϩⲟⲩⲟⲟϭⲓϧ ⲟⲩⲧ N ⲟⲛ ϣⲱϣ dv wos
15294ⲉ Ⲑϩⲱ̀ⲡⲟⲓϩ ⲕⲟ [ⲱⲟⲓϩ ⲡⲥ︦ϩⲭⲉⲓ. Ⲧⲟⲟ︦ⲧⲟ ⲁϩ xagk ⲡⲟⲙⲟ ⲧⲱⲙ nexÄayR-
15295ⲏϧⲱⲩ ⲥϩϭⲉⲱⲩ ⲕⲉⲧ Urokapßaveras, Kal ⲣⲉϩ ⲕⲟ) Obalavriveg ⲛ
15296Kokooßacos, Ⲅϧⲱϭⲅⲓⲭⲟ4 ⲅⲉ ⲡϭ︦ⲧⲉϩ ⲕ⳪ Ⲙⲟⲩⲓⲭⲟⲓiⲟⲓi, xal [ⲱⲅⲟⲩⲣⲓϭⲙⲟⲩⲥ alven
15297ⲯⲩⲭⲱ̄ϧ ϣⲁ̄ϭⲕⲟⲓϭⲓ , ⲭⲁ ϣⲉⲅⲉⲩϭⲱϣⲟⲧⲱ̀ϭⲏⲓϩ ⲧϥⲥ ⲯⲱⲥ ⲧⲱⲙ dv ⲉⲟⲱⲟϥ
15298ⲉ̃ⲙⲐϩⲱ̀ⲡⲱⲓ. Man beachte an allen diesen Stellen den Gebrauch von
15299uErayyıOnOSs Wie in der P. 8.
page 435
15300IV. Untersuchungen über ⲑ gnostischen Werke. 419
15301ⲧⲱ̀ϭⲉⲱϩ dogma, id est, quod animae in alia atque alia corpara
15302transfundantur, ex hoc Apostoli dicto conatur adstruere. Dixit
15303enim, inquit, Apostolus, quia ego vivebam sine lege aliquando,
15304hoc est, anteyuam in istud corpus venirem, in ea specie corporis
15305vixi, quae sub lege non esset, pecudis scilicet vel avis!. Einige
15306Basilidianer deuteten auf die Seelenwanderung die Vergeltung
15307der Sünden bis ins dritte und vierte Glied cf. Clemens Alex.
15308Exe. ex script. Theod. ⲃ 28 ⲣ. 976: To „d#e0g dnodıdovs &xl
15309tolım ϫⲟⲓ TETAQTNV ⲩⲉⲩⲉⲉ̀ϧ ⲧⲟⲥ Ansıdovor“ pad ⲟ ⲉ̀ⲡ
15310Baoıleldov ⲭⲟⲧⲉ Tas ⲉ̀ϧϭⲱⲙⲥⲧⲱ̀ϭⲉ.
15311Auch noch in anderer Beziehung wird die Freiheit des
15312Menschen durch die Archonten beschränkt, nämlich dadurch,
15313dass sie sich ihm gegenüber als die Götter kundgeben, denen er
15314seine Anbetung zuteil werden lassen müsse, ohne ihm eine
15315Ahnung von der Existenz eines höheren Wesens zu geben. Zu
15316diesem Zwecke haben gewisse Engel?, die einen Fehltritt be-
15317gangen hatten, die Mysterien der Aonen, d. h. die Magierkünste
15318zu den Menschen gebracht (p 25. 27. 29. 31), und infolge dessen
15319war die Religion der vorchristlichen Menschen ein Sterndienst,
15320verbunden mit Magie und Wahrsagerei. In diesen Gedanken
15321ist klar das Urteil niedergelegt, welches der Verfasser der
15322P. S. von seinem gnostischen Standpunkt aus über den religiösen
15323Wert des Heidentums? fällte; wir sind ihm dafür um so dank-
15324barer, als wir aus den übrigen gnostischen Sekten nur sehr un-
153251 Hier also ist noch die ältere Vorstellung benutzt worden.
153262 Dieselbe Lehre vertritt das Buch Henoch bei Georgios Syn-
15327kellos Chron. p. 22. (Dillmann, Das Buch Henoch ⲃ︦. 88): #rı 82 xal
15328ⲟ mz0wTAQY0S ϭ̀ⲧⲱ̄ Zepiakäc ⲉ ⲉⲓϭⲓ ϩⲣⲟϩ ⲕⲟⲧⲉ ⲧⲟⲟ vads ϫⲟⲓ
15329Gitas ⲃⲟⲧⲟⲩⲱ̄ⲩ ⲧ ns. Ⲁ Evdkxatog Dapuagos ⲟ i) *ⲉ ϣⲁϩⲕⲟϫⲑ⳪ϩ,
15330ⲉ̀ⲡⲥⲟoc, sopias ⲕⲟ ̀ⲡⲟⲟⲓ ⲱ︦) Ⲙⲱⲧ]ϩⲓ 6 Evatos 5 ⲉϭⲅϩⲟϭⲕⲟⲡⲓ⳪ⲩ•
15331ⲟ 02 tEragrog ⲉ) dorgokloylav‘ ⲟ dt öydoos ⲉⲓ ⲥⲉϩⲟϭⲭⲟⲡⲓⲟⲩ‐
15332ⲟ 8? ⲧϩiⲧⲟϩ ⲉ ⲧⲉ̀ ϭⲏⲏⲉⲓ̈ⲁ ⲧϥ ⲣϥ ⲟ ⲟ︦ EBöopog Z0ldake ⲧⲉ ϭϣⲉⲁ
15333ⲃⲟ Ⲙⲟ 6 Bl ⲉ̀ⲕⲟⲟⲧⲟϩ 6 ⲧ ϭⲓⲉ THE GEN UNS ⲡⲟ︦ⲟⲅⲉϩ ⲟⲩⲧⲟⲓ
15334ⲓ̈ⲥⲃϭⲓⲧⲟ ⲉ̂ⲛⲟⲕⲟⲙ̀ⲡⲧⲉⲓϧ id ⲕⲱϭⲧϥⲣⲓϫ ⲧⲟⲓ ⲣⲱⲓ) avUrOv Kal ⲧⲟϩ
15335ⲧ̀ⲕϧⲟⲓϩ avrOv. cf. Dillmann, Buch Henoch 8, 8. 9, 6. 7. 10, 7. 16, 3.
153363 Sehr viele interessante Ansichten darüber bieten die Pseudo-
15337clementin. Homilien IV—VI, VIII—IX und sonst.
1533827*
page 436
15339420 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
15340sichere und geringfügige Nachrichten besitzen, die uns ihren
15341Standpunkt zum Heidentum näher charakterisieren. Die Ver-
15342nichtung dieses unheilvollen Treibens der Archonten ist das erste
15343grosse Werk des erhöhten Jesu; er hat die Himmelssphären in
15344andere Bahnen gebracht, so dass die Wahrsager aus ihnen ihre
15345Künste nicht mehr schöpfen können, wie Jesaia 19, 1. 3. 12 ϭⲉ‐
15346weissagt hat (p. 27). Aber es war der Dämonenkult und die
15347Sterndeuterei zu fest mit der alten Kultur verbunden, um diese
15348Stücke des Volksglaubens ohne weiteres über Bord zu werfen.
15349So ist auch Christus kein unbedingter Feind der Astrologie, er
15350hat vielmehr das Mysterium der Magie des dreizehnten Äons!
15351auf Befehl des ersten Mysteriums bestehen lassen und ist der
15352festen Überzeugung, dass die Anrufungen von Erfolg gekrönt
15353sein werden; ja derjenige, welcher den jetzigen Gang der zwölf
15354Äonen bemerkt, wird nach wie vor ihre dxoteldouata mit Be-
15355stimmtheit wissen. Man erkennt auch aus dem Umstande, dass
15356das Verhältnis zur Magie so eingehend behandelt wird (p. 25—33),
15357das Interesse, welches für diese Dinge in unserm gnostischen
15358Kreise herrschte; wissen wir doch, dass die Astrologie und
15359Magie von Simon Magus an in den gnostischen Kreisen eine
15360grosse Rolle spielten; zugleich lernen wir daraus, dass die P. 8.
15361kein Produkt des aufstrebenden Gnosticismus sein kann, da sie
15362sich vom Volksaberglauben schon weit entfernt hat. Diese
15363Stellung tritt deutlich im Lasterkatalog hervor, in dem gleich an
15364zweiter, dritter und vierter Stelle die Anbetungen der Archonten?
15365verboten werden, noch merklicher aber dadurch, dass die Toten-
15366auferweckungen und Krankenheilungen? als Werkzeuge der
15367Archonten angesehen werden. Auch im zweiten Buche ⲉⲁ
15368(P. 57) wird geboten, „nicht den Namen der Archonten noch
15369den Namen ihrer Engel um irgend eine Sache anzurufen“; ⲉⲟ
15370ⲕ⳪⳪ⲓ⳪ⲓ sind also Teufelswerke.
153711 Dies ist der ⲅ̀ⲡⲟϩ der dıxcwocurn, in dem das psychische
15372Element herrscht. Es wäre wohl die Behauptung nicht zu kühn,
15373hierin eine Anspielung auf das Christentum zu erblicken,
153742 cf. Harn. Untersuch. etc. S. 67
153753 cf. Harn. 1. ⲥ. S. 73 |
page 437
15376IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 421
15377Allgemeines über das System.
15378Bevor wir von dem System scheiden, müssen wir noch einen
15379kurzen Rückblick auf die in ihm enthaltenen Ideen werfen.
15380Betrachtet man das Ganze, so weiss man im ersten Augen-
15381blick nicht, ob man mehr den philosophischen Geist oder die
15382himmelstürmende Phantasie bewundern soll. Von einer wirk-
15383lichen philosophischen Spekulation kann freilich nicht die
15384Rede sein, werden doch die einzelnen Begriffe in eine Menge
15385von mythenhaften Gestalten, die ein wirkliches Leben führen,
15386umgesetzt. Dies ist ein charakteristisches Merkmal aller gnosti-
15387schen Systeme; es zeigt nur zu deutlich, wie wenig produktive
15388Kraft das abstrakte Denken in der damaligen Zeit entwickeln
15389konnte. Man betrachte nur den Neuplatonismus, welch’ einen
15390weiten Abstand bekundet er von dem reinen Platonismus! Die
15391Zeiten haben sich gewaltig geändert, der orientalische Geist hat
15392seinen siegreichen Einzug in die griechisch-römische Welt ge-
15393halten, die üppige orientalische Phantasie hat sich mit dem kalten
15394Verstande vermählt und aus ihrer Vermählung ist ein wunder-
15395bares Kind geboren, von dem man nicht behaupten kann, ob es
15396dem Vater oder der Mutter ähnlicher ist. Dies ist der neue
15397Zeitgeist, der uns in zwei mächtig emporstrebenden Erscheinungen,
15398in dem Gnosticismus und Neuplatonismus, entgegentritt, zwei Er-
15399scheinungen, die gleich bei ihrer Geburt, da sie einer un-
15400natürlichen Verbindung entstammten, den Stempel des schnellen
15401Siechtums an der Stirn trugen; war doch schon einem edleren
15402Spross die herrliche Siegespalme zuerteilt worden, der darum
15403auch kräftigere Wurzeln schlagen konnte. Aber seine beiden
15404Nebenbuhler waren eine geschichtliche Notwendigkeit, denn erst
15405im heissen Kampfe mit diesen Gewaltigen sollte sich der Jüng-
15406ling zum Manne entfalten, im heftigen Ringen mit ihnen sollte
15407er sich seiner selbst bewusst werden, sollte die erprobten Waffen
15408der Gegner in seine Rüstkammer heimführen, um sie in Zukunft
15409für sich selber verwerten zu können. Denn wer wird ableugnen
15410können, dass die Grosskirche die herrlichsten Schöpfungen der-
15411selben in sich aufgenommen und sich mit ihnen geschmückt hat,
15412nachdem sie ihre Feinde zu Grabe getragen?
15413Die gnostischen Systeme verdienen kaum den Namen eines
15414Systems, da wir etwas anderes mit diesem Begriffe zu bezeichnen
page 438
15415422 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
15416pflegen, vielmehr gleichen sie erhabenen Dichtungen, die vom
15417orientalischen Geiste ersonnen sind; sie gleichen einem grossen
15418Drama, welches sich aber nicht auf den Brettern der Bühne,
15419sondern in dem ganzen Universum abspielt. Gott hat Wesen,
15420die seine unendliche Machtfülle darstellen, aus sich hervorgehen
15421lassen, aber einige derselben haben das schützende Vaterhkaue
15422verlassen, sind, auf ihre eigene Kraft vertrauend, in die Ferne
15423gegangen, um aus sich selber neue Welten und Geschöpfe, die
15424ihnen unterthan sind, entspriessen zu lassen. Auf diese Weise ist
15425die Erde entstanden, auf der als das vornehmste Geschöpf der
15426Mensch wandelt. Aber derselbe ist zugleich das unglücklichste
15427Wesen, er wird gepeinigt und geknechtet, kann sich aber durch
15428sich selber nicht aus den schrecklichen Banden befreien. Darum
15429sucht der Urvater den verlorenen Sohn zu retten, aber dieser ist für
15430ewig abgefallen; jetzt sendet er den Erlöser aus, um die Kinder und
15431Enkel des ungeratenen Sohnes aus der Knechtschaft zu: entführen
15432und sie in seinen Schoss aufzunehmen. Die Ankunft jenes Er-
15433retters ist der Kulminationspunkt des ganzen Dramas, welches sich
15434von nun an auf Erden abspielt, dessen Abschluss die Vernichtung
15435der feindlichen Weltmächte und die Heimkehr der bis dahin
15436Gefangenen bildet. Dieses Sujet liegt allen Gnostikern vor;
15437nur ist es von jedem seinem Geiste gemäss verschieden bearbeitet
15438worden, darum kehren auch in den so mannigfaltigen Systemen
15439stets dieselbe Scenerie, stets dieselben Grundgedanken wieder.
15440Unsere vorliegenden Werke können nicht mehr in der
15441Blütezeit des Gnosticismus entstanden sein, denn damit würde man
15442nicht in Einklang bringen können, dass die Zahl der Neben-
15443personen geradezu in das Ungeheure gewachsen ist, während
15444dies, soviel wir unsern anderweitigen Quellen entnehmen können,
15445in den älteren Stadien seiner Entwicklung nicht der Fall war.
15446Wir müssen die spielende Phantasie, welche die Namen so
15447vieler Figuren ersinnen konnte, bewundern; noch mehr aber sind
15448wir darüber erstaunt, wie überhaupt der Verfasser diesen unge-
15449heuren Apparat in Bewegung setzen konnte, ohne sich bei der
15450Komposition in grössere Widersprüche zu verwickeln. Ⲙⲙ der
15451andern Seite können wir nur unser lebhaftes Bedauern ams-
15452sprechen, dass soviel Scharfesinn zur Erfindung dieses ϣⲟ-
15453matischen Unsinns“ aufgewendet ist. Freilich wird es, um den
15454Gnostikern gerecht zu werden, nötig sein, uns die damals herr-
page 439
15455IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke 423
15456schende Weltanschauung zu vergegenwärtigen. Der Mensch war
15457zum Bewusstsein seines höheren Ich’s gelangt, dabei hatte er
15458die Unzulänglichkeit dieses Kosmos, das in ihm herrschende
15459Elend erkannt und war von Ekel gegen seinen irdischen Körper
15460und die ihn umgebende Welt erfüllt. Was Wunder, wenn er
15461darüber nachzudenken begann, wie dieser Aon entstanden, in
15462welchem Verhältnis derselbe zum höchsten Urwesen stehe! Kein
15463spekulatives Interesse, kein besonderer Kitzel, wie man es oft
15464behauptet, hat ihn zur Aufstellung eines Weltsystems getrieben,
15465vielmehr sein tiefes Sündengefühl, seine Erkenntnis der bösen
15466Natur im Menschen. Er konnte nicht fassen, wie dieser Äon
15467ein Werk des vollkommenen Urwesens sein könnte, in dem das
15468Böse belohnt, das Gute bestraft würde. Man lese nur die ⲑⲓ‐
15469greifende Episode aus Valentin’s Leben!, dann wird man über
15470ihn und die Gnostiker ein gerechteres Urteil fällen. — Um nun
15471alle diese Gegensätze vermitteln zu können, nahm man zu einem
15472Gedanken Zuflucht, der damals die spekulativen Geister beherrschte,
15473d. h. zu der Emanationstheorie?. Dieselbe ist die Signatur aller
15474gnostischen Systeme, das Hauptdogma der gunostischen Lehre;
15475eine Evolutionstheorie ist mit dem Wesen des Gnostieismus un-
15476vereinbar, würde ihm geradezu ins Gesicht schlagen, darum müssen
15477wir eine Darstellung, wie sie uns Hippolyt Philos. VIL, 14 vom
15478Basilidianischen System? giebt, als eine durchaus unhaltbare
15479hinstellen.
15480Diese Emanationstheorie tritt uns sehr deutlich in den hier
15481vorliegenden Werken entgegen. An der Spitze des gesammten
15482Universums steht ein einziges unnennbares Wesen, der Urgrund,
15483der, aus einer Menge vollkommener Attribute zusammengesetzt,
154841 ef. Grabe Spicileg. ss. Patr. ut et haeret. saec. II, p. 55.
154852 Ritter: „Über die Emanationslehre“. Abhandlungen der K.
15486Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen Bd. 3 S. 243 ⲃ
154873 Jacobi: Basilidis philos. gnostic. sententias ex Hippolyti libro
15488nuper rep. etc. Berol. 1852; derselbe: Zeitschr. f. Kirchen-Gesch. Bd. I.
15489Heft 4. S. 481—544. Uhlhorn: Das basilid. System mit bes. Rücksicht
15490auf die Angaben des Hippolyt. Götting. 1855. Hilgenfeld: Tüb, theol.
15491Jahrbb. 1856 I S. 36f. und Zeitsch. f. wiss. Theol. Jahrg. 21. 1862.
15492IV. S. 452f. und ebdas. 1878. II. S. 228—250 ete.
page 440
1549344 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
15494ganz in dem Gedanken seines Ich’s aufgeht. Aber dieses ewige
15495absolute Wesen unterliegt selbst wieder einer Naturnotwendig-
15496keit, da es erst durch die Realität von andern neben ihm existie-
15497render Wesen zum Bewusstsein seiner selbst gelangen kann.
15498Auf diese Weise tritt aus ihm die Idee zu eigener Existenz, der
15499Uräon entäussert sich eines Teils seiner Machtfülle; von ihm
15500gehen eine Reihe Äonen aus, von denen jeder für sich die ewige
15501Gottheit abspiegelt. Aber in der Entfaltung des Absoluten liegt
15502schon die Negation seiner eigenen Natur, denn wie in der Ge-
15503stirnswelt sich mit dem Grad der Entfernung auch die Abhängig-
15504keit von einander vermindert, so verlieren auch die Lichtgeister,
15505je weiter sie sich vom Urquell entfernen, an Vollkommenheit
15506ihres Wesens. Eine notwendige Folge davon ist, dass fremdartige,
15507materielle Bestandteile eindringen, bis schliesslich das böse Prin-
15508zip! in Einigen die Oberhand gewinnt. Dies ist der Demiurg
15509und seine Genossen, oder, wie hier, der Sabaoth Adamas und
15510sechs Äonen, deren Werk die Schöpfung dieser hylischen Welt
15511ist. So läuft die ganze Betrachtungsweise der Gnostiker auf die
15512Statuierung eines mehr oder minder schroffen Dualismus, eines
15513fortwährenden Antagonismus zweier feindlichen Mächte, des
15514höchsten Urwesens und der Weltmächte hinaus, ein Kampf, der
15515auf der Welt zum Austrag kommt. Denn der Mensch, die letzte
15516Kette in der langen Entwicklung, soll den Weltmächten ent-
15517rissen, für die höhere Welt gewonnen werden; daher bricht durch
15518die Herabkunft des Erlösers in der Geschichte der gesammten
15519Weltentwicklung eine Katastrophe herein; das Reich der Planeten-
15520möchte wird vernichtet, der Mensch wird der Gnade und Erlösung
15521teilhaftig. In diesem Punkte tritt das religiöse Bewusstsein des
15522Gnostikers in den Vordergrund, nämlich die Idee der Erlösung.
15523Von diesem Gesichtspunkte aus erkannte er das Christentum als
15524die einzig wahre und absolute Religion an, sah in Jesus seinen
15525Erlöser von den Banden der Materie und Sünde, aber, zu sehr
15526befangen in seinen kosmologischen Ideen, suchte er dieselben in
15527das 'Christentum hineinzutragen, betrachtete die rein religiösen
15528Gegensätze als Gegensätze kosmischer Gewalten, stellte den Er-
15529löser in den Dienst des Gott-Weltprozesses und versetzte dadurch
15530! Einige Gnostiker nahmen eine ewige Existenz der Hyle an.
page 441
15531IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 425
15532der Eigentümlichkeit der christlichen Religion den Todesstoss.
15533Darum können wir die heftige Polemik der Kirchenväter be-
15534greifen, die die schönsten und wertvollsten Güter in diesem
15535Kampfe zu vertheidigen hatten, wenn nicht an die Stelle des
15536überlieferten Evangeliums ein ganz neues gesetzt werden sollte.
15537B. Soteriologie.
15538a. Der präexistente Erlöser,
15539Eins der interessantesten Kapitel innerhalb der gnostischen
15540Lehren ist ohne Zweifel ihre Ansicht über die Person Christi.
15541Auf diesem Gebiete hat der Gnosticismus seine ganze schöpferische
15542Kraft bewiesen, und man kann nicht leugnen, dass er die Fragen,
15543welche in den späteren Jahrhunderten zu den heftigsten Streitig-
15544keiten und Spaltungen führten, zum ersten Male angeregt und
15545dogmatisch behandelt hat. Es wäre dies wohl noch ein Kapitel,
15546welches einer besonderen Monographie würdig wäre !.
15547Dasjenige Wesen, durch welches der Erlösungsprozess voll-
15548führt wird, ist das erste Mysterium (s. o.), denn es wird als der
15549Vater Jesu? bezeichnet, der ihn emaniert hat (p. 128. 166.).
15550Aber im Grunde besteht zwischen beiden kein durchgehender
15551Unterschied, vielmehr stellt sich das erste Mysterium als eine
15552Doppelnatur dar, deren eine Hälfte transcendent, deren andere
15553Hälfte der Welt zugekehrt ist, darum wird im zweiten Buche
15554(ⲣ. 127—175) das erste Mysterium das primum mysterium intro-
15555spiciens, Jesus das primum mysterium prospiciens genannt. Er
15556ist das Mysterium des Ineffabilis (p. 206. 231. 348.) und auch das
15557Mysterium des ersten Mysteriums (p. 317.); heisst es doch auf
155581 Vergleiche die Bemerkungen von Harnack Dogmengeschichte I?
15559ⲃ︦. 220, 1,
155602 Es ist merkwürdig, dass der Erlöser in allen Büchern stets
15561den Namen Jesus führt, nur an zwei unmittelbar auf einander folgen-
15562den Stellen auch „Christus“ (P. 45. 46). Dies hängt ohne Zweifel
15563mit der altgnostischen Anschanung von dem ⲉⲧⲱ ϯϩⲓⲟ⳪ⲧⲟϩ zusammen,
15564Auch Irenaeus beklagt sich darüber, dass die Valentinianer den ϭⲱⲧϩ
15565Nicht xvgı0s nennen wollen ef. I, 1, 8: ⲭⲁ Ϩⲓ ⲧⲟⲧⲟ ⲧⲟⲩⲩ Zwrnon
15566Atyovoıy (ⲟⲟ yag KUgiov Övopakeıvy ⲥⲱⲧⲟⲩ OELOvOL) etc.
page 442
15567426 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
15568p- 16 von ihm: „Das Mysterium, welches ausserhalb im. Kosmos
15569ist, durch welches das All entstanden ist ete.“, deshalb hat ihm
15570auch sein Vater von Anfang ein Licht-Evduua gegeben (p. 10.)
15571Von ihm ging im Uranfang der erste Lichtstrahl aus und wurde
15572in die unteren Regionen hinübergeleitet (p. 14. 339), um sich
15573schon in der Urzeit als der künftige Erlöser zu offenbaren (cf. P.
1557435—38). Sonst erfahren wir über seine Thätigkeit bei der Ema-
15575nation des Universums gar nichts. Einige Aufklärungen gewährt
15576uns das erste Buch Jeü, doch sind leider die ersten Blätter des
15577betreffenden Abschnitts verloren gegangen, in welchen Jesus ohne
15578Zweifel sein Verhältnis zum Vater näher besprochen haben mus.
15579Einen Ersatz bietet uns der Schluss des Buches (P. 43 ff), denn
15580als die Jünger fragen, wodurch alle Topoi entstanden sind, giebt
15581Jesus ihnen zugleich eine genaue Auskunft über seine Person.
15582Der Vater, der unnahbare Gott, hat alle Ideen an sieh angezogen
15583mit Ausnahme einer einzigen u. z. der kleinsten. In dieser kleinen
15584Idee strahlte Jesus auf, er wallte auf und entband sich von dem
15585Vater. Auf diese Weise ist er die erste Probole, die
15586und das Abbild des Vaters. Ganz dieselben Gedanken kehren auch
15587in dem Schlusshymnus wieder (P. 48 ⲃ︦.) Hier ist die Christo-
15588logie im Grunde höher gefasst als in der Pistis Sophia, indem
15589Jesus als das höchste und erste Wesen gilt, das zwar nicht
15590von Ewigkeit her mit dem Vater existiert, aber doch schon als
15591ein Teil desselben von Anfang an ihm immanent war, wenn auch
15592die individuelle Existenz erst durch die &voca erfolgte. Durch
15593diese kleine Idee wird nun der weitere Weltprozess vermittelt;
15594in P. 8 ruft er den Namen seines Vaters an, dass derselbe den
15595wahren Gott! bewege, andere Emanationen aus sich hervorgehen
15596zu lassen. Auf seine Bitte hin bewegte die Dynamis des Vaters
15597diesen Gott und strahlte in ihm durch diese kleine Idee? (d. h.
15598durch Jesus) auf, welche aus den Schätzen gekommen war. In
15599gleicher Weise ruft er den Namen des Vaters an, dass er andere
156001 Wahrscheinlich ist Jesus schon vorher bei der Kmanation des
15601wahren Gottes beteiligt gewesen.
156022 Es bedarf wohl kaum noch der besonderen Erwähnung, wie
15603dies die Richtigkeit unserer Anordnung besiegelt, denn niemals kommt
15604im zweiten Buch der Name „kleine Idee“ vor.
page 443
15605IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 4927
15606nanationen in den Schätzen entstehen lasse, ja er wählt sich
156078 der ersten Taxis des ersten Schatzes zwölf Emanationen aus
15608d stellt sie auf, damit sie ihm dienen (P. 9 f.). Sollte die Stelle
15609f P. 6 nicht verderbt sein, so liesse sich daraus entnehmen,
15610ⲃⲑ er eine Menge Väter als Häupter über die einzelnen Schätze,
15611» ⲉⲗ genannt werden, gesetzt habe. Dass aber diese Stelle un-
15612anstandet gelassen werden muss, bestätigt P. 39: „Deswegen
15613be ich zwei ausserhalb und zwei innerhalb gelegt, deren Ähn-
15614hkeit innerhalb von allen ist; aber wenn ich sie emaniere, ⲃⲟ
15615ⲑ ich zwei ausserhalb von ihm und zwei innerhalb von ihm
15616d eine (sc. Vaterschaftstaxis) in meine (? die) Mitte“,
15617Welchen Anteil aber Jesus von Anbeginn in der Menschheit
15618geübt hat, wie sein Verhältnis zum Heidentum, zum theokra-
15619ehen Judentum und dessen Propheten gewesen, darüber er-
15620Ⲕⲉ wir fast gar keine Andeutungen. Es macht überhaupt
156213 Ganze den Eindruck, als wenn die Verfasser absichtlich die
15622‘handlung dieser Probleme, welche in früheren Zeiten so ein-
15623hend von den Gnostikern behandelt, mit so grosser Entschieden-
15624£ verfochten wurden, vermeiden. Sie möchten sie gern ganz tot-
15625‚weigen; aber gänzlich liessen sich diese Punkte nicht umgehen,
15626ⲓ waren sie während des ganzen Streites zu akut geworden.
15627mn dem Fall des ersten Menschenpaares wissen wir nichts, doch
15628ahren wir, dass Jesus durch Henoch unsere beiden Bücher
15629ı habe im Paradies des Adam niederschreiben lassen, in denen
15630ihm die niedrigen Mysterien aus dem Baum der Erkenntnis und
15631ⲓ Lebens mitteilte (p. 245f.); er befahl ihm dieselben auf den
15632isen Ararat niederzulegen, um hier von Kalapatauroth zum
15633ıutze gegen die Sintflut, wie gegen den Neid der Archonten,
15634gerne die Bücher vernichten wollten, bewacht zu werden
15635354). Die Stellung zum Judentum ist analog derjenigen zum
15636identum. Wie schon oben erwähnt, haben abgefallene Engel
1563725. 27. 29) die Mysterien der Magie und Sterndeuterei, d. h.
15638Kenntnis der einzelnen Bahnen und die Namen der einzelnen
15639ıneten den Menschen gebracht, ihr ganzer Kultus ist also im
15640unde nur Anbetung des Demiurgen und seiner Geschöpfe.
15641r allem aber drehte es sich in dem Streite um die Stellung
15642• Propheten oder des A. Testamentes zum höchsten Gott.
15643dritten Buche (p. 355) bringt Maria Magdalena diese Frage
15644Anregung, sie hat durch die mündliche Tradition erfahren,
page 444
156454928 IV. Untersuchungen über die gnoetischen Werke.
15646dass die Propheten in das Lichtreich eingegangen wären. Jesus
15647weist dies zurück, hätten doch die Archonten der Äonen aus
15648diesen mit ihnen gesprochen und ihnen das Mysterium der Äonen
15649(also nicht „des Lichtreiches“) mitgeteilt (ⲣ. 355). Was der Ver-
15650fasser unter dem Mysterium der Äonen versteht, verschweigt er.
15651Wahrscheinlich ist er, wie Koestlin richtig bemerkt, der Ansicht,
15652dass die obersten Weltherrscher sich den Propheten als Herren
15653des Himmels und der Erde geoffenbart, sie mit derjenigen Ⲧⲉ
15654ehrung, die sie von dem Volke als Bedingung ihres Schutzes
15655verlangt (Opfergaben und dergl.), bekannt gemacht und ihnen
15656über die Zukunft Manches, so weit sie selbst davon wussten, ver-
15657kündigt und angedeutet hütten. Sie müssen aber zugleich, wenn,
15658auch unbewusst, den Willen des höchsten Wesens vollfäührt
15659haben, da die Lichtkraft, welche aus Jesus geflossen ist, durch
15660ihren Mund geweissagt hat !. Interessant ist auch die Stellung,
15661welche der Verfasser zum Gesetzbuch Moses einnimmt, denn er
15662teilt diesem volle Dignität zu (ⲣ. 342 f.).
15663Sehr ausführlich wird in den ersten beiden Büchern ein
15664Punkt des grossen Weltdramas behandelt, nämlich die Geschichte
15665der in das Chaos gelockten und daselbst gequälten Sophia. Das
15666erste Mysterium hat zwar die Bestrafung derselben beschlossen,
15667zugleich aber ihre Errettung nach festgesetzter Zeit in Aussicht
15668gestellt und als Erlöser Jesum ausersehen. Als die Sophia in
15669ihren ergreifenden Bussgebeten das Licht der Lichter um Hülfe
15670anfleht, aber noch keine Erhörung findet, da zeigt sich die Güte
15671und Barmherzigkeit des Erlösers; mit grossem Schmerze sieht
15672er die Qualen der Gefallenen, ja sein Erbarmen ist so gross,
15673dass er, obwohl er noch keinen Befehl von seinem Vater ⲉ
15674halten hat, auf eigene Faust ihre Pein dadurch zu erleichtern
15675sucht, dass er sie in einen höheren Ort des Chaos führt? (p. ⲃ
15676Doch die Stunde der Erlösung ist nahe, das siebente? Bussgebet
15677hat Erhörung gefunden; jetzt geht der Befehl vom ersten Myste-
15678rium an Jesum, sie aus den Banden des Chaos zu befreien.
156791 Vergleiche Harnack Untersuch,. ete, S. 831.
156802 Der Verfasser setzt schon voraus, dass Jesus im Chaos sich
15681befindet, obwohl er erst später diese Herabkunft erfolgt sein lässt.
156823 Die Zahl „7“ ist ohne Zweifel typisch aufgefasst.
page 445
15683IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 429
15684Dieser verlässt sofort seinen Wohnsitz, aber in seinem strahlen-
15685den Lichtglanze würde bald seine Absicht von den Äonen be-
15686merkt werden, darum geht er durch ihre Mitte im Verborgenen,
15687ohne dass es eine Kraft bemerkt, weder die von dem Innern der
15688Innern noch die von dem Äussern der Äusseren; nur das erste
15689Mysterium weiss von dem Plan (p. 99). Als er zum Chaos gelangt,
15690sendet er eine Lichtkraft hinab u. z. auf eigene Hand !, um die
15691Sophia in einen höheren Ort des Chaos zu bringen, bis ihm der
15692Befehl durch das erste Mysterium zuteil wird, sein Werk ganz
15693zu vollenden (p. 112). Jesus lässt diese Lichtkraft einen Kranz
15694um ihr Haupt bilden, damit die xgoßolal des Authades von
15695dieser Zeit an keine Macht mehr über sie besitzen, indem die in ihr
15696befindlichen hylischen Bestandteile gereinigt werden (p. 115).
15697Als nun die Sophia das dreizehnte? Bussgebet ausgesprochen
15698hatte, wurde ihre ⲙⲉⲧⲟ̃ϧⲟⲥ⳪ vom ersten Mysterium angenommen
15699(p- 11) Damals sendet er von der Höhe eine grosse Licht-
15700kraft; Jesus erkennt das Zeichen; diese Lichtkraft geht in ihn
15701ein und lässt sich auf die Lichtkraft, welche von Jesus ausge-
15702gangen war, herab, so dass beide eine grosse Licht-dxöß00ıa?3
15703werden. Nach p. 128 dagegen bilden die Kraft, welche aus der
15704Höhe herauskommt, d. h. Jesus, welchen der Vater geschickt
15705hat, und auch die Lichtkraft, welche aus ihm selbst herauskommt,
15706und die Seele, welche er von Sabaothı dem Guten empfangen,
15707eine einzige Axößdoı. Dies widerspricht durchaus dem vorher-
15708gehenden Buche, das von der Seele des Sabaoth noch gar nichts
15709weiss; die Seele gehört gar nicht hierher, der Verfasser ist durch
15710seine weit ausgesponnene Allegorie verwirrt geworden‘. — Auf
15711ı Hier wird dasselbe Ereignis noch einmal wie oben geschildert;
15712an unserer Stelle aber ist alles motiviert, darum darf jene obere
15713Darstellung nur als eine Vorwegnahme eines späteren Ereignisses
15714gelten, erst nach dem siebenten Bussgebet kann der Erlöser aufge-
15715treten sein.
157162 Auch diese Zahl ist typisch, sie entspricht den dreizehn Äonen;
15717dies wird p. 110 ausdrücklich hervorgehoben.
157183 Dieses Verhältnis wird p.118ff. in fünffach verschiedener Weise
15719durch den Psalm 85 allegorisch gedeutet, im Einzelnen ist Manches
15720unklar.
157214 Wir finden an dieser Stelle unsere vorhin vorgetragene An-
page 446
15722430 1V. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
15723Befehl des Vaters ruft Jesus Gabriel und Michael aus den Äonen
15724und übergiebt ihnen die axöd00c@, um die Sophia zu befreien
15725(ef. p. 133). Diese führen den Befehl aus; die dxößgdowz umgiebt
15726die Sophia auf allen Seiten, so dass ihr die feindlichen Mächte
15727nicht nahen können; ja, Jesus steigt selbst auf höheren Befehl
15728in Lichtgestalt hinab, nähert sich der löwenköpfigen Kraft des
15729Authades und nimmt derselben ihre Lichtkraft, ebenso den andern
15730xo0oßo2lal, auf dass sie nicht wieder zum dreizehnten Äon zurück-
15731kehren können. Er führt darauf die Sophia heraus, — u. z. geht
15732zur Rechten von ihr Gabriel, zur Linken Michael (p. 1391), — bringt
15733sie zu einem Topos unterhalb des dreizehnten Äons, ihres früheren
15734Wohnsitzes, und giebt ihr ein neues Lichtmysterium und einen
15735Lichthymnus, damit von dieser Zeit an die Archonten der Äonen
15736keine Macht über sie besitzen (p. 164); zu diesem Zwecke be-
15737siegelt Jesus die Topoi des Sabaoth Adamas und seiner Art-
15738chonten.
15739Die ganze Episode, welche grösstenteils die beiden ersten
15740Bücher ausfüllt, darum ein unbekannter Schreiber ihnen den
15741Namen „Pistis Sophia“ beilegen wollte, ist, wie leicht erkennt-
15742lich, erst späteren Ursprungs; sollte diese doch nur den ersten Akt
15743der Wirksamkeit des Erlösers bilden, zugleich ein Vorbild der
15744wirklichen Erlösung der Menschheit, wie überhaupt in der Figur
15745derselben in gewisser Weise die Geschichte der Menschheit selbst
15746verkörpert ist. Dies ist auch die Idee des Verfassere, wie uns
15747ganz deutlich der wunderbare Schluss des ersten Hynınus? lehrt.
15748„Jetzt nun, o Licht. welches in Dir ist, und welches mit mir ist,
15749ich preise Deinen Namen, ⲟ Licht, in einem Lobliede, und mein
15750Hymnus, o Licht, möge Dir gefallen wie ein vorzügliches Myste-
15751rium, welches zu den Thoren des Lichtes führt, und welches die-
15752jenigen, die Busse thun werden, sagen werden, und dessen Licht
15753gereinigt wird. Jetzt nun mögen alle Hylen sich freuen; forschet
15754]
15755sicht, dass die ersten beiden Bücher einem Verfasser, aber der jüngsten |
15756Schicht angehören, bestätigt. Die Differenzen lassen sich :aus ‚der i
15757geistigen Unbedeutendheit des Verfassers erklären, der in ⲙⲟϣⲓ
15758seine Hauptkunststücke zu zeigen versuchte.
157591 Über die gnostischen Oden Salomo’s vergleiche die lehrreichen
15760Erörterungen von Harnack Unters. ⲃ︦. 35. besonders ⲃ. 46 Anm. 2
page 447
15761IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke, 431
15762ihr alle nach dem Lichte, damit die in euch befindliche Kraft
15763eurer Seele offenbar werde, denn das Licht hat die Hylen ver-
15764nommen, und nicht wird es irgend welche Hyle verlassen, die es
15765nicht gereinigt hat. Mögen die Seelen und die Hylen den Herrn
15766aller Konen. der Hylen und der in ihnen allen Befindlichen
15767preisen, denn der Herr wird ihre Seele aus aller Hyle retten,
15768und man wird eine Stadt in dem Lichte bereiten, und alle Seelen,
15769die gerettet werden, werden in jener Stadt wohnen und sie er-
15770losen. Und die Seele derer, welche Mysterien empfangen werden,
15771wird in jenem Topos sein, und diejenigen, welche in seinem
15772Namen Mysterien empfangen haben, werden in ihr (sc. der Stadt)
15773sein“ (ⲣ. 51 f).
15774Dieselben Gedanken begegnen uns in dem Hymnus auf
15775ⲣ. 64 f.: „Und dann in jener Zeit werden alle Archonten der
15776hylischen Äonen sich vor Deinem Lichte fürchten, und alle Pro-
15777bolai des dreizehnten der hylischen Äonen werden sich vor
15778dem Mysterium Deines Lichtes fürchten, dass die andern das
15779Reine ihres Lichtes anziehen, denn der Herr wird nach der Kraft
15780eurer Seele fragen. Er hat sein Mysterium offenbart, weil er die
15781ueravyoıc derer, die in den Topoi unterhalb sich befinden, schauen
15782will; und nicht hat er ihre ⲕⲉⲧⲥϧⲟⲓϭ unbeachtet gelassen. Dies
15783ist nun jenes Mysterium, welches Typus inbetreff des Geschlechtes,
15784welches sie (sc. die Archonten) erzeugen werden, geworden ist,
15785und das Geschlecht, welches sie erzeugen werden, wird die Höhe
15786preisen, denn das Licht hat aus der Höhe seines Lichtes herab-
15787geschaut. Es wird auf die gesammte Hyle schauen, um das
15788Seufzen der Gebundenen zu vernehmen und die Kraft der Seelen,
15789deren Kraft sie gebunden haben, zu lösen, damit es seinen Namen
15790in die Seele und sein Mysterium in die Kraft legt“.
15791Auch zeitlich sind die beiden Akte der Befreiung der Pistis
15792Bophia und der Erlösung der Menschheit sehr nahe aneinander
15793gerückt. Denn wenn auch Jesus nach Ablauf seiner Mission
15794zu dem Lichte zurückkehrt (p. 166), so hören wir von der Ver-
15795anlassung zu seiner zweiten Herabkunft gar nichts, doch könnte
15796dies wie andere Dinge bei den Lesern vorausgesetzt sein; sehr
15797auffällig aber ist, dass die Sophia bei ihrer Rückkehr den Brü-
15798dern die Wunder, welche Jesus mit ihr unterhalb auf Erden ge-
15799than, mitteilt (p. 176), während doch diese Episode im Chaos
15800lange vor der Erlösung auf Erden stattgefunden haben sollte.
page 448
15801432 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
15802Wir gelangen dadurch zu dem Resultat, dass die Geschichte der
15803P. S. nur das himmlische Gegenbild zu der irdischen Menach-
15804heitsgeschichte bilden soll und zu diesem Zwecke später eine
15805besondere Behandlung erfahren hat.
15806ⲃ. Herabkunft des Erlösers in die Welt,
15807Aus dem Topos des ersten Mysteriums reisst er sich los
15808(oxtU22lsır p. 249. 351), um die dıaxovla (p. ⲃ. 9. 20. 32. 37)
15809die ihm vom Vater aufgetragen ist, zu übernehmen!, aber er
15810kann nicht das E&ydvua, welches er in den lichten Höhen trug,
15811und welches ihm vom Vater geschenkt war, mit hinabnehmen,
15812da die niedere Welt den. strahlenden Lichtglanz nicht ertragen
15813würde. Darum entkleidet er sich selbst seiner Herrlichkeit, um
15814sein Erlösungswerk ungestört vollführen und unerkannt durch
15815die feindlichen Äonenmächte hindurch gehen zu können, denn
15816auch er kann trotz seiner hohen Vollendung nicht ohne weiteres
15817zur Erde hinabfahren. Im vierundzwanzigsten Mysterium, d. h.
15818im letzten Mysterium (s. o.), legt er es zur Aufbewahrung nieder,
15819nimmt bei seinem Niedergang die Kräfte der zwölf owr%086 des
15820Lichtschatzes aus dem Teil seiner Kraft, die er ihnen im Anfang
15821mitgeteilt hat (p. 11), und gelangt auf diese Weise ausserhalb
15822des Lichtschatzes zu dem Topos der Rechten. Hier beginnt die
15823Formation zur Geburt. Er umarmte die in Sabaoth dem Guten
15824befindliche Lichtkraft (p. 122ff), welche der kleine Sabaoth von
15825der Mitte empfing und in die Hyle der Barbelo stiess. Darum
15826wird ersterer der „Vater“ Jesu genannt (ⲣ. 193. 292) und, da
15827dieser nach p. 193 von Jeü emaniert ist, wird letzterer mit
15828Recht der „Vater von Jesu Vater“ genannt (viertes Buch ⲣ. 360. '
15829364. 365). Dies lehrt uns, dass wir keineswegs die Stelle (p. 363):
15830„Und ich werde euch die Taufen der Rechten, unseres Topos
15831geben“ in „eius töx0»y“ emendieren dürfen, wie Petermann es ver-
15832sucht hat, denn Jesus kann in Wirklichkeit von diesem Topos
15833als von seinem Heimatsorte reden. Hat er aus dem Sabaoth die
15834Seele genommen, so empfängt er seinen hylischen Körper aus
158351 Nach P. 1 ist der Erlöser Jesus der Lebendige, welcher ⲙ
15836dem Lichtäon durch den Vater gekommen ist.
page 449
15837IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 433
15838der Kraft, welche er von der Barbelo genommen! (p. 116. 121.
15839127. 128).
15840In der Gestalt des Gabriel tritt er in die Äonenwelt ein; die
15841Aonen erkennen ihn nicht, sondern sind in dem Irrtum befangen,
15842dass er wirklich Gabriel, der Engel der Aonen, sei, darum kann
15843er hier ungestört die Formation seiner eigenen irdischen Per-
15844sönlichkeit vornehmen. Von hier aus blickt er auf Geheiss des
15845ersten Mysteriums auf den Kosmos der Menschheit und tindet
15846Elisabeth, die Mutter Johannes des Täufers; er nimmt vor ihrer
15847Empfängnis eine Kraft aus dem kleinen Sabaoth dem Guten
15848(p. 12), führt die Seele des Elias, die sich in den Äonen der
15849Sphära befindet, zu der Lichtjungfrau, welche sie ihren xaga-
15850Anyxzraı übergiebt, damit die Archonten der Sphära diese Seele
15851in den Mutterleib der Elisabeth stossen, und somit in realer Weise
15852ein Elias vor Jesus den Weg bereite (p. 12f. 355).
15853Ausser der Seele des Elias findet er daselbst auch noch die
15854Seelen der übrigen alttestamentlichen Patriarchen und Propheten.
15855Abraham, Isaak und Jacob empfangen schon in diesen Regionen
15856die Vergebung aller ihrer Sünden und Missethaten, erhalten die
15857Mysterien des Lichtes und werden in den Topos des Jabraoth
15858und seiner Archonten (s. o.) versetzt; die übrigen aber sendet
15859Jesus zur Erde in gerechte Körper hinab, damit sie hier die
15860Mysterien finden und das Lichtreich ererben (p. 355 £) Auch
15861die Jünger erhalten ihre Formation (8. u.).
15862Darauf blickt Jesus zum zweiten Male auf den Kosmos herab
15863und findet Maria, er spricht mit ihr in der Gestalt des Engels
15864Gabriel (p. 124)? und, als sie sich glaubensvoll zu ihm nach
15865oben wendet, stösst er in sie die Kraft von der Barbelo (d. i. den
15866Körper) und die Kraft von Sabaoth dem Guten (d. i. die Seele).
158671 Unklar bleibt mir der Sinn der Stelle p. 128: Die dıxaıoovvn
15868aber, welche aus dem Himmel herabblickte, bist Du, das erste Myste-
15869rium, das herausblickt, indem Du aus den ywenuatx der Höhe und
15870den Mysterien des Lichtreiches gekommen bist. Und Du kamst über
15871das ⲉ︦ des Lichtes, welches Du von der Barbelo empfangen hast,
15872d. i. Jesus, unser ϭⲱⲧϩ, indem Du über ihn wie eine Taube kamst.“
15873Dies hat den Anstrich einer adoptianischen Christologie.
158742 Vergleiche Lucas 1, 26.
15875Texte u. Untersuchungen VII, 1, 2. 28
page 450
15876434 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
15877Auf diese Weise ist der Erlöser ein präexistentes Gebilde,
15878das mit den kosmischen Mächten gar keine Gemeinschaft hat
15879und mit Recht von sich anssagen kann, 00x &lyul & to x0ö0Hov
15880(Joh. 17, 14 p. 11). Er ist nur als fremder Gast aus der Höhe
15881bei der Maria eingekehrt, als die xagadıxn des ersten Myste-
15882riums, damit durch diese alle Bewohner der Erde und der Höhe
15883gerettet werden (p. 117).
15884ⲥ. Jesu Geburt und Wandel auf Erden.
15885Schon die vorhergehenden Bemerkungen belehren uns, dass
15886der Verfasser eine wunderbare Geburt Christi angenommen habe,
15887denn nirgends finden wir die Angabe, dass Joseph der Vater ge-
15888wesen sei, obwohl er p. 120 f. dazu Gelegenheit gehabt hätte.
15889Nur Maria wird seine Mutter ϫⲧⲉ 2) od. ϫⲁⲧⲉ ϫⲟϭⲕⲟ (ⲣ. 13.
15890116. 120. 123) genannt. Sehr merkwürdig ist der Ausdruck auf
15891p- 116: „Und die Finsternis ist durch dich (Maria) entstanden“; aus
15892den nächsten Worten: „Und es kam aus dir der Körper der Hyle
15893heraus, in welchem ich mich befinde, welchen ich gereinigt und
15894geläutert habe“, scheint sich mir der Sinn zu ergeben, dass Jesus
15895bei der Geburt durch den hylischen Körper mit Dunkelheit über-
15896gossen sei, dass er aber diesen Zustand aufgehoben habe. Unter
15897dem Akt der Läuterung kann der Verfasser nur die Jordantaufe
15898verstehen. Auch er vertritt die Anschauung, wie sie noch in
15899unsern Synoptikern vorliegt, dass Jesus erst durch die Johannes-
15900taufe zur Ausübung seiner Lehrthätigkeit berufen sei, während
15901derselbe vorher ein Mensch an seinem Körper war; heisst es
15902doch auf p. 373: „Und nach einer Weile hat mir mein Vater den
15903heiligen Geist in Gestalt einer Taube gesandt“. Auch die apokryphe
15904Kindheitsgeschichte weist auf eine adoptianische Christologie?
159051 Dasselbe sagt Jesus P. 3: „Denn ich bin nicht aus dieser Welt
15906und gleiche nicht den dgyal und den [#50volaı, und] alles Böse stammt
15907nicht von mir.“ Es beweist dieser Umstand von neuem, dass die
15908Gnostiker alle auf die präexistente Natur Christi bezüglichen Stellen
15909der Schrift wörtlich auffassten und ihnen innerhalb ihres Systems
15910eine reale Grundlage zu geben versuchten.
15911? cf. Harnack, Unters. etc. ⲃ. 11
page 451
15912IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 435
15913(p- 120. cf. 1. 122. 124). Wie nun auch immer die Reinigung des
15914hylischen Körpers gedacht ist, einer doketischen Christologie kann
15915der Verfasser nicht gehuldigt haben, wenigstens lässt er es nicht
15916klar zu Tage treten; ob er nach Koestlin die Materie des Leibes
15917Jesu als einen im Vergleich mit der irdischen Materie weit fei-
15918neren, ätherischen, dessungeachtet aber wie alles Hylische nicht
15919absoluten Stoff betrachtete, lasse ich dahingestellt. Ich möchte
15920auch glauben, dass der Verfasser im Grunde seines Herzens Doket
15921gewesen ist, aber er hütet sich, um gut christlich zu erscheinen,
15922seine Meinung unverhüllt zu äussern. Ganz doketisch mutet uns
15923eine Stelle im vierten Buche p. 373 an: „Wahrlich ich sage euch:
15924Nicht habe ich irgend etwas zum Kosmos gebracht, ausgenommen
15925dieses Feuer und dieses Wasser und diesen Wein und dieses
15926Blut. Das Wasser und das Feuer habe ich aus dem Topos des
15927Lichtes der Lichter des Lichtschatzes geführt, den Wein und
15928das Blut aus dem Topos der Barbelos. Und nach einer Weile
15929hat mein Vater mir den heiligen Geist in Gestalt einer Taube
15930gesandt. Das Feuer aber, das Wasser und der Wein sind ent-
15931standen, alle Sünden des Kosmos zu reinigen; das Blut dagegen
15932ist mir ein Zeichen inbetreff des Körpers der Menschheit geworden,
15933welchen ich im Topos der Barbelos empfangen habe“. Dieser Doke-
15934tismus wird aber durch p. 374: „Und deswegen hat man in meine
15935Seite die Lanze gestossen, und es kam Wasser und Blut heraus“,
15936wieder zerstört, denn mit demselben ist ein wirkliches Leiden
15937und Sterben des Erlösers unverträglich. An jener Stelle ergiebt
15938sich meiner Meinung nach eine gnostisch gefärbte Lehre der
15939zwei Naturen; das präexistierende erste Mysterium, welches schon
15940in den oberen Regionen seine Formation erhalten hat, ist bei
15941seiner Geburt mit einem menschlichen Leibe bekleidet worden,
15942derselbe verbleibt dem Erlöser auch nach seiner Taufe, darum ein
15943wirkliches Leiden und Sterben des Gott-Menschen statthaben
15944kann. Der auf Erden weilende Jesus ist hier die Inkarnation
15945des ersten Mysteriums, wenn auf dem &ydvua geschrieben stehet:
15946„Das Mysterium, welches draussen im Kosmos ist“ (p. 16)
15947Bei alledem ist die geschichtliche Persönlichkeit des Er-
15948lösers ganz verflüchtigt. Von seinen Wundern und Predigten,
15949von der Bedeutung seines Leidens und Sterbens, d. h. von dem
15950uns in den Evangelien geschilderten Heiland, weiss unser Ver-
15951fasser gar nichts; alles dies existierte für einen Gnostiker nicht,
1595228*
page 452
15953436 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
15954da es für ihn keinen Wert hatte. Die Lehrthätigkeit während
15955seines wirklichen Erdenlebens beschränkt sich darauf, dass er zu
15956seinen Jüngern nur &p Ϥⲟ gesprochen habe, ohne dass
15957diese den geheimen pneumatischen Sinn verstandeu hätten !. Nur
15958der Abschluss dieser seiner Lehrthätigkeit findet Erwähnung,
15959denn gemäss den Evangelien ist er gekreuzigt und am dritien
15960Tage wieder auferstanden (p. 1. 10. 357. 372. 374); dieser Tod
15961ist nicht, wie oben erwähnt, doketisch aufgefasst, da der ϭⲱ
15962selbst getötet wird. Aber durch welche Ursachen der Tod herbei-
15963geführt, wie überhaupt der Gott-Mensch leiden kann, welche Güter
15964die Menschheit durch den Kreuzestod erlangt habe, jene Fragen,
15965die innerhalb der gnostischen Krisis eine so grosse dogmatische
15966Bedeutung erhalten hatten, werden nicht beantwortet. Blickt
15967man näher hinzu, so können diese geschichtlichen Thatsachen
15968für den Verfasser nur leere Phrasen gewesen sein; er glaubt
15969durch ihre Erwähnung seiner christlichen Pflicht Genüge gethan
15970zu haben. Man erkennt hier deutlich den „greisenhaften Ginosti-
15971cismus“, der sich durch die äussere Autorität der Grosskirche
15972gezwungen sieht, die allgemein anerkannten Glaubensthafisachen
15973in sein System aufzunehmen, obwohl sie, dogmatisch betrachtet,
15974ϣⲁⲓ keine Folgerung für die Ausprägung seines Christentums
15975besitzen.
15976Das vierte Buch hebt sich auch in der Christologie von den
15977übrigen ab, der Verfasser scheint in der That dem Kreuzestode
15978Jesu eine erlösende Wirkung zugeschrieben zu haben. Denn
15979gleich nach seiner Auferstehung versammeln sich seine Jünger
15980um ihn und bitten um Vergebung ihrer Sünden. Wir können
15981daraus schliessen, dass vorher ihm dazu noch keine Macht ge-
15982geben war; auch verheisst er ausdrücklich, den Jüngern jetzt
15983die Schlüssel des Himmelreiches geben zu wollen (ⲣ. 372), Die
15984Einsetzung des Abendmahls und das Herausfliessen von Wasser
159851 Koestlin verweist mit Recht auf Clem. Alexandr. Exoer. 6x
15986Thevd. $ 66: ϭⲱⲧϩ T0US AnoCTOAOUG EÖldaoxev TA ⲕ ⲛϩⲱⲃ URS
15987xab MUOTIKOS, ⲧⲉ ⲟ VotEQu ⲡⲁϩⲁⲃⲟⲙⲕⲱ̄ϩ ⲕⲟ) Hyiypkvaws, zu 02 zalm
15988ϭⲱϩ ⲕⲁ YUNVÖOS ⲕⲟⲧⲉ ⲙⲙⲟϩ.
159892 Die beiden Bücher Jeü geben in dieser Beziebung gar keine
15990Ausbeute.
page 453
15991IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 437
15992ıd Blut haben eine symbolische Bedeutung, denn sie sind die
15993ysterien des Lichtes, welche die Sünden vergeben, und die
15994okaciaı und die Namen des Lichtes (ⲣ. 374). Freilich kenn-
15995ichnet sich sein gnostischer Standpunkt dadurch, dass er in
15996m Tode noch nicht allein die entsühnende Kraft sieht, er muss
15997ıch die Einsetzung besonderer Taufen und der mit diesen ver-
15998ındenen Riten vornehmen lassen, eine Vorstellung, die ihm
15999e Evangelien an die Hand geben konnten.
16000Auch sonst tritt uns der Auferstandene als der Herr über
16001immel und Erde entgegen, dessen Winke alles Folge leistet.
16002ötzlich steht er mit seinen Jüngern an dem Wasser des Oke-
16003ⲟⲃ (p. 357), im Besitz des Namens von dem Vater des Licht-
16004hatzes ruft er den Vater an, und alle Wünsche werden erfüllt.
16005ie Himmel gehen nach Westen, ebenso alle Äonen, die Sphära,
16006re Archonten und Dynameis, die Sonnen- und Mondscheibe
16007scheinen in ihrer wahren Gestalt, und Jesus mit seinen Jüngern
16008ird der Welt entrückt und gelangt zum Topos der Archonten
16009ⲃ Weges der Mitte, um den Jüngern die Orte der Pein zu
16010igen (ⲣ. 358 ff.).
16011Jesus lobsingt in dem grossen Namen; da verbergen sich
16012e Topoi des Weges der Mitte, er dagegen bleibt auf einer sehr
16013ossen Lichtluft und lässt die Jünger die vier heiligen Elemente
16014ⲅ Mysterien schauen (ⲣ. 372 f.). Dann wieder befindet er sich
16015it seinen Jüngern auf dem Berge von Galilaea (p. 374), später
16016der Mitte des Amente, um ihnen auch diese Welt zu er-
16017hliessen (p. 379 ff), mit einem Wort: er ist ein grosser Magier,
16018m alle Geister und Welten dienstbar sind.
16019Diese Thaten fallen sämmtlich in die unmittelbar der Auf-
160201 Solche übernatürlichen Wunder sind echt gnostisch, dies zeigen
16021ⲓⲃ vor allem ihre apokryphen Apostelgeschichten. Dieselbe über-
16022türliche Kraft Jesu vertritt auch das erste Buch Jeü, denn Jesus
16023ıgiebt sich mit einer Taxis d.h. mit den zwölf Jüngern und lässt
16024) die höchsten Lichtschätze schauen, indem er ihnen zugleich den
16025ımen der einzelnen Topoi, den Namen ihrer Siegel und ihrer Psephoi
16026gt (36.) Die ‚Jünger folgen ihm, wohin er geht, daher sie
16027sammen im siebenten Schatz einen Hymnus auf den unnahbaren
16028ıter, den Schöpfer der Lichtschätze, singen (P. 48 ff.).
page 454
16029438 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
16030erstehung folgende Zeit, Aber die schaffende Phantasie des
16031Onostikers ist weiter gegangen und hat ein neues Erdenleben
16032des Gekreuzigten erfunden. Dieser lebt, aber nicht in der leben-
16033digen Erinnerung der Gläubigen; nicht ist er. zum Himmel ge-
16034fahren, sondern wandelt in realer Gestalt unter seinen Jüngern
16035und Jüngerinnen, um ihnen die höchsten Mysterien, die Geheim-
16036nisse dieser und jener Welt zu offenbaren. ‚Das alte Evangelium
16037genügte den Gnostikern keineswegs, vergebens suchten sie in
16038ihm den Aufschluss über jene Fragen, welche die Ideen der
16039damaligen Zeit beherrschten, d. h. über die Probleme von Gott
16040und Welt, Geist und Materie; darum musste ein neues Evangelium
16041erfabelt, ein neues Leben nach dem Tode erdichtet werden, um
16042die Lücken der Traditionen auszufüllen.
16043Die Ansicht, dass Jesus nach seiner Auferstehung auf Kirden,
16044wenn auch in verklärter Gestalt, geweilt, wird ja auch in der
16045Apostelgeschichte vertreten; die Valentinianer ! nahmen 18 Monate
16046an, ebenso die Ophiten?, auch Heracleon scheint denselben. Ge-
16047U ef. Iren. I, 3, 2 (Epiph.): xel t00g A0sx00S . . . Gexaoxte ϥⲟ)
16048ⲗⲉⲓ Ϩⲓⲥⲧⲉⲧϩⲓϣ4ϧⲟⲓ adrOv ϭⲙ TOLG MAÖNTAIS.
16049? cf. Iren. I, 30, 14 (Neander: Gnostische Systeme ⲃ︦. 242f.):
16050Confirmare autem volunt descensionem Christi et ascensionem ex 60,
16051quod neque ante baptismum neque post resurrectionem a mortuis
16052aliquid magni fecisse Jesum dicunt discipuli, ignorantes adunitum ⲉⲃⲃⲑ
16053Jesum Christo et incorruptibilem Aeonem hebdomadali et mundiale cor-
16054pus animale dicunt. Remoratum autem eum post resurrectionem
16055XVIII mensibus, et sensibilitate in eum descendente didicisse quod
16056liquidum est; et paucos ex discipulis suis, quos sciebat capaces tan-
16057torum mysteriorum, docuit haec.
16058In ähnlicher Weise lehrt die ascensio Jesaiae ed. Dillmann
16059(p. 43. 57 ⲉⲃⲟ. ⲥ.. 16) 545 Tage, dies steht mit den 18 Monaten
16060in Verbindung. Eine treffende Erklärung aber, wie man gerade auf
16061die Zahl von 18 Monaten gekommen, ist meines Wissens nicht ge-
16062funden (cf. Patr. Apostol. Opp. ed. Gebhardt etc. Ⲓ 2 p. 138 ®q.).
16063Die Vermutung von Harvey (Irenaeus tom. I p. 240) dass aus einem
16064Irrtum IH. M. HMZ. = "Incods ⲙ Hutoaıs IH. MHEI entstanden,
16065ist unhaltbar, wahrscheinlicher klingt diejenige von Usener (Weih-
16066nachtsfest ⲃ︦. 22), dass der Zahlenwert von IH (cos) massgebend
16067gewesen sei, doch sind auch damit noch nicht alle Bedenken gehoben.
page 455
16068IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 439
16069nken gehabt zu haben, wie dies aus einer wenig beachteten
16070elle des Origenes in Johann. tom. XII, 51 (opP- IV, p. 2)
16071erschliessen ist: xal ⲧⲟ̀ ⲙⲉⲧⲉ ⲧ ⲡⲟ︦ⲑⲟϩ, 0V ⲡϭϩ AUTOS
16072ⲙ]⳪ⲥϩ ⲡⲟⲗⲗϣ︦ ⲡⲗⲉⲓⲟⲩⲥϩ dık ⲧⲟⲟⲩ Liov ⲗⲟⲩⲟⲱ ⲉ̀ⲡⲓϭⲅⲣ̃ⲫⲟϩ ⲉⲓϩ
16073otw Eywolodn an’ avtap.
16074Was aber unsere Gnostiker zu der Fiktion bewogen, dass
16075sus zwölf Jahre bis zu seiner wirklichen Himmelfahrt! auf
16076‚den als Mensch gewandelt, mit seinen Jüngern geredet und
16077; belehrt habe, ist mir unerklärlich. Es gewinnt den Anschein,
16078ⲓ wenn sie zu viel Stoff besassen, um ihn in ⲃⲟ kurzer Zeit
16079n Jesus behandeln zu lassen, daher man zu einer stufenweisen
16080fenbarung die Zuflucht nahm; aber warum dazu zwölf Jahre
16081Ϥ︦ nicht zehn etc. nötig waren, verschweigt der Verfasser ?.
16082Man findet nun gewöhnlich in den Büchern die Angabe,
16083ⲃⲃ Jesus nur elf Jahre auf Erden geweilt habe; dies ist aber
16084rchaus falsch, denn die Einleitung der P. Sophia lautet folgender-
16085assen: „Es geschah aber, dass Jesus, nachdem er von den Toten
16086ferstanden war und elf Jahre zugebracht hatte im Gespräch mit
16087inen Jüngern und sie nur bis zu den Topoi der ersten Grenzen
16088ıd bis zu den Topoi des ersten Mysteriums belehrend etc“.
16089ⲓ werden also die elf Jahre als schon verflossen angesehen.
16090un folgt am fünfzehnten Tybi des folgenden Jahres die Himmel-
16091hart, daher sollen die Mitteilungen?, welche Jesus seinen
160921 Nirgends wird gesagt, dass Jesus gleich nach seiner Aufer-
16093;»hung zum Himmel gefahren und von dort zurückgekehrt sei.
16094oide (in Append. ad edit. cod. Alex. p. 1) nimmt dies ohne Wei-
16095ⲉⲃ an, seine Vermutung ist meiner Meinung nach unwahrscheinlich,
16096wir dann drei Himmelfahrten ansetzen müssten. Das ist wohl
16097Ibst für einen Gnostiker zu viel.
160982 Resch: Agrapha (in den Text. u. Unters. herausg. von Gebh.
16099d Harn. Bd. V. 1889 S. 426f.) weist auf Apollonius bei Eusebius
16100e. V, 18, 14 p. 186. 187. und auf Clemens Al. Strom. VI, 5, 43
16101762 hin und zeigt, dass das zwölfte Jahr nach der Grainıpıc des
16102ırrn in der altkirchlichen Tradition jedenfalls einen wichtigen
16103endepunkt gebildet habe. cf. Zahn, Acta Johannis p. LIX. Herr
16104ad. theol. v. Dobschütz hat die Freundlichkeit gehabt, mich noch
16105f Actus Petri c. Simone ⲥ. 5 (Lipsius p. 49) aufmerksam zu machen.
161063 Über den Inhalt dieser Unterredungen werden wir später handeln.
page 456
16107440 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
16108Jüngern in den ersten zwei resp. drei Büchern zuteil werden
16109lässt, in seinem zwölften und letzten Jahre erfolgt sein. Unsere
16110Interpretation wird auf das Beste gestützt durch das zweite Buch
16111ⲑ (P. 57): „Jesus hatte aber Mitleid mit seinen Jüngern, weil
16112sie ihre Eltern und ihre Brüder, ihre Frauen und ihre Kinder
16113und alle Lebensbedürfnisse dieser Welt preisgegeben hatten und
16114ihm zwölf Jahre gefolgt waren und alle Gebote, die er ihnen
16115gegeben, befolgt hatten“.
16116Nach Verlauf von elf Jahren hat der Erlöser die Taxis
16117seiner dıexxorla (ⲣ. 8. 9. 20. 32. 37), die vom Ineffabilis und dem
16118ersten Mysterium bestimmt war, vollendet, er hat die Jünger bis
16119zu einem bestimmten Punkt belehrt (ⲣ. 1 ff) und erkennt in
16120seiner Allwissenheit, dass die Zeit seiner Erhöhung nahe ist; daher
16121erwartet er mit Sehnsucht, dass ihm sein Kleid, welches er ja im
16122vierundzwanzigsten Mysterium niedergelegt hat, geschickt werde.
16123Der Ort der Situation ist der Ölberg 1! (ef. p. 170 f). Jesus sitzt mit
16124seinen Jüngern auf demselben u. z. in einiger Entfernung von ihnen.
16125Da geschah das Wunderbare. Am fünfzehnten Tybi, d. h. am elften
16126Januar, bei Sonnenaufgang ? kommt eine unermesslich leuchtende
16127Dynamis aus dem Licht der Lichter, aus dem vierun i
16128Mysterium und ergiesst sich über Jesus. Die Augen der Jünger
16129werden infolge dieses strahlenden Lichtglanzes geblendet, denn
16130der Lichtstrahl reicht vom Himmel bis zur Erde, u. ⲕ ist dieser
161311 Auch nach der Apostelgesch. 1, 12 ist der Ölberg der Ort der
16132Himmelfahrt. Wahrscheinlich verlegt auch der Verfasser des zweiten
16133Buches Jeü die Handlung nach Judaea resp. Jerusalem, da ⲉϣⲱ zu
16134seinen Jüngern spricht (P. 59): „Gehet hinauf nach Galilaea“, Die
16135Mitteilungen im vierten Buch der P. Sophia sollen auf dem Berge
16136von Galilaea erfolgt sein (p. 374). Hier zeigt der Verfasser seine
16137Abhängigkeit von Matth. 28, 16. cf. Matth. 26, 32.
161382 Da der Verfasser sagt: „Als die Sonne aus ihrer Basis ⲝⲑ
16139kommen war, ging nach ihr eine grosse Lichtdynamis aus“, darf mas
16140wohl schliessen, dass die wirkliche Himmelfahrt erst um 9 Uhr er-
16141folgt sei. Dafür spricht der Satz: Als Jesus zum Himmel gegangen
16142war nach Verlauf von drei Stunden, da erschraken alle Kräfte der
16143Himmel“ etc. ⲣ. 6); auch wird ausdrücklich gesagt, dass die Licht-
16144dynamis ihn allmählich umgab.
page 457
16145IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 441
16146n verschiedener Art und Typus, indem ein Teil desselben noch
16147endlich viel glänzender ist als der andere. Kaum hatte das
16148;ht Jesum ganz umgeben, da stieg er auf und eilte in seinem
16149ermesslichen Lichtglanze nach oben. Die Jünger waren bei
16150sem Anblick natürlich in grosser Furcht, blickten Jesum
16151ıweigend nach, denn das Ganze machte einen solchen Eindruck
16152f sie, dass Niemand ein Wort sprach. Die ganze Welt war
16153Aufregung, es erschraken alle Kräfte der Himmel und alle
16154;»hter zugleich, ebenso alle Aonen, ihre Topoi und Taxeis; die
16155nze Erde und alles auf ihr Befindliche war in seinen Grund-
16156ıten erschüttert, die Menschen waren bestürzt, wie auch die
16157nger, in dem Glauben, dass das Ende nahe sei. In der Höhe
16158rrschte Freude, alle Engel und Erzengel und Kräfte der Höhe
16159jesen den Innern der Innersten, so dass selbst der Kosmos
16160‚en Hymnus vernehmen konnte. Dieser Zustand währt von der
16161itten Stunde des fünfzehnten Tybi bis zur neunten Stunde des
16162genden Tages !.
16163Während dessen hat Jesus seine Himmelfahrt vollendet, in
16164nem strahlenden Lichtglanze gelangt er zu den Thoren des
16165ⲉⲟϧⲱⲙϭ, sie können ihm keinen Widerstand leisten, sie thun
16166ⲃ von selbst auf, erschrocken stehen da alle Archonten, &&0volaı
16167d die Engel, als sie in dem ⲉⲕⲟ das Mysterium ihres
16168ımens sehen; ihre Fesseln, mit denen sie gebunden waren,
16169ırden gelöst, alle fallen vor ihm nieder, preisen ihn, beten ihn
16170ı ihren Herrn und Gebieter an und sprechen: In welcher
16171eise hat uns der Herr des Alls überschritten, ohne dass
16172r es wussten?“ Darauf begiebt sich Jesus in neunmal grösse-
16173n Glanze zu der Sphära, in der dasselbe wie vorher geschieht,
16174n dort zu der «iuapu&vn und schliesslich zu den zwölf Äonen.
161751 Welchen Quellen der Verfasser die Annahme entnommen, dass
16176ı Himmelfahrt Jesu von 9 Uhr morgens bis 3 Uhr nachmittags des
16177genden Tages gedauert habe, weiss ich nicht anzugeben; sein
16178‚enes Product ist es nicht.
161792 In diesem ϧⲱⲕ sind nämlich die Namen und die Mysterien
16180nmtlicher Himmelsmächte verzeichnet, so dass Jesus ihre Regionen
16181gehindert durchschreiten kann. Vergleiche die Schilderung ⲣ. 1
16182‚ersetzung S. 34
page 458
16183443 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke,
16184Hier entsteht eine grosse Verwirrung, denn das ihn umgebende
16185Licht ist 8700 zehntausendmal so glänzend als dasjenige auf dem
16186Kosmos. Aber die Weltherrscher sind nicht gebeugt, Sabaotl
16187Adamas schaart seine Tyrannen um sich und beginnt in seiner
16188Vermessenheit einen Kampf gegen das Licht. Aber ihre Stunde
16189hat geschlagen, denn nun ändert Jesus, um die Macht der Ar-
16190chonten zu brechen, die von Jeü eingesetzte Ordnung der Ge-
16191stirnssphäre dahin ab, dass die Bahn der eiuaguern und ogpalta
16192sechs Monate nach links und sechs Monate nach rechts gedreht
16193ⲓⲃ. Auf diese Weise wird der Magie und Sterndeuterei ein jähes
16194Ende bereitet oder dieselbe wenigstens eingeschränkt, denn die
16195Berechnungen der divinatores und ordinatores horae fruchten
16196nichts, ihre övouaoları haben keinen Erfolg, da die Namen je
16197nach den Konstellationen verschiedene sind. Freilich ganz ge-
16198brochen ist, der Gestirndienst keineswegs; 'gelingt es nämlich
16199einem Wahrsager, die Neuordnung der Dinge zu durchschauen,
16200so ist er nach wie vor im stande, aus den Sternen die Zukunft zu
16201deuten; auch besteht noch das Mysterium der Magie des dreizehnten
16202Äons, des Topos der dıxo.000p7 (ⲣ. 3 auf Geheiss des ersten
16203Mysteriums fort. Diese Wertschätzung der Magie ist ein cha-
16204rakteristisches Zeichen der ersten christlichen Jahrhunderte, der
16205Dämonenglaube war bei Heiden, Gnostikern und Christen weit
16206verbreitet 2. :
16207Aber noch in anderer Weise greift Jesus in die Weltordnung
16208ein. Wie schon oben gesagt, hatten die Weltherrscher die Ner-
16209bildung von Menschenseelen und die damit verbundene Ver-
16210nichtung ihres Reiches dadurch zu verhindern gesucht, dass sie die
16211Seelensubstanzen nicht zur Erde gelangen liessen, sondern sich
16212umwandten und dieselben wieder verschlangen. Um diesem Zu-
16213stand ein Ende zu machen, beschleunigt Jesus ihre Bahnen,
16214indem sie in derselben Zeit zwei Kyklen® machen, so dass sie
16215! Wie der Verfasser diese Weltänderung gedacht, bleibt mir
16216unklar.
16217? f. Harnack, Dogmengeschichte Ⲓ ⲃ. 151 Anm. 1; interessat
16218sind Tertullian apologet, cap. 22, 28. 85. Iren. IL ⲥ 82, 4. Orig.
16219contra Celsum I, 6. VIII. 36. Pastor Herm. libr. IL mand, 7. Tatlm
16220cap. 16 ⲉⲥ.
16221* Der Verfasser scheint hier dem ptolem. Systeme zu folgen.
16222N
page 459
16223IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 443
16224; Hyle von der Hefe des reinen Lichtes nicht mehr verschlingen
16225nnen. Infolge dessen wird die bestimmte Zahl der vollkom-
16226‚men Seelen in kurzer Zeit vollendet und die evectio universi
16227nn eintreten (p. 37f.)
16228Diese seltsamen Magierkunststücke ! des Erlösers bilden für
16229a Verfasser bei der Himmelfahrt die Hauptsache; diese erzählt
16230mit grosser Weitläufigkeit, während der Aufenthalt beim Vater
16231az unberücksichtigt bleibt.
16232Jetzt hat auch die Stunde der Befreiung der P. Sophia ge-
16233ılagen, die drei Zeiten, von der ihr Jesus verheissen, sind vor-
16234er, das Licht des Lichtschatzes hat sich in allen Äonen offen-
16235:+t (p. 167). Die erneute Bedrängnis der P. S. hängt mit der
16236mmelfahrt Jesu auf das Engste zusammen; denn als derselbe
16237F dem Ölberg sitzt, beginnt Sabaoth Adamas einen erneuten
16238griff, emaniert aus sich Probolai, errichtet in seinem Topos
16239ı Chaos, um sie hier zu quälen. Obwohl die P. S. den feind-
16240hen Mächten das bevorstehende Gericht verkündet, gelingt es
16241• doch nicht, sie von ihrem Vorhaben abzuschrecken, daher sie
16242ihrer Bedrängnis einen Hymnus an den Erlöser richtet. Der-
16243be naht ihr nach der Überwindung der zwölf Äonen und
16244ırt sie in den dreizehnten Äon zu ihren Brüdern (ⲣ. 17
16245Ichen sie in ihrer Freude die Wunder, welche Jesus an ihr
16246lbracht, schildert.
16247Von dort eilt Jesus zum vierundzwanzigsten Mysterium, um
16248ⲅ die beiden Kleider des ersten Mysteriums und seine gesammte
16249rrlichkeit zu empfangen, da dasselbe ihn dieser Erhöhung für
16250rdig befunden hat (p. 17f.); diese beiden Kleider enthalten
16251ⲓ Namen der Mysterien und Probolai der oberhalb des vier-
16252dzwanzigsten Mysteriums liegenden Regionen (s. 0.).
16253Mit diesen angethan, steigt Jesus am nächsten Tage um die
16254unte Stunde (d. i. 3 Uhr nachmittags) vom Himmel herab. —
16255e Jünger sind noch einmütig versammelt, sie sind von Angst
16256olge des Erdbebens ergriffen und weinen in Hinblick auf die
16257künftigen Ereignisse. Da öffnen sich um 3 Uhr nachmittags
16258» Himmel, sie sehen ihren Erlöser in seinem unermesslichen
162591 Ich brauche wohl kaum daran zu erinnern, dass auch in christ-
16260‘hen Kreisen ähnliche Spekulationen angestellt wurden.
page 460
16261444 IV. Untersuchungen über die gnostisechen Werke.
16262Lichtglanze herabkommen. Dieses Licht zeigt sich in dreifach
16263verschiedenen Abstufungen; der eine Strahl ist immer noch uner-
16264messlich viel glänzender als der andere, und zwar hat der unterste
16265von ihnen die Gestalt: des Lichtes, welches über Jesus bei
16266seinem Aufstieg zum Himmel gekommen war (d. h. sein eigenes
16267Gewand, welches er im vierundzwanzigsten Mysterium nieder-
16268gelegt hat), die beiden übrigen Strahlen sind natürlich die beiden
16269&vduuata des Ineffabilis und des ersten Mysteriums,
16270Bei diesem Anblick sind die Jünger sehr erschrocken, aber
16271Jesus spricht zu ihnen voll Erbarmen und Güte: „Seid getrost,
16272ich bin es, fürchtet euch nicht“. Dieses Wort lässt sie ihren
16273Herrn und Meister erkennen, sie bitten ihn, sein Licht ⲙ sich
16274zu ziehen, da ihre Augen geblendet sind und der ganze Kosmos
16275erzittert. Diesem Wunsche gemäss legt er seine Glorie ab, alle
16276Jünger nähern sich ihm, fallen vor ihm nieder, beten ihn an und
16277fragen nach der Ursache der gewaltigen Bewegung. Darauf
16278giebt Jesus ihnen die im Vorhergehenden dargelegte Erklärung
16279(p. 4 £).
16280Diese ganze Schilderung der Himmelfahrt Jesu gehört ohne
16281Zweifel zu den schönsten Partien des ganzen Buches, sie ist voll
16282poetischen Schwungs, dramatischer Kraft und tief religiösen
16283Sinnes. Aus dem Kopfe unseres Verfassers ist sie, wie ich glaube,
16284nicht entsprungen; die Erzählung muss ihm, wenn vielleicht auch
16285nicht in der Ausschmückung, bereits vorgelegen haben, dafür
16286sprechen die genauen chronologischen Angaben. Das feste Datum
16287der Himmelfahrt ist der fünfzehnte Tybi alexandrinischen Kalen-
16288ders, entsprechend dem elften Januar der julianischen Zählung;
16289es ist der Tag, an welchem sich der Mond im Monat Tybi fällt
16290(ⲣ. 4. 6). Aus dieser doppelten Hervorhebung des Tages ⲙ
16291Vollmondstag dürfen wir wohl auf ein stehendes Fest innerhalb
16292dieser Sekte schliessen.
16293Mit Recht hat daher Usener! dieses Datum mit der uns von
16294Clemens Alex. Strom. I, 21 ⲃ. 1462 auftbewahrten Nachricht in
162951 Weihnachtsfest ⲃ︦. 20f.
162962 1]. c. of 0? ano Bacıkeldov xal ⲧⲟⲟ Parrtlioperos adrod ⲉϯ ⲙⲱ
16297EoQtaLovoL MI0dLAVUKTEQEVOVTES ⲉ̀ⲙⲟⲩⲓⲱ̀ϭⲉϭⲓ, ⲫⲟϭ) ⲟ alvas ⲉ ⲙ Ks
16298Ⲧⲓⲃⲉϩϭⲟⲱ Kaloagos, thv ⲡⲉⲩⲧⲉⲕⲟⲓϨⲉⲕⲟ︦ⲧϥⲱ TOU TUßL ⲕⲛⲟ̀ⲥ, ⲧⲱ) ⲟⲏ
16299(nach Us, lies ⲡ ⲅ) Evdexarny ⲧⲟⲓ ϭⲟ̀ⲧⲟⲟ︦ ⲙⲟⲟⲥ.
page 461
16300IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 445
16301erbindung gebracht, dass die Basilidianer am fünfzehnten Tybi,
16302ıdere am elften Tybi die Taufe des Erlösers festlich begangen
16303ätten, indem sie die Nacht vorher mit Vorlesungen zugebracht,
16304eide Stellen lehren uns, dass in gewissen gnostischen Kreisen
16305ⲉ Epiphanie Jesu als ein sehr hohes Fest gefeiert wurde; in
16306ar P. Sophia ist freilich der ursprüngliche Sinn schon etwas
16307»rdunkelt. Aber es ist ein verhängnisvoller Schritt von Usener
16308awesen, dieselben zum Ausgangs- und Stützpunkt seiner Unter-
16309ıchungen über die Entstehung des Weihnachtsfestes zu machen.
16310it Hilfe dieser und einiger anderer Stellen sehr zweifelhaften
16311/ertes stellt er nämlich Folgendes auf (S. 37f.): „Wir haben
16312ⲉ hinlänglich überzeugt, dass und in welcher Weise etwa die
16313piphanie des elften Tybi (6. Januar) in gnostischen Kreisen als
16314eburtsfest Christi gefeiert wurde. Aber ein Zeuge noch des
16315veiten Jahrhunderts, dessen Wort einen besonderen Wert durch
16316m Umstand erhält, dass er selbst in dem Mittelpunkt der gno-
16317ischen Bewegung, zu Alexandria, lebte und wirkte, Clemens
16318sichert auf das Bestimmteste, dass das von den Basilidianern
16319n elften Tybi begangene Fest die Feier der Taufe Christi war.
16320nd als die Kirche den Festtag übernahm, vereinigte sie, wie
16321ir sehen werden, an demselben das Gedächtniss der Geburt und
16322aufe. Wie konnte das Tauffest zum Geburtsfest, wie beides
16323sreinigt und gleichsam als eins aufgefasst werden?“
16324Von p. 38 bis 187 untersucht Usener diese Frage nach allen
16325ⲙⲉ hin; besonders die Gnostiker haben ihm viel Material zur
16326sung des schwierigen Problems an die Hand gegeben, daher
16327ällt ihm die Antwort, auf die Frage, von der er ausgegangen,
16328je eine reife Frucht in den Schooss. Die erste Vorstellung
16329ⲓ der Geburt des Gottessohnes war in der Jordantaufe aus-
16330»prägt. Die Gnostiker, welche diese Taufe zu feiern begannen,
16331aren dazu veranlasst durch den darin entwickelten Gedanken
16332ır Herabkunft Gottes auf die Erde. Basilides selbst hat den
16333organg am Jordan nicht gekannt, wenigstens noch nicht zu
16334ır Zeit, als er die uns bekannte Lehre (S. 99) vortrug. Die
16335zer der Taufe Christi, welche seine Anhänger am 11. Tybi
16336ler 6. Januar begingen (S. 1) verdankt ihre Entstehung der
16337xt, als der Bericht von der Jordantaufe in der Fassung des
16338vulinischen Evangeliums durchdrang, also der Zeit zwischen
1633910 und 130 (S. 122) ......... Die Herabkunft der Gottheit,
page 462
16340446 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
16341die Schöpfung eines Gottessohnes, mit einem Wort die Epiphanie |
16342war es, was sie in der Taufe feierten: die volksthümliche Variante
16343dieser Vorstellung, die jungfräuliche Geburt, verlieh nur dem-
16344selben Feste einen Zuwachs liturgischen Inhalts. Mit der Ein- |
16345setzung des Festes war von vorn herein die Vereinigung der
16346Taufe und der Geburt Christi zur selben Feier gegeben gewesen.
16347Die Nachtfeier, welche ehemals zu würdiger Vorbereitung auf
16348den hohen Tag der Jordantaufe gedient hatte (S. 18), wurde nun
16349entsprechend der Erzählung des dritten Evangeliums zu einer
16350Feier der jungfräulichen Geburt. Wie das in diesen gnostischen
16351Kreisen noch bis ins vierte Jahrhundert geschah, haben wir be-
16352reits von Epiphanius uns berichten lassen (ⲃ︦. 27 f.), und die
16353Lehre der Naassener hat diesen Bericht bestätigt (S. 31 f.). Aus
16354ihren Zahlenspielereien ergiebt sich ferner, dass auch die Valen-
16355tinianer das Fest hochgehalten haben. Es ist also schon im Laufe
16356des zweiten Jahrhunderts, vor der Zeit des Clemens, die Fest-
16357feier von den Basilidianern aus, mindesten auf zwei andere Sekten,
16358wir dürfen annehmen, auf alle eigentlichen Gnostiker über
16359gegangen. Während des dritten Jahrhunderts wird es sich noch
16360weiter ausgebreitet haben, zumal im Osten, der Heimath des
16361Bardesanes und Manes. So kam es, dass schliesslich auch die
16362Kirche, die sich bisher gegen das Fest, vermutlich gerade wegen
16363seines ketzerischen Beigeschmacks, so spröde verhalten hatte,
16364dasselbe übernahm und der Bedeutung seines evangelischen In-
16365haltes gemäss ausstattete; sie übernahm es aber ⲃⲟ wie es die
16366Gnostiker ausgebildet hatten, als Feier der Geburt und der Taufe
16367Christi. Das kann im Osten schon um die Wende des dritten
16368und vierten Jahrhunderts geschehen sein; aber als der Kirche
16369nach schwerer Verfolgung (303—311) endlich der Friede und
16370dadurch die Möglichkeit sich behaglich im eigenen Hause ein-
16371zurichten gegeben war, da muss die Ausbreitung der Festfeier
16372fast eine plötzliche gewesen sein. Wir können nunmehr an der
16373Hand der Zeugnisse die kirchliche Anerkennung und Begehung
16374des Festes verfolgen“.
16375Soweit Usener. Wir unsererseits ! müssen gestehen, dam
163761 Vergleiche die sehr eingehende Recension des Werkes ⲩⲱ
16377Harnack: Thevlogische Literaturzeitung 1889 No. 8 S. 1998
page 463
16378IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 447
16379• diesen Ausführungen gegenüber uns sehr skeptisch verhalten
16380ssen, da wir keineswegs mit dem Verfasser überzeugt sind,
16381ⲃ durch seine Methode das Problem „zur leibhaftigen Gewiss-
16382t“ gebracht ist. Denn so fest geschlossen auch der ganze
16383fbau zu sein scheint, um so wankender werden seine Funda-
16384nte, sobald man diese näher prüft. Die Gnostiker, insbesondere
16385Basilidianer sollen zuerst das Fest am 11. Tybi gefeiert haben;
16386ⲅ das Zeugnis des Clemens berechtigt uns keineswegs, auf die
16387t des zweiten Jahrhunderts weitgehende Schlüsse zu ziehen.
16388> bleibt nun der fünfzehnte Tybi oder elfte Januar, den doch auch
16389Basilidianer oder ein Teil derselben festlich begingen? Sind
16390se die älteren, oder jene, die am elften 'Tybi feierten? oder
16391»en beide Richtungen gleichzeitig neben einander existiert?
16392elchen ist der Meister selbst gefolgt? Das sind doch Fragen,
16393Ⲓⲥⲃⲉ ein Philologe wie Usener zur festen Fundierung seiner
16394iteren Untersuchungen hätte scharf ins Auge fassen müssen.
16395er die Pistis Sophia bestätigt ja Useners Ansätze auf das Treff-
16396aste! — Die P. S. ist ein Denkmal der jüngeren Valentinischen
16397ⲙⲉ (S. 20); eine Begründung dieser Ansicht suchen wir ver-
16398jens, und doch war sie an dieser Stelle von der höchsten
16399ichtigkeit, wenn sie ein vollgültiges Zeugnis für die Basili-
16400ner abgeben sollte, zumal doch bedeutende Kenner des Gno-
16401ısmus wie Koestlin, Lipsius, Baur etc. ganz anderer Meinung
16402d! Was versteht denn Usener unter dem Begriff „jüngerer
16403‚Jentinischer Schule“! Denn dies ist meiner Meinung nach
16404ı sehr relativer Begriff, unter dem man nur seine Unkenntnis
16405n dem wirklichen chronologischen Verhältnis verbergen kann.
16406he ich recht, so will Usener dadurch, dass er die P. S. den
16407ıgeren Valentinianern zuschreibt, das Alter des Werkes höher
16408ı1aufrücken, spricht er doch auf S. 188 vom zweiten Jahrhun-
16409rt; dies ist aber, wie unsere Untersuchungen zeigen werden,
16410rchaus unzulässig. — Die P. Sophia bestätigt nun die Feier
164113 Tauffestes am fünfzehnten Tybi, Usener hat dieses Verhältnis
16412t Scharfsinn erkannt; aber der fünfzehnte Tybi hat für ihn
16413inen Wert, da er ja ein Zeugnis für die Feier am elften Tybi
16414den will. Doch auch dieses lässt nicht auf sich warten.
16415ıch ihm giebt dieselbe Pistis Sophia „auch für den elften Tybi
16416Januar) ein zwar indirectes, aber unverkennbares Zeugnis.
16417enigstens wer die Zahlenmystik der Valentinianer beobachtet
page 464
16418448 IV. Untersuchungen über die gnöstischen Werke,
16419hat, wird nicht zweifeln, wesshalb das Nachleben des Heilands
16420nach der Auferstehung gerade auf elf Jahre ausgedehnt wird.
16421Wahrscheinlich stand diesem Ansatz die Lehre zur Seite, dass
16422das Leben Christi von der Geburt bis zur Kreuzigung 33 Ⲁ h.
16423dreimal 11 Jahre gewährt habe, wodurch dann die heilige Vier-
16424zahl mit der Einheit von 11 Jahren hergestellt wurde. Die
16425Zahl elf war nun einmal durch jenen Ansatz der Epiphanie
16426typisch geworden durch die Erscheinung Gottes auf Erden. Diese
16427Ableitung der 11 Jahre ist um so zwingender, als gemäss der
16428Apostelgeschichte Jesus nach der Auferstehung nur 40 Tage
16429bei den Jüngern blieb und andererseits die alten Valentinianer,
16430sowie die Ophiten im Einklang mit dem Zahlenwerthe von IH
16431(cos) diesen letzten Erdenaufenthalt des Heilandes mit 18 Mo-
16432naten anzusetzen pflegten.
16433Nirgends ergeht sich die Spielerei der Valentinianer mit Buch
16434staben und Zahlen ausgelassener als in den Proben, die uns Irenseus
16435aus Schriften des Marcus bewahrt hat. Die Hauptrolle spielen dabei
16436natürlich wie in der pythagoreischen Mystik die Grundzahlen und
16437ihre Vielfachen. Aber es wird auch Zahlen Bedeutung beigemessen,
16438welche nicht durch ihre inneren Eigenschaften, sondern nur aus
16439Gründen, welche ausserhalb der arithmetischen Metaphysik liegen,
16440bemerkenswerth erscheinen konnten. Dasgilt von der 6 und der 11.“
16441Nachdem nun die Zahlenmystik des Marcus über die Zahl 11
16442genügend dargelegt ist, schliesst Usener mit dem Satze: „Jenes
16443Zahlenspiel mit der elf konnte Marcus nicht aus seiner besonderen,
16444auf Buchstaben und Zahlen gegründeten Äonenlehre ableiten;
16445er musste dazu eine Anleihe machen, und zu dieser konnte kein
16446anderer Anlass sein als das Bedürfnis, den elften Tybi zu sym-
16447bolischer Bedeutung zu erheben“. Man kann wohl diesen letzten
16448Satz auf Usener selbst anwenden und behaupten, dass er, weil es
16449in seinem Bedürfnis lag, den elften Tybi in der P. Sophia nach-
16450zuweisen, eine Anleihe dazu bei Marcus gemacht hat. Denn
16451was hat dieser Marcus mit unserm Buche zu thun? Was ⲙ
16452überhaupt die Zahl 11 bei jenem mit dem elften Tybi, und lets-
16453teres Datum mit den elf Jahren Jesu nach der Auferstehung =
16454schaffen? Wir bedürfen zum Glück keiner eingehenden Wider
16455legung, da die P. Sophia sie uns ohne Mühe an die Hand giekt
16456Sie kann nämlich gar kein „indirectes, aber unverkennbarea Zeug-
16457nis für den elften Tybi“ liefern, da sie ja gar nicht lehrt, dass
page 465
164581V. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 449
16459sus elf Jahre nach seiner Auferstehung auf Erden gelebt hat;
16460tt ⲉⲓ doch, wie wir oben nachgewiesen haben, zwölf Jahre
16461enieden gewandelt.
16462Ist es uns aber gelungen, die beiden Grundpfeiler der Use-
16463r’schen Hypothese zu untergraben, so muss auch notwendiger
16464’eise der stolze Bau, der von ihnen getragen werden sollte,
16465nfällig zusammenbrechen. Kein Beweis ist geliefert, dass „im
16466ı‚ufe des zweiten Jahrhunderts die Festfeier von den Basili-
16467anern aus auf zwei andere Sekten übergegangen ist“, noch viel
16468aniger sind wir zu der Annahme berechtigt, dass sie „auf alle
16469gentlichen Gnostiker übergegangen“. Ganz in der Luft schwebt
16470ⲃ Behauptung, dass „es sich während des dritten Jahrhunderts
16471ıch weiter ausgebreitet habe“, um ganz davon zu schweigen,
16472ⲁⲃ dies besonders „im Osten, der Heimat des Bardesanes und
16473anes“ stattgefunden und von hier aus dann im vierten Jahr-
16474ındert nach Besiegung der Gnostiker in die Kirche einge-
16475ungen sein soll. Mit einem Wort, die Frage, die Usener sich
16476stellt hat, ist keineswegs gelöst, sondern noch mehr ver-
16477ınkelt worden !.
16478d, Jesus und der Jüngerkreis,
16479Schon bei seiner Herabkunft in die Welt hat Jesus seine
16480völf Jünger formiert, um sie in seinen Dienst zu stellen. Denn,
16481ihrend er sich in der Äonenwelt aufhielt, nahm er auf Befehl
16482ⲃ ersten Mysteriums zwölf Kräfte aus den zwölf dı«xovor der
164831 Die Frage nach der Entstehung oder wenigstens der Feier des
16484’eihnachtsfestes ist neuerdings durch den von Georgiades: ⲡⲉϩ ⲧⲟⲩ
16485ⲟⲙⲩⲏⲕⲟⲧⲟϩ ⲓⲟⲩ ⲟ︦ⲣⲟⲱ Inmolurov Eis ⲧⲟ̀ ⲡⲟϣϥ ϧⲁⲩ in der
16486ⲕⲕⲗϥϭ. ⲑⲉⲓⲁ 1885 p. 10—24. 4-ϭ0 1886 ⲣ. 225/47. 278/87
16487rausgegebenen Kommentar des Hippolyt zum Daniel in ein neues
16488cht gerückt: „1 ϯⲉⲣ ⲡϩⲱⲧⲓ ⲡⲥⲫⲟⲩϭⲥ TOD XUQIOV ϥⲕⲱ̄ N ⲉ̃ϭⲁϩⲭⲟϩ,
16489N yeyevunıaı dv ⲂϥⲐⲉ̀ⲏ, ⲉⲣⲉϧⲉⲧⲟ ⲡϩⲟ ⲕⲧⲱ xahdavdav lavovaglaov
16490ⲟ TETQAdı, BaGIÄEUOVTOS AUyoVOIOU TEGOKQAKOGTOV Kal ÖEUTEQOV
1649105, ⲉⲡⲟ ÖE ’Adap ⲡⲉⲩⲧⲥⲭⲓϭⲗⲓⲓⲟϭⲅϣ Kal ⲡⲉⲩⲅⲟⲭⲟϭⲓⲟϭⲅϣ Ereı, Ermade ⲑ
16492ⲓⲥⲭⲟϭⲅϣ︦ TOLTO, ⲡϩⲟⲩ ⲕⲧⲱ Kadavdav ⲉ̃ⲡϩⲓⲙⲱⲩ, ϥⲙⲉϩ TAQUOKEUN,
16493ⲧⲱⲕϭⲓ ⲉⲕⲟϣ *ⲧⲉⲓ Tıßeolov Kaiongos, ⲟⲡϭⲧⲉⲟⲱⲧⲟϩ Ⲧⲟⲱϣⲟⲱ ⲕϭⲓ
16494Texte u. Untersuchungen VIII, 1. 3. 29
page 466
16495450 JV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
16496Mitte resp. den zwölf ϭⲱⲧϥⲟⲉϩ des Lichtschatzes und liess sie
16497in die Sphären der Archonten, von denen jede Geburt ausgeht,
16498bringen. Die Dekane und deren Liturgen hielten sie für Seelen
16499der Archonten und führten sie in den Mutterleib ihrer Mütter.
16500Daher existiert keine Seele der Archonten in ihnen; sie stammt
16501ebenso wenig wie diejenige Jesu vom Kosmos ab, sondern gehört
16502der Höhe an und entstammt dem Erlöser selbst (p. 11. 14. 280);
16503in den Jüngern ist das zveüua Jesu (ⲣ. 82. 86. 182. 343). Auf
16504diese Weise sind die künftigen Jünger Jesu schon von vorn-
16505herein der irdischen Weltsphäre entrückt, sie sind gewissermassen
16506präexistent wie er selbst gedacht. Wir können diese Entwicklung,
16507welche hier der Apostelbegriff genommen hat, sehr wohl be-
16508greifen, denn war Jesu öffentliche Wirksamkeit nur auf eine Be-
16509lehrung und Einweihung der Jünger in die höchsten Mysterien be-
16510schränkt worden, waren die Jünger im Grunde die eigentlichen
16511Weltheilande, welche an Jesu Statt die Verkündigung des Heils
16512übernehmen sollten, so musste man sie mit einer höheren Natur
16513begaben und zur Begründung ihres soteriologischen Ansehens
16514eine „metaphysische Theorie“ ! aufstellen, da nach den Gnosti-
16515kern die Welt durch wirkliche Menschen wegen der anhaftenden
16516Hyle nicht gerettet werden konnte. Die P. S. spricht diese ihre
16517Theorie mit klaren Worten aus, denn nach p. 11 sind ihnen
16518diese höheren Kräfte zu dem Zwecke verliehen, dass sie den
16519ganzen Kosmos retten und die Drohungen der Arehonten des
16520Kosmos und die Leiden des Kosmos, ihre Gefahren und Ver-
16521folgungen, die die Archonten der Höhe über sie führen werden,
16522ertragen könnten (cf. p. 15).
16523Diese hohe Fixierung des Apostolats erinnert an die spätere
16524grosskirchliche Ansicht, die gerade im Gegensatz zum Gnosticis-
16525mus diesen absoluten Begriff der daijdexa entwickelt hat, und
16526zeigt uns deutlich, dass die P. Sophia kein Werk des zweiten
16527- Jahrhunderts sein kann. Im vierten Buche ebenso wie. in den
16528beiden Büchern Jen finden wir noch gar keine Spur der Pri-
16529“Povßeikiwvroe® (cf. Kennedy: Part of the Commentary of ⲃ︦. Hipp
16530lytus on Daniel, Dublin 1888. 83. 24). Ich verdanke diese Notix der
16531gütigen Mitteilung von H. Prof. Harnack, vergleiche jetzt Harnack:
16532Theologische Literaturzeitung 1891 No. 2. ⲃ. 383,
165331 ef. Harnack: Untersuch. etc. S, 61.
page 467
16534IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 451
16535istenzlehre von den Jüngern; sie zeichnen sich nur dadurch vor
16536len Menschen aus, dass sie, wie die wirklichen Jünger, ihre
16537Itern, Verwandten, Frauen und Kinder und die Güter dieser
16538’elt preisgegeben, ihrem Erlöser in Treue gefolgt sind und alle
16539ine Gebote, die er ihnen gegeben, gehalten haben (p. 357. 363.
165406. Ⲣ. 56. 57. 1). Ihr sittlicher Lebenswandel, ihre Nachfolge
16541ırısti hat sie zu Erben des Himmelreiches gemacht, nicht ihre
16542&existenz. Auch spricht sich in diesen Büchern ein deutliches
16543.huldbewusstsein der Jünger aus, die durch den Erlöser von ihren
16544äischlichen Gebrechen befreit zu werden wünschen (ⲣ. 357. 374.
16545‘6. P. 1 ff. und 61 ff.), ja sie behaupten von sich selbst, dass sie
16546ⲓⲧⲁ ϭⲟϫ geboren sind und Jesum ϫⲟⲥ odpxa gekannt haben
16547. 4). Diese reuige Demut hat in den drei ersten Büchern der
16548ⲃ︦. einem stolzen Selbstgefühl Platz gemacht, das sich von
16549m Geiste des Erlösers getragen fühlt und aus der hohen Stel-
16550ng gegenüber der gesammten Menschheit resultiert.
16551Der Verfasser beschränkt den Apostolat auf die Zwölfzahl
16552ⲅ Jünger, daneben sind noch im Kreise derselben die vier
16553:auen: Maria, die Mutter Jesu, Maria Magdalena, Salome und
16554artha. Die Namen der Jünger treten uns nicht alle in den
16555»sprächen entgegen, nur Johannes, Petrus, Philippus, Thomas,
16556atthaeus, Andreas, Jacobus, Bartholomaeus (viertes Buch) werden
16557mannt, Simon ⲟ Kavavylıns erwähnt. In den beiden Büchern
16558Ⲁ werden, da die Komposition eine andere ist, die einzelnen
16559amen der Jünger nicht hervorgehoben, nur in der Einleitung
165602 heisst es: „Es antworteten alle Apostel mit einer Stimme,
16561atthaeus und Johannes, Philippus, Bartholomaeus und Jacobus
16562ıd sprachen“ etc. Es werden also nur fünf Namen erwähnt
16563ıd sie doch als die Gesammtheit der Apostel hingestellt; aber
16564ir sind keineswegs berechtigt, daraus den Schluss zu ziehen,
16565ss der Verfasser die andern nicht gekannt oder gelesen habe,
16566hebt vielmehr nur die bedeutendsten unter ihnen hervor, wie
16567ir es sehr häufig bei den Kirchenvätern finden; auch hatten
16568amen wie Jacobus Alphaei Sohn, Lebbaeus, Judas Iscariot oder
16569atthias gar kein Interesse; dieselben treten in der nachaposto-
16570ıchen Zeit fast ganz in den Hintergrund !.
165711 In der grosskirchlichen Literatur haben sie gar keine Be-
16572utung gehabt.
1657329*
page 468
16574452 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
16575Die Jünger werden stets yadntal genannt, der Name „dxö-
165766r0i0t“ kommt niemals in der P. ⲃ vor, dagegen werden sie
16577in der Einleitung des ersten Buches Jeü stets ⲟ äxö0tolor ⲃⲉ
16578nannt (P. 1 ff.), nur einmal neben ax6oro4dos auch uadnıral (P. 3);
16579daneben finden wir ol uadnrıai Incov (P. 39. 42. 44. 76), auch
16580ⲟ dmdıxa ıP. 47. 48. 54. 75); ganz singulär ist ol uadyrıd
16581Xot06r0t (P. 45). Dies ist um so auffallender, als nur an dieser
16582Stelle und gleich darauf in P. 46 der Name Xow0rös erwähnt
16583wird. da bekanntlich die Gnostiker ϭⲟϩ und Xgiorös scharf
16584von einander unterschieden. Im zweiten Buche Jen werden
16585ebenso wie im vierten Buche der P. ⲃ︦. die Jüngerinnen (yadrEi«)
16586genannt, doch spielen sie noch keine hervorragende Rolle.
16587«. Die Jüngerinnen.
16588In der P. S. überragt alle Jünger und Jüngerinnen Maria
16589Magdalena'); sie kann geradezu als die Hauptperson, als die
16590Hauptsprecherin? angesehen werden. Sie ist es, die das erste
16591Wort ergreift und damit die Reihe der Unterredungen einleitet,
16592denn „als er nun dieses zu seinen Jüngern gesagt hatte, sprach er
16593zu ihnen: „Wer Ohren hat zu hören, höre“. Es geschah nun, als
16594Maria diese Worte den cwr%0 reden hörte, blickte sie eine Stunde
16595lang in die Luft und sprach: „Mein Herr, befiehl mir &y ϭⲟ
16596zu sprechen“. Jesus, der Barmherzige sprach zu ihr: „Maria, Du
16597ⲙⲥⲭⲥⲣⲓ⳪. welche ich in allen Mysterien von der Höhe vollenden werde,
16598sprich i zadtyoie«, Du, deren Herz auf das Himmelreich mehr als
16599alle Deine Brüder gerichtet ist“ (p. 26). Damit ist deutlich ihre
16600bevorzugte Stellung im ganzen Jüngerkreise proklamiert, und nicht
16601nur hier auf Erden soll sie ausgezeichnet werden, sondern es
16602soll diese Bevorzugung sich auch auf das künftige Leben er-
16603strecken, da der Herr sagt: „Aber Maria Magdalena und Johannes
16604ⲧⲥⲟ ⲟϩ werden vorzüglicher sein als alle meine Jünger“ (p.231)
16605Ihre Abkunft ist ebenfalls eine höhere, denn sie hat nach p. 116
16606neben der Mutter Jesu Ähnlichkeit, welche in der Lichtjungfrau
16607ist, gemäss dem Lichte empfangen. Sie tritt als der Anwalt für
16608die andern Jünger auf (p. 199. 297. 365), dies zeigt sich in sehr
16609ⲓ Sehr häufig wird sie nur Maria genannt, p. 350 Magiappz.
16610* Wenn ich richtig gezählt habe, so redet sie an 67 Stellen.
page 469
16611IV, Untersuchungen über die gnostischen Werke. 453
16612ıarakteristischer Weise bei jener Episode, als dieselben, durch
16613ⲑ langen Auseinandersetzungen über den Wert des Mysteriums
16614ⲑ Ineffabilis ermüdet, nicht mehr aufmerksam zuhören. Da ist
16615ⲉ noch geistesfrisch und von Wissensdurst erfüllt, weinend
16616ürzt sie sich Jesu zu Füssen und bittet: „Habe Erbarmen mit
16617ir, mein Herr, wenn meine Brüder nicht zugehört und nach-
16618zlassen haben in den Worten, welche Du sagst“ etc. (p. 216 ff.).
16619je selbst ist sich ihrer hohen Würde wohl bewusst, sie kennt
16620mn Adel ihrer Natur und spricht: „Mein Herr, der Lichtmensch
16621ⲙ Ohren, und ich vernehme in meiner Lichtkraft, und es hat
16622ich ernüchtert Dein Geist, der mit mir“ (p. 52. 71. 122. 197. 293.
16623)1. 303.308. 316. 319). Ihr ⲟⲟϩ ist vo£p0s (cf. p. 343) zu jeder Zeit,
16624n jedesmal hervorzutreten und die Auflösung der Worte der
16625. Sophia zu verkündigen, da sie mit dem Lichtgeiste angefüllt
16626t (ⲣ. 161). Sie fragt nach allen Dingen sicher und genau (ⲣ. 34.
1662731. 187. 199. 232. 310. 313. 325). Selbst Jesus ist über die dxo-
16628ⲡ̄ϭⲉⲓϩ der Worte, welche sie sagt, erstaunt, weil sie ganz reines
16629ⲉⲱⲙⲥ geworden war (p. 198), preist sie sehr wegen ihrer Worte
16630. 33. 34. 188. 298. 331. 342. 343) und ist von grossem Er-
16631ırmen gegen sie erfüllt (p. 200. 297). Auch bei der Zustim-
16632ung zu den gegebenen Antworten lässt er ihr die schönsten
16633»beserhebungen zuteil werden:
166341) ⲉⲟⲩⲉ Maria, denn Du bist w%axapla vor allen Weibern
16635ıf Erden, weil Du xi%0wua aller ⲡ ]ⲟⲱⲕⲥⲧ⳪ und Vollendung
16636ler Vollendungen sein wirst (p. 28 f.).
166372) «eye Maria, Du yaxapla, Du xin0owua oder Du xarua-
16638WL0or ⲗ) ⲣⲱⲙ⳪, Welche unter allen Geschlechtern selig gepriesen
16639ird (p. 56).
166403) ⲉⲩⲉ Maria, Du yaxapla, welche das ganze Lichtreich ⲉⲓ‐
16641sen wird (ⲣ. 119), und &öye M., Du x1n00vöuo0os des Lichtes
16642. 123). ;
166434) ⲉⲟⲩⲉ xaldıs Maria, Du yaxapia (p. 161. 164).
166445) eye, Du zvevuatıxy, ellıxoırnc Maria (ⲣ. 198. 297. 304.
16645)8. 310. 313. 335).
166466) ⲉⲟⲩⲉ Maria (p. 71. 77. 89. 98).
16647Ⲡ) Nicht zu verwechseln ist Maria Magdalena mit Maria,
16648ır Mutter Jesu!, die aber noch ganz in den Hintergrund treten
166491 Renan: Marc Aurele S. 145 hat dies gethan, wenn er be-
page 470
16650454 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
16651muss, während im Katholicismus beide ihre Rollen vertauscht
16652haben. Sie ist die Mutter Jesu xar& ⲗ] oder xard ⲭⲟϭⲙⲟⲃ
16653(ⲣ. 13. 120), welche Gestalt, die in der Barbelo ist, xard tip
166542 und Ähnlichkeit, die in der Lichtjungfrau ist, xard ⲧ
16655ϭⲱϩ empfangen hat (p. 116). Nur dreimal (d. h. allein im ersten
16656Buche (p. 116, 120. 123) beteiligt sie sich an den Gesprächen.
16657Jesus ist voll Ehrerbietung gegen sie und spricht zu ihr: „e0ye
16658xc«i@®s, wahrlich, wahrlich ich sage Dir, man wird Dich preisen
16659von einem Ende der Erde bis zum andern, denn es ist bei Dir
16660eingekehrt die ϥ⳪] ⲭ] des ersten Mysteriums, und durch jene
16661zagaduxn werden alle die von der Erde und alle die von der
16662Höhe gerettet werden, und jene xagadrxn ist der Anfang und
16663die Vollendung“. Im Übrigen findet er für sie nur die Worte
16664ⲉⲩⲉ xaims (ⲣ. 122. 124).
16665Ill) Ⲙⲓ zur Seite tritt die Salome !. Ihre Beteiligung an der
16666Unterhaltung ist ebenfalls gering (p. 102. 114. 381), auf p. 342
16667regt sie die Frage über die Dignität des »6öwog Mose an. Der
16668Herr antwortet ihr: ⲉⲟⲩⲉ Salome ⲣ. 104) und &üye Salome und
16669ⲭⲱ ⲣ. 114).
16670IV) Martha wirft sich voller Demut Jesu zu Füssen, küsst
16671sie und ruft weinend aus: „Mein Herr, habe Erbarmen mit mir
16672und habe Mitleid mit mir und lass mich die Auflösung der uerävou,
16673welche die P. S. geredet hat, sagen“. Darum ergreift der Herr
16674ihre Hand und spricht zu ihr: „Selig ist jeder Mensch, der sich
16675erniedrigt, denn man wird sich seiner erbarmen, jetzt nun Martha,
16676Du bist eine uaxapla“ etc. (ⲣ. 61). Sie redet ferner auf p. 111.
16677162. 175.
16678hauptet: Marie, mere de Jesus, en particulier, dont 1’Eglise orthodoxe
16679ge preoccupait tres peu, dut & ces novateurs les premiers d&veloppe-
16680ments de son röle presque divin, und Anm. 1. Voir la Pistis Sophia,
16681ⲗ chaque page, surtout ⲣ. 19. 20. 39. KL’exagöration du culte de la
16682Vierge est un fait avant tout syrien. Voir saint ®phrem. Ⲥⲙⲙ
16683nisih., p. 29. 30 (ⲕⲑ Hätte Renan aufmerksamer gelesen,
16684würde er diesen Irrtum nicht begangen haben, denn auf p. 19. 20.
1668539 ist nur von Maria d.h. Maria Magdalena die Rede.
166861 Bekanntlich spielte Salome im Aegypterevangelium eine grosse
16687Rolle. Vergleiche Resch: Agrapha S. 384ff.
page 471
16688IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 455
16689Wir finden also in diesem Jüngerkreise dieselben Frauen,
16690welche auch nach der historischen Überlieferung der Evangelien
16691in dem Gefolge Jesu waren und sich in den Tagen des Leidens
16692und Sterbens durch ihre Treue und Glaubensstärke auszeichneten.
16693Diese Erzählungen haben ohne Zweifel auf den Verfasser ein-
16694gewirkt, darum er sie einen so lebhaften Anteil an den Gesprächen
16695nehmen lässt. Auf der andern Seite wird aber auch, wie Har-
16696nack! scharfsinnig vermutet hat, die rechtliche Stellung der
16697Frauen innerhalb der Gemeinde, welche ja auch in der Gross-
16698kirche zu Streitigkeiten Anlass gab, mitgewirkt haben; in dieser
16699Beziehung liefert uns die P. S. ein Stück älterer Kultusgeschichte.
16700Die Jünger wollen sich natürlich dieses unberechtigte Vordringen
16701der Frauen nicht gefallen lassen; Petrus tritt als der Verfechter
16702ihrer Sache auf und sagt: „Mein Herr, nicht werden wir diese
16703Frau (sc. Maria Magd.) ertragen können, da sie uns die Gelegen-
16704heit nimmt; und nicht hat sie Jemand von uns sprechen lassen,
16705sondern spricht unzählige Male“ (p. 57). Dieselbe Spannung finden
16706wir im vierten Buche, auch hier ist Petrus der Wortführer
16707(p. 382 f): „Mein Herr, mögen die Frauen zu fragen aufhören,
16708damit auch wir fragen“. An beiden Stellen vertritt Jesus die
16709Rechte der Frauen: „Derjenige, in dem die Kraft seines Geistes
16710aufwallen wird, damit er das, was ich sage, denkt, möge hervor-
16711treten und sprechen“ (p. 57 f.).
16712Noch deutlicher spricht er sich auf p. 161 aus, als Maria
16713sagt: „Mein Herr, mein votg ist vosgög zu jeder Zeit, damit ich
16714jedesmal hervortrete und die Auflösung der Worte, die sie
16715(sc. P. S.) gesagt, vorbringe, aber ich fürchte mich vor Petrus,
16716denn er droht mir und hasst unser Geschlecht“; denn er giebt
16717zur Antwort: „Keinen, welcher von dem Geiste des Lichtes er-
16718füllt wird, dass er vortrete und die Auflösung dessen, was ich
16719sage, vorbringe, wird Jemand hindern können“. Auch ⲣ. 383 weist
16720er nicht die Rechte der Frauen zurück, wenn er sagt: „Lasst die
16721Gelegenheit euren männlichen Brüdern, damit auch sie fragen“.
16722ⲣ) Die Jünger.
167231) Wie unter den Jüngerinnen Maria Magdalena, so nimmt
16724unter den Jüngern Johannes den ersten Rang ein. Er ist der
167251 Unters. etc. S. 17.
page 472
16726456 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
16727ⲡⲥ ⲟϩ, zu dem Jesus spricht: „eüye Johannes, Du ϩⲑⲏ.
16728welcher in dem Lichtreiche herrschen wird“ (p. 67); er ist neben
16729Maria der vorzüglichste unter den Jüngern und nimmt den
16730nächsten Thron im Lichtreich ein (p. 231). Jesus ruft ihm zu:
16731„etye Johannes, geliebter Bruder“ (p. 128), oder „uax&ä0:05 und
16732der Geliebte“. Im dritten Buche führt er ausser Maria Magds-
16733Jena (ein einziges Mal auch Salome p. 342) ausschliesslich das
16734Gespräch !, wie er es selbst ankündigt: „Ertrage mich, indem
16735ich Dich frage, denn von jetzt an werde ich anfangen, Dich zu
16736fragen inbetreff aller Dinge über die Art, wie wir der Menschheit
16737verkündigen werden (p. 265. ef. 269. 271. 272); ebenso tritt er auch
16738im vierten Buche p. 387. 389 hervor.
1673911) Im Gegensatz zu der römischen Kirche wird Petrus ganz
16740in den Hintergrund gedrängt. Er wird zwar als das Haupt der
16741Jünger anerkannt, der ihre Rechte gegen fremde Kingriffe ver-
16742teidigt, aber seine gewaltige Persönlichkeit scheint in unsern
16743gnostischen Kreisen keinen Anklang zu haben. Dies ist ein
16744wichtiges Fingerzeichen zur „Fixierung des Ortes, an welchem
16745die P. Sophia geschrieben sein kann. Wie Petrus in den Evan-
16746gelien versucht wird und den Herrn verleugnet, so muss er auch
16747hier (ⲣ. 311) eine Probe ablegen, ob er ebenso wie Jesus
16748die Sünder barmherzig sein wird; doch besteht er die Probe.
16749‚Jesus giebt auf seine Auseinandersetzungen als Antwort: ϫⲁϥ
16750Petrus (ⲣ 59) oder ,ⲉⲑⲉ Petrus und ϫⲡⲗⲱ︦c (ⲣ. 101) oder ⲉϯ
16751Du uaxdoıos Petrus“ (ⲣ. 135).
16752ⲠⲒ) Philippus nimmt insofern eine hervorragende Stellung
16753ein, als er sitzend alle Worte und Thaten Jesu niederschreibt,
16754ein Geschäft, das ilım durch das erste Mysterium übertragen ist,
16755damit er von dem Himmelreiche Zeugnis ablege (p. 32. 69 £).
16756Ihm zur Seite stehen Thomas und Matthaeus, die ebenfalls ihren
16757Teil zu der Niederschrift beitragen sollen; handeln doch die
16758Gnostiker nach dem Grundsatze von Matth. 18, 16, dass jede
16759Sache durch zwei oder drei Zeugen bestätigt werden müsse
16760(p. 268. 353), Wir dürfen annehmen, dass der fingierten Be-
16761hauptung unseres Verfassers gemäss Philippus speziell derjenige
167621 Bestätigt dies unsere früher dargelegte Sonderstellung dieses
16763Buches?
page 473
16764IV, Untersuchungen über die gnostischen Werke. 457
16765ist, welcher die P. S. geschrieben haben soll, oder besser gesagt,
16766die beiden ersten Bücher, denn das vierte Buch kann nicht von
16767ihm stammen, ebenso wenig, wie ich glaube, das dritte Buch,
16768da sie ja den Titel w£&00s ⲧⲱ ⲧⲉⲱⲭⲱ︦ ⲧⲟⲟ Ϩⲱⲧⲓⲟⲟϩ führen.
16769Dafür spricht die Notiz in dem KEinschiebsel am Anfang des
16770dritten Buches (p. 254): „Welcher gefunden hat die Worte der
16771Mysterien, die ich euch auf Grund eines Gleichnisses geschrieben?
16772habe, dass sie die Glieder des Ineffabilis sind“. Ob diese Worte in
16773der Weise zu deuten sind, dass Jesus selbst als der Autor an-
16774gesehen wird, lasse ich dahingestellt, mir erscheint dies fraglich.
16775— Die Auswahl dieser drei Jünger als Zeugen der traditio
16776apostolica kann, wie Harnack? richtig vermutet, schwerlich olıne
16777Zusammenhang mit der Bedeutung sein, die dieselben innerhalb
16778der älteren gnostischen Literatur eingenommen haben. In der
16779That war innerhalb einer Sektengruppe, zu denen ich auch unsere
16780P. Sophia rechnen möchte, ein Evangelium Philippi in Gebrauch *.
16781Aller Wahrscheinlichkeit nach ist dieses mit demjenigen iden-
16782tisch, welches auf Grund einer Notiz von Timotheus bei Meur-
16783zius var. div. p. 117 und Leontius de sectis lect. 3 p. 432 unter
16784len Manichäern Verbreitung gefunden hatte. Man könnte auch
16785an die gnostische Apostelgeschichte des Philippus 4 denken.
16786Da nun Philippus mit der Aufzeichnung der Mitteilungen
16787rollauf beschäftigt ist, so kann er sich nur wenig an dem Ge-
167883präche beteiligen, ausser den oben genannten Stellen (p. 32. 69)
16789nur noch auf p. 179; der Herr antwortet ihm: ⲉⲑⲣⲉ Du uaxaoı0s
16790Philippus (p. 181).
16791IV) Thomas’> Stellung im Jüngerkreise haben wir schon
167921 Vergleiche Birt: Das antike Buchwesen. Berlin 1882. S 89.
167932 Unters. etc. S. 18.
167943 cf. Epiphanius haer, 26, 13 bei den Ⲓⲉⲣⲟⲕⲉϧⲟⲓ Ivworıxol:
16795ⲡϩⲟϭϣⲉ̀ϩⲟⲱϭⲓ ⲟ︦ Eis ⲟⲩⲟⲙ Dıkinnov ⲧⲟⲟ aylov uadıtod edayyElıov
16796zExA«OuEvov ; derselbe citiert eine Stelle daraus, cf. Harn. Unters. etc.
167973. 106f.
167984 Vergleiche Lipsius: Die apokr. Apostelgeschichten und Apostel-
16799legenden 2. Bd. S. 1ff.
168005 Ein sehr hohes Ansehen genoss das Evang. St. Thomae bei
16801den Gnostikern; es war ein sehr altes Product, denn bereits Iren.
page 474
16802455 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
16803vorher erwähnt. Eine grosse Bescheidenheit spricht sich in den
16804Worten aus: „Ich ertrage meine Brüder bis jetzt, damit ich sie
16805nicht erzürne, vielmehr ertrage ich einen jeden von ihnen, der
16806hervortritt“ etc. (p. 79 f.); ausserdem redet er noch auf p. 149.
16807385. 386. Der Herr spricht zu ihm: eye Thomas und xaldis
16808[ⲣ. 52 und ⲉⲭⲉ ⲭⲟϩ Thomas, Du uaxdoıos (p. 153).
16809V) Nur zweimal redet Matthaeus p. 86 und 155; Jesus ant-
16810wortet: ϫⲱϩ Matthaeus (p. 88) und evuye Matthaeus und xalws.
16811Du Geliebter (p. 160). Matthaeus erscheint als der dritte
16812Zeuge für die gnostischen Nachrichten. Wahrscheinlich war ein
16813apokryphes Machwerk bei unsern Gnostikern in Gebrauch, be-
16814richtet doch Epiph. haer. 26, 8: euayyelın db Erspa ⲉϩ ϧⲟⲕϥ
16815ⲍ HAINTOF ϭⲱⲩⲩⲟⲉ̀ⲫⲥϭⲑⲡⲓ TETOAUTXAOLV, KÜTOV TE TOP ϭⲱⲧⲃ̄
16816ⲛⲱ xal ⲭⲱⲣⲓⲟϧ Incodv Ϫⲣⲓⲟⲧⲟⲩϧ ⲟⲩ̀ϫ ⲥⲓⲟⲩⲱ̀ϧⲟⲩⲅⲥ: Ⲁⲩⲉⲓ. ⲟⲩⲧ
16817AUTOS ⲉ̃ⲡⲉⲭⲟ︦ⲗⲕⲫⲉ ⲧ) aloxgovoylav ⲧⲧ.
16818VI) Sehr eifrig beteiligt sich Andreas an den Unterredungen
16819aılv. haer, T, 20, 1 führt ein Citat aus demselben bei den Marcosiern
16820an. Ob aber der Verfasser desselben dieser Sekte angehört, möchte
16821ich stark bezweifeln, vielmehr haben wir die Entstehung desselben
16822in syrisch-gnostischen Kreisen zu suchen; nach Hippolyt Philos. VII
16823ⲣ. 101, 89 war es nämlich bei den Naassenern in Gebrauch. Erwähnt
16824wird dieses Evangelium noch bei Origenes hom. 1 in Lucam, Eusebius
16825h. ⲉ. 3, 25. Hieronymus in Matth. tom. VII, p. 1 Auch bei den
16826Manichäern fand ein Evang. Thomae weite Verbreitung, dasselbe soll
16827aber nach Cyrill’s Vermutung das Machwerk eines Schülers des Manes
16828sein; doch scheint es mir fraglich, ob diese Nachricht bei Cyrill auf
16829genauer Kunde beruht. cf. Hier. catech. 6 p. 98 coll. 4 p. 66 ed.
16830Oxon. 1703; Gelasius in decreto de libris apoeryphis (in ⲙⲛ
16831Canonico 15, 3); Timotheus bei Meursius var. divin. p. 117; Petrus
16832Siculus hist. Manich. p. 30 ed. Rader; Leontius de sectis lect. 3
16833p- 432. Auch verdienen die gnostischen Akten des Thomas an dieser
16834Stelle Beachtung cf. Thilo, acta S. Thomae Apostoli Lips. 1823 und
16835Lipsius, Apokryphe Apostelgeschichten und Apostellegenden 1. Bd.
16836ⲃ︦. 225ff.
16837! Auch aus dieser Notiz geht hervor, dass die Gnostiker es sich
16838angelegen sein liessen, in ihren Apokryphen Jesum als den Offen-
16839barer der Geheimnisse an die Jünger hinzustellen.
page 475
16840IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 459
16841). 74. 108. 165. 247, 384). Von gewissem Interesse ist die Peri-
16842ope auf p. 247 ff. Andreas sagt nämlich: „Mein Herr, ich
16843;aune und wundere mich sehr, wie die Menschen, welche im
16844:"osmos in dem oc@ya dieser in sind, wenn sie aus diesem
16845ⲟⲃⲱⲟⲉ gehen, diese ϭⲅⲉⲟⲉⲱⲙⲥⲧⲥ und alle diese Archonten und
16846Ⲙⲉ die Herren und alle die Götter und alle diese grossen dopator
16847nd alle die von dem Topos der Mitte und der Rechten und alle
16848ie grossen xooßolal der Rechten überschreiten werden und
16849le ihr Inneres werden und das Lichtreich erlosen. Diese Sache
16850un, mein Herr, ist schwierig für mich.“ Als nun dieses Andreas
16851esagt hatte, regte sich der Geist des ⲱⲧ) in ihm, er rief
16852us und sprach: Bis wie lange soll ich euch ertragen? Bis wie
16853ınge soll ich euch aushalten, oder habt ihr bis zu diesem Augen-
16854lick nicht begriffen und seid unwissend? Erkennt ihr denn nicht
16855nd begreift ihr nicht, dass ihr und alle Engel und Götter und
16856lerren etc. ihr alle von einander aus der einen Mischung und der
16857inen 27 und der einen ovola abstammt, und ihr alle von dem
16858inen ⲭⲉϭϭⲙⲟϩ seid? .......... Jetzt nun (p. 251 f.), Andreas,
16859ist Du noch in dxcoörix und Unwissenheit. Aber wenn ihr aus
16860em Körper geht und zu der Höhe kommt und zu dem Topos
16861er Archonten gelangt, so werden sich alle Archonten vor euch
16862chämen, weil ihr die Hefe ihrer Hyle seid und reineres Licht
16863]s sie alle geworden seid ........ Als nun dieses der 0wt%0
16864'esagt hatte, wusste Andreas qavepw@s, nicht nur er, sondern es
16865‚ussten alle Jünger richtig, dass sie das Lichtreich erlosen
16866rürden. Sie fielen alle zugleich Jesu zu Füssen, riefen aus,
16867reinten, flehten den ϭⲱⲧ ⲟ an und sprachen: Ⲟ Herr, vergieb
16868je Sünde der Unwissenheit unseres Bruders. Es antwortete der
16869ⲱⲧ] und sprach: Ich vergebe und werde vergeben; deswegen
16870‚un hat mich das erste Mysterium gesandt, damit ich die Sünde
16871inem Jeden vergebe“.
16872Ob diese Scene oder wenigstens das Motiv irgend einer
16873‚pokryphen Apostelgeschichte entnommen ist, ist nicht mehr zu
16874ntscheiden ?,
168751 Hier ist Jesus als ein Mensch aufgefasst, in dem der Geist
16876‚es Gwrno d. h. die bei der Jordantaufe über ihn gekommene gött-
16877iche Kraft wohnt.
168782 Vergleiche Harn. Untersuch. etc. ⲃ. 17f.
page 476
16879460 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
16880VII) Jacobus, wahrscheinlich der Bruder des Johannes, ist der
16881letzte in der Reihe der Redner (ⲣ. 93. 141. 172). Jesus sagt zu
16882ihm: ⲉⲩⲉ xalcos Jacobus (p. 93) und euys xalcs Jacobus, Du
16883Geliebter (p. 141. 173).
16884VE], Nur im vierten Buche findet sich noch Bartholomaeus,
16885der auf ⲣ. 356 redet; auch wird sein Name neben den andem
16886p- 355 erwähnt.
16887IX) An der letzteren Stelle wird noch der Name des Simon
16888ⲟ Kararityg! genannt; an den Gesprächen beteiligt er sich
16889gar nicht. ⲓ
16890Auf diese Weise erhalten wir, wenn wir Simon nicht mit-
16891rechnen, die Namen von acht Jüngern und vier Jüngerinnea,
16892d. h die heilige Zwölfzahl, und es ist nicht unwahrscheinlich,
16893dass die Verfasser der P. Sophia mit diesen den Apostelkreis
16894der dwdexa abgeschlossen haben. Denn nur zwölf Lichtkräfte
16895hat Jesus zur Formation der Jünger hinabgesandt (ⲃ. 0.), er umfasst
16896die und tolar unter dem Namen uadnral, ⲣ. 231 nennt er sie
16897seine zwölf dıdxovor, fügt dann aber gleich hinzu: „aber Maria
16898Magdalena und Johannes ⲇ ⲟϩ werden vorzüglicher als alle
16899meine Jünger sein“. Die Maria befindet sich also unter den
16900zwölf dıuxoroı. Das vierte Buch und die beiden Bücher Jet
16901unterscheiden scharf die dwdexa und die uadnrtolas.
16902Sehr interessant ist es, dass Maria Magd. auf Roem. 13, 7
16903verweist und behauptet, dass Jesus dieses durch den Mund des
16904Paulus „unseres Bruders“ gesprochen habe. Dies ist natürlich
16905ein grosser Anachronismus; wir erkennen daran zugleich, dass
16906man in diesen Kreisen die paulinischen Schriften anerkannte
16907Koestlin macht mit Recht darauf aufmerksam, dass „sich noch
16908an sehr vielen andern Orten, z. B. bei der Lehre von der Sünde,
16909Gelegenheit dazu geboten hätte, Stellen aus den Briefen dieses
16910Apostels in ähnlicher Weise, wie es p. 294 geschieht, anzuführen;
16911die Absicht des Verfassers, seine Lehre als die älteste und
16912ursprüngliche, schon den unmittelbaren Jüngern Jesu mitgetheilte
16913darzustellen, konnte es freilich nicht anders mit sich bringes,
16914als dass gerade dieser spätere Apostel, dessen Auffassung des
16915Christenthums mit der seinigen an sich weit mehr Verwandi-
169161 Beachtung verdient, dass der Verfasser bereits die Form Kays-
16917vitns statt Kıuravaios in seinem Texte gelesen hat.
page 477
16918IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 461
16919schaft hatte, als die der frühern, nur wenig in Betracht zu
16920ziehen war“. ;
16921Innerhalb des Jüngerkreises herrscht ein inniger Verkehr,
16922zie alle werden gewissermassen durch ein gemeinsames Familien-
16923band umschlungen, sie bilden einen Bruderbund, Gedanken, die
16924der Grosskirche infolge der Ausbreitung so schnell verloren ge-
16925gangen sind, wohl aber noch in dem engen Kreise der Auser-
16926wählten ihre Stätte finden konnten. Jesus, der Meister, redet
16927lie Jünger mit „meine Jünger und meine Genossen und meine
16928Brüder“ an (p. 211) oder „meine Brüder und Genossen“ (p. 231)
16929ⲗⲉⲓ „meine Brüder und meine Geliebten“ (ⲣ. 363) oder „meine
16930Jünger“ (p. 216. 217. 243. 358). Von Liebe und von Erbarmen
16931st er gegen sie erfüllt (p. 8. 26. 32. 34. 83. 99. 200. 297. P. 57),
16932ım sie zugleich mit seinem Geiste zu beleben. Die Jünger
16933ıähern sich ihrem Meister, sobald sie ihn fragen wollen, in tiefer
16934Demut, sie bitten ihn beständig um seine Erlaubnis, bevor sie
16935‚eden, stürzen vor ihm nieder, küssen seine Füsse oder fallen
16936ın seine Brust. Ihre Anreden sind „mein Herr“, „mein Erlöser“,
16937‚unser Licht“ (p. 383), „unser Herr und unser Erlöser“ (p. 363.
16938383), auch „Rabbi“ (p. 8. 377), „o lebendiger Jesus“ (P. 1 ff),
16939‚Sohn des Heiligen“ (p. 391), „wahrer Logos“ (P. 2). Seine
16940Mutter bezeichnet ihn als „mein Sohn xat& x6ö040v, mein Gott
16941ınd mein Erlöser gemäss der Höhe“ (p. 116), oder „mein Herr
16942ınd mein Sohn und mein Erlöser“ (p. 123). Unter einander
16943ıennen sie sich „Bruder“ und „Schwester“ (ⲣ. 58. 79. 184. 199.
16944216. 217. 251. 252. 294. 297. 342. 356. 365. 383), darum wir
16945ıns nicht wundern dürfen, wenn Maria Paulus „unsern Bruder“
16946ıennt.
16947y. Die Jünger als Träger der reinen Lehre.
16948Die Jünger haben Vater und Mutter und alle Schätze dieser
16949Welt preisgegeben, sind dem Erlöser mit ganzem Herzen gefolgt,
16950lamit er ihnen das Leben seines Vaters, der ihn gesandt hat,
16951gebe (P. 1), und haben alle seine Gebote gehalten. In der Zeit
16952jeines wirklichen Erdenwandels haben sie das tiefe Verständnis
16953Ⲛⲅ die Parabeln noch nicht besessen, darum scharen sie sich
16954ıach der Auferstehung wieder um ihren Meister. Volle elf Jahre
16955und im Verkehre mit ihm verflossen, eine Reihe Aufschlüsse
page 478
16956462 1Y. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
16957über die transcendente Welt sind ihnen bereits zuteil geworden.
16958Sie selbst sind von Freude und Jubel erfüllt und sprechen zu
16959einander: „Selig (vax&ot0r) sind wir vor allen Menschen auf )
16960Erden, denn der Erlöser. hat uns dieses offenbart, und wir haben |
16961das Ϥⲗ]ⲟⲱⲙ⳪ und die gesammte Vollendung empfangen“ (p. 41
16962Aber sie sind im Irrtum befangen, wenn sie glauben, dass „das vier-
16963undzwanzigste Mysterium die ϫⲉϣ.) des Alls und die Vollendung
16964aller Vollendungen sei“ (p. 1 ff), Die bald darauf stattfindende
16965Erhöhung belehrt sie eines Bessern. Sie allein sind Zeugen der
16966Himmelfahrt Christi, ihnen erscheint er wieder in voller Herr-
16967lichkeit und offenbart ihnen seine wunderbaren Erlebnisse. Jetst
16968erfolgt das letzte Stadium der Unterweisung, daher ruft ihnen
16969Jesus bei seiner Ankunft entgegen: „Freuet euch und jubelt von
16970dieser Stunde an, denn ich bin bis zu den Topoi, aus welchen
16971ich gekommen, gegangen. Von nun an werde ich mit euch &
16972ⲡⲥⲟϭ von dem Anfang der Wahrheit bis zu ihrer Vollendung
16973reden, und ich werde mit euch von Angesicht zu Angesicht olıne
16974xatgaßolr sprechen. Nicht werde ich euch von dieser Stunde an
16975etwas von dem in der Höhe und dem des Topos der Wahrheit
16976verbergen, denn es ist mir durch den Ineffabilis und durch das
16977erste Mysterium von allen Mysterien die Macht gegeben, mit
16978euch von dem Anfang bis zum xi%ewua und vom Innern bis
16979zum Äussern und vom Äussern bis zum Innern zu sprechen“
16980(ⲣ. ⲃ.
16981Den Jüngern wird zuerst die Offenbarung zuteil, darum ⲉ
16982ⲣ. 10 spricht: „Und damit ich beginne, mit dem Menschenge-
16983schlechte zu reden, und ihm alles vom Anfang der Wahrheit
16984bis zu ihrer Vollendung verkündige und mit ihm von dem
16985Innern der Innern bis zu dem Äussern der Äussern und von dem
16986Äussern der Äussern bis zu dem Innern der Inneren rede; freuet
16987euch nun und jubelt und freuet euch noch mehr, denn euch ist
16988gegeben, dass ich mit euch zuerst von dem Anfang der Wahr-
16989heit bis zu ihrer Vollendung rede“. Dieser Gedanke beherrscht
16990das ganze Buch, tritt auch deutlich im zweiten Buche Jen her-
16991vor, wenn es heisst: „Und ich werde euch alle Mysterien geben,
16992damit ich euch in allen Mysterien des Lichtreiches vollende und
16993ihr Kinder des xiQwua, vollendet in allen Mysterien genannt
16994werdet“ (P. 59), ebenso in der P. ⲃ︦. ⲣ. 104: „Ich werde euch
16995in allen Mysterien des Lichtreiches vollenden“. „Ihr seid ⲙⲉⲕ
page 479
16996IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 463
16997ⲓ vor allen Menschen, die auf Erden, denn ich werde euch
16998se Mysterien offenbaren. Wahrlich, wahrlich ich sage euch,
16999werde euch in allem z270@ua vollenden von den Mysterien
17000; Innern bis zu den Mysterien des Äussern, und ich werde
17001;h mit dem Geiste erfüllen, damit ihr die zyevuatıxol, voll-
17002let in allem xi%0wux genannt werdet“ (ⲣ. 59f). „Ich werde
17003;h in allen Kräften und allem xinowua vollenden von dem
17004ıern der Innern bis zum Äussern der Äussern, von dem Inef-
17005ilis bis zu der Finsternis der Finsternisse, damit ihr die xA%n-
17006ⲙⲟⲧ⳪, vollendet in aller Erkenntnis genannt werdet“ (p. 187.
17007340). „Ich werde euch noch alle die Herrlichkeiten der Höhe
17008kündigen von dem Innern der Innern bis zu dem Äussern
17009: Äussern, damit ihr in aller Erkenntnis und in allem x2%-
17010ga und der Höhe der Höhen und den Tiefen der Tiefen voll-
17011let werdet“ (p. 35 cf. p. 75). „Wahrlich, meine Brüder und
17012ine Geliebten, welche Vater und Mutter um meines Namens
17013Jen verlassen haben, ich werde euch alle Mysterien und alle
17014nntnisse geben. Ich werde euch das Mysterium der zwölf
17015nen der Archonten und ihre Siegel und ihre Psephoi und die
17016t ihrer Anrufung, um in ihre Topoi zu gehen, geben. Und
17017werde euch das Mysterium des dreizehnten Aons und die
17018ⲃ der Anrufung, um in ihre Topoi zu gelangen, geben; ... und
17019werde euch das Mysterium der Taufe von der Mitte geben
17020Ⲓ die Art der Anrufung, um in ihre Topoi zu gehen, und
17021e Psephoi und ihre Siegel werde ich euch zeigen. Und ich
17022rde euch die Taufe der Rechten, unseres Topos, geben und
17023ae Psephoi und seine Siegel und die Art der Anrufung, um
17024thin zu gehen. Und ich werde euch das grosse Mysterium
17025ⲓ Lichtschatzes und die Art der Anrufung geben, um
17026thin zu gehen. Ich werde euch alle Mysterien und alle
17027antnisse geben, damit ihr die Söhne des xin0wua, vollendet
17028allen Kenntnissen und allen Mysterien genannt werdet; ihr
170291 uaxapıoı vor allen Menschen auf Erden, denn die „Kinder
17030‚ Lichtes“! sind in eurer Zeit gekommen“ (ⲣ. 363f. ef.
170311 Die Gnostiker nennen sich „Kinder des Lichtes“ cf. P. 56:
17032sser denen, die ihrer würdig sein werden, welche die ganze Welt
17033| alle ihre Sachen und ihre Götter und Gottheiten hinter sich
page 480
17034464 „IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
17035ⲣ. 275). „Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Es werden euch selig
17036preisen auf Erden alle Geschlechter des Kosmos, denn ich habe
17037euch dieses offenbart, und ihr habt von meinem Geiste empfangen
17038und seid vospol und xyevlatIXOL geworden, indem ihr begreift,
17039was ich sage. Und danach werde ich euch mit dem ganzen
17040Lichte anfüllen und mit der ganzen Kraft des Geistes, damit ihr
17041von dieser Zeit an alles begreift, was euch gesagt wird und
17042was ihr sehen werdet. Noch eine kleine Weile, so werde
17043ich mit euch über alles von der Höhe von aussen bis innen und
17044von innen bis aussen reden“ (p. 82). Darum darf es uns nicht
17045zu kühn erscheinen, wenn Maria Magdalena also spricht (ⲣ. 181 f):
17046„Jetzt nun, mein Herr, welchen werde ich finden, oder bei wel-
17047chem sollen wir anklopfen, oder wer ist im stande, uns die ⲉⲡ⳿
17048g.«cı5 der Worte zu sagen, nach denen wir Dich fragen? Oder
17049wer ist es, der die Kraft der Worte kennt, nach denen wir
17050fragen werden, weil Du aus einem voüs uns voüg des Lichtes
17051gegeben hast und uns dlo#n0ı5 und einen-sehr erhabenen Ge-
17052danken gegeben hast? Deswegen nun wird Niemand, der auf dem
17053Kosmos der Menschheit, noch der, welcher. mn der Höhe der
17054Äonen sich befindet, im stande sein, uns die dxögadıg der Worte,
17055nach welchen wir fragen, zu sagen, wenn -:picht Du allein, der
17056das All kennt und der in dem AN vollendöt”ist, weil wir nicht
17057nach der Weise, wie die Menschen des Kosmos fragen, sondern
17058weil wir in der Kenntnis der Höhe, die Du uns gegeben hast,
17059fragen, und wir in dem Typus der vorzüglichen Frage fragen,
17060welche Du uns gelehrt, damit wir in ihr fragen“.
17061Sind aber den Jüngern, wie gesagt, die höchsten Geheim-
17062nisse offenbart, haben sie sogar die oberen und unteren Welten
17063in Begleitung Jesu geschaut, sind sie somit als die Nachfolger
17064Christi auf Erden auserkoren, so ist es natürlich, dass sie mit
17065der höchsten Machtvollkommenheit ausgerüstet werden. Daher
17066sagt Jesus (p. 60): „Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Ich
17067gelassen haben und keinen audern Glauben besitzen ausser dem Glas-
17068ben an das Licht nach Weise der „Kinder des Lichtes“, indem sie
17069auf einander hören und sich wie „Kinder des Lichtes“. einander
17070unterordnen“, cf. Joh. 12, 36 u. Ephes, 5, 8: ⲱϩ ıduva ⲫⲱⲧϩ ⲙ
17071ⲡⲡⲧⲉⲓ︦ⲧⲉ. ‚Jesun ist der „Sohn des Lichtes“ Ⲣ. 68.
page 481
17072IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 465
17073werde euch alle Mysterien von allen Topoi meines Vaters geben und
17074von allen Topoi des ersten Mysteriums, damit, was ihr auf Erden auf-
17075nehmen werdet, in das Licht der Höhe aufgenommen wird, und, was
17076ihr auf Erden herausstossen werdet, aus dem Reich meines Vaters,
17077das im Himmel ist, ausgestossen wird“. Sie sind im Besitz der
17078Schlüssel des Himmelreichs (p. 372) und des Mysteriums der Sün-
17079denvergebung, damit dem, welchem sie auf Erden vergeben werden,
17080im Himmel vergeben wird, und der, welchen sie auf Erden
17081binden werden, auch im Himmel gebunden sein wird (p. 374).
17082Sie allein sind mit dem Mysterium der Totenauferweckung und
17083der Heilungswunder ! ausgerüstet, darum der Herr ihnen den Befehl
17084giebt, dasselbe nicht der Öffentlichkeit zu überliefern, damit sie
17085an ihm als die wahren Glaubensboten des wahren Gottes erkannt
17086werden und Glauben finden: „Das Mysterium aber der Totenauf-
17087erweckung und des #epaxeveıy der Krankheiten gebet Keinem,
17088auch unterrichtet nicht in ihm, denn jenes Mysterium mit allen
17089seinen ovouaoiaı gehört den Archonten; deswegen nun gebet es
17090Keinem und unterrichtet auch nicht in ihm, bis ihr die zlottc im
17091ganzen Kosmos befestigt habt, damit, wenn ihr in Städte oder Länder
17092geht und sie euch nicht aufnehmen und an euch nicht glauben
17093und auf eure Worte nicht hören, ihr Tote in jenen Orten auf-
17094erweckt und den Lahmen und den Blinden und den mannigfal-
17095tigen Krankheiten in jenen Orten helfet; und durch alles Der-
17096artige werden sie an euch glauben, dass ihr den Gott des Alls
17097verkündigt, und sie werden allen Worten von euch glauben.
17098Deswegen habe ich euch jenes Mysterium gegeben, bis ihr die
17099ⲡⲅⲓϩ im ganzen xö6uos aufrichtet“? (ⲣ. 278 6) Denn als die
17100Weltheilande sind sie dazu berufen, in die Welt hinauszugehen
171011 Siehe Harnack Unters. etc. 73ff.
171022 Als die Jünger diese Worte vernehmen, rufen sie alle aus:
17103„O Erlöser, Du hast uns wegen der Herrlichkeiten, die Du uns sagst,
17104rasend gemacht und Du hast unsere Seelen genommen, und sie be-
17105gehrten (?) aus uns heraus in Dich hineinzugehen, weil wir von Dir
17106stammen. Jetzt nun wegen dieser Herrlichkeiten, die Du uns sagst,
17107sind unsere Seelen rasend geworden, und sie sind sehr rasend ge-
17108worden, indem sie aus uns herauszugehen wünschten zu der Höhe,
17109zum Topos zu Deinem Reiche“ (p. 279f.).
17110Texte u. Untersuchungen VIII, 1. 3. 30
page 482
17111466 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
17112und die ihnen mitgeteilte Lehre, „in der die gesammte Er-
17113kenntnis wohnt“, zu verkündigen (ⲣ. 231. 250. 254 ⲉⲓⲥ.) Nach
17114dem Vorbilde der wirklichen Apostel sollen sie von Land zu
17115Land, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf wandern; gilt
17116doch ihre Lehre nicht einem von Natur dazu auserwählten Ge-
17117schlechte, sondern dem totum genus humanum. Nichts nennen
17118sie ihr Eigen, darum treten sie mit dem Friedensgrusse in die
17119Häuser der Fremden, un bei ihnen Unterkunft zu finden, und
17120ist dies geschehen, so teilen sie den Bewohnern die geheimen
17121Mysterien mit, ohne dass sie wissen, ob sie derselben würdig
17122sind oder nicht (p. 270. 280). Dieser universalistische Che-
17123rakter der gnostischen Lehre ist ein Zeichen späterer Zeit, in
17124der die Gnosis selbst ihre bis dahin so streng behüteten Ge-
17125heimnisse preisgab und damit sich selbst den Todesstoss ver-
17126setzte, denn nur in dem geheimnisvollen Zurückhalten ihrer ver-
17127meintlichen tiefen Weisheit lag der Zauber, den die Gnostiker
17128auf mystisch angelegte Naturen ausübten. Wie auch sonst, so
17129zeigt uns das vierte Buch der P. ⲃ︦. einen älteren Zustand der
17130Sekte, denn es heisst auf p. 377: „Aber verbergt dieses Myste-
17131rium und gebet es nicht jedem Menschen, ausser demjenigen,
17132welcher alle Dinge, die ich euch in meinen Geboten gesagt habe,
17133thun wird“. Hier ist von der freien Missionspraxis gar keine
17134Rede. Eine noch bessere Illustration erhalten wir im zweiten
17135Buche ⲉ nach dessen Anordnung nur unter den grössten Kau-
17136telen und der grössten Verschwiegenheit die Lehre verbreitet
17137werden soll: „Als er aber dieses gesagt hatte, fuhr er fort, zu
17138ihnen zu reden: Diese Mysterien, welche ich euch geben werde,
17139bewahret sie und verratet sie keinem Menschen, sie seien denn
17140ihrer würdig. Nicht verratet sie an Vater noch Mutter, nicht
17141an Bruder noch Schwester noch Verwandten, nicht für Speise
17142noch Trank, nicht für eine Weibsperson, nicht für Gold noch
17143Silber, noch überhaupt für irgend etwas dieser Welt. Bewahret
17144sie und verratet sie überhaupt Niemandem um der Güter dieser
17145ganzen Welt willen. Verratet sie keinem Weibe oder irgend
17146einem Menschen, der in irgend einem Glauben an diese 72 Ar-
17147chonten steht etc.“ (P. 55 ff), Diese wenigen Worte werden
17148schon genügen, um uns die Art der Propaganda vor Augen zu
17149führen.
17150Freilich ist die Missionsthätigkeit der Apostel mit grossen
page 483
171511V. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 467
17152Schwierigkeiten verknüpft, sie werden viele Leiden von den
17153Menschen empfangen, bis sie alle Worte verkündigen werden,
17154die Jesus ihnen gesagt hat (p. 231), und vielen Verfolgungen
17155ausgesetzt sein (p. 11). Dafür werden sie auch belohnt werden,
17156denn in dem künftigen Reiche Jesu werden ihre Throne dem
17157seinigen am nächsten stehen, sie werden zur Linken und Rechten
17158von ihm sitzen und als Könige über die vollkommenen Seelen
17159herrschen (p. 231. 244. cf. p. 76), ja sie sollen die ersten sein,
17160die in das Lichtreich eingehen werden, wie der Herr ihnen ver-
17161heisst: „Wahrlich, ich sage Dir, Maria: Nicht wird er zu dem
17162Lichte gehen, bevor ich Deine Seele und die aller Deiner Brüder
17163zu dem Lichte getragen habe“ (p. 356). Auch bei der dxoxa-
17164r&oTAacıs des Alls sind sie beteiligt: „Wahrlich, ich sage euch:
17165Wenn die vollkommene Zahl vollendet ist und das All hinauf-
17166eilt, werde ich im Lichtschatz sitzen, und ihr selbst werdet auf
17167zwölf Lichtkräften sitzen, bis ihr alle Taxeis der zwölf ϭⲱⲧ ⲉϩ
17168zu dem Topos der xAngovoulaı eines jeden von ihnen versetzt“
17169(dxoxadıorävar) ⲣ. 89).
17170Überblickt man noch einmal die ganze Lehre über die
17171Jünger, so springt uns sofort die Thatsache in die Augen, dass
17172der Verfasser die Autorität der Jünger über das Mass gesteigert
17173hat, wie es kaum von der Grosskirche geschehen ist. Das ganze
17174christliche Lehrgebäude! ist nur aus den authentischen Aus-
17175sprüchen Jesu zu schöpfen, die einerseits in den neutestament-
17176lichen Schriften niedergelegt, anderseits aus einer geheimen Offen-
17177barung an die Jünger geflossen sind. Diese Hermengestalt des
17178Gnosticismus hat Harnack mit Scharfsinn erkannt und mit Recht
17179betont, dass jener in dieser Beziehung auf dem Boden des Christen-
17180[ⲱⲃ als einer positiven Religion verharren wollte. Wäre dies
17181nicht der Fall gewesen, so müsste es für uns ein unlösbares
17182Rätsel sein, dass er selbst innerhalb der Grosskirche einen ⲃⲟ
17183festen Fuss fassen, ja für eine Zeit lang die Existenz derselben
17184in Frage stellen konnte. „Es ist aber die Absicht der Quostiker,
17185sich auf die unverfälschte, aus Schriften zu erhebende, aposto-
17186lische Tradition zu gründen, durch drei Momente gekreuzt worden,
171871 Vergl. Harnack Unters. etc. S. 60 und Dogmengeschichte Ⲓ
17188ⲃ. 215f.
1718930
page 484
17190468 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
17191die übrigens sämmtlich in den christlichen Gemeinden überhaupt
17192wirksam waren und dem Gnosticismus also nicht eigenthümlich
17193sind: 1) durch den Glauben an die fortgehende Prophetie® —
17194über diesen Punkt werden wir bei der Besprechung des zweiten
17195gnostischen Werkes handeln, —
171962) „durch die Annahme einer esoterischen Geheimtradition
17197von den Aposteln her“. Für diese These liefert die P. S. ebenso
17198wie die beiden Bücher ⲉⲗ den besten Beweis, Während der zwölf
17199Jahre, die Jesus nach der Auferstehung auf Erden geweilt, hat
17200er den Jüngern erst die wahre Lehre mitgeteilt; alle übrigen
17201Lehren sind x2aval, vor denen auf das Dringlichste gewarnt
17202wird (p. 258f. 280. 322. 353). Diesen Grundsatz spricht der Ver-
17203fasser in der Einleitung zu den Büchern Jeü sehr deutlich aus:
17204„Dies ist das Buch von den ⲩⲙⲱϭⲉϣ des unsichtbaren Gottes durch
17205die verborgenen Mysterien, welche den Weg zu dem auserwählten
17206Geschlechte zeigen, in der Ruhe? zum? Leben des Vaters, in der
17207Ankunft des Erlösers, des Erretters der Seelen, welche diesen
17208Logos des Lebens bei sich aufnehmen werden, welcher höher ist
17209denn alles Leben, in der Erkenntnis Jesu, des Lebendigen, welcher
17210durch den Vater aus dem Lichtäon in der Fülle des xi%Qgepa
17211herausgekommen ist, in der Lehre, ausser der es keine andere
17212giebt, welche Jesus, der Lebendige, seinen Aposteln gelehrt hat,
17213indem er sagte: „Dies ist die Lehre, in der die gesammte Er-
17214kenntnis wohnt“.
17215Ausdrücklich wird also der Inhalt des ganzen Werkes auf
17216die Apostellehre zurückgeführt, die nur den Gnostikern resp.
17217unsern Verfassern zuteil geworden ist. Dieser aristokratische
17218Dünkel derselben, die die wahre Lehre gepachtet zu haben schienen,
17219wirkt auf uns sehr unangenehm, aber auch die Christen ergingen
17220sich in ähnlichen schroffen Antithesen. Freilich haben die
17221Gnostiker in der Lehre ein sehr weites Gewissen gehabt, denn sie
17222befand sich in stetem Fluss, wie wir ja an unsern Büchern ⲉⲩ
17223sehen können. da der Schüler stets die Ansichten des Meisters
17224zu modificieren versuchte. Dies war ein sehr wunder Punkt,
17225der ohne Frage zum schnellen Untergang des Gnosticismus bei-
17226getragen hat. Denn bei welchem Lehrer war die unumstössliche
17227Wahrheit, die den Menschen zum Erben des Lichtreiches machen
17228sullte, zu finden, wenn sie von heute auf morgen nicht mehr die-
17229selbe hlieb?
page 485
17230IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 469
17231Hier kommt das von Harnack an dritter Stelle aufgestellte
17232Moment in Betracht, nämlich „die fortgehende Produktion evan-
17233gelischer Schriften und Hinzufügung von Apostelgeschichten“.
17234Man kann wohl ohne Übertreibung behaupten, dass die Häupter
17235der einzelnen Sekten zu den bedeutendsten Männern gehört
17236haben !, welche die Grosskirche in ihrer Mitte barg. Denn diese
17237waren hoch gebildet, voll ausgerüstet mit der griechisch-römischen
17238. Bildung der damaligen Zeit. Nun trat das Christentum an sie
17239heran, sie waren von den hohen Ideen und ethischen Grundsätzen
17240der neuen Lehre überwältigt, aber sie waren zu sehr spekulative
17241Köpfe, als dass sie die einfachen Gedanken des Evangeliums in
17242ihrer Schlichtheit begreifen konnten. Sie suchten die neuen Ein-
17243drücke mit den alten zu verbinden, wollten die alte abgestorbene
17244Kultur mit dem neu hereinbrechenden Zeitalter verschmelzen,
17245mussten aber, um diesen Verschmelzungsprozess durchzuführen,
17246ein neues Evangelium an die Stelle des alten setzen und jenes
17247auf eine apostolische Quelle zurückführen. Ein frischer jugend-
17248Kcher Geist, der durch das Christentum einen ungeahnten Impuls
17249erhalten hat, weht uns in dieser Bewegung entgegen; würden
17250wir nach im vollen Umfange die gesammte Literatur besitzen, so
17251würden wir erstaunt sein über die eminent wissenschaftliche Be-
17252gabung, über die tiefen philosophischen Gedanken und die un-
17253erschöpfliche Produktionskraft der Gnostiker. Sie waren die ersten
17254Dogmatiker, die ersten Sammler des Kanons und die gelehrtesten
17255Exegeten; „Gnostiker waren es, welche das geistliche Lied schu-
17256fen ?; Gnostiker haben die Gattung der religiösen Prosadichtung
17257ausgebildet: ihre Apostel- und Märtyrergeschichten haben trotz
17258der kirchlichen Verurtheilung auch in orthodoxen Kreisen zahl-
17259reiche Leser gefunden, und bis heute sind solche Stücke erhalten
172601 Von Valentin müssen es selbst die Kirchenväter zugestehen,
17261cf. Hieronymus comment. in Osee II cap. 10. (Opp. VI, 1, 106) und
17262Dialog. de recta in deum fide Sect. IV (Orig. opp. IV, 840) 00x zürtelns
17263ϯ ⲉⲩⲛ, ebenso Tertullian adv. Valentinianos ⲥ. 4: speraverat epi-
17264scopatum Valentinus quia et ingenio poterat et eloquio.
172652 Vergleiche Harnack Dogmengeschichte I? ⲃ︦. 286 1, und
17266Untersuch. etc. S. 35 ff, über die gnostischen Oden, inshesondere S. 46
17267Anm. 2.
page 486
17268470 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
17269geblieben !“, mit einem Wort: sie sind die Schöpfer der gross-
17270kirchlichen Literatur,
17271ⲉ. Die Bedeutung der Person des Erl&sers.
17272Hatten für die Gnostiker die Reden und Werke des histo-
17273rischen Jesu keinen namhaften Wert, so war die notwendige
17274Folge, dass die grossen Heilsthatsachen, die den eigentlichen Ge-
17275halt der neuen Religion ausmachten, ihres Inhaltes entleert wurden.
17276Zwar hielten die meisten Gnostiker die These aufrecht, dass die
17277Erlösung aus der Knechtschaft der Sünde und des Todes durch
17278ein höheres, vom Vater gesandtes Wesen, d. h. durch Jesum
17279Christum stattgefunden habe, aber ihre kosmologischen und an-
17280thropologischen Spekulationen, ihr Doketismus und übermässiger
17281Hang zum Spiritualismus mussten der christlichen Erlösungslehre
17282schnurstracks entgegenlaufen. Einen deutlichen Beweis hierfür
17283liefern unsere gnostischen Originalwerke.
17284In dem ganzen Buche Jeü findet der Kreuzestod des Hei-
17285landes gar keine Erwähnung. Dies ist nur zu natürlich, denn auf
17286welche Weise hätte man den Tod des Erlösers dogmatisch recht-
17287fertigen können? Tod und Leiden waren nach Ansicht des Gno-
17288stikers die üblen Folgen des in die Welt eingedrungenen bösen
17289Princips, d. h. der Materie; sollte aber die Menschheit aus diesen
17290Banden befreit werden, so konnte der schimpfliche Kreuzestod
17291des Heilands keinen weltgeschichtlichen Faktor in der religiösen
17292Menschheitsgeschichte bilden. Dazu bedurfte man einer rein gött-
17293lichen, den Wirkungen des menschlichen Daseins nicht unter-
17294worfenen Persönlichkeit, aber keineswegs war der Tod und die
17295Auferstehung des wahren Gott-Menschen nötig. Die Pistis Sophis
17296giebt sich freililich dadurch als ein späteres Product des Gno-
17297sticismus zu erkennen, dass sie, wie wir schon oben erwähnt
17298haben, die Thatsachen des Todes und der Auferstehung — sicherlich
17299unter dem Drucke der grosskirchlichen Autorität — anerkennt, ohne
17300aber daraus die notwendigen Konsequenzen für die Versöhnungs-
17301und Erlösungslehre zu ziehen; sie verraten sich in diesem Buche
17302als leere Phrasen. Mögen nun auch immer die Gnostiker diese
17303Fundamente der christlichen Lehre negiert haben, so kann auf
173041 cf. Usener Weihnachtsfest S. 27.
page 487
17305IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 471
17306der andern Seite doch nicht geleugnet werden, dass sie die ab-
17307solute Bedeutung der Person des Erlösers stark in den Vorder-
17308grund ihrer Religionsanschauung gestellt haben, darum sie auch
17309den Anspruch erhoben, zu den Christen gerechnet zu werden.
17310Jesus ist der grosse Markstein des Gott-Weltprozesses, seine
17311Herabkunft bedeutet die letzte Phase des gewaltigen Welt-
17312dramas, welches seinen endlichen Abschluss in der Vernichtung
17313der siderischen Mächte bei der Himmelfahrt findet. Christus
17314tritt uns somit nicht als das reine Erlösungsprincip, sondern zu-
17315gleich als ein kosmisches Princip entgegen. Mit der Besiegung
17316der Weltmächte hängt aber die speziell auf die Menschheit ge-
17317richtete Erlöserthätigkeit auf das Engste zusagnmen. Jesus be-
17318zeichnet den Eintritt und das Offenbarwerden des höchsten Prin-
17319cips in dieser sündigen, materiellen Welt; er ist dadurch zugleich
17320der Offenbarer einer bis dahin ‚der Menschheit unbekannt ge-
17321bliebenen Gottheit, die sich selbst nicht einmal durch den Mund
17322der Propheten des Alten Bundes kundgethan hat!'. Er ist nicht
17323nur der Lehrer der Wahrheit, sondern die Erscheinung der Wahr-
17324heit selber, welcher der herrschenden dyyola ein Ende macht.
17325„Er ist die Erkenntniss des Alls“ (p. 233); „er allein kennt das
17326All und ist in dem All vollendet“ (p. 182); „Jesus, der Lebendige,
17327ist die Erkenntnis der Wahrheit“ (P. 1), er ist „das Licht, welches
17328Licht verleiht und die Herzen erleuchtet, damit sie das Licht des
17329Lebens empfangen, der wahre Logos, der die verborgene Erkennt-
17330nis lehrt“ (P. 2). Die weltgeschichtliche Mission des cwtn0
17331beruht also nicht in dem Leiden und Sterben, sondern in seiner
17332Lehre? der „yrojo&c des unsichtbaren Gottes Uurch die verbor-
173331 Vergleiche die Antwort Jesu auf die Frage der Maria, ob die
17334Propheten in das Licht eingegangen sind (P. S. p. 355). Daraus
17335erklären sich die oft so schroffen Antithesen der Gnostiker gegen
17336den Gott des A. T. und überhaupt gegen das A. T.
173372 In dieser Beziehung stehen ihren Ansichten die beiden grossen
17338Alexandrinischen Gnostiker sehr nahe, nämlich Clemens Alexandrinus
17339und Origenes, insbesondere der erstere, denn bei ihm tritt infolge
17340der Logosspekulation der Erlöser als Mensch sehr zurück, sein Tod
17341hat für die Welt keine Bedeutung, er ist nur „der Lehrer, der den
17342Gnostiker durch Mysterien erzieht, den Gläubigen durch gute Hoff-
page 488
17343472 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
17344genen Mysterien, welche den Weg zu dem auserwählten Ge-
17345schlechte zeigen“ (P. 1), ein Satz, der gewiesermassen die ge-
17346sammte gnostische Lehre in sich birgt. Denn immer und immer
17347tönt uns aus dem gnostischen Munde die Behauptung entgegen,
17348dass Jesus nur deshalb in die Welt gekommen sei, um den
17349Menschen jene kostbaren Güter, die allein die Wi
17350mit der Urgottheit und das ewige Leben im künftigen Reiche
17351verbürgen, d. h. die Mysterien zu bringen: „Ich bin zum Kosmos der
17352Menschheit gegangen und habe ihnen die Mysterien der Höhe
17353gegeben“ (p. 178 cf. 181). „Wahrlich, ich sage euch, um des
17354Menschengeschlechtes willen, weil es hylisch ist, habe ich mich
17355gezerrt und ihm alle Mysterien des Lichtes gebracht, damit ich
17356sie reinige, denn sie sind die Hefe der ganzen Hyle von ihrer
17357Hyle; wenn nicht, so wäre keine Seele in dem ganzen Geschlechte
17358der Menschheit gerettet worden, und nicht würden sie das Licht-
17359reich erlangt haben können, wenn ich nicht ihnen die reinigenden
17360Mysterien gebracht hätte, denn die xgoßolal des Lichtes bedürfen
17361nicht der Mysterien, denn sie sind rein, aber das Menschen-
17362geschlecht hat ihrer nötig, denn sie sind alle hylische Hefen“
17363(p. 249). „Denn wegen der Sündhaftigkeit haben wir die My-
17364sterien zum Kosmos gebracht, damit ich alle ihre Sünden, die
17365sie von Anfang begangen haben, vergebe; deswegen nun habe
17366ich euch gesagt: „Nicht bin ich gekommen, die Gerechten zu
17367rufen“. Jetzt nun habe ich die Mysterien gebracht, damit einem
17368Jeden die Sünden vergeben, und sie in das Lichtreich aufgenom-
17369men werden. Denn jene Mysterien sind die Geschenke des ersten
17370Mysteriums, damit es die Sünden und die Missethaten aller Sünder
17371austilge“ (p. 260 f. cf. p. 276. 278. 301. 341. 350. 354. 355. 357)
17372„Er ist der Verkündiger der grossen Mysterien, die Niemand in
17373dem unsichtbaren Gott kennt“ (P. 54), darum sagt Maria ganz
17374mit Recht von ihm: „Du bist der Schlüssel, der für den Erden-
17375menschen öffnet und für den Erdenmenschen schliesst, und Dein
17376Mysterium beherrscht sie alle“, denn nur derjenige, welcher Jesu
17377Predigt sorgfältig in sein Herz aufnimmt, kann vor dem ewigen
17378Verderben gerettet werden (P. 3).
17379nungen, und den, der harten Herzens ist, durch eine die Besserung
17380durch sinnliche Mittel wirkende Zucht“ cf. Harnack Dogmengeschichte
173811? S. 54 ⲃ︦
page 489
17382IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 473
17383Es könnte nun den Anschein gewinnen, als ob die Erlösung
17384resp. die Mitteilung der Mysterien auf die Rettung der gesammten
17385Menschheit berechnet gewesen sei, die Persönlichkeit des Erlösers
17386eine universelle Bedeutung gehabt habe, da stets von dem totum
17387genus humanum gesprochen wird. Wir würden daraus erkennen,
17388dass der Gnosticismus in Verzweiflung über sich selber seine
17389einst mit so grosser Hartnäckigkeit verfochtene Position, „das
17390auserwählte Geschlecht“, die wahren xyevuatıxol innerhalb der
17391gesammten Menschheit zu sein, aufgegeben und eine Universal-
17392religion angebahnt habe. Aber wenn auch insbesondere die P.
17393Sophia in dieser Hinsicht zuweilen einen fast ungnostischen
17394Charakter trägt und sich in den Schoss der Grosskirche zurück-
17395begiebt, so darf man darin nicht die wahre Herzensmeinung des
17396Verfassers erkennen, der nur äusserlich als ein wirklicher Christ
17397erscheinen will, innerlich aber weit davon entfernt ist, alle Men-
17398schen der Erlösung teilhaftig werden zu lassen. Dies zeigt sich
17399deutlich in der folgenden Unterredung Jesu mit Maria (p. 354
17400drittes Buch): „Als nun der Soter dieses gesagt hatte, antwortete
17401Maria und sprach: „Mein Herr, wer aber ist denn der Mensch
17402auf Erden, der überhaupt nicht gesündigt hat, der frei von Misse-
17403that ist? Denn wenn er von einer rein ist, so wird er von anderer
17404nicht rein sein können, damit er die Mysterien finde, die in den
17405Büchern Jeü sind. Ich sage nämlich: Kein Mensch auf Erden
17406wird von Sünde rein sein können, denn wenn er von einer rein
17407ist, wird er nicht von anderer rein sein können. Es erwiderte
17408der Soter und sprach zu Maria: „Ich sage euch: man wird einen
17409unter tausend und zwei unter zehntausend finden wegen
17410der Vollendung des Mysteriums des ersten Mysteriums“ etc. Denn
17411nur auf eine bestimmt prädestinierte Anzahl von vollkommenen
17412Seelen erstreckt sich das Erlösungswerk; ist diese Zahl in das
17413Himmelreich eingegangen, hat dasselbe sein Ende gefunden, und
17414die grosse Weltkatastrophe tritt ein. Denselben aristokratisch
17415dünkelhaften Standpunkt vertrat auch Basilides, wenn es Iren. I,
1741624, 6 (Epiph. 24, 5 p. 72) von ihm heisst: „gdoxet dt ⲙⲟⲩ
17417ⲡⲉⲣ ⲡⲁⲧⲣⲟϩ ϫⲟ) ⲧⲟ ̃ⲱⲅⲟⲱ ⲙⲱϭⲅⲟⲓⲟⲱ ⲙⲉ) AkOKALURTELV,
17418ⲉ̀ⲗⲗⲁ ϭⲓ) Eyeır Ⲉ ̃ⲥⲱⲧⲟⲓ︦ⲥ. Evi di ⲡ ⲗ ⲗⲱ AKOXAÄUKTEW,
17419xal dvoly ⲉⲡⲟ ⲙⲱ. Diese einschneidende, das Christen-
17420tum geradezu zerstörende These ist daher von den Ketzerbestrei-
17421tern auf das Schärfste bekämpft worden; ebenso sehr hatten sie
page 490
17422474 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
17423sich der Lehrmeinung zu widersetzen, welche die Erlösung nicht
17424auf den Menschen, sondern nur auf die von der Lichtwelt in die
17425untere hylische Sphäre herabgesunkene Seele ausgedehnt sein
17426liess. Denn wie konnte dieser Leib, der doch hylisch, der nur der
17427Kerker der Seele ist, gerettet werden? Musste er nicht wieder zu
17428dem zurückkehren , was er gewesen war, und am Ende der Tage
17429der Vernichtung anheimgegeben werden? Der Leib bleibt auf
17430Erden, die Seele aber, die vormals in höheren Regionen weilte,
17431die das Antlitz der Urgottheit geschaut, ja ein Teil ihres eigenen
17432Wesens, darum mit der alodnoıs zveunatıIKH begabt war, sie
17433sollte wiedergewonnen und mit der Urgottheit wieder vereinigt
17434werden. In der Rettung der Seelen, des herabgesunkenen Licht-
17435urstoffes bestand dies gewaltige Erlösungswerk Jesu, es war nur
17436ein kosmologischer Akt. Nirgends ist in unsern Schriften von
17437dem dereinst der Auferstehung teilhaftigen Körper die Rede;
17438bei dem Tode zerreisst das bis dahin stattgehabte Band zwischen
17439der ⲥ︦ der siuapuErn (P. 69) und der wur, und diese durcheilt
17440die weiten Regionen, um in den Lichtschatz, den Ort des „Schwei-
17441gens und der Ruhe“, einzugehen. Wie einst Paulus verheissen,
17442dass Fleisch und Blut das Himmelreich nicht erlangen würden,
17443so soll die Seele ihre Wesenheit aufgeben und wieder zu reinem
17444Lichte werden. Es sprach Jesus zu ihnen: „Diese Mysterien,
17445nach welchen ihr fragt, es giebt kein Mysterium, welches vor-
17446züglicher als sie ist; es wird eure Seele zu dem Licht der Lächter,
17447zu den Topoi der Wahrheit und der Güte des Topos des Heiligen
17448aller Heiligen führen, zu dem Topos, in dem es weder Frau noch
17449Mann giebt, noch giebt es Gestalten in jenem Topos, sondemn
17450ein ewiges, unaussprechbares Licht“ (p. 378). Nicht deutlicher
17451konnte der Gnostiker seinen Standpunkt in der Erlösungsfrage
17452aussprechen als in den Einleitungsworten zum Buche Jeu: „Dies
17453ist das Buch von den ypwoeıc des unsichtbaren Gottes ..........
17454in der Ankunft des Erlösers, des Erretters der Seelen, welche
17455diesen Logos des Lebens bei sich aufnehmen werden, der höher
17456ist denn alles Leben“.
17457Kann aber der Mensch seine Seligkeit resp. die seiner Seele
17458nur durch Aneignung der Mysterien gewinnen, so wird es an
17459der Zeit sein, diese Mysterienlehre, die in unsern Schriften die
17460Hauptsache, die summa religionis bildet, näher ins Auge ⲙ
17461fassen.
page 491
17462IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 475
17463€. Die Lehre von den Mysterien.
17464Wie das Universum aus einer Unzahl von KEinzelwesen,
17465welche die Machtfülle des höchsten Wesens darstellen sollen,
17466besteht, so existieren für unsere Gnostiker dem entsprechend
17467auch eine Menge höherer und niederer Mysterien.
17468Nach p. 252 sind die höchsten Mysterien, deren der Mensch
17469teilhaftig werden kann, die Mysterien, die in dem Ineffabilis
17470wohnen, d, h. diejenigen, welche noch nicht aus ihm hervor-.
17471gegangen sind und vor dem ersten Mysterium existierten, welche
17472einem Bilde gemäss mit den Gliedern des Ineffabilis verglichen
17473werden. „Wer hingegen die Worte der Mysterien gefunden hat,
17474die ich euch entsprechend einem Gleichnis geschrieben? habe, dass
17475. sie die Glieder des Ineffabilis sind, wahrlich ich sage euch: Wer
17476die Worte jener Mysterien des Gottes in Wahrheit gefunden hat,
17477jener Mensch ist der Erste in Wahrheit und ihm gleich, denn
17478durch jene Worte und Mysterien und jenen Ersten stand das
17479All selber; deswegen ist derjenige, welcher die Worte jener My-
17480sterien gefunden hat, dem Ersten gleich“ (ⲣ. 254), Auch das
17481zweite Buch (p. 241) kennt diese Mysterien, welche „in den Glie-
17482dern des Ineffabilis vereinigt sind“, und unterscheidet sie deutlich
17483von dem Mysterium, das sich in dem y@@nua@ des Alls des Inef-
17484fabilis befindet. ;
17485Dies ist das so oft genannte „Mysterium des Ineffabilis“
17486oder „das einzige Mysterium des Ineffabilis“!. Aber obwohl es
17487nur ein einziges ist (p. 236 ff.), zerfällt es doch in zwei Paare von
17488Mysterien; erstens enthält es drei Mysterien, u. z. hat jedes von
17489ihnen einen verschiedenen Typus, ebenso ist der Typus des ϭ ⲗⲍ] ⲕ⳪
17490eines jeden von ihnen verschieden. Wer das erste von den dreien
17491in allen seinen oyuata gut vollendet, wird bei seinem Tode eine
17492Licht-dx6ö600c@ werden und alle Regionen durchwandern, bis die
17493Seele zum Topos ihres Reiches gelangt.
174941 In der Lehre vom Mysterium des Ineffabilis herrscht eine
17495grosse Unklarheit; nach p. 232 soll das Mysterium des Ineffabilis
17496wieder von dem Wort der ganzen Erkenntnis verschieden sein. Dies
17497weist auf eine spätere Entstehung dieser Mysterien.
page 492
17498476 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
17499Vollzieht man das zweite Mysterium [des ersten Mysteriums]
17500des Ineffabilis! in allen seinen ϭⲙ]ⲙϭⲧⲥ, so erlangt man nicht
17501nur für sich die Seligkeit, sondern kann sie auch Verstorbenen
17502verschaffen. Denn sobald man dieses Mysterium über das Haupt
17503oder in die beiden Ohren eines Menschen spricht, der der My-
17504sterien nicht teilhaftig geworden ist, so wird derselbe in keinem
17505Topos von den Archonten bestraft oder von dem Feuer berührt
17506werden, weil ihn das grosse Mysterium des Ineffabilis begleitet,
17507vielmehr lässt ihn die Lichtjungfrau in einen Körper bringen,
17508der die wahre Gottheit und die hohen Mysterien des Lichtes
17509finden wird ?.
17510Vollendet dagegen Jemand das dritte Mysterium des Ⲙⲉ-
17511bilis, so wird er nicht nur nach seinem Tode das Lichtreich er-
17512langen, sondern auch andere Seelen von den bösen Qualen, in
17513denen sie sich befinden, befreien (ⲣ. 2)
17514Ausser den drei Mysterien giebt es noch fünf Mysterien,
17515die ebenfalls von verschiedenem Typus sind, aber sie sind in dem
17516Mysterium des Reiches in den xAingovoular des Lichtes einander
17517ähnlich; ihr Reich ist vorzüglicher und höher als das ganze Reich
17518der zwölf Mysterien des ersten Mysteriums, dagegen sind sie
17519nicht den drei Mysterien ähnlich (p. 236. 241. 244).
17520Das Mysterium des Ineffabilis erbarmt sich des Menschen
17521zu jeder Zeit und vergiebt stets seine Stinden (p. 269. 271. 274.
17522305. 307 ff. 311. 314); freilich muss der Sünder aufrichtige Busse
17523empfinden und keine Heuchelei treiben. Vor allem aber ist nötig,
17524dass er bei Lebzeiten umkehrt, ist dies aber nicht der Fall, so
17525trifft ihn die schlimmste Strafe, ohne Gnade nämlich in die
17526äusserste Finsternis gestossen zu werden (p. 307. 310).
175271 Im Ms. steht unrichtig „das zweite Mysterium des ersten
17528Mysteriums.“
17529? Wie lebhaft werden wir an katholische Vorstellungen erinnert!
175303 Dasselbe Mittel giebt Jesus auf p. 275f. an und zugleich den
17531bei dieser Handlung angewandten Spruch: „Traget die Seele eines
17532gewissen Menschen, den wir in unserm Herzen denken, traget ihr
17533aus allen Peinigungen der Archonten und beeilt euch schnell um ]
17534führt sie zu der Lichtjungfrau; und in jedem Monat besiegele Ⲙ
17535die Lichtjungfrau ınit einem vorzüglichen Siegel; und die Lichtjuag
page 493
17536ⲱⲑ
17537IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 477
17538Ihm zunächst steht das Mysterium des ersten Mysteriums
17539(p. 234. 236. 237. 240. 244. 305. 306); dasselbe zerfällt wieder in
17540zwölf Mysterien (ⲣ. 1 ⲃ︦.) Diese zwölf Mysterien werden auch
17541unter dem Namen des „aud&rteg UvOTH(LOV“ zusammengefasst
17542(ⲣ. 205. 235)!. Darum kaun der Inhaber noch zwölfmal einen
17543Fehltritt begehen, denn das erste Mysterium ist barmherzig und
17544vergiebt die Sünden zu jeder Zeit (p. 267. 269. 271. 303. 309 ff.
17545311. 314); sündigt Jemand auch dann noch, so kann ihn nur
17546das Mysterium des Ineffabilis retten.
17547Alle diese Mysterien scheinen in den beiden ⲭⲱⲣ]]ⲥⲅ⳪ des
17548ersten Mysteriums verteilt zu sein, z. B. befinden sich im zweiten
17549X0NKA des ersten Mysteriums drei Mysterien (267 ff. cf. 245.
17550286. 287. 314. 315. 330), welche für die letzte wetaroım des
17551Menschen Zeugnis ablegen. Die Mysterien aller drei ywouata
17552vergeben die Sünden der Seele in den Topoi der Archonten, welche
17553sie von Anfang an begangen bis zu dem Zeitpunkt, wo das be-
17554treffende Mysterium dem Menschen mitgeteilt wird (p. 303).
17555Die Mysterien dieser drei we uata, nämlich des ywmonUA
17556des Ineffabilis, des ersten we. des ersten Mysteriums und des
17557zweiten wo. des ersten Mysteriums werden unter dem Namen
17558„die drei ϫⲟⲟⲥ des Lichtreiches“ (ⲣ. 244 ff.) zusammengefasst.
17559Denn diese Gnostiker sind der Meinung, dass im künftigen Him-
17560melreiche die Einzelnen je nach Verdienst und Würdigkeit ver-
17561schiedene Stellungen inne haben werden, daher diejenigen, welche
17562ein höheres Mysterium empfangen haben, auch nach ihrem Tode
17563in den der Gottheit näher gelegenen Topoi weilen als die mit
17564den niedrigen Mysterien Betrauten?; zwar haben dieselben die
17565Macht, zu den Topoi, welche unterhalb von ihnen liegen, zu
17566gehen, aber die oberen Taxeis sind ihnen für immer ver-
17567schlossen (p. 233 f.).
17568frau möge ihn in jedem Monat in einen Körper stossen, und er möge
17569gerecht und gut werden und zu der Höhe gehen und das Lichtreich
17570erlangen.“ cf. p. 326f.
175711 An letzterer Stelle muss es statt „das zwölfte Mysterium nach
17572einander“ „die zwölf Mysterien nach einander“ heissen.
175732 Zur Begründung dieser Ansicht wird Matth. 10, 41 herange-
17574zogen (p. 233).
page 494
17575ⲍ. ⲩ *ⲉϫⲓⲛ *ⲙ de guetnchen Werke.
17576Nackt. ⲉⲧ Ⲁsⲍⲁⲉ des Verfansers sind dıe Mysterzen der drei
17577ϫⲱⲓ 3625 zalireiel. auch könne man sie In den beiden Büchen
17578Je. ürien. ⲁⲡⲉⲓ ich werde euch geben und euch die grossen
17579Mystoricn jedes zi7.003 sagen. welche vorzüglicher als jeder Topos
17580ⲥ ⲉⲓⲉ sind die zzqgailci entsprechend den Topoi und ⲉⲙ
17581aprecner.d dem Taxeis. welche das ganze Menschengeschlecht zu den
17582ⲓ... Topni gemäss dem ⲍⲱ̀ϩⲡⲏϭ der zingeveopia führen werden.
17583Iy.« übrigen. geri.gen Mysterien nun gebraucht ihr nicht, sonders
17584ⲅ werdet sie in den beiden Büchern ⲉⲁ finden, die Henoch
17585geschrieben hat. als ich mit ihm aus dem Baum der Erkennias
17586und ⲁⲗⲁ dem Baum des Lebens im Paradiese des Adam sprach.
17587Jetzt nun. wenn ich euch die gesammte Emanation auseinander
17588geu-tzt habe, werde ich euch geben und euch die grossen Mysterien
17589der drei ϫⲟⲟⲥ meines Reiches sagen, weiche die zspalal der My-
17590»terien sind, die ich euch geben unddie ich euch in allen ihren gyıjwert«
17591nnd allen ihren ttx0c und ihren ⲫϥⲣⲟⲉ und den ggpgayidec des letzten
17592“um ua sagen werde, welches das erste 7007 a von aussen ist. Und
17593ich werde euch die dxog.ä0&ıc und die axoloyiaı und die oupmfola
17594jenes ⲭⲱ ⲙⲟ geben. Das zweite z00nKa innerhalb aber besitzt keine
17595Axogdotız noch axoioyiaı noch suußola noch ϩϥ︦ϣⲟⲉ noch ϭⲣϩⲑ
17596/ldrs, sondern es hat nur texor und 0yuuarta“ (245 f.). Ich habe
17597diese Stelle im Wortlaut wiedergegeben, weil sie mir in doppel-
17598ter Hinsicht von Wichtigkeit zu sein schien. Einerseits lehrt sie
17599ⲙⲡⲃ das Wesen dieser Mysterien kennen; sie bestehen nämlich
17600in Typen und oynyara, die wahrscheinlich bei der Anrufung
17601innegehulten werden mussten, in dxog@äges und ⲉϫⲟⲟⲩ in
17602denen man sich von den feindlichen, den Durchgang durch ihre
17603Regionen hindernden Mächten lossagte, und in ouußola, wos und
176046q.vo«/1dee, die zur Legitimation dienen sollten. Aus der P. Sophis
17605selbst. würden wir uns kein klares Bild von ihnen entwerfen
17606können, denn jedesmal, wo der Verfasser davon spricht, verweist
17607er auf spätere Auseinandersetzungen (ⲣ. 228. 243. 246. 291 etc.)
17608Erst. unsere beiden Bücher Jeü klären den Sachverhalt in ⲱ
17609winschter Weise auf, da diese Lehren fast den ganzen ⲘⲘⲙ
17610des Werkes ausmachen. Sobald nämlich die Seele zu irgend
17611einem Topos gelangt, so besiegelt sie sich mit einem bestimmten
17612Siege] !, welches aus einer komplieierten Figur besteht und eines
176131 Siehe diese Siegel im Text.
page 495
17614IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 479
17615bestimmten Namen führt; daneben hält sie ein #705! in ihren
17616Händen und ruft zugleich den Namen des betreffenden Siegels
17617ein- oder dreimal aus. Ist dies geschehen, dann machen sich
17618die Bewohner jener Region, sobald sie ihren Namen vernehmen,
17619auf und davon und gestatten auf diese Weise den Durchgang
17620wie ⲉⲃ ⲍ. B. P. 42 f. heisst: „Jetzt nun, wenn ihr zu diesem To-
17621pos geht, so besiegelt euch mit diesem Siegel, d. h. mit diesem.
17622Dies ist sein Name &a£&agalalaian, saget ihn nur einmal, in-
17623dem sich dieses wos: Awxe in eurer Hand befindet. Dies ist
17624das Siegel. Wiederum saget auch diesen Namen 77C0ouatato-
17625alacnban dreimal; und die Taxeis und die Vorhänge stieben
17626davon, bis ihr zu dem Topos des Vaters geht“. Sehr interessant
17627sind auch die Angaben über die &xoloylat und die Art der An-
17628rufungen der einzelnen Äonen (P. 76 ff.). Gelangt nämlich eine
17629Seele zum ersten Äon, so treten die Archonten desselben vor sie
17630hin, dann besiegelt sie sich mit einem Siegel, dessen Name Ϩⲱ‐
17631TeCn ist, sagt denselben nur einmal, ergreift das wos 11
17632mit ihren beiden Händen und spricht folgende Apologie: „Weichet
17633zurück ⲡⲟⲧⲉⲐⲇⲉϩϭⲟⲕϣⲱⲓϧ Xovc, ihr Archonten des ersten Äons,
17634denn ich rufe ala Enwias Ϩⲱⲉⲱ an“. Wenn aber die Ar-
17635chonten des ersten Äons diese Namen hören, so werden sie sich
17636sehr fürchten und davonstieben und nach Westen nach links
17637fliehen; und ihr werdet nach oben gehen“. Derselbe Vorgang
17638wiederholt sich bei jedem der folgenden Äonen.
17639Aber unsere oben angeführte Stelle ist von besonderer Wich-
17640tigkeit für die Feststellung des chronologischen Verhältnisses
17641zwischen der P. Sophia und den beiden Büchern Jeü; zugleich
17642liefert sie auch den Beweis für die Identität unseres neuen
176431 Dieses wngos besteht aus beliebigen Zahlen; warum nun ge-
17644rade dasselbe diese Zahl hat und nicht eine andere, habe ich noch
17645nicht untersuchen können. Überhaupt werde ich manche von den hier
17646in Frage stehenden Punkten späterhin in einer besonderen Abhand-
17647Jung darzulegen suchen, in der ich vor allem die heidnischen, super-
17648stitiösen Elemente im Gnosticismus ins Auge fassen möchte; hier
17649würde uns dies zu weit führen,
176502 Auch die Untersuchung über die eigentümlichen Namen ver-
17651spare ich mir auf spätere Zeit.
page 496
17652480 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
17653Werkes mit den in der P. Sophia citierten „beiden grossen
17654Büchern Jeü“. Wir haben schon oben diese Vermutung ⲙⲙ
17655gesprochen, konnten sie aber im Einzelnen noch nicht näher be-
17656gründen, daher wir bei dieser Gelegenheit die Sache ausführ-
17657licher behandeln wollen.
17658Die vorhin citierte Stelle würde, wie wir eingestehen müssen,
17659unserer Vermutung keine Stütze gewähren, ja eine Identifikation
17660geradezu ausschliessen, denn eine genaue Interpretation des Satzes:
17661„Dies sind die drei ϫⲗ ⲟⲉ des Lichtreiches von den Mysterien!
17662dieser drei Ϫⲗ ⲟⲟ. des Lichtes, sie sind sehr zahlreich, ihr werdet
17663sie in den beiden grossen Büchern Jeü finden“, lehrt uns, dass
17664in diesen zwei Büchern Jeü die zahlreichen Mysterien der drei
17665ϫⲟⲟⲥ des Lichtreiches behandelt gewesen sein müssen. Nun wird
17666aber innerhalb der beiden neuen Abhandlungen ebenso wenig
17667von den Mysterien der drei xA%00t, noch überhaupt von den drei
17668ϫⲡⲟⲥ gesprochen. Man könnte eine Erwähnung derselben in
17669den verlorenen Blättern vermuten, aber dieser Ausweg ist durch-
17670ans unstatthaft. Damit wäre denn unsere vermeintliche Identi-
17671fikation mit den beiden Büchern Jedü zu Grabe getragen, da die
17672Angabe Jesu zu bestimmt ist. Aber dieser angeführte Satz unter-
17673liegt den grössten kritischen Bedenken, denn so bestimmt auch
17674die Angabe lauten mag, so wenig Vertrauen in Bezug auf ihre
17675Richtigkeit flösst sie uns ein. Unmittelbar darauf heisst es näm-
17676lich folgendermassen: „Aber ich werde euch geben und euch die
17677grossen Mysterien jedes ⲭⲟϩ sagen“. Dies widerspricht doch
17678der vorhergehenden Aussage. Die ganze Gedankenverbindung ist
17679unlogisch, denn wenn man diese Mysterien in den beiden Büchern
17680Jeü finden konnte, so brauchte sie doch Jesus nicht noch einmal
17681zu verkündigen; der Hinweis auf das Werk hätte ohne Zweifel
17682genügt. Klarer wird der Sachverhalt durch die folgende Notiz
17683gestellt: „Die übrigen geringen Mysterien habt ihr nicht nötig
17684(sc. dass sie euch gegeben und gesagt werden), ihr werdet sie
17685vielmehr in den beiden Büchern Jeü finden“. Dies giebt einen
17686logischen Gedankenfortschritt; es müsste deshalb der Sinn der
17687' Ich vermute, dass diese Stelle verderbt und also zu lesen ist:
17688„Dies sind die drei xAz90ı des Lichtreiches; die Mysterien der drei
17689xAn00ı des Lichtes sind sehr zahlreich.“
page 497
17690IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 481
17691ganzen Stelle also lauten: „Die grossen Mysterien der drei x1700t
17692werde ich euch später geben, die geringen Mysterien brauche
17693ich euch nicht mehr zu sagen, da ihr sie ja in den beiden
17694Büchern Jeü finden könnt“. Wir glauben dadurch wahrschein-
17695lich gemacht zu haben, dass in den beiden Büchern Jeü! keines-
17696wegs die Mysterien der drei ϫⲟⲟⲥ des Lichtreiches enthalten ge-
17697wesen sind; es bliebe nur die Frage zu beantworten übrig, wie
17698der Verfasser seine Behauptung so bestimmt habe formulieren
17699können. Es giebt zwei Möglichkeiten: einmal hat derselbe den
17700Inhalt des Werks nicht genau im Kopfe gehabt, so dass er einen
17701Irrtum beging, oder, was mir wahrscheinlicher dünken möchte,
17702es liegt in der Angabe eine bewusste Absicht vor, um den wahren
17703Sachverhalt zu verdecken. Ihm war nämlich sicher bekannt,
17704dass diese Mysterien der drei x4%00c erst ganz jungen Datums,
17705vielleicht von ihm selbst erfunden waren, also durch die alte
17706Autorität: Jesus-Henoch nicht als ein Stück der Uroffenbarung
17707geheiligt waren. Zu diesem Zwecke suchte er absichtlich sie
17708dadurch zur Anerkennung zu bringen, dass er die Behauptung
17709aufstellte, auch diese wären schon in jenen Büchern enthalten
17710gewesen. Freilich ist seine Unverfrorenheit nicht so weit ge-
17711gangen, dass er direct seine Behauptung aussprach, da er ja
17712leicht von Kundigen eines Besseren belehrt werden konnte; er
17713drückt sich vielmehr so unbestimmt aus, dass man ihn nicht
17714ohne Weiteres der Fälschung bezichtigen kann.
17715Dieselben Bücher Jeü werden im dritten Buche auf p. 354
17716erwähnt; auch hier ist die Vorstellung, dass Jesus sie durch Henoch
17717im Paradiese habe aufschreiben lassen, zugleich wird hinzuge-
17718fügt, auf welche Weise sie aus der Sintflut gerettet sind. Zwar
17719giebt der Verfasser nicht eine bestimmte Anzahl von Büchern
17720an, doch ist ersichtlich, dass auch er nur zwei Bücher gekannt
17721hat. In diesen beiden Büchern waren Mysterien behandelt; der
17722Verfasser spricht nur im Allgemeinen von ihnen, doch lässt sich
17723nachweisen, dass er unter diesen nicht die Mysterien der drei
177241 Auffallend ist es auch, dass erst der Verfasser bei der
17725zweiten Anführung jener Bücher auf ihren Ursprung hinweist; dies
17726war doch, sollten auch die hohen Mysterien in ihnen enthalten sein,
17727schon gleich zu Anfang notwendig.
17728Texte u. Untersuchungen VII, 1, 2. 31
page 498
17729482 1V. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
17730ϫⲟⲟ. verstanden haben kann. Wir müssen zu diesem Zwecke
17731den ganzen Zusammenhang näher betrachten.
17732Auf p. 336 wird durch Maria die Frage angeregt, welche
17733Mächte den Menschen zum Sündigen zwingen, eine Frage, die in
17734der damaligen Zeit sehr häufig ventiliert wurde, darum sie auch
17735hier einen bedeutenden Raum in Anspruch nimmt (ⲣ. 336/850).
17736Die bösen Archonten der ⲉⲙⲕ) und ihre Organe sind es
17737insbesondere, die stets den Menschen verführen; und ⲱⲙ
17738würde sich ihrem Einflusse nicht entziehen können, wenn nicht
17739Jesus die „Schlüssel der Mysterien des Himmelreiches“ ! zum
17740Kosmos gebracht hätte; sonst wäre kein Fleisch gerettet worden;
17741„denn ohne Mysterien kann Niemand in das Lichtreich eingehen,
17742mag er ein Gerechter oder ein Sünder sein. Deshalb nun habe ich
17743die Schlüssel der Mysterien zum Kosmos geführt, damit ich die
17744Sünder befreie, welche an mich glauben und auf mich hören
17745werden, damit ich sie aus den Banden und den Siegeln der Äonen
17746der Archonten löse und sie in die Siegel und die Kleider und
17747die Taxeis des Lichtes binde, damit derjenige, den ich auf Erden
17748von den Banden und den Siegeln der Äonen der Arehonten lösen
17749werde, in der Höhe von den Banden und Siegeln der Äonen der
17750Archonten gelöst werden wird, und der, welchen ich auf Erden
17751in die Siegel und die Kleider und die Taxeis des Lichtes binden
17752werde, in dem Lichtlande in die Taxeis der x4ngovoglias des Lichtes
17753gebunden wird“? (p. 350f.). Hier ist durchaus keine Rede von
17754Mysterien, die nach dem Tode einen bestimmten Platz im Licht-
17755reiche verbürgen, sondern von Mysterien, die zur Reinigung der
17756Sünden, zur Sühnung der Missethaten dienen und von den Ⲃⲙ‐
17757den und Siegeln, mit denen die Archonten die ⲕⲟⲓ und das
17758Avrtiuınop xveOua (8. 0.) an die Seele und den Körper des Men-
17759schen gebunden haben, zu befreien. Welcher Art können num
17760diese Mysterien gewesen sein? Die Antwort kann nicht schwer
17761fallen; es sind die Mysterien der Taufen. Nur von diesen
17762wird man behaupten können, dass sie xa#agl5eıy und zum reinen.
17763Lichte machen (p. 341. 352. 357); nur in diesem Zusammenhang
177641 ef. Matth. 16, 19; 18, 18.
177652 Man erkennt hier deutlich die Beziehung auf die Worte Jesa
17766Joh. 20, 23. Matth. 16, 19; 18, 18.
page 499
17767IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 483
17768wird der Ausspruch Jesu klar: „Deswegen nun hat über mich
17769Johannes der Täufer prophezeit, indem er sprach: Ich taufe zwar
17770euch mit Wasser zur Busse zur Vergebung eurer Sünden; der,
17771welcher nach mir kommt, ist vorzüglicher als ich, in dessen
17772Hand seine Wurfschaufel ist, wenn er seine Tenne reinigen wird.
17773Die Spreu zwar wird er mit unauslöschlichem Feuer verbrennen,
17774seinen Weizen wird er aber in seine Scheune sammeln. Die
17775in Johannes befindliche Kraft hat über mich prophezeit, da sie
17776wusste, dass ich die Mysterien zum Kosmos führen, die Sünden
17777der Sünder, die an mich glauben und auf mich hören werden,
17778reinigen, sie zum reinen Lichte machen und sie in das Licht auf-
17779nehmen würde“ (p. 352). Diese Mysterien der Taufen werden mit
17780dem Namen „Mysterien des Lichtes“ bezeichnet, wenn auch nicht
17781ausgeschlossen sein soll, dass ausser ihnen noch einige andere
17782Mysterien mit einbegriffen sind, doch bilden jene den Haupt-
17783bestandteil.
17784Wenn wir schon aus dem ganzen Zusammenhang schliessen
17785zu müssen glaubten, dass keineswegs die Mysterien der drei
17786ϫⲟⲟⲥ, sondern die Taufen in den Büchern Jeü enthalten ge-
17787wesen seien, so wird unsere Vermutung durch eine andere Stelle
17788desselben Buches zur vollen Evidenz erhoben, darum ich die-
17789selbe um ihrer Wichtigkeit willen in vollständiger Übersetzung
17790gebe (p. 298 ff.): „Jetzt nun, mein Herr, tilgen die Mysterien der
17791Taufen die Sünden, die in den Händen der &0tyator ⲗⲉⲉⲅⲟⲱⲣⲩⲟ
17792sind, dass sie ihr Vergessen bewirken? Jetzt nun, mein Herr,
17793sag’ uns den Typus, in welchem sie Sünden vergeben, aber
17794wir wünschen es ganz sicher zu wissen. Es antwortete der Er-
17795löser und sprach zu Maria: .......... Hört, und ich werde
17796euch das Wort in Wahrheit sagen, in welchem Typus das My-
17797sterium der Taufe Sünden vergiebt. Jetzt nun, wenn die Seelen
17798sündigen, während sie noch auf Erden sind, so kommen freilich
17799die &0tyalor ⲗⲉⲓⲧⲟⲱⲟⲩⲟ und werden Zeugen aller Sünden, welche
17800die Seele thun wird, damit sie ja nicht aus den Topoi der Unter-
17801welten kommen, damit sie dieselbe in den xglo&5, welche ausserhalb
17802der Unterwelten sind, überführen, (damit sie dieselbe überführen !].
17803Und das aprtiuınoy zvedua wird Zeuge für alle Sünden, welche
178041 Der letzte Satz ist tautologisch, daher zu streichen.
1780531*
page 500
17806484 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
17807die Seele begehen wird, damit es sie selbst in den ϫⲣϭⲉⲓϩ, die
17808ausserhalb der Unterwelten sind, überführe, nicht allein, dass
17809es Zeuge von ihnen wird, sondern es siegelt alle Sünden der
17810Seelen und befestigt sie an die Seele, auf dass alle Archonten
17811der Sünder der xolosıs sie erkennen, ob eine Seele sündig ist,
17812und die Zahl der Sünden, die sie begangen, an den Siegeln er-
17813kennen, welche das Ayrtiueuopv ⲇⲱⲉⲟ̄ⲙ an sie geheftet hat, und
17814sie dieselbe gemäss der Zahl der Sünden, die sie begangen, be-
17815strafen. So thun sie allen stindigen Seelen. Jetzt nun, wer
17816die Mysterien der Taufen empfangen wird, so werden die My-
17817sterien von jenen ein grosses, sehr gewaltiges weises (sic!) Feuer
17818und ⲉⲃ verbrennt die Sünden, und sie gehen im Verborgenen in die
17819Seele hinein, und es verzehrt alle Stinden, welche das ayrtiunor
17820AvETUA an ⲃⲓⲉ geheftet hat. Und wenn es genug alle Stinden
17821gereinigt hat, die das ⲱⲅ. xysUna an sie geheftet, so gehen
17822sie im Verborgenen in den Körper ein, und es verfolgt im Ver-
17823borgenen alle Verfolger und trennt sie zu der Seite des Teiles
17824des Körpers. Denn es verfolgt das avtiuuov ϫⲕⲉⲙⲱ und die
17825ⲕⲟⲓ̈ⲟⲥ und trennt sie weg von der Kraft und der Seele und legt sie
17826auf Seite des Körpers, so dass es das aptluLyov xzwveuga und die
17827ⲕⲟⲓⲥ und den Körper nach einem Teile trennt, die Seele da-
17828gegen und die Kraft zu dem andern Teile. Das Mysterium der
17829Taufe aber bleibt in der Mitte von den beiden und trennt sie
17830fortwährend von einander, damit es sie reinigt und sie läutert,
17831auf dass sie nicht von der Hyle befleckt werden. Jetzt mun
17832Marin, auf diese Weise vergeben die Mysterien der Taufen alle
17833Sünden und Missethaten“.
17834Die Parallelen mit den Angaben auf p. 351 liegen auf der
17835Hand; auch hier handelt es sich um die Befreiung des Menschen
17836aus den Banden der Archonten der Äonen resp. ihrer Diener,
17837der &0tpaloı Ⲁⲉⲓⲧⲟⲱⲟⲩⲟ, die Zeugen aller begangenen Sünden
17838gewesen sind, aus den Siegeln, mit denen das ⲉϧⲉ(ⲙⲉϣⲟϧ KUSUnC
17839und die ⲙⲟⲓⲟ⳪ an die Seele gebunden sind. An dieser Stelle
17840kommen ausschliesslich die Mysterien der Taufen in Frage, ja,
17841sie sind deutlich von den Mysterien der drei yÄguAaTE bez.
17842xA%n00t unterschieden. Denn Maria fragt unmittelbar darauf
178431 Im Or. wechselt merkwürdiger Weise stets das Subjekt.
page 501
17844IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 485
17845(p. 302f.): „Siehe, wir haben & xaßOnolx zwar den Typus ⲉⲓ‐
17846kannt, wie die Taufen Sünden vergeben, jetzt aber, in welchem
17847Typus vergeben das Mysterium dieser drei yworuata und die
17848Mysterien dieses ersten Mysteriums und die Mysterien des Inef-
17849fabilis die Sünden? Vergeben sie in dem Typus der Taufen
17850oder nicht?“ Es antwortete der Erlöser und sprach: Nein, son-
17851dern alle Mysterien der drei ywonpata vergeben der Seele in
17852allen Topoi! der Archonten alle Sünden, welche die Seele von
17853Anfang an begangen, sie vergeben sie ihr und sie vergeben auch
17854die Sünden, welche sie nach diesen begehen wird bis zu der
17855Zeit, bis zu welcher ein jedes der Mysterien mächtig sein wird. Ich
17856werde euch die Zeit, bis zu welcher jedes von den Mysterien herr-
17857schen wird, bei der Auseinandersetzung des Alls sagen und auch
17858das Mysterium des ersten Mysteriums und die Mysterien des Ineffa-
17859bilis, welche der Seele in allen Topoi der Archonten alle Sünden
17860und alle Missethaten vergeben, welche die Seele begangen, und
17861ferner, dass sie dieselben alle ihr vergeben, sondern ihr die Sünden
17862nicht anrechnen von dieser Zeit bis in alle Ewigkeit wegen des
17863Geschenkes jenes grossen Mysteriums und ihres bedeutenden
17864Ruhmes“. Aus diesen Worten erhellt deutlich, dass die Myste-
17865rien der drei ywo7uatA die höchsten sind und ihre Wirkung in
17866Bezug auf Sündenvergebung sich viel weiter als die der Taufen
17867erstreckt, und die ersteren, wie wir schon ohen gesehen, in be-
17868stimmten Zwischenräumen successive bei Übertretungen mit-
17869geteilt werden, jene aber die Sünden, welche die Seele bis zum
17870Eintritt in die Gemeinschaft der Gläubigen begangen hat, austilgen.
17871Es entsteht nun die Frage, ob die Mysterien der drei x4%00e
17872zu dem ursprünglichen Bestande des Systems gehört haben.
17873Dies glauben wir mit Recht verneinen zu dürfen, denn ebenso
17874wenig, wie auf Grund der früher angestellten Erörterungen? die
17875drei ymoKatA ursprünglich gewesen sind, können auch schon
17876ihre Mysterien existiert haben. Zu denselben Schlussfolgerungen
17877führen uns mit innerer Notwendigkeit noch andere Erwägungen.
17878Man denke sich diese Gnostiker als eine Gemeinde von Esote-
17879rikern, die ein Mysterienkult zu einem gemeinsamen Bunde, zu
17880! Das Original ist an dieser Stelle fehlerhaft.
178812 Vergl. Kosmologie.
page 502
17882486 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
17883einer gemeinsamen Hoffnung auf ein zukünftiges Himmelreich
17884verknüpfte, als eine Gemeinschaft, in die alle Glieder durch den
17885Ritus der Taufe aufgenommen wurden — wie wäre es bei der
17886Gründung der Sekte möglich gewesen, diesen Bruderbund durch
17887ein trennendes Band zu zerreissen? Denn dies war die notwen-
17888dige Folge, sobald man eine Reihe von Mysterien einführte, die
17889den Inhabern zu einem teils höheren teils niederen Platze im
17890Himmelreich berechtigten, so dass diejenigen, welche der höchsten
17891Mysterien gewürdigt waren, unmittelbar Jesu Herrlichkeit schauen
17892und die unteren Regionen beherrschen konnten. Nur allein die
17893Ansicht kann die richtige sein, dass die Mysterien der drei x1%00:
17894bez. die Einteilung des Reiches Jesu in drei Ⲁ-
17895findung späterer Gnostiker ist, zumal da ihre Lehre von den-
17896selben, wie oben gesagt, grosse Unklarheiten zeigt. Bei dieser
17897Erweiterung des Systems war ein Gedanke wirksam, den wir
17898auch bei der Entwicklung in der Lehre über die Äonenwelt zu
17899erkennen glaubten, nämlich die Idee der ausgleichenden Gerech-
17900tigkeit, indem auch der, welcher auf Erden eine grössere Wür-
17901digkeit gezeigt, auch im Himmel einen erhöhten Rang ein-
17902nehmen soll.
17903Zugleich aber trieb eine andere Erkenntnis zu der Ausbil-
17904dung von neuen heilwirkenden Mysterien, die auch in der Gross-
17905kirche auf die Entwicklung der Lehre von den Sakramenten von
17906tief einschneidender Bedeutung gewesen ist. Durch die Taufe
17907sollte beim Eintritt in die neue Gemeinde ein einmaliger Sünden-
17908erlass erfolgen, sie war der letzte Akt der Gnadenmittel, der zu
17909einem heiligen Lebenswandel verpflichtete. Dies war wohl in
17910den ersten enthusiastischen Zeiten angängig, aber bei der rapiden
17911Entwicklung des Christentums konnte ein solcher Gedanke nicht
17912realisiert werden, denn täglich fielen die eben für die neue Reli-
17913gion Gewonnenen ihren alten Sünden anheim, eine Thatsache,
17914die zu den grössten Unzuträglichkeiten führen musste und in
17915dem Ketzertaufstreit und in dem Streit über die Lapsi eine akute
17916Krisis hervorrief. Hermas suchte dadurch zu helfen, . dass er
17917noch einmal als ein Beauftragter Gottes einen Generalpardon
17918predigte, dies sollte aber das letzte Gnadengut, welches Gott der
17919sündigen Welt geschenkt, bilden. Daneben riss die moralisch
17920sehr verderblich wirkende Praxis ein, die Taufe bis auf das
17921Totenbett aufzuschieben, um dadurch der Vergebung sämmtlicher
page 503
17922IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 487
17923Sünden ganz sicher zu sein. Unter denselben Verhältnissen
17924standen auch unsere Gnostiker, nur mit dem Unterschiede, dass
17925sie sich schneller als ihre Brüder, die Grosschristen, über die
17926Hindernisse hinwegsetzen konnten. Auch sie hatten erkannt,
17927dass selbst diejenigen, welche der Mysterien des Ineffabilis und
17928des ersten Mysteriums teilhaftig geworden, durch die dyayxn
17929der eiuaQuern stets sündigten, darum sie von diesen Mysterien
17930behaupteten, dass sie barmherzig seien und zu jeder Zeit die
17931Sünden vergäben (p. 309), sobald man nur aufrichtige Reue zeige.
17932Die höheren Mysterien, d. h. die Mysterien des Ineffabilis und
17933des ersten Mysteriums waren aber erst im Laufe der Zeit hinzu-
17934gekommen, als die einfachen Sakramente der Taufe nicht mehr
17935allen Anforderungen genügten.
17936Die Grundlagen dieses Kultvereins waren demgemäss ur-
17937sprünglich die einfachen Tauf- und Abendmahlsriten, wie sie
17938auch in den urchristlichen Gemeinden das gemeinsame Band
17939bildeten. In den drei ersten Büchern finden wir nur selten
17940eine Erwähnung der Taufen (p. 207. 291. 298. 299. 300.
17941301. 302. 312. 334), sie scheinen ihre frühere Bedeutung fast
17942verloren zu haben, da man vor allem für einen Ehrenplatz im
17943Himmel Sorge tragen zu müssen glaubte. Wie nun schon oft
17944gezeigt, hat das vierte Buch uns die ältere Stufe des Systems
17945wie auch des Mysterienkultus aufbewahrt. Der erste Teil be-
17946schäftigt sich ausschliesslich mit den Mysterien der Sünden-
17947vergebung !.
17948Gleich nach der Auferstehung scharen sich die Jünger um
17949Jesus und bitten ihn, sich ihrer zu erbarmen, da sie Vater und
17950Mutter und den ganzen Kosmos preisgegeben und ihm gefolgt
17951wären (p. 357) Als nun Jesus ihnen die Schrecknisse der Topoi
17952des Weges der Mitte vor Augen geführt hat, da stürzen sie sich
17953vor ihm nieder und sprechen: „Hilf uns, unser Herr, und habe
17954Mitleid mit uns, damit wir vor diesen bösen xoildosıc, die den
17955Sündern bereitet sind, gerettet werden. Wehe ihnen, wehe ihnen,
17956den Söhnen der Menschen, denn sie tappen wie Blinde in der
17957ⲓ Vergl. unsere Übersetzung S. 334.
179582 Dieselbe Berufung auf die Nachfolge Christi finden wir p. 363.
17959ef. 341 P. 1. 56. 57.
page 504
17960488 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
17961Finsternis herum, da sie nicht sehen“ ete.! (p. 371 £.), Ks sprach
17962Jesus zu seinen Jüngern: „Vertrauet und fürchtet euch nicht,
17963denn ihr seid selig, weil ich euch zu Herren über alle diese
17964machen und sie alle euch unterthan sein lassen werde. Gedenket,
17965dass ich zu euch, bevor ich gekreuzigt wurde, gesagt habe: Ich
17966werde euch die Schlüssel des Himmelreiches? geben. — Jetzt
17967nun sage ich euch: Ich werde sie euch geben“.
17968Darauf stimmt Jesus einen Hymnus in dem grossen Namen
17969an, die Topoi des Weges der Mitte verbergen sich, die Jünger
17970verbleiben mit Jesus in einer starken Lichtluft und txeten auf
17971seinen Befehl zu ihm heran. Jetzt erfolgt die geheimnisvolle
17972Scene. Jesus wendet sich zu den vier Ecken der Welt, spricht
17973über dem Haupte der Jünger den grossen Namen aus, segnet
17974sie und bläst in ihre Augen hinein?. Darauf spricht er zu ihnen:
17975„Schauet hinauf und sehet, was seht ihr?“ Sie heben ihre Augen
17976auf und erblicken ein grosses gewaltiges Licht. Dann befiehlt
17977er aus dem Lichte wegzublicken und ihm zu sagen, was sie jetzt
17978sehen. Diese erblicken Feuer, Wasser, Wein und Blut. Jesus
17979spricht zu seinen Jüngern: „Wahrlich, ich sage euch: nicht habe
17980ich etwas zu der Welt, als ich kam, gebracht, ausgenommen dieses
17981Feuer, dieses Wasser, diesen Wein und dieses Blut. Ich habe
17982das Wasser und das Feuer aus dem Topos des Lächtes der Lich-
17983ter* des Lichtschatzes gebracht und den Wein und das Blut aus
17984dem Topos der Barbelos. Und nach einer Weile hat mein Vater
17985mir den heiligen Geist in Gestalt einer Taube gesandt. Das Feuer
17986aber und das Wasser und der Wein waren reinigend alle Sünden
17987der Welt; das Blut aber war mir ein Zeichen wegen des Kör-
17988pers der Menschheit, welchen ich in dem Topos der Barbeice,
17989der grossen Dynamis des unsichtbaren Gottes, empfangen; der
179901 ϭ. ⲟ. die Übersetzung dieser Stelle ⲃ︦. 336.
179912 Man beachte die deutliche Beziehung dieser Stelle zu p. 351.
17992357, wo ebenfalls Jesus als der Bringer „der Schlüssel der Myate-
17993rien“ bezeichnet wird.
179943 Auch in der griechisch- und römisch-katholischen Kirche werden
17995die Täuflinge angehaucht.
17996+ cf. p. 4. 46. 47. 49. 50. 56. 75. 92, 100. 110. 111. 187. 160.
17997166. 171. 378. P. 58. ⲛ
page 505
17998IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke, 489
17999Geist hingegen zieht alle Seelen, indem er sie zu dem Topos
18000des Lichtes führt. Deswegen habe ich euch gesagt: Ich bin
18001gekommen, ein Feuer über die Erde zu werfen', d. h. ich bin
18002gekommen, die Sünden der ganzen Welt durch Feuer zu rei-
18003nigen. Und deswegen habe ich zu der Samariterin gesagt: Wenn
18004du wüsstest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt:
18005Gieb mir zu trinken, du hättest ihn gebeten, und er gäbe dir
18006lebendiges Wasser, und es würde in dir eine Quelle sein, die in
18007das ewige Leben quillet 2.
18008Und deswegen nahm ich einen Becher Weins, segnete ihn,
18009gab ihn euch und sprach: Dies ist das Blut des Bundes, welches
18010für euch zur Vergebung eurer Sünden vergossen werden wird.
18011Und deswegen hat man auch die Lanze in meine Seite ge-
18012stossen, und es kam Wasser und Blut heraus,
180131 Luc. 12, 49. Sehr bezeichnend wird dieselbe Stelle auf p. 301
18014für die Wirkung der Mysterien des Lichtes angeführt Luc. 12, 49—52;
18015vergleiche die allegorische Deutung: „Das Wort nun, welches Du ge-
18016sagt hast: Ich bin gekommen, ein Feuer über die Erde zu werfen
18017und wie sehr wünsche ich, dass es schon brennte, d. h. mein Herr,
18018Du hast die Mysterien der Taufen zum Kosmos gebracht, und wie
18019sehr gefällt es Dir, dass es alle Sünden der Seele verzehrte und sie
18020reinigte. Und auch danach hast Du es deutlich auseinandergesetzt,
18021indem Du sagtest: Ich besitze eine Taufe, in ihr zu taufen, und in
18022welcher Weise werde ich ertragen, bis es vollendet wird d. h.;: Du
18023wirst nicht auf Erden, bis dass die Taufen vollendet sind und sie die
18024vollkommenen Seelen reinigen, weilen. Und auch das Wort, welches
18025Du einst zu uns gesagt: Denkt ihr, dass ich gekommen bin, Frieden
18026auf Erden zu bringen? Nein, sondern Zwietracht ist es, die ich zu
18027bringen gekommen, denn von nun an werden fünf in einem Hause
18028sein; drei werden gegen zwei getrennt sein und zwei gegen drei,
18029d. h. das Mysterium der Taufen hast Du zum Kosmos gebracht, indem
18030es eine Scheidung in den Körpern des Kosmos vollzog, weil es das
18031avriuınov zveipa und den Körper und die ⲕⲟⲓⲥ zu einem Teile ⲝⲉ-
18032trennt, die Seele hingegen und die Kraft zu dem andern Teil ge-
18033trennt hat, d. h. drei werden gegen zwei getrennt sein und zwei
18034gegen drei.
180352 Joh. 4, 10.
page 506
18036490 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
18037Dies aber sind die Mysterien des Lichtes, welche Sünden ver-
18038geben, d.h. die Anrufungen und die Namen des Lichtes“ ⲣ. 37
18039Der letzte Zusatz macht eine genauere Besprechung des Ⲙ
18040haltes überflüssig; wir erkennen deutlich, dass in diesen vier
18041Elementen Feuer, Wasser, Wein und Blut die geheimnisvollen,
18042magisch wirkenden Bestandteile der Mysterien des Lichtes dar-
18043gestellt sein sollen. Zugleich haben wir einen Anhalt für die
18044Bücher ⲉⲗ, denn oben wurden die Mysterien der Taufen „My-
18045sterien des Lichtes“ genannt, auch in letzteren sollte man die
18046Mysterien bez. die Mysterien des Lichtes finden. Sind also diese
18047in unsern beiden vorliegenden Büchern enthalten, so ist die Iden-
18048tität beider über jeden Zweifel erhaben. ;
18049„Darauf gehen die Dynameis der Linken zu ihren Topoi zu-
18050rück und Jesus mit seinen Jüngern bleibt auf dem Berge von
18051Galilaea. Jetzt fahren die Jünger fort, ihn zu bitten, doch ihnen
18052ihre Sünden zu vergeben und sie zu Erben des Reiches seines
18053Vaters zu machen. Jesus antwortet: „Wahrlich, ich sage euch:
18054nicht nur werde ich eure Sünden reinigen, sondern ich werde
18055euch auch des Reiches meines Vaters würdig machen. lassen und
18056euch das Mysterium der Sündenvergebung auf Eirden . geben,
18057damit dem, welchem ihr auf Erden vergeben werdet, im Himmel
18058vergeben wird, und der, welchen ihr auf Erden binden werdet,
18059im Himmel gebunden sein wird!. Ich werde euch das Myste-
18060rium des Himmelreiches geben, damit ihr selbst sie an den Men-
18061schen vollzieht.
18062Endlich findet sich Jesus zu der Mitteilung: des erbetenen
18063Mysteriums bereit. Wir werden diese Stelle, da .sie von ‚grosser
18064Wichtigkeit für die Geschichte des Kultus ist, ausführlicher be-
18065handeln.
180661) Auf Jesu Befehl bringen die Jünger Feuer und Weinzweige.
180672) Derselbe bringt die x000gp00d dar;
180683) stellt zwei dyyeza Weins auf, einen zur Rechten und
18069einen zur Linken von der 30009008;
180704) stellt die X000Q00& vor die Jünger hin;
180715) stellt ein xot%Qt0v Wassers vor das &yyelov Weins ⲃⲱ
18072Rechten und
180731 ef. Joh. 20, 23. Matth. 16, 19; 18, 18. Man beachte wiederum
18074den Zusammenhang mit p. 351.
page 507
18075IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 491
18076ⲃ) ein xot%EL0v Weins vor das dyyslop zur Linken,
180777) dazu Brote nach Anzahl der Jünger zwischen die beiden
18078KOTHQLA,
18079ⲃ) zuletzt ein zxot%7E:0v Wassers hinter die Brote.
18080Nachdem diese Vorbereitungen getroffen, stellt sich Jesus
18081bei der xg0o0g0o@Q& hin; die Jünger treten hinter ihn, sie sind
18082mit leinenen Kleidern angethan und halten das Psephos des
18083Namens des Vaters des Lichtschatzes in ihren Händen. Dann
18084beginnt das Gebet Jesu an seinen Vater, den Vater aller Vater-
18085‚schaft, das unendliche Licht. Dasselbe zerfällt in folgende Be-
18086standteile: .
180871) Anflehung des Vaters um Erhörung der Bitte, Anrufung
18088der Namen.
180892) Anrufung der Sündenvergeber und Reiniger der Misse-
18090thaten, den Seelen der Jünger ihre Sünden und Missethaten zu
18091vergeben und sie des Lichtschatzes würdig zu machen.
180923) Anrufung des heiligen Vaters.
180934) Bitte um ein Zeichen in der x0006@00& zum Beweis dafür,
18094dass der Vater das Gebet erhört hat.
18095Dies geschieht.
18096Darauf giebt Jesus den Jüngern die Versicherung, dass ihre
18097Sünden vergeben, ihre Missethaten ausgetilgt, und sie zu dem
18098Reiche des Vaters gezählt worden sind. Zugleich knüpft er daran
18099die Mahnung, dieses soeben gezeigte Mysterium allen Menschen
18100zu geben, die an sie glauben und auf sie in allen guten Worten
18101hören. werden, in denen aber kein Falsch ist; dann werden ihre
18102Sünden und Missethaten, die sie bis zum Tage des Empfangs
18103des Mysteriums vollzogen haben, ausgetilgt werden. Den übrigen
18104Menschen soll dasselbe nicht mitgeteilt werden. „Dies nun ist
18105das wahre Mysterium der Taufe von denen, welche ihre Sünden
18106vergeben und ihre Missethaten bedecken werden; dies ist die
18107Taufe der ersten xz000®00a, die den Weg zu dem wahren Topos
18108und zu dem Topos des Lichtes weist“.
18109„Darauf sprechen seine Jünger zu ihm: Rabbi, enthülle uns
18110das Mysterium des Lichtes Deines Vaters, denn wir hörten Dich
18111sagen: Es giebt noch eine Feuertaufe und noch eine Taufe
18112des heiligen Geistes des Lichtes und eine geistige Salbung,
18113welche die Seelen zu dem Lichtschatz führen. Sage uns nun
18114ihr Mysterium, auf dass wir selbst das Reich Deines Vaters er-
page 508
18115492 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
18116langen. Es sprach Jesus zu ihnen: Es giebt kein Mysterium,
18117welches vorzüglicher als diese Mysterien ist, nach welchen ihr
18118fragt, indem es eure Seele zu dem Licht der Lichter, zu den
18119Topoi der Wahrheit und der Güte des Topos des Heiligen der
18120Heiligen führen wird, zu dem Topos, in welchem es keine Frau
18121noch Mann giebt, noch giebt es in jenem Topos Gestalten, sondera
18122ein beständiges, unaussprechliches Licht“ (ⲣ. 377
18123Aus dieser Angabe geht mit Notwendigkeit hervor, dass die
18124Feuertaufe, Taufe des heiligen Geistes und die geistige Salbung
18125von der Taufe der ersten zg00@0Q4 nicht getrennt werden dürfen,
18126denn auch die ersteren werden mit dem Namen „das Mysterium
18127des Lichtes“ bezeichnet.
18128Welches ist nun das Mysterium, welches hier in so feier-
18129licher Weise von Jesus eingesetzt wird? Was haben wir unter dem
18130Begriff „Mysterien des Lichtes“ zu verstehen?
18131Koestlin (Das gnost. System ⲃ︦ 169 Anm. 1) nennt den
18132ganzen Akt eine Eucharistie, nur findet er es auffallend, dass
18133dieser Akt als Taufakt, uwvorn0L0V dindelas Paxtionarog, Bax-
18134ⲧⲓⲏ primae ⲡϩⲟϭϣⲟϩϭ̄ϩ introducentis in töxoy dindelag et
18135intus in ⲧⲡⲟ luminis bezeichnet wird. Das fäxrtıoga fomi
18136ist nach ihm vielleicht ein Sühnakt für Gläubige, welche gesün-
18137digt haben (Taufe, die vom Rauch des Höllenfeuers erlöst), das
18138BüntIOUK KVEVLATOS Bancti luminis etwa ein Akt voller Auf-
18139nahme in die Gemeinde, d. h. in den engern Kreis der xweupa-
18140ⲧⲓⲭⲟⲓ (der in die höheren Mysterien Eingeweihten), die unctio
18141etwa eine Salbung in Krankheiten oder vor dem Tode ‘(letzte
18142Ölung).
18143Usener (Weihnachtsfest, S. 164) kennt in der P. Sophia
18144nur eine „Taufe des Geistes, welche dem heiligen Lichte (sie!)
18145gilt, und eine geistige Salbung, welche die Seelen in das Schatz-
18146haus des Lichtes führt (sic) im Übrigen fügt er gar kein Wort
18147für ihre Erklärung hinzu.
18148Harnack (Untersuch. S. 93) hat gemeint, dass es ⲙ̃ hier
18149nicht um eine Taufe handle, sondern um das Mysterium ⲙⲟⲥ
18150Baxtiouatos und das fAxtioua primae ϫϩⲟϭⲣⲟϩ̄ϩ: die Jünger
18151wären ja auch schon getauft worden. „Es ist vielmehr die
18152Einsetzung einer Art von Busssacrament, nach welchem
18153man im 3. Jahrh. so sehnlich ausschaute. Was die Kirehe ersehnte,
page 509
18154IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 493
18155aber sich nur allmählich schaffen konnte, ist hier mit einem
18156Schlage von Jesus selbst gewährt“.
18157Wir glauben auf Grund eines genauen Studiums der P. Sophia,
18158wie nicht geringer der beiden Bücher Jeü zu einer von diesen
18159Gelehrten abweichenden Meinung berechtigt zu sein. Dieselben
18160haben den Zusammenhang aller angeführten Mysterien nicht er-
18161kannt und sind dadurch irre geleitet worden. Wenn speziell
18162Harnack die Einsetzung einer Art von Busssakrament dadurch zu
18163begründen sucht, dass die Jünger ja schon getauft wären, so ist
18164dieser Grund, sobald es sich um Gnostiker handelt, nicht stich-
18165haltig. Denn wie konnte dieses Faktum dieselben hindern, sie
18166noch einmal der echt gnostischen Taufe teilhaftig werden zu
18167lassen, für die die wirkliche Thätigkeit Jesu auf Erden absolut
18168bedeutungslos war, die deshalb ein zwölfjähriges Leben nach der
18169Auferstehung fabulierten, um in diesen Zeitraum ihre Fiktionen
18170verlegen zu können? Sahen sie sich nicht genötigt, da sie alle
18171ihre Lehren auf die hochheilige Autorität von Jesus und seinen
18172zwölf Jüngern zurückführten, auch den bedeutungsvollen Akt,
18173durch den Jesus seinen Jüngern die Mysterien des Lichtes, d. h.
18174die Weihen der Taufe mitteilte, in der unmittelbar der Aufer-
18175stehung folgenden Zeit geschehen zu lassen?
18176Im Grunde entfernt sich unser Verfasser nicht so weit von
18177den Berichten unserer Evangelien, wie es auf den ersten Blick -
18178den Anschein gewinnen möchte. Hatte doch Jesus zu den
18179Jüngern noch kurz vor seinem Tode gesagt: ,ⲙⲉⲧⲉ di to ⲉⲉⲣ
18180$nval ⲕⲉ 00080 ⲙⲙⲁ̄ ⲉⲓϩ ⲧⲓ Taiılalar“ !; diesem Befehle
18181sind sie getreulich nachgekommen, wenn es heisst: Ⲟ di Eydaxa
18182ⲕⲁ ϥⲧⲟ ⲉ̀ⲡⲟⲣⲉ̀ⲑϥϭ⳪ ⲉⲓϩ ⲧ) Talılalar, le ⲧⲟ 00065 ot &taAsarto
18183ⲥϭⲩ̀ⲍⲟⲓϩ ⲟ Incovs?).
18184Auf diesem Berge redete nach Matthaeus 28, 1 der Auf-
18185erstandene und forderte sie auf, hinauszugehen und alle Völker
18186zu lehren, und sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und
18187des heiligen Geistes zu taufen und sie zu lehren, alles was er
18188ihnen befohlen, zu halten. — Nach dieser Version geschah also
18189der Befehl und die Einsetzung der Taufe auf einem bestimmten
181901 cf. Matth. 26, 32; 28, 7. 10. Marcus 14, 28.
181912 Matth. 28, 16.
page 510
18192494 IV, Untersuchungen über die gnostischen Werke.
18193Berge in Galilaea nach seiner Auferstehung, u. z. waren nur die
18194elf Jünger um ihn versammelt. Mir ist es unzweifelhaft, dass
18195der Verfasser des vierten Buches diese im Matthaeus vorliegende
18196Erzählung vor Augen gehabt hat. Man beachte nur den Ar-
18197fang: „Es geschah nun, als unser Herr Jesus gekreuzigt wurde,
18198stand er auf von den Toten an seinem dritten Tage. Ka versam-
18199melten sich seine Jünger um ihn, beteten ihn an und sprachen
18200etc.“ (p. 357) Der Verfasser fährt dann fort: „Damals stand Jesus
18201mit seinen Jüngern an dem Wasser des Oceans und
18202dieses Gebet etc.“ Wir übergehen diese und andere Begeben-
18203heiten; am Schluss heisst es: „Es geschah nun danach, dass
18204Jesus befahl: Mögen alle Dynameis der Linken zu ihren Topoi
18205gehen. Und Jesus mit seinen Jüngern blieb auf dem Berge von
18206Galilaea.‘“ Dann folgt unmittelbar die Einsetzung der „Myaterien
18207des Lichtes“. Wir müssen daraus folgern, dass auf diesem
18208die Mitteilung stattgefunden; vor allem möchten wir noch darauf
18209aufmerksam machen, dass der Verfasser diesen Ort kurzweg als
18210„den Berg von Galilaea“ bezeichnet, wie ja auch ohne nähere
18211Angabe unsere synoptische Quelle. Das ist kein Zufall.
18212Um nun zu unserer These zurückzukehren, dass das füxrıch®
18213der ersten x000g0oQ& kein Busssakrament, sondern ein Tauf-
18214sakrament war, so spricht gegen obige Annahme einerseits die
18215Thatsache, dass das Mysterium resp. die Mysterien als faxtiegara
18216bezeichnet werden, andererseits der Name „Saxtıcna der arsten
18217006@00&“. Dies setzt doch die Existenz eines fdxtıona der
18218zweiten x000@00@ etc. voraus? Wir würden auf dieses Weise
18219nicht ein, sondern mehrere Busssakramente erhalten, und das
18220ist sehr bedenklich; fassen wir dagegen dies Paxtıcka der ersten
18221X006@0Qk, das ⲃⲉ︦ⲡⲅⲓϭⲙⲥ des Feuers und des heiligen Geistes
18222und die geistige Salbung als einen Komplex eng zusammen-
18223gehörender Taufakte auf, und verstehen darunter die Mysterien
18224des Lichtes, so werden wir das Richtige getroffen haben.
18225Diese Mysterien des Lichtes sollten nach p. 246 und 354
18226in den beiden Büchern ⲉ genauer behandelt sein. Welch’ ein
18227glücklicher Zufall, dass uns in dem neuen Werke eines der äl-
18228testen, wenn nicht das älteste Denkmal der Sekte über die
18229Mysterienlehre aufbewahrt ist, denn in den Augen unserer
18230Verfasser erschien das Werk durch ein.so hohes Alter gehei-
18231ligt zu sein, dass es ohne Besinnen dem Henoch zugeschrieben
page 511
18232IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 495
18233wurde.! Dieselben Taufen, denen wir in dem vierten Buche der
18234P. Sophia begegnen, ohne über ihr Wesen nach allen Seiten hin
18235genauer aufgeklärt zu werden, treffen wir in dem zweiten Buche
18236unseres Werkes wieder. Eine Täuschung ist unmöglich, wir be-
18237sitzen jetzt, wenn auch mit einigen Lücken, die beiden Bücher Jen
18238und damit zugleich eine wichtige Urkunde für das innere Leben
18239der Sekte in einer weit älteren Periode.
18240Gleich der Anfang lehrt uns den Inhalt des ganzen Buches
18241kennen. „Es sprach Jesus zu seinen Jüngern, welche um ihn
18242versammelt waren, zu den Zwölfen und den Jüngerinnen: Um-
18243gebet mich, meine zwölf Jünger und Jüngerinnen, und ich werde
18244euch die grossen Mysterien des Lichtschatzes verkündigen,
18245die Niemand in dem unsichtbaren Gott kennt. Weder können sie
18246die Äonen des unsichtbaren Gottes, wenn ihr sie vollzieht, ertragen,
18247weil sie die grossen Mysterien des Lichtschatzes des Innern der
18248Inneren sind, und es können sie auch nicht die. Äonen der Ar-
18249chonten, wenn ihr sie vollzieht, ertragen, noch können sie dieselben
18250erfassen etc.“ (P. 54). Mit diesen Einleitungsworten ist deutlich
18251angekündigt, dass in diesem Buche die grossen Mysterien des
18252Lichtschatzes behandelt werden sollen. Nun spricht Jesus im
18253Laufe der Erzählung folgendermassen: „Aber vor alledem werde
18254ich euch die drei SaxtiouatAa geben: „das PAxtıoua des Wassers“
18255und „das Baxtıcua des Feuers“ und „das Paxtıocwa des heiligen
18256Geistes“. Und ich werde euch das Mysterium, die Unbill der
18257Archonten von euch zu beseitigen, geben und danach werde ich
18258euch das Mysterium des xoloua xyELLATIKXO geben.“
18259Um nun die beiden letzten Mysterien zuvörderst unberück-
18260sichtigt zu lassen, so ergiebt sich aus diesem Satze ein Drei-
18261faches, einerseits die Bestätigung unserer Ansicht, dass wir hier
18262kein Busssakrament, sondern BaxtiouatA vor uns haben, zweitens
18263die Zusammengehörigkeit der Wassertaufe, Feuertaufe und Taufe
18264des heiligen Geistes ?, drittens die Identität der Wassertaufe mit
182651 Der Einwand, den man vielleicht erheben möchte, dass in dem
18266Werke kein Anspruch auf Henoch als den Verfasser erhoben wird,
18267wird dadurch hinfällig, dass diese Angabe in dem Werke selbst nicht
18268gestanden haben kann, sondern augenscheinlich die Tradition sich erst
18269später innerhalb der Sekte gebildet hat.
182702 Eine sehr willkommene Bestätigung liefert die Perikope von
page 512
18271496 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
18272dem in der P. Sophia genannten ,ⲃⲉⲅⲱⲕϭ der ersten
18273000p00&“ bez. dem „wahren Mysterium des ⲃⲉⲉⲅⲓϭⲏⲉ von
18274der Versuchung des Petrus durch Jesus im dritten Buch ⲣ. Ⲁ
18275Dort heisst es: „Danach sah Jesus eine Frau, welche kam, um Busse
18276zu thun; er hatte sie dreimal getauft und nicht hatte sie das den
18277Taufen Angemessene gethan, Und der Erlöser wollte den Putrus auf
18278die Probe stellen, um zu sehen, ob er‘ barmherzig und Sünden ver-
18279gebend wäre, wie er es ihnen befohlen hatte, und sprach zum Petrus:
18280Siehe, dreimal habe ich diese Seele getauft und bei diesem dritten
18281Mal hat sie das den Mysterien des Lichtes Angemessene nicht yethan
18282Warum nun vernichtet sie auch den Körper? ⲑⲃ ⲱⲱ, Petrus,
18283vollziehe das Mysterium des Lichtes, welches die Seelen aus den
18284xAnoovoulaı des Lichtes ausscheldet, vollziehe jenes Mysterium, damit
18285es die Seele dieser Frau aus den xAÄngovopier den Lichtes ⲙⲃ
18286scheidet. Als nun dieses der Erlöser gesagt hatte, stellte er [ihn] auf
18287die Probe, um zu sehen, ob er barmherzig und Sünden vergebend
18288wäre. Als nun dieses der Erlöser gesagt hatte, sprach Petrus: Mein
18289Herr, lass sie auch dieses Mal, auf dass wir ihr die hohem Mysterien
18290geben. Und wenn sie Nutzen bringt, so IMsst Du sie, und sie erlangt
18291das Lichtreich; wenn sie aber keinen Nutzen bringt, ⲱ seheidest
18292Du sie aus dem Lichtreich aus. Als num Petrus dieses gesagt
18293hatte, erkannte der Erlöser, dass Petrus barmherzig und Sünden ver-
18294gebend, wie er, wäre“, Man beachte zunächst, dass hier von Pasrie-
18295ⲕⲁⲧⲁ die Rede ist, und diese ebenfalls die Ⲙⲙⲱ des ⲱϣ
18296genannt werden; zugleich werden sie als die niedrigen Mysterien be-
18297trachtet, da Petrus die Bitte ausspricht, der Seele die hulen. Myste-
18298rien mitteilen zu können. Aber diese Stelle setzt, was noch. ⲙⲙ
18299tiger ist, die drei Taufen voraus. Harnack (Unters. ⲃ︦. 79 Ⲙⲙⲱ 2)
18300hat auf Grund obiger Stelle geschlossen, dass diese Gineutiker‘ äurch
18301ein dreimaliges Untertauchen tauften, wie ja auch in der Gressikärche
18302der Täufling bei der Taufe auf den Namen des ⲉⲱϣ des Schues
18303und des heiligen Geistes jedesmal untergetaucht wurde. Dieser Schlun
18304wäre vollkommen berechtigt, wenn ⲉⲃ sich um einen einmällgeh Tauf-
18305akt handelte, dies ist aber an dieser Stelle nicht der Fall; ⲙⲙ der
18306Ausdruck „dreimal taufen“ besagt hier nur so viel, dass die Taufe
18307dreimal vorgenommen ist, und zwar kann dies ⲕⲱ 2m Mingeren
18308Zwischenräumen geschehen sein, da eine gewisse Zeit veruirelchen
18309musste, damit die Frau neuen Sünden anheimfßel. Aly sie sich jetzt
page 513
18310IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 497
18311denen !, welche ihre Sünden vergeben und ihre Missethaten
18312bedecken werden.“
18313Um den letzten Punkt zu beweisen, müssen wir den Ritus,
18314wie er sich in unserem Buche darthut, näher betrachten, u. z. werden
18315wir, damit die Uebereinstimmung besser in die Augen fällt, die
18316beiden Berichte einander gegenüberstellen; den Bericht in der
18317P. Sophia bezeichnen wir mit A und den im zweiten Buche Jeü
18318mit B. Letzterer zeigt folgenden Eingang: „Es geschah danach
18319dass Jesus seine Jünger herbeirief und zu ihnen sprach: Kommet
18320alle und empfanget die drei Taufen, bevor ich euch das My-
18321sterium der Archonten sage. — Es kamen nun alle Jünger und
18322Jüngerinnen und umgaben Jesus alle zugleich.“
18323A. B.
18324Jesus aber sprach zu ihnen: Jesus sprach nun zu ihnen:
18325Gehet hinauf nach Galilaea ? und
18326findet einen Mann oder eine
18327Frau, in denen die Mehrzahl der
18328Schlechtigkeit gestorben ist, —
18329wenn es ein Mann ist, der keinen
18330Beischlaf hält, oder wenn es eine
18331Frau ist, die mit der Weise der
18332Frauen aufgehört hat und keinen
18333Beischlafmacht — und empfanget
18334zwei ⲩⲣⲉ. Weins aus den Hän-
18335Bringt mir Feuer und Wein- | den solcher und bringt sie mir
18336zweige. zu diesem Ort und holt mir
18337Weinzweige herbei 3.
18338wieder reuevoll naht, hat sie sämmtliche drei Taufen bereits em-
18339pfangen, der Gnadenschatz derselben ist erschöpft, nur die höheren
18340Mysterien der drei ywoyuat« können helfen; mit einem Wort, die
18341Frau hatte die uns bekannten drei Taufen: die \WVasser- und Feuer-
18342taufe und die Taufe des heiligen Geistes empfangen.
183431 Dieser Genitiv zeigt uns an, dass es noch andere Taufen giebt,
18344welche dieselbe Wirkung ausüben.
183452 Der Berg Galilaeas ist nach A p. 374 der Ort der Mitteilung
18346jener Mysterien,
183473 B. ist ausführlicher und verdient den Vorzug, da die Spen-
18348Texte u. Untersuchungen VIII, 1, 2. 32
page 514
18349498
18350A.
18351Sie brachten sie ihm.
18352Er legte die xz00064.004 auf,
18353stellte zwei dyysIa Weins auf,
18354eins zur Rechten und das andere
18355zur Linken der x0006g008.
18356Er stellte die x000g00& vor
18357sie hin, stellte einen Becher
18358Wassers vor den Weinkrug, der
18359zur Rechten, und stellte einen
18360Weinbecher vor den Weinkrug,
18361der zur Linken, und legte Brote
18362gemäss der Anzahl der Jünger
18363mitten zwischen die Becher und
18364stellte einen Becher Wassers
18365hinter die Brote 3.
18366IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
18367B.
18368Die Jünger brachten aber die
18369beiden ⲉⲩⲉⲓ Weins und die
18370Weinzweige herbei.
18371Jesus legte aber eine #vola
18372auf, stellte ein äyystop Weins
18373zur Linken der $vola und das
18374andere dyyzsIo» Weins zur Rech-
18375ten der #vola.
18376Er legte Wachholderbeeren und
18377Kasdalanthos und Narden auf‘.
18378Er stellte seine Jünger vor
18379das Opfer (ⲉⲃⲓⲱ aber
18380stand bei dem Opfer (ⲑ)
18381breitete über einen Topos leinene
18382Kleider aus und stellte einen
18383Becher Weins darauf und Brote
18384gemäss der Anzahl der Jünger?
18385legte Olivenzweige auf den To-
18386ⲣⲟⲃ der ϫϩⲟϭϣⲟϩϭ̄ und bekränzte
18387sie alle mit Olivenzweigen. Und
18388Jesus besiegelte seine Jünger
18389mit diesem Siegel (s. Text);
18390seine Auslegung ist diese: #:w-
18391ϩⲟ sein Name ist: galagpapac.
18392dung der heiligen Sakramentalien nur von Personen erfolgen konnte,
18393die der gnostischen Ethik entsprachen, In A wird an Stelle von
18394ayysia das Feuer genannt, während umgekehrt in B das Feuer ⲙⲱ
18395gelassen ist; dies aber ist belanglos, da ja das zur Handlung Not-
18396wendige herbeigebracht werden musste.
183971 Hier ist B genauer, da bei dem Opfer viele wohlriechende
18398Pflanzen verwandt wurden.
183992 Wir werden hier und im Folgenden die einzelnen Sätze etwas
18400anders ordnen.
18401* An dieser Stelle zeigen A u. B bedeutende Abweichungen; vor
page 515
18402IV, Untersuchungen über die gnoetischen Werke. • 499
18403A. B.
18404Es stand Jesus vor der ⲣⲟⲟϭ- Er liess alle Jünger sich in
18405ϣⲟⲣ, stellte die Jünger hinter | leinene Kleider einhüllen, steckte
18406sich, alle bekleidet mit lei- | Flohkraut in ihren Mund und
18407nenen Gewändern, während das | legte das Psephos der sieben
18408Psephos des Namens des Vaters | Stimmen, nämlich 9879, in ihre
18409des Lichtschatzes in ihren Hän- | beiden Hände und legte das Son-
18410den war! | nenkraut in ihre beiden Hände
18411ⲓ und stellte seine Jünger vor die
18412| Svola.
18413ⲓ Jesus wandte sich mit seinen
18414| Jüngern gegen die vier Ecken
18415| der Welt und befahl ihnen, dass
18416; ein jeder von ihnen seine Füsse
18417dicht aneinander stelle 2.
18418Er rief also aus und sprach: ‘| Und er sprach folgendes Ge-
18419ϯ bet (ssiⲭ]
18420Erhöre mich, mein Vater, Du
18421Vater aller Vaterschaft, Du un-
18422endliches Licht. |
18423Law‘ ⲓ̈ⲟⲱⲱ ⲓ̈ⲥⲱ ⲥⲱⲓ̈ ⲱⲓ̈ⲥ Yı- Wabahnd ⲥⲥⲝⲓ] ϭ) dunv
18424ϧⲱⲑⲉϩ Ⲫⲉⲟⲱⲯⲓⲩ• ⲱϣⲓⲑⲉⲟ ⲉϣ- | aUnV AUNV ⲉⲓⲉⲓ ⲉⲓⲥⲍⲉⲓ and
18425allem ist auffällig, dass A neben den 2 ayysia Weins noch 2 ⲡⲟⲧ ⲓ⳪
18426Wassers und ein xzor1v.0v Weins hat, B dagegen nur ein zor%QL0v
18427Weins; A scheint hier in seinen Angaben genauer zu sein.
18428ⲓ Es geht aus der Parallele hervor, das das wos des Namens des
18429Vaters des Lichtschatzes mit dem wos der sieben Stimmen identisch ist,
184302 Diese Verordnung kommt in A nicht vor, war aber ihm nicht
18431unbekannt, denn es heisst (p. 357f.): „Während Jesus dieses (sc.
18432Gebet) sagte, waren Thomas, Andreas, Jacobus und Simon der Ka-
18433naniter im Westen, und ihre Gesichter nach Osten gekehrt. Philippus
18434aber und Bartholomäus befanden sich im Süden, gewendet nach Nor-
18435den, die übrigen Jünger und Jüngerinnen aber standen hinter Jesus.
18436Jesus stand aber beim dvoınotnELOr, und es rief Jesus aus, indem er
18437sich zu den vier Ecken der Erde wandte mit seinen Jüngern, bekleidet
18438alle mit leinenen Gewändern“. Ebenso p. 372: „Er wandte sich zu
18439den vier Ecken der Welt, sprach den grossen Namen über ihrem
18440Haupte, segnete sie und blies in ihre Augen“.
1844132°
page 516
18442500 •
18443A.
18444Ϩⲟⲙϭⲱⲑ • ϧⲉϣⲉⲟⲙϭⲱ• UHAQAXAX-
18445da‘ ⲙⲉϩⲕϭⲟϭⲭⲑⲁ• ⲓⲓⲥⲱϭ ⲙⲉ‐
18446ⲥⲙⲟⲩ ... TOV ⲟⲗⲣϭⲱⲟⲩ ⲉϭⲱ
18447dunp du" Govßaißal‘ AaRKACK‘
18448au dunpr ⲉⲥⲥϩⲁⲓ ga Xag0V
18449dur ⲉⲏ). ϭⲥϩϭⲥϩϭϭϩⲧⲟⲱ duny
18450dur vr KXOUVXLAULD ⲙⲓⲥⲓ dunp
18451ⲉ̀ϯ ⲓ̈ⲥ ⲥⲓ ⲧⲟⲕ RaUND ⲉⲓϯ)
18452dur ϣⲟⲓ ⲕⲥϩⲉ ⲙⲥϩⲱϯ Hager
18453ⲉⲕ] ⲉ) ⲏ)
18454Erhöre mich, mein Vater, Du
18455Vater aller Vaterschaft 2.
18456Ich rufe euch selbst an, ihr
18457Sündenvergeber, ihr Reiniger
18458der Missethaten, vergebet die
18459Sünden der Seelen dieser Jünger,
18460die mir gefolgt sind, und reiniget
18461ihre Missethaten, machet sie
18462würdig, in das Reich meines
18463Vaters aufgenommen zu werden,
18464denn sie sind mir gefolgt und
18465haben meine Gebote gehalten.
18466Jetzt nun, mein Vater, Du
18467Vater aller Vaterschaft, mögen
18468die Sündenvergeber kommen,
18469deren Namen diese sind:
18470ϭⲉϣⲓⲟⲉⲯⲱⲓⲭⲓⲉ • ϩⲉⲓⲉⲓ ⲃⲉⲣⲓⲙⲟⲩ •
18471IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
18472B.
18473Sand ϩⲟϥ ⲉⲙ ⲉ̀ⲣⲟ ⲉ̀
18474aunp dunp ⲉⲃ) alaayalagayı
18475ϩϭϩϭⲗϭ ϩⲥϩⲃⲁⲑϣ Tagfadar ⲟ
18476ϭⲉ. ϩⲥϩϭⲉⲉ ϩⲟϩϭⲉⲉ ⲥⲟⲣϥ
18477ⲟϩⲉ ⲃⲟϩⲭⲥ ⲑⲟϩⲥⲑ ⲑⲟϩⲁⲃ
18478...2 -
18479Erhöre mich, mein Vater, Du
18480Vater aller Vaterschaft, Du un-
18481endliches Licht, welches sich im
18482Lichtschatz befindet.
18483Mögen die fünfzehn xaga-
18484⳪ϭⲅⲉⲧⲥⲉ kommen, welche den
18485sieben Lichtjungfrauen, die der
18486Lebenstaufe vorgesetzt, dienst-
18487bar sind, deren
18488bare Namen diese sind:
18489Astrapa, Tesphoiode, Onto-
184901 Über die Namen werde ich in einem besonderen Aufsatz han-
18491deln, zuvörderst vergl. Harnack Untersuch. S, 87 ..
184922 Auch in der ⲡϩⲟϭⲉⲱⲭⲓ auf p. 357 heisst es: „Erhöre mich, mein
18493Vater, Du Vater aller Vaterschaft, Du unendliches Licht.“
18494375. 379.
18495ef. 358.
page 517
18496IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
18497A.
18498ϭⲟⲗⲥⲃⲣⲓⲭⲓⲣ ⲉⲱϩⲥ va Vai dıeLG-
18499BalunotX HEUPLROS XLQLE' EVTALQ"
18500ⲙⲟⲱⲐⲓⲟⲱϩⲣ ϭⲕⲟⲱⲣ ⲡⲉⲱⲗϥⲟ ⲟⲟⲱⲟ‐
18501ⲗⲟⲩϭ ⲕⲓⲙⲓⲟϧⲟⲣ ⲓ̈ϭⲟⲭⲟⲃⲟϩⲥ.
18502Erhört mich, indem ich euch
18503anrufe, vergebet die Sünden die-
18504ser Seelen und tilget ihre Misse-
18505thaten aus. Mögen sie würdig
18506sein, in das Reich meines Va-
18507ters, des Vaters des Lichtschatzes,
18508aufgenommen zu werden, denn
18509ich kenne Deine grossen Dyna-
18510meis und rufe sie an:
18511ⲥⲱⲣ ⲃⲉⲃⲟⲱ adyorı" ⲟⲩⲟⲉ
18512ⲓⲱⲱⲉ• ϭⲟⲕϣⲉ)• ⲭⲩⲓⲧⲟⲱϭⲟⲭϩⲉⲱⲫ
18513ⲕϭⲱⲱⲩⲱⲃⲓ• ⲕϧⲉⲱⲱⲣ ϭⲟⲩⲱⲙⲓ ⲭⲱⲭⲉ‐
18514ⲧⲉⲱϣ ⲱⲗⲉ ⲉⲧⲉⲱϣ ⲙⲉⲙⲱⲭϭⲓⲗⲙⲫ
18515Vergieb die Sünden dieser
18516Seelen, tilge aus ihre Misse-
18517thaten, die sie wissentlich und un-
18518wissentlich begangen, die sie in
18519Hurerei und Ehebruch bis zum
18520heutigen Tage begangen haben,
18521vergieb sie ihnen und mache sie
18522würdig, in das Reich meines
18523Vaters aufgenommen zu werden,
18524und mögen sie würdig sein, von
18525dieser x000@00& zu empfangen,
18526mein heiliger Vater !.
18527Wenn Du nun, mein Vater,
18528mich erhört und die Sünden
18529dieser Seelen vergeben und ihre
18530Missethaten getilgt und sie wür-
18531dig gemacht hast, zu Deinem
18532501
18533B.
18534nios, Sinetos, Lachon, Poditanios,
18535Opakis, Phaidros, Odontuchos,
18536Diaktios, Knesion, Dromos, Eui-
18537detos?, Polypaidos, Entropon.
18538Mögen sie kommen und meine
18539Jünger mit dem Lebenswasser
18540der sieben Lichtjungfrauen tau-
18541fen, ihre Sünden vergeben und
18542ihre Schlechtigkeiten reinigen
18543und dieselben zu den Erben des
18544Lichtreiches rechnen.
18545Wenn Du nun mich erhört
18546und Mitleid mit meinen Jüngern
18547gehabt hast, und wenn sie zu
18548den Erben des Lichtreiches ge-
18549zählt worden sind, und wenn
185501 ef. „der Topos des Heiligen der Heiligen“ (p. 378) „der Sohn
18551des Heiligen“ (p. 390).
page 518
18552502
18553A.
18554Reiche gerechnet zu werden, so
18555mögest Du mir ein Zeichen in
18556dieser x000@00& geben,
18557Und es geschah das Zeichen,
18558welches Jesus erbeten hatte.
18559Es sprach Jesus zu seinen
18560Jüngern: Freuet euch und ju-
18561belt, denn eure Sünden sind ver-
18562geben und eure Missethaten aus-
18563getilgt, und ihr seid zu dem
18564Reiche meines Vaters gezählt.
18565Als er aber dies gesagt hatte,
18566freuten sich die Jünger sehr.
18567IV, Untersuchungen über die gnostischen Werke.
18568B.
18569Du ihre Sünden vergeben und
18570ihre Missethaten ausgetilgt hast,
18571so möge ein Wunder geschehen
18572und Sogoxodogx kommen und
18573das Wasser der Lebenstaufe in
18574einen von diesen dyysla Weins
18575herausbringen.
18576Und in demselben Augenblick
18577geschah das Wunder, welches
18578Jesus erbeten hatte,
18579und der Wein zur Rechten der
18580$vola wurde zu Wasser. Und
18581die Jünger traten vor Jesus; er
18582taufte sie und gab ihnen von der
18583diesem Siegel (s. Text) 1.
18584Und die Jünger waren in sehr
18585grosser Freude, dass ihre Sün-
18586den vergeben, ihre Missethaten
18587bedeckt waren, und sie zu den
18588Erben des Lichtreiches gezählt
18589wurden, und dass sie mit dem
18590Lebenswasser der sieben Licht-
18591jungfrauen getauft und das hei-
18592lige Siegel empfangen hatten.
18593Es bedarf wohl keiner weiteren Erörterungen, um zu zeigen,
18594dass die in A und B behandelten Stücke trotz einzelner Ab-
18595weichungen identisch sind, mithin das ⲃⲉ︦ϫⲅⲉϭⲏϭ der ersten
18596wir sehen werden.
185971 Diese Stelle ist eine der wichtigsten im ganzen Werke, wie
18598B verdient grossen Vorzug vor A.
page 519
18599IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 503
18600ⲡⲟⲟϭⲫⲟⲣⲟ nichts anderes als die Wassertaufe bedeutet, und
18601zweitens, dass wir es nicht mit einem Buss-, sondern mit einem
18602Taufsakrament zu thun haben. Letzteres wird auch dadurch be-
18603wiesen, dass am Schlusse der Handlung die Jünger mit dem
18604Lebenswasser der sieben Lichtjungfrauen getauft werden und das
18605heilige Siegel empfangen. Bevor wir aber diese Taufe näher be-
18606sprechen, wollen wir die Riten bei der Feuertaufe und Taufe des
18607heiligen Geistes betrachten. |
18608Jesus lässt Weinzweige holen, bringt ein Räucherwerk dar
18609und legt darauf Wachholderbeeren, Myrrhen, Weihrauch, Harz
18610vom Mastixbaum, Narden, Kasdalanthos, Terpentin und Zimmtöl.
18611Dann werden über den Topos der ⲡϩⲟϭϣⲟⲣϭ︦ leinene Kleider
18612gebreitet und darauf ein Becher Weins und Brote gemäss
18613der Anzahl der Jünger gestellt; die Jünger müssen leinene
18614Kleider anlegen, werden mit aufrecht stehendem Taubenkraut
18615bekränzt, bekommen wiederum Flohkraut in ihren Mund, halten
18616das wos der sieben Stimmen 9879 und die Goldblume in ihren
18617Händen und haben Knöterich unter ihren Füssen. In dieser
18618Weise müssen sie vor das Räucherwerk treten und zugleich ihre
18619Füsse dicht aneinander stellen. Jesus tritt hinter das Räucher-
18620werk, besiegelt die Jünger mit einem bestimmten Siegel, wendet
18621sich mit ihnen gegen die vier Ecken der Welt und spricht ein
18622Gebet zum Vater, dem Vater aller Vaterschaft, und zu der Licht-
18623jungfrau, der Richterin (s. Kosmologie). Das Gebet enthält die-
18624selben Gedanken wie das vorhergehende, ist aber verhältnismässig
18625länger. Wir wollen nur hervorheben, dass unter den Sünden,
18626welche die Jünger wissentlich und unwissentlich begangen haben
18627sollen, namentlich ihre Verleumdungen, Flüche, falschen Eide,
18628Diebstähle, Lügen, falschen Beschuldigungen, Unzucht, Ehe-
18629brüche, Begierden,. Habgier aufgezählt werden !.
18630Zum Schluss bittet Jesus wiederum um ein Zeichen u. z.
18631in dem Feuer des duftenden Weihrauchs. Das Wunder geschieht;
18632worin es aber bestanden, wird leider nicht angegeben. Darauf
18633tauft er sie, giebt ihnen von der xg00g00& und besiegelt sie an
18634der Stirn mit dem Siegel der Lichtjungfrau, welches zu dem
18635Lichtreiche rechnet.
186361 Man vergl. P. Sophia p. 376: „die sie in mogvei@ und Ehe-
18637bruch begangen haben“.
page 520
18638504 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
18639Ferner errichtet Jesus das Räucherwerk für die Taufe des
18640heiligen Geistes, legt Weinzweige, Wachholderbeeren, Kasdı-
18641lanthos, xgoxoudyuatos, KactiKn, xıvauapov, Myrrhen, Balsam
18642und Honig darauf, stellt zwei ⲉⲩⲉⲓ Weins, einen zur Rechten
18643und den andern zur Linken des Räucherwerks auf und Brote
18644gemäss der Anzahl der Jünger. Er besiegelt dieselben, tritt zu
18645dem Räucherwerk, stellt die Jünger vor dasselbe, u. z. sind diese
18646in leinene Gewänder eingehüllt, mit Myrten bekränzt, haben in
18647ihrem Mund Flohkraut von der xgcörn?, Kinspross vom Bei-
18648fuss und das ⲫⲟϩ der sieben Stimmen in ihren Händen, ihre
18649Füsse sind dicht aneinander gestellt, und sie sind zu den vier
18650Ecken der Welt gewandt. Wiederum bittet er um KErhörung
18651seines Gebetes und zum Zeichen dafür um ein Wunder in der
18652T000g00&@; das erbetene Wunder geschieht‘. Jesus tauft sie mit
18653der Taufe des heiligen Geistes, giebt ihnen von der x000g00Q&
18654und besiegelt ihre Stirn mit dem Siegel der sieben Lichtjung-
18655frauen.
18656Mit der Taufe des heiligen Geistes haben die Taufen ihren
18657Abschluss erreicht, sie beschränken sich auf die Zahl drei. Alle
18658drei haben dasselbe Ritual, nur sind einzelne Modifikationen vor-
18659genommen. Überall treffen wir die #vola (x000@00&), die Weih-
18660rauchspenden, die Weinkrüge, die Brote, die leinenen Gewänder,
18661die Kränze, das Flohkraut, das wijgog der sieben Stimmen, die
18662dicht aneinander gestellten Füsse, die Wendung zu den vier
18663Ecken, das Gebet Jesu an den Vater, das Wunder und zum
18664Schluss die Taufe, Mitteilung von der ϫϩⲟϭϣⲟϩⲥ und Besiegelung.
18665Wie kamen aber diese Gnostiker zur Aufstellung einer drei-
18666fachen Taufe? Man könnte vielleicht die Dreiheit symbolisch
18667deuten, wie man auch die Taufe auf den Namen des Vaters, des
18668Sohnes und des heiligen Geistes symbolisch fasste, aber m. E.
18669dürfen wir dem Symbolismus nicht zu grossen Spielraum geben,
18670wie dies oft geschehen; wir wollen vielmehr eine geschichtliche
18671Unterlage suchen, uud diese geben uns die Evangelien an die
18672Hand. Unsere Gnostiker hatten nicht die Abschiedsworte des
18673Auferstandenen am Schluss von Matth. 28, 19: „Gehet hin und
186741 Auch hier ist die Art und Weise desselben nicht näher an-
18675gegeben.
page 521
18676IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 405
18677lehret alle Völker und taufet sie auf den Namen das Vaters, des
18678Sohnes und des heiligen Geistes“ vor Augen, sondern das x70vyua
18679Johannes des Täufers. Dieser hatte gepredigt: „Ich taufe euch
18680nit Wasser zur Busse; der aber nach mir kommt, ist stärker
18681lenn ich, dem ich nicht wert bin, seine Schuhe zu tragen, der
18682wird euch mit dem heiligen Geist und mit Feuer taufen; er hat
18683ⲉⲓⲙⲉ Wurfschaufel in der Hand; er wird seine Tenne fegen und
18684Ⲓⲉ Weizen in seine Scheune sammeln, aber die Spreu wird er
18685rerbrennen mit ewigem Feuer“! (Matth. 3, 11—12. cf. Luc. 3,
1868616—17). Nun war der Messias leibhaftig in die Welt gekom-
18687men; was Wunder, wenn man in naiver Weise glaubte, dass auch
18688Jer zweite Teil der Prophetie in Erfüllung gegangen wäre, dass
18689Jesus wirklich mit dem heiligen Geiste und dem Feuer getauft
18690hätte 2, doch behielt man die Johannes-Taufe als die unumgäng-
18691lich notwendige Vorbereitung auf die Messiastaufe bei. Freilich
18692haben die Gnostiker, wie auch aus andern Nachrichten bekannt,
18693ihre Vorlage mit einer gewissen Freiheit benutzt und die Feuer-
18694taufe vor diejenige des heiligen Geistes gestellt?. Auch bot die
18695Stelle bei Lucas 12, 49—52: ⲡⲟ 3 Balelv lc ⲧ) ϯ ⲭⲱ)
18696ⲓ ⲑⲉⲱ ⲉⲓ Yon ⲱⲑ) BantıcHa dt ⲉⲭⲱ Bartıcdnvaı, xal
18697ⲡⲱϩ GvpEXOUAL ⲱϩ ⲟⲩⲧⲟⲱ TEIECHN; etc. einen Anhaltspunkt für
18698Ⲙⲉ Aufstellung von andern Taufen; aber auch an dieser Stelle
18699zeigt sich die grosse Willkür der Gnostiker bei der Citation
18700ınd Interpretation der evangelischen Schriften. Um nämlich
18701ihren Sinn in dieselbe hineinzulegen, haben sie ohne Weiteres
18702das Citat entstellt und geschrieben: Säxtıoua Eyo, &r @ Bax-
18703ⲓi⳪ⲱ, ⲭ ⲡⲱ̄ϩ AvkEoucı ⲱϩ ⲟⲩⲧⲟⲱ TEIEGHN; auch Marcus resp.
18704lie Marcosier benutzten diese Stelle für ihre Aufstellungen, wie
18705[renaeus Ⲓ 21, 2 (Epiph. ⲃ. 34, 20) berichtet: xal ⲧ ⲕⲉ ßöx-
18706ⲓⲉϭⲙⲟ ⲙ̀ⲡ Indrvov xatyyyELFAaL ⲉⲓϩ UETApVOLCD, ⲧ) dt AnoAT-
18707ⲡϩⲱϭⲓ: ⲙ̀ⲡ Incov xexoulodaı ⲉ̇ϩ ⲧⲉⲗⲉⲒⲱϭⲓⲱ • xal ⲧⲟⲟⲩ elvaı ⲉⲣ)
18708ⲗⲉⲓ ,ϫⲁⲓ ⲁ︦ⲗⲗⲟ ⲃⲥ︦ⲡⲧⲓϭⲙⲥ ⲉⲭⲱ ⲃⲟⲗⲧ( ⲓ ⲭⲁ ⲡⲥⲱ Exel-
187091 Dieselbe Stelle wird Ⲣ. Soph. p. 352 citiert. Marc. 1, 8
18710aennt nur die Taufe mit dem heiligen Geist.
187112 Eine Nachwirkung hat m. E. diese Vorstellung auf die Pfingst-
18712taufe Act. cap. 2 ausgeübt. Reminiscenzen finden sich auch in der
18713Jordantaufe Jesu.
18714ⲑ Auch hierfür bietet das Pfingstfest eine Parallele.
page 522
18715506 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
18716youarı ⲉⲓϩ ⲥⲱⲧ. Eine schlagende Parallele findet die Tauf-
18717praxis unserer Gnostiker mit derjenigen bei den Murcioniten; dies
18718beweisst eine Notiz bei Epiphanius Ⲛ̅. 42, 3: Ov uörop di xag
18719aUT@ Er 20vt00V didorat,. ϩⲗ ϫⲟ) Ews T0LWOV ⲁⲟⲱⲅϩϣ, ϫⲟ)
18720ⲉ̀ⲡⲉϫⲉⲓⲩⲁ ̀ϭⲉⲟⲧ. ϭⲓ ϫϭϩ ⲥⲧⲟ ⲧⲫ︦ ⲃⲟⲱ ⲟϣ , ⲟⲥ ϥⲣ
18721ⲡⲟⲗⲗⲱ) ⲉⲭϫⲟϭ. Ivußkßrxe ⲧⲟⲟⲩⲧⲟ ⲉⲕϭⲓ ϭⲟⲧ ⲧⲟⲩ ⲫⲉ
18722ϭⲓ ⲧⲓⲥ ⲗⲟⲱⲧⲣⲉ dldoadaı, dı' Yp ϫⲉⲓⲉ ⲗⲗⲉϥⲱ ϫⲟⲣⲉ TOD
18723ⲡⲉⲧⲟⲩ ⲉⲩϧⲱⲭⲟ̀ⲧⲱϧ ⲙⲃ ϥⲥⲱ AUTOÜ ⲉϫ KAQARTONATOG ⲧⲉ ϫⲱ
1872480086 ⲧⲡⲉ ⲉⲓ̀ϩ ⲧ] ⲡⲥϩⲃⲟϩ ⲩⲉⲩⲉϧϥⲏⲟϥⲥ ?. Exeidn) wOeloas
18725ir tn Savrot xöleL ip ⲡⲥⲑⲟⲓ, xal Axodpagas ⲕ du ϫⲟ‐
18726QAXKTOUATI ⲕⲉⲩⲟ̀ⲗϣ ⲉϩ &xevöncer ö dyügrns ̀ⲟⲱⲅϣ︦ dev-
18727TEQOV ⲟⲩⲧⲣⲟ, ⲫ) ϭ, ⲟⲅ. "Escort Ems Top Ⲁⲟⲱⲧϩⲱ, ⲅⲟⲱⲧ‐
18728ⲉ̀ϭⲧⲉ TOLOV ⲃⲁⲡⲧⲓⲟⲙⲱⲩ, ⲉⲓϩ ⲥϣⲉϭⲓⲱ AauaQgTLOV dldnadaı • ⲃ)
18729ⲉ ⲧⲓϩ RAQENEGEr ⲉϩ TO XODTOV, ⲃ) dEUTSQOV HETAKPONGAS, ϫⲟ)
18730Toltop ⲱϭ⳪ⲧⲱϩ. ⲉⲟ ⲉ̀ KAQARTOUATL ⲕⲉⲧ TO ⲉ̀ⲅⲉⲣⲟⲱ ⲣ
18731ϥⲧⲟⲓ. Deo db ⲑⲉ, Ira ⲧϥ) ϯⲥⲟⲧⲟ ie ⲉⲙⲥϭⲱ̀ⲟⲣ ⲉⲥ
18732AAQAGTAGLF AUTO‘ ⲟⲩⲧⲉ TO ⲛⲉⲧⲉ to ⲡⲧⲟ ⲡϭϩ̃ⲛⲧⲱⲙⲉ ⲛⲉⲙⲏ
18733Exadaolodn, xal ⲟⲓⲕⲟ) ⲉ dd moi ⲩⲕⲟϩⲭⲉⲓ, ⲕⲥⲟⲅⲱⲣⲥ ϫⲉⲣ
18734ⲧⲟⲓⲧⲟⲱ ⲫⲉⲓⲣⲣⲟⲣⲱ ⲟⲉ ⲡⲓⲑⲥⲏ duvapkunp SaxatoaL, ⲟ
18735ⲧⲟⲧⲟ di ⲧ... ⲟⲩ ⲥⲧⲟϩ ⲗⲉ, ⲟⲧⲉ ϥ⳪ Baxtıodais 6
18736ⲭⲙⲣⲓⲟϩ ⲙⲡ ⲧⲟϭ︦ Ⲓⲱⲉ̃ϧϧⲟⲩ ⲉ̃ⲗⲉⲩⲉ ⲅⲟⲓ̈ϩ uadnrale: „Bürtıona Ⲉⲓⲱ
18737ⲃⲁⲡⲧⲓϭ var‘ ⲭⲓ ⲧⲓ Ⲑⲉⲗⲱ ⲉ ⲧⲉⲧ ⲗϫ ⲟⲩⲧ ϫⲟ) ⲛⲉⲙⲏ
18738Ⲡⲟⲧ ⲓⲟ ⲭⲱ ⲡⲓⲓ ⲭ ti ⲉⲗⲱ el HOn ⲇⲀnⲟⲱ̀ϭⲱ AUTO“; Kal
18739ⲱ ⲧⲟ dıdoraı ⲡⲗⲉⲒⲱ Barticuata kdoypatıceV.“
187401 Marcus hat sich hier eine grosse Textentstellung erlaubt, denn
18741niemals kann er diesen Wortlaut in irgend einem Exemplar gefunden
18742haben,
18743? Die Bemerkung, welche Epiph. daran knüpft, um die sittliche
18744Reinheit des Marcion anzutasten, ist eine boshafte Entstellung der
18745Thatsachen und eine bodenlose Verleumdung, Solche pikante Krzäh-
18746Jungen, welche Epiph. nicht selbst erfunden hat, hatten für ihn ein
18747besonderes Interesse und wurden mit Behagen registriert. Irenaeus,
18748Tertullian de praesc. haer. cap. 30, adv. Marc. I, 28. I, 29, Hippolyt
18749Philosoph. VII, 29, Eusebius, Origenes etc. müssen wider ihren Willen
18750die strenge und aufrichtige Askese dieses Mannes anerkennen; leider
18751haben Walch: Geschichte der Ketzereien I, pag. 490 und Beausobre: hist.
18752du Manich. IT p. 77 dem Geschwätz des Epiph. Glauben ⲉⲑⲃ
187533 Auch hier ist der Text willkürlich entstellt.
page 523
18754IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 507
18755Hier wie in der Pist. Sophia die Berufung auf Lucas 12, 50;
18756hier wie dort die Aufstellung von drei Taufen und ihre Anwen-
18757dung zur Vergebung der Sünden bei aufrichtiger wetdvoıw; hier
18758wie dort ihre Mitteilung in längeren Zwischenräumen. Sind diese
18759drei Taufen schon von Marcion eingeführt? Dies wird man
18760wohl bestimmt verneinen können, da Irenaeus, Tertullian, Cyprian
18761keine Kunde von ihnen haben, denn wäre dies der Fall gewesen,
18762so würde es ihnen grosse Freude bereitet haben, diese Ketzerei
18763ihrem Bestgehassten entgegenzuhalten. Ihre Einrichtung gehört
18764einer viel späteren Zeit an, als die Busspraxis laxer geworden
18765war. Epiphanius hat sie ohne Zweifel zu seiner Zeit im Ⲑⲉ-
18766brauche der Marcioniten vorgefunden.
18767Sind nun ferner diese drei Taufen mit den unsrigen zu identi-
18768ficieren? Epiphanius liefert uns die Namen derselben nicht, hat
18769er doch seine Nachrichten nur von Gewährsmännern (ⲱϩ xa0d
18770ⲡⲟⲗⲗⲱ Axnxoa); wenn sie auch nun vielleicht nicht die Namen:
18771„Wasser-, Feuertaufe und Taufe des heiligen Geistes“ geführt
18772haben, so wird jedenfalls ein Zusammenhang zu konstatieren sein '.
18773Münter’s Vermutung (Versuch über die Kirchlichen Alterthümer
18774der Gnostiker, Anspach 1790 S. 108), dass dieser Ritus eine
18775dreifache Einweihung gewesen, die erste die allgemein christ-
18776liche, durch welche die Katechumenen zum Bekenntnis der
18777Religion aufgenommen wurden, die zweite die Aufnahme der
18778Ⲧⲉⲗⲉⲱⲱ und die dritte vielleicht eine besondere Ordination zum
18779Lehramt, ist ohne jede Begründung. — Zugleich giebt die Nach-
18780richt bei Epiphanius einen chronologischen Anhalt für unsere
18781Pist. Sophia, dass sie nämlich durchaus nicht in das zweite Jahr-
18782hundert verlegt werden darf.
18783Kehren wir jetzt nach dieser langen Digression zu unserer
18784früheren Untersuchung zurück, ob die geschilderten Mysterien
18785ein Taufsakrament vorstellen oder nicht, so müssen wir ge-
18786stehen, dass die ganze Scene, welche der Einsetzung der My-
18787sterien in der P. Sophia vorausgeht, auf den ersten Blick unsere
18788Auffassung nicht bestätigt. Denn es sprechen dagegen die vier
18789Elemente, die Jesus seine Jünger in den Höhen erblicken lässt;
187901 Über die Taufen der Marcosier, wie überhaupt über das Tauf-
18791wesen der Gnostiker werde ich später in einem besonderen Artikel
18792ausführlicher handeln.
page 524
18793508 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
18794Feuer, Wasser, Wein und Blut, ebenso der Heinweis auf die
18795Unterredung mit der Samariterin (Joh. 4, 10), auf die KEin-
18796setzungsworte beim Abendmahl (Matth. 26, 28. Marc. 14, 24.
18797Luc. 22, 20) und den Ausfluss von Wasser und Blut aus der
18798Seite des Gekreuzigten (Joh. 19, 34); dies sind Züge, welche nur
18799auf die Eucharistie gedeutet werden können. Noch deutlicher
18800Jehrt uns dies das Ritual selber: Das Bringen von zwei dyy«&la
18801und einem xor%0c0» Weins, der mit Leinwand bedeckte Topos,
18802auf dem die heiligen Elemente stehen, die Brote gemäss der An-
18803zahl der Kommunikanten, das Verwandlungswunder von Wein
18804zu Wasser, das Räucherwerk, welches dargebracht wird, sind
18805alles Momente, die entschieden für die Eucharistie sprechen,
18806zumal da stets von der x000@00& resp. 0vola geredet wird, Aus-
18807drücke, die in der alten Kirche bei dem Sakrament des Abend-
18808mahls angewendet wurden. Andere Kennzeichen sprechen wiederum
18809entschieden für das Taufsakrament, z. B. das Blasen in die Augen,
18810die Bekleidung mit weissen Gewändern, die Bekränzung und Be-
18811siegelung zu Anfang und am Schluss der Handlung, die Stellung-
18812nahme beim heiligen Akte, insbesondere aber die Bezeichnung
18813desselben als Säxtıcka und „Wasser der Lebenstaufe“, die Tauf-
18814handlung vor Austeilung der xgoogpogd. Wir gelangen dem-
18815gemäss zu dem wichtigen Schluss, dass diese Gnostiker das Sakra-
18816ment der Taufe und des Abendmahls als ein Sakrament gefeiert
18817und dabei ein sehr komplicirtes Kultusritual in Anwendung
18818gebracht haben. Dieses Verhältnis hat Koestlin schon ϭⲉ
18819wenn er den Akt eine Eucharistie nennt, es aber auffallend findet,
18820dass derselbe als Taufakt bezeichnet wird. Für uns kann dies
18821nicht auffallend sein, da wir wissen, dass in den ältesten Zeiten
18822den Katechumenen gleich nach der Aufnahme in die Gemein-
18823schaft der Gläubigen durch die Taufe auch das heilige Sakrament
18824des Abendmahles mitgeteilt wurde, damit sie zu Vollbürgern ge-
18825stempelt würden. Die griechisch-katholische Kirche hat noch
18826diesen alten Zustand, wenn auch in kümmerlichen Formen, bei-
18827behalten, während in der römisch-katholischen und protestan-
18828tischen Kirche an ihre Stelle die Firmelung resp. Konfirmation
18829getreten ist. Wir müssen freilich bedenken, dass es sich bei
18830den Gnostikern ausschliesslich und zum grossen Teil auch in der
18831Grosskirche um Erwachsene handelte, die spätere Kindertaufe
18832aber eine Umänderung erforderte.
page 525
18833IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 509
18834Noch klarer zeigt sich der Charakter des Taufsakraments
18835durch die beiden Mysterien, welche den drei Taufen folgen, näm-
18836lich durch das Mysterium, die Unbill der Archonten von den
18837Jüngern zu beseitigen, und durch das yoloua VEVUATIXOD.
18838Das erste Mysterium wird P. 66 ff. ausführlich beschrieben.
18839Jesus lässt die Jünger ein Weihrauchfass auf Harnischkraut
18840bauen, legt Weinzweige, Wachholder, Betel, Kuoschi?, Asbest,
18841Achatstein und Weihrauch darauf; dann lässt er sie in leinene
18842Kleider einhüllen, bekränzt sie mit Beifuss, giebt Weihrauch in
18843ihren Mund und das Psephos des ersten Amens „530“ in ihre
18844Hand. Sie müssen ihre Füsse dicht an einander stellen und vor
18845das Räucherwerk treten, und nachdem Jesus sie besiegelt, tritt
18846er zu dem Räucherwerk und spricht ein Gebet an seinen Vater,
18847dass er den Sabaoth Adamas und alle seine Archegoi zwinge,
18848ihre Unbill von den Jüngern fortzunehmen. Jesus spricht dieses
18849Gebet gegen die vier Ecken der Welt und besiegelt die Jünger
18850mit dem Siegel des zweiten Amens. Die Wirkung ist wunderbar;
18851denn in demselben Augenblick kommen die Archonten und tragen
18852ihre gesammte Unbill von ihnen fort. Als dies geschehen,
18853waren die Jünger in sehr grosser Freude, denn jetzt erst sind
18854sie unsterblich geworden und können Jesus in alle Topoi folgen,
18855wohin sie wollen.
18856Das y@loua xvevuatıxoy wird nicht mitgeteilt, dasselbe fin-
18857den wir auch P. Sophia p. 378 erwähnt, ebenso p. 195. 291. 292.
18858328. 334; an letzteren Stellen werden die Seelen nach dem Tode
18859von den sieben Lichtjungfrauen im Topos der Mitte getauft und
18860mit diesem ⲗⲟ. ⲡⲅⲉ. gesalbt. Die Bedeutung desselben liegt
18861auf der Hand, es ist die Salbung, welche bekanntlich in der alten
18862Kirche und noch jetzt in der griechisch- und römisch-katholi-
18863schen Kirche der Neugetaufte empfing; sogar der Name ist
18864derselbe !.
18865Das vorhin geschilderte Mysterium gehört ebenfalls dem
18866Taufsakrament an, das ganze Ritual ist wesentlich identisch, doch
188671 Die Taufe selbst führt zuweilen den Namen 7oicuo, unctio; dies
18868war in der alten Kirche nicht auffallend, da Taufe und Konfirmation _
18869noch keineswegs, wie jetzt üblich, durch lange Zwischenräume in zwei
18870Akte zerlegt waren.
page 526
18871510 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
18872fehlen die Weinbecher und Brote; von einer XE00F00H ⲓⲱ.
18873$voia ist nicht die Rede, auch wird nirgends von einer Tank
18874oder von einem Wunderzeichen gesprochen, sondern nur ein
18875Räucherwerk dargebracht, und die ganze Handlung ist einfacher
18876gestaltet. Durch dieselbe wird die Wirkung bezweckt, dass die
18877feindlichen Archonten ihre Unbill furtnehmen. Dies erinnert
18878uns nur zu deutlich an die Exorcismen, welche in der alten Zeit
18879bei der Taufe eine hochbedeutende Rolle spielten, da ja alle Täuf-
18880linge von Dämonen besessen gedacht wurden, infolge dessen ⲉ
18881sogar eine in hohem Ansehen stehende Klasse von Exoreisten gab.
18882Auf diese Weise wird nun unser Werk ein Dokument ersten
18883Ranges, welches der Didache würdig an die Seite gesetzt werden
18884kann, da es auf die Geschichte des Sakramentaliemus bedeutende
18885Streiflichter wirft, andererseits aber das Räthsel löst, welches uns
18886bis dahin die ganze gnostische Bewegung aufgab.
18887Studieren wir nämlich die Ketzerbestreiter, so müssen. wir
18888uns über diese Christen — denn Christen waren sie, und Christen
18889wollten sie sein — und über die Herzensöde wundern, weiche
18890ein Christentum mit sich bringen musste, welches ganz in phan-
18891tastischen Spekulationen und abstrusen Ideen aufzugehen schien.
18892Denn dieselben werden nicht müde, die Ausgeburten der Phan-
18893tasie, die zahllosen Äonenwesen ihren Lesern vorzuführen und
18894in das Lächerliche zu ziehen, gleichsam als wenn sie in uns
18895und ihren damaligen Lesern den Glauben erwecken wollten, dass
18896in diesen die ganze Religion der Gnostiker aufging. Und in der
18897That ist es ihnen vortrefflich gelungen, diese Meinung. allgemein
18898zu verbreiten; man braucht nur heute unsere
18899Handbücher über Kirchen- und Dogmengeschichte in die Hand
18900zu nehmen, so findet man dies in vollem Masse bestätigt. Kiner
18901wie der andere zählt fein säuberlich die Äonenreihen der-eir-
18902zelnen gnostischen Sekten auf, schliesst daran einige Bemer-
18903kungen und glaubt damit der Sache Genüge gethan zu haben.
18904Infolge dessen erscheint den gewöhnlichen Theologen; .die ⲛⲑ
18905selten in die Lage kommen, sich näher mit dieser Erscheinung
18906zu beschäftigen, der Gnosticismus als ein Wahnwitz, als ein
18907unnützer Ballast, der je eher je lieber über Bord geworfen werden
18908müsste. Sehr verhängnisvoll hat in dieser Beziehung das grosse
18909artige und gehaltreiche Buch von Baur über die Geschichte des
18910Gnosticismus gewirkt, der von seinem Hegelschen Standpunkt
page 527
18911IV, Untersuchungen über die gnostischen Werke. 511
18912aus demselben nur ein spekulatives Interesse abzugewinnen ver-
18913mochte, zumal da er in gewisser Hinsicht den grossen gnosti-
18914schen Schulhäuptern sehr congenial war. Aber wie einseitig
18915und ungerecht ist diese Betrachtungsweise! Wie wenig kann
18916sie uns die grosse Bewegung — denn dies kann selbst von ihren
18917erbittersten Feinden, den Kirchenvätern, nicht geleugnet werden
18918— in ihrem ganzen Umfange begreiflich machen!
18919Erst in neuerer Zeit hat man mit dieser Geschichtsbetrach-
18920tung aufgeräumt und die praktisch-religiöse Tendenz in den Vor-
18921dergrund des Interesses gerückt, ohne freilich die eigentümlich
18922ausgebildete Metaphysik ausser Augen zu lassen. Bereits Möhler
18923hat in einem Tübinger Programm ! diese Richtung angebahnt;
18924seinen Spuren sind besonders G. Koffmane?, Weingarten ?, Hacken-
18925schmidt *, Overbeck gefolgt, und Harnack (Dogmengeschichte 1?
18926ⲉ. 186 ff.) hat diese Gedanken in genialer Weise zum Ausdruck
18927gebracht. Obwohl diese Darstellung mannigfach bestritten 5, so
18928möchte ich sie doch für die einzig richtige halten, da sie uns erst
18929tiefer in das Wesen und in die Bedeutung des Gnosticismus
18930eindringen lehrt.
18931Der Gnosticismus birgt in seinem Schosse ein doppeltes
18932Element, einmal einen spekulativ- philosophischen Geist, anderer-
18933seits eine praktisch-ethische Richtung. Beide laufen nicht neben
18934einander her, sondern sind so eng mit einander verknüpft, dass
18935das eine ohne das andere das Wesen des Gnosticismus aufzuheben
18936droht. Für den Ausbau der philosophischen Richtung bildete
18937' Versuch über den Ursprung des Gnosticismus 1831. Gesammelte
18938Schriften Bd. I, S. 408ff.
189392 Die Gnosis nach ihrer Tendenz und Organisation. Zwölf
18940Thesen. Breslau 1881.
189413 Die Umwandlung der ursprünglichen christlichen Gemeinde-
18942organisation zur katholischen Kirche. Historische Zeitschr. Bd. 45
18943N. F. 1881 S. 441 ff. (besonders 460ff.). Auch hat derselbe in Aus-
18944sicht gestellt, seine kurzen Andeutungen demnächst in einem grösseren
18945kirchengeschichtlichen Zusammenhange auszuführen, m. W. ist dies
18946nicht geschehen.
189474 Anfänge des katholischen Kirchenbegriffs S. 83f.
189485 Besonders von Hilgenfeld „Der Gnosticismus“ Z. f. wissensch.
18949Theologie Bd. 38. 1890 1.
page 528
18950512 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
18951die damalige griechisch-römische Philosophie die Hauptquelle,
18952aus der alle Weisheit floss; und den Kirchenvätern ist diese
18953Thatsache keineswegs entgangen !; besonders in den Schulen der
18954Häresiarchen (Valentin und .Basilides) scheint man mit besonderer
18955Vorliebe die Fragen über die Entstehung der Welt und des
18956Menschen, über Ursprung des Bösen, Verhältnis von Geist und
18957Materie behandelt zu haben, aber sehr verkehrt wäre es, ihnen
18958nur philosophische Interessen zuschreiben zu wollen. Denn die
18959Excerpte, welche uns Clemens v. AL und Origenes aus ihren
18960Schriften überliefert haben, zeigen uns deutlich, dass sie Sinn
18961für die ethischen Fragen und religiösen Bedürfnisse der Men-
18962schen entfalteten. Und wie wäre dies anders zu erwarten! Die
18963Gnostiker müssten sehr thöricht gewesen sein, wenn sie auf
18964Grundlage einer philosophischen Weltanschauung eine neue Ge-
189651 Vergl. Iren. praef, 1. IT, 14, 1. — 14, 17. — 14, 18. —
1896617, 9. — 32, 2. — 32, 5. — 33, 2 ⲑⲃⲁ Tertallian de ⲣⲅ. haer.
18967cap. 7: Hae sunt doctrinae hominum et daemoniorum, prurientibus
18968auribus natae de ingenio sapientiae saecularis, quam Dominus stalti-
18969tiam vocans, stulta mundi in confusionem etiam philosophiae ipsius
18970elegit. Ea est enim materia sapientiae saecularis, temeraria interpres
18971divinae naturae et dispositionis. Ipsae denique haereses a philosophia
18972subornantur. Inde aeones, et formae nescio quae infinitae, et trinitas
18973hominis apud Valentinum: Platonicus fuerat. Inde Mareionis deus meller
18974de tranquillitate: a Stoicis venerat. Et uti anima interire dieatur, ab
18975Epicureis observatur, Et ut carnis restitutio negetur, de una omnium
18976philosophorum schola sumitur. Et ubi materia cum deo aequater,
18977Zenonis disciplina est, et ubi aliquid de igneo deo allegatur, Hera-
18978clitus intervenit: Eaedem materiae apud haereticos et philosophos vole-
18979tantur, iidem retractatus implicantur. Unde malum, et quare? et ϣⲱ
18980homo, et quomodo? et, quod proxime Valentinus proposuit: unde Deus?
18981Scilicet de enthymesi et ectromate. Miserum Aristotelem! qui ill
18982dialecticam instituit, artificem struendi et destruendi, versipellem in
18983sententiis, coactam in conjecturis, duram in argumentis, operarlam
18984contentionem molestam etiam sibi ipsi, omnia retractantem; ne ⲉⲙ
18985omnino tractaverit. etc. cf. l. ⲥ. cap. 30. Philastrius 6ap. 38.
18986Epiphan. h. 26, 16 und besonders Hippolyt’s Darstellung in seinen
18987Philosophumena, doch ist dieselbe sehr einseitig und sichtlich falsch.
page 529
18988IV... Untersuchungen über die gnostischen Werke. 513
18989meinschaft gründen wollten; hätten sie dies gethan, so müsste
18990uns die Ausbreitung dieser Lehren sehr Wunder nehmen, denn
18991auch damals stand der Mensch nicht auf einer so hohen geistigen
18992Stufe, dass er im reinen Denken aufging und für seine Seele
18993keine Empfindung hatte; vielmehr ist in den ersten christlichen
18994‚Jahrhunderten gerade das Umgekehrte der Fall gewesen. Die
18995Philosophie hatte sich überlebt, das abstrakte Denken fand keinen
18996Beifall mehr, darum sie sich mehr und mehr den ethischen Fragen
18997zuwandte, ja im Neuplatonismus zu einer Philosophie des Ge-
18998müts wurde. Wären die Gnostiker Philosophen, die sich vor allem
18999mit solchen seltsamen Spekulationen beschäftigten, so hätte das
19000Christentum nichts von ihrer Seite zu befürchten gehabt; sie
19001wären ebenso wie die heidnische Philosophie fast spurlos an ihr
19002vorübergegangen. Nun wissen wir aber, dass sie eine grossartige
19003Propaganda trieben, nicht nur bei den Gebildeten, sondern auch
19004in den unteren Volksschichten, besonders unter den Frauen
19005(Iren. I, 13, 4ff.) willige Aufnahme fanden, und ihre Adepten
19006sich nicht allein aus den Heiden, sondern vorzüglich aus den
19007Christen rekrutierten; dies ist ja die einstimmige Klage aller
19008Ketzerbestreiter. Die Gnostiker müssen demgemäss eine Speise
19009ihren Anhängern gereicht haben, welche von diesen leicht verdaut
19010werden konnte; diese kann aber unmöglich das System aus-
19011gemacht haben, dessen Verständnis uns so grosse Schwierigkeiten
19012bereitet. Nicht das System in allen seinen Details wurde den
19013Mitgliedern an die Hand gegeben, sie brauchten vielmehr nur
19014die wesentlichen Punkte auswendig zu lernen; das Übrige ver-
19015blieb in den Köpfen der Theologen. Das Manna, welches den
19016Gnostikern gereicht wurde, waren die Mysterien, welche aus den
19017orientalischen Kulten geflossen sind.
19018Sehr zu recht besteht die These von Koffmane, dass die
19019Gnosis nicht auf dem Wege des Denkens oder Lernens zu er-
19020langen ist, sondern in und von einer Gemeinschaft durch Weihen,
19021Feiern, Riten etc. gespendet wird. Wohl hat der QGnostiker
19022ein bedeutendes wissenschaftliches Streben, aber er will nicht,
19023wie man behauptet, den Menschen durch spekulative Erkenntnis
19024zum Heil führen. Freilich brauchen die Gnostiker dergleichen
19025Wendungen; aber nur dann, wenn sie theoretisch den Inhalt und
19026Wert ihrer Systeme darlegen wollen. Es handelt sich ihnen auch
19027nicht lediglich um die Pflege esoterischer Wahrheiten. Sie empfan-
19028Texte u. Untersuchungen ⲩⲛ 1. 3. 33
page 530
19029514 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
19030den es, dass zur Reinigung und Läuterung der Gemüter ausser
19031dem Wissen noch etwas anderes gehöre. Die Gnostiker wollen
19032die Erkenntnisse verwerten als Vehikel religiös-sittlicher Hand-
19033lungen und die Erkenntnis suchen, nicht indem man mie lernt,
19034forscht, denkt, sondern indem man sie von einer religiösen Ge-
19035meinschaft durch sakrale Handlungen empfängt.
19036Welch’ treffende Illustrationen geben uns die
19037Originalwerke an die Hand, welch’ tiefen Einblick gewähren sie
19038uns in das ganze Leben und Treiben der Gnostiker!
19039Mysterien, Mysterien, dies war das Losungswort; dasselbe
19040tönt uns auf jeder Seite entgegen. Die Taufen reinigen die
19041Sünden und machen zu Erben des Himmelreiches, die Mysterien
19042Jehren die Probleme der Welt begreifen; nirgends findet sich
19043ein Ausdruck für den Satz, dass man spekulieren müsse; dazu
19044bedarf es nur gewisser Mysterien, und man hat die Gnosis ohne
19045Mühe erlangt. Den Beweis liefern die Worte Jesu selber. Als
19046nämlich Jesus den Jüngern auseinandersetzt, welche Kenntnisse
19047der Inhaber des Mysteriums des Ineffabilie besitze, werden sie
19048durch die Langweiligkeit des Stoffes so ermüdet, dass sie nicht
19049mehr zuhören, ausgenommen nur Maria Magdalena. Da spricht
19050er zu ihnen also: „Jetzt nun sage ich euch: Ein Jeder, welcher
19051den ganzen Kosmos und alles, was in ihm ist, ablegen und sich
19052der Gottheit unterwerfen wird, jenes Mysterium ist für sie leichter
19053als alle Mysterien des Lichtreiches, und es ist besser zu begreifen
19054als sie alle und klarer als sie alle. Wer zu der Erkenntnis jenes
19055Mysteriums gelangt, legt diesen ganzen Kosmos und alle in ihr
19056befindlichen Sorgen ab. Deswegen nun habe ich zu euch einst
19057gesagt: „Alle, die ihr unter Sorgen und unter eurer Last er-
19058müdet seid, kommet her zu mir, und ich will euch Ruhe geben,
19059denn meine Last ist leicht und mein Joch ist sanft“. Jetzt nun
19060legt derjenige, welcher jenes Mysterium empfangen wird, den
19061ganzen Kosmos und die Sorge der ganzen in ihm befindlichen
19062Hyle ab. Deswegen nun, meine Jünger, trauert nicht, indem
19063ihr denkt, dass ihr jenes Mysterium nicht begreifen könnt. Wahr-
19064lich, ich sage euch: Jenes Mysterium ist besser zu. begreifen als
19065alle Mysterien, und wahrlich, ich sage euch: Jenes Mysterium
19066ist euer und eines Jeden, der den ganzen Kosmos und alle in
19067ihm befindliche Hyle ablegen wird* (ⲣ. 217f.).
19068Das Mysterienwesen war die Signatur der ganzen Zeit.
page 531
19069IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 515
19070Die alte Volksreligion war nicht mehr im stande, das Herz des
19071Menschen zu fesseln, denn der antike Mensch war aus seinem
19072Traume erwacht, hatte sein eigenes Ich wiedergefunden, das
19073Individuum seinen persönlichen Wert und zugleich seine per-
19074sönliche Verantwortlichkeit erkannt. Das Gefühlsleben forderte
19075gebieterisch sein Recht, die Gedanken von Busse und Entsühnung,
19076die Idee von der Unsterblichkeit der Seelen und Sehnsucht
19077nach ewigem Leben hatten ihn mächtig ergriffen, seine sittlichen
19078Regungen waren vertieft und vergeistigt. Es ist ein ganz ver-
19079kehrter Standpunkt moderner Apologetik, die griechisch-römische
19080Gesellschaft der ersten Jahrhunderte nach einigen berühmten
19081Mustern abzuurteilen und ad summam dei gloriam die sittlichen
19082Zustände vor Annahme des Christentums in den greilsten Farben
19083auszumalen. Das ist eine eigentümliche Geschichtsbetrachtung;
19084lehrt uns doch die Geschichte selber, dass den Zeiten grosser
19085Umwälzungen nicht eine Dekadenz, sondern ein Höhepunkt
19086vorausgeht, denn aus Schlechtem kann nur Schlechtes wieder ent-
19087stehen. Es hiesse der christlichen Religion einen sehr schlechten
19088Dienst erweisen, wollte man behaupten, dass sie die korrumpierte
19089Gesellschaft in sich aufgenommen hätte. Vielmehr war die Zeit
19090erfüllt, in der Gott seinen Eingeborenen Sohn in die Welt ge-
19091sandt hat; der Boden war bereitet, auf dem die neue Religion
19092tausendfältige Frucht bringen sollte, und diesen Boden bildeten
19093die verschiedenen Kultvereine !, in denen der Mensch vermittelst
19094geheimnisvoll wirkender Riten die Unsterblichkeit der Seele zu
19095erlangen hoffte. Dieselben sollten die Verbindungsbrücke zwi-
19096schen der Antike und dem Christentum bilden, und gerade darin
19097besteht die religionsgeschichtliche Bedeutung des Gnosticismus,
19098dass er dazu beigetragen hat, das Christentum seiner partikulär-
19099jüdischen Stellung zu entheben und auf dem Boden der griechisch-
19100römischen Welt zu einer Universalreligion zu stempeln. So gross
19101aber dadurch der Gewinn war, so folgenschwer war auf der
191021 cf. Friedländer: Darstellungen aus der Sittengeschichte Rom’s
19103in der Zeit von Augustus bis zum Ausgang der Antonine. 3. Bd.
191045. Aufl. — Boissier: La religion Romaine d’Auguste aux Antonins,
191052 Bde. 1874. — Reville: La religion Ⲁ Rome sous les Severes 1886,
19106deutsch von Krüger 1888. — Marquardt: Römische Staatsverwaltung,
191073. Bd. 1878. — Foucart: Les associations relig. chez les Grecs 1873.
1910833*
page 532
19109516 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
19110andern Seite der Nachteil, denn die Religion des Geistes und der
19111Wahrheit wurde zu einer Religion des Dogmas und Sakramen-
19112talismus, mit einem Worte: sie wurde hellenisiert resp. säkularisiert.
19113Am einschneidendsten. ist seine Bedeutung für die Aus
19114bildung des sakramentalen Kultus, in dem er noch bis auf den
19115heutigen Tag die Spuren seines Geistes hinterlassen hat, wenn
19116auch er nicht allein der massgebende Faktor gewesen ist, son-
19117dern das Christentum selbst sich auf dieser Linie der Entwicklung
19118bewegte. Als das Evangelium den Heiden verkündigt wurde,
19119überkamen sie als die heiligen Handlungen, welche der Herr
19120selber eingesetzt hatte, die Taufe und das Abendmahl. Auf ihrer
19121Grundlage sollte die neue Religion errichtet werden, sie sollten
19122das Band bilden, welches die ganze Gemeinschaft umschloss;
19123doch waren die Handlungen sehr einfach und ohne Gepränge,
19124denn sie waren ja nur symbolisch. Aber nur zu bald änderte
19125sich die Sache, als das Christentum auf heidnischem Boden festen
19126Fuss fasste. Für die Heidenchristen war eine Religion im Geist
19127und in der Wahrheit eine Thorheit; die Augen mussten
19128das Gemüt von dem Sinnlichen gepackt, durch äusserliche Hand-
19129Jungen und Applikationen innere Heilsgüter gespendet werden;
19130so waren sie es gewohnt, nur so konnten sie sich in der neuen
19131Religion wiederfinden, das Neue mit dem Alten verbinden. In
19132verhältnismässig kurzer Zeit vollzog sich diese Umwandlung; das
19133Symbolische verlor seinen Wert, das Objektive und Reale wurde
19134bei Seite geschoben, das Geheimnisvolle, Mystische, Magische an
19135ihre Stelle gesetzt und ein sinnlicher Kultus ausgebildet, in wel-
19136chem man, wenn auch ganz verhüllt, jene erhabenen einfachen
19137Worte Christi entdecken kann: „Gehet hin in alle Welt und lehrei
19138alle Völker und taufet sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes
19139und des heiligen Geistes“. Das Christentum wurde damit seines
19140rein geistigen Charakters entäussert, es wurde für die Masse eine
19141#votaywria; die obere Schicht war christlich, aber die untere
19142— und sie bildete doch die Hauptsache — gediegen heidnisch.
19143Die Taufe und das Abendmahl wurden Sakramente, Mysterien;
19144sie galten als heilige Weihen, wie sie ja auch in ähnlicher Weise
19145bei den Eleusinischen, Samothrakischen etc. Mysterien, besonders
19146im Mithraskult!) in Anwendung waren, in denen durch sinnliche
19147— an
191481 Über den Mithraskult vergl. Sayous: Le taurobole in d. Rer.
page 533
19149IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 517
19150Gegenstände, die man schmecken, riechen und fühlen kann, himmli-
19151sche Güter mitgeteilt werden sollten. Diesen mystischen Ratio-
19152nalismus haben insbesondere die Gnostiker eingeführt oder besser
19153gesagt ausgebildet, die Tauf- und Abendmahlshandlungen in die
19154antiken Mysterienweihen umgebogen. Man lese nur unser zweites
19155Buch Jeü; welch’ antiker Geist weht uns hier entgegen!
19156Bestimmte Formeln, heilige Symbole, geheimnisvolle Worte,
19157magische Siegel in Hülle und Fülle, oppaytdes, wo, 6) ⲕⲟⲧⲥ,
19158Axoloyiat, ⲉⲡⲟⲫⲉϭⲉⲓϩ, ϭⲟⲗⲡ, ⲧⲟⲡⲟⲥ Ohne Zahl, dazu bestimmte
19159Dispositionen vor dem Akte, symbolische Handlungen während
19160desselben (weisse Kleider, das Setzen der Füsse, vorgeschriebene
19161Stellung beim Gebet), Bekränzungen, Errichtung von Altären,
19162Aufstellung von Räuchergefässen, Darbringung von Weihrauch,
19163lauter Postulate bei den heidnischen Kulten, sie finden wir herr-
19164lich beisammen, so dass man kaum noch die Taufhandlung
19165wiedererkennt. Das Christentum ist zu einem Kult neben den
19166andern grossen Kulten umgewandelt, und zwar ist er der allein
19167bedeutungsvolle, da diese Religion nach Ansicht der Gnostiker
19168als die allein absolute galt.
19169Auch die Sprache erinnert deutlich an das Mysterienwesen.
19170Die Taufhandlung wird ein 4vot7QL0V genannt; der Täufling
19171empfängt eine oppayis !, die ihn zu den Erben des Himmelreiches
19172rechnen wird, wird während der Handlung an der Stirn besiegelt,
19173Ausdrücke, die ja auch in der Grosskirche geläufig wurden.
19174Dem antiken Kult ist die Auffassung von der Sünde und
19175deren Tilgung entnommen. Die Sünde ist das Nichtexistierende, das
19176Negative, welches durch die Archonten und Dämonen entstanden
19177und von hier aus in ihre Geschöpfe, die Menschen gelangt ist.
19178Diese werden jetzt von den bösen Geistern, der #ozlp@ und dem
19179Ayrtiuınop xvEDuA gepeinigt und zur Sünde veranlasst, jene
19180müssen ausgetrieben werden; dies kann aber nicht durch einen
19181gerechten Lebenswandel, sondern nur durch die magisch wie
19182. de lhist. des religions 1887 T. XVI. N. 2 p. 137—156. cf. Mar-
19183quardt und Reville.
191841 Über den Gebrauch von o@o«yis für Taufe vergl. II. Clem.
19185ad Corinth. VII. Anm. 6 in den Patr. Apostol. Opp. von Gebhardt
19186und Harnack,
page 534
19187518 IV, Untersuchungen über die gnostischen‘ Werke.
19188ein verzehrendes Feuer wirkenden Weihen und Riten der Ge-
19189meinschaft geschehen! (ef. p. 300. 301. 373.). Es findet durch ⲉ
19190ein innerlich physisch und dynamisch wirkender Prosess ⲃ;
19191eine Sinnesänderung wird nicht gewährleistet, denn sie ist ge-
19192geben, sind doch mit einem Schlage alle Sünden, die man wie-
19193sentlich und unwissentlich begangen hat, ausgetilgt und vernichtet.
19194Schon hier auf Erden ist man ein unsterblicher Gott geworden.
19195Wie man bei den alten Mysterien erst allmählich von Stufe
19196zu Stufe in die grossen Geheimnisse eindrang, so wurden auch
19197den gnostischen Adepten verschiedene Grade durch auf einander
19198folgende Einweihungen zuerteilt, um ihre Würdigkeit zu prüfen
19199(cf. Iren. I, 15, 6. I, 21, 1ff)., Nicht eine Taufe genügt, um Voll-
19200bürger der Gemeinde zu werden, sondern es sind deren drei an
19201der Zahl nötig; ja auch damit haben die Weiben noch kein
19202Ende; es tritt vielmehr das Mysterium, die Unbill der Archonten
19203zu beseitigen, das yoloua ϫϧⲉⲱⲙⲟⲅⲉϫⲟ, die Mysterien der zwölf
19204Äonen, des Topos der Mitte und der Rechten hinzu, kurz für
19205jede Region, welche die Seele nach dem Tode durchwandern
19206will, bedarf sie gewisser Formeln und Apologien.
19207Zu den höchsten Mysterien gehört dasjenige der fünf Bäume,
19208der sieben Stimmen und des grossen Namens d.h. des grossen
19209Lichtes, welches den Lichtschatz umgiebt; besitst man diese, so
19210bleibt nur das höchste übrig, nämlich das Mysterium der Sün-
19211denvergebung (P. 58). „Es ist das grosse Mysterium, welches
19212sich in den Schätzen desInnern der Inneren befindet, und es ist
19213das gesammte Heil der Seele. Und ein Jeder, welcher jenes
19214Mysterium empfangen wird, ist vorzüglicher als alle Götter und
19215alle Herrschaften aller dieser ⲟⲉ, welche die zwölf Äonen des
19216unsichtbaren Gottes sind“. Darum muss jeder Mensch, der an
19217den Sohn des Lichtes glauben will, dieses Mysterium empfangen,
19218damit er xaprt&i&ı0s werde (P. 68f.). Vollzieht man dieses nur
19219einmal, so werden alle Sünden, die man unwissentlich umd
19220wissentlich „seit der Kindheit bis zum heutigen Tage“, ja ⲙ
19221zur Auflösung des Bandes des Fleisches der
19222gangen hat, ausgetilgt, man wird zum lauteren Lichte und in I
19223Licht der Lichter aufgenommen (P. 58); denn schon auf Bırdea
192241 Vergl. Harnack: Untersuchungen etc, ⲃ︦. 98f,
page 535
19225IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 519
19226haben sie das Reich Gottes ererbt, sie haben Anteil am Licht-
19227schatz erhalten und sind unsterbliche Götter geworden. Alle
19228Aonen stieben vor dem Besitzer desselben davon und lassen die
19229Seele ungeschoren, denn sie ist dywontos (P. 70ff.). Das My-
19230sterium der Sündenvergebung vertritt hier die Stelle des Myste-
19231riums des Ineffabilis in den drei ersten Büchern; das vierte
19232Buch der P. S. kennt ebenfalls nur das Mysterium der Sünden-
19233vergebung (p. 374), daneben dasjenige der sieben Stimmen und
19234ihrer 49 Dynameis ⲣ. 37
19235Freilich sollte den Geweihten nicht ein allen Menschen zu-
19236gängliches Mysterium mitgeteilt werden, denn gerade durch die
19237Profanation hörte es auf, ein Mysterium zu sein; dies lehrten die
19238Gnostiker und gaben sich damit als die wahren Hellenen zu
19239erkennen. Durch die Mysterien über das profanum vulgus ge-
19240hoben zu werden, dem &xiextöp yEvos, den tTELELOL Oder KyEv-
19241ⲙⲁⲧⲓⲭⲟ zuzugehören, das erfüllte die Menge mit Neugierde, ergriff
19242sie mit heiligem Schauer. Aber hierin lag die zerstörende Wir-
19243kung des Gnosticismus, dass er die Universalreligion wieder
19244zu einem esoterischen Geheimkult herabwürdigte. ;
19245Infolge dessen war es notwendig, dass die Gnostiker sehr
19246behutsam bei ihrer Propaganda auftraten, um eine Veröffent-
19247lichung ihrer Mysterien zu vermeiden, daher sie erst lange
19248Prüfungen vorausgehen liessen und zuerst nur einige Details
19249mitteilten. Darum heisst es p. 377: „Aber verberget dieses My-
19250sterium und gebet es nicht jedem Menschen, ausser demjenigen,
19251welcher alle Dinge thun wird, die ich euch in meinen Geboten
19252gesagt habe“. Noch grössere Kautelen? werden dem Gnostiker
192531 „Nichts giebt es, was vorzüglicher ist als diese Mysterien,
19254nach welchen ihr fragt, wenn nicht das Mysterium der sieben Stimmen
19255und ihrer 49 Dynameis und ihre wor. Und nicht giebt es einen
19256Namen, der vorzüglicher als sie alle ist, der Name, in dem alle
19257Namen und alles Licht und alle Dynameis sich befinden“ etc. Der-
19258gelbe Name wird den Jüngern P. 46 mitgeteilt. cf. P. 58 „das Myste-
19259rium des grossen Namens d. h. des grossen Lichtes, welches den
19260Lichtschatz umgiebt.“
192612 Ganz entgegengesetzt wird in den drei ersten Büchern eine
19262wenig behutsame Missionspraxis empfohlen (p. 272).
page 536
19263530 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
19264im zweiten Buche Jen P. 55ff. aufgelegt: „Diese Mysterien, welche
19265ich euch geben werde, bewahret sie und verratet sie keinem
19266Menschen, sie seien denn ihrer würdig. Nicht verratet sie an
19267Vater noch Mutter, nicht an Bruder noch Schwester noch Ver
19268wandten, nicht für Speise noch Trank, nicht für eine Weibs-
19269person, nicht für Gold noch Silber, noch überhaupt für irgend
19270etwas dieser Welt. Bewahret sie und verratet sie überhaupt
19271Niemandem um der Güter dieser ganzen Welt willen etc.“ Dies
19272war ein Schwur, welchen der Neophyte nach Weise der antiken
19273Mysterien ablegen musste, der ihn für sein Leben an seinen Kult
19274fesselte'. Von hier aus ist die Arkandisciplin in die Grosskirche
19275eingedrungen, der Gnosticismus hat auf diesem Gebiete den
19276Katholieismus anticipirt 2.
19277Wie elende Reklamehelden, wie grosse Betrüger und Gaukler,
19278die sehr deutlich an die Figur des Peregrinus erinnern, möchten
19279uns diese Menschen erscheinen, welche die Menge durch ihre
19280mit grossem Bombast angepriesene Waare betrogen und das
19281Seelenheil ihrer Anhänger gewissenlos vernichteten. Dies hiesse
19282aber die ganze gnostische Bewegung und das Mysterienwesen
19283der griechisch-römischen Gesellschaft sehr verkennnen. Welch’
19284Aberglauben, welche Roheit auch immer in ihnen einen passenden
19285Schlupfwinkel gefunden hat, so wird man doch keineswegs dem
19286harten Urteil der Kirchenväter und mancher heutigen Gelehrten?
19287beipflichten dürfen; wir können uns vielmehr auf die Seite von
192881 cf. Iren. prooem, cap. 2. I, 4, ⲃ. I, 24, 6 (Epiph. haer. 24, 5)
19289ⲠⲒ 15, 2. Tertullian adv. Valent. cap. 1, adv. Valent. cap. 9. —
19290Eusebius h. ececl. IV, 7. — Hippolyt Philosophumena V, 38 214. —
1929124, 216. — 27, 230. — 28, 232.
192922 Dies hätte bei der Untersuchung über die Arkandisciplin fester
19293ins Auge gefasst werden müssen. Vergl. die Untersuchungen von
19294Rothe: de disciplinae arcani, quae dicitur, in Eccl. christ. origine,
19295Heidelberg 1841 progr. — Von Zezschwitz: System der Katechetik
19296Leipz. 1863 I, 154 ⲃ︦. — 'Theod. Harnack: Der christl. Gemeinde-
19297gottesdienst im apost. u. altkathol. Zeitalter, Erlangen 1846 ⲃ 286.
19298— Bonwetsch: Wesen, Entstehung und Fortgang der Arkandisciplin
19299in Kahnis Z. f. d. hist. Theol. 1873 S. 203.
19300% Foucart: les associat. relig. chez les Grecs ⲃ︦. 177. Boilssier:
19301Ja religion Romaine Bd. I, 377.
page 537
19302IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 521
19303Renan (les apötres, deutsche Übers. S. 239) stellen, welcher sagt:
19304„Wenn in der griechischen Welt noch etwas Liebe, Frömmigkeit,
19305religiöse Moral blieb, so war es der Freiheit der Privatkulte zu
19306verdanken“. Denn ihrem eigentlichen Zwecke nach sollten sie
19307ohne Zweifel die sittlich ethische Seite im Menschen zur Geltung
19308bringen; die nur äusserlich verschiedenen Einweihungen und
19309Reinigungen sollten den Menschen zum Menschen bilden, ethisch
19310bestimmend auf sein Denken und Handeln wirken. Den meisten
19311lag ein ethischer Charakter zu Grunde, wenn auch dieser durch
19312das Symbolische und Rituelle stark zurückgedrängt wurde, ja
19313dies für das gewöhnliche Volk die Hauptsache war. Erhabene
19314Gefühle, hohe sittliche Bestrebungen wurden geweckt.
19315Dasselbe gilt auch von den Gnostikern. Die Kirchenväter wer-
19316den nicht müde, die grössten sittlichen Verbrechen ihren Gegnern
19317vorzuwerfen, selbst Männer wie Marcion, Valentin, Basilides auf
19318das Schmählichste zu verleumden; aber wir wollen mit ihnen
19319nicht rechten, denn der Hass macht blind und sucht besonders
19320die sittliche Intaktheit des Feindes zu verdächtigen. Wir sind
19321weit davon entfernt, in allen Gnostikern gute und fromme Christen
19322zu sehen, denn viele Abscheulichkeiten hatten unter ihnen, wie
19323die Väter mit Recht berichtet haben, Platz gegriffen; ein ex-
19324centrischer Libertinismus schien alle Bande der menschlichen
19325Gesittung zu zersprengen. Aber fanden sich nicht viele Pestbeulen
19326in der eigenen Gemeinde? ;
19327Einen hohen ethischen Gehalt, einen tiefen Ernst verraten
19328die von uns zu behandelnden Gnostiker; kein libertinistischer
19329Zug trübt das reine Bild. Nicht jedem beliebigen Menschen
19330wird die Gnosis an den Hals geworfen; er muss sich im Leben
19331ihrer würdig gezeigt haben, bestimmte Voraussetzungen muss er
19332erfüllen, genau vorgeschriebenen Anforderungen genügen. Die
19333︦ϫⲟⲧ⳪)ⲓ] TOVTOV ⲧⲟ ⲭⲟϭⲙⲟⲱ ist dieses gnostische Lebensideal,
19334sie ist das ⲭ]ⲟⲱⲩⲙⲥ der gnostischen Apostel, mit dem sie sich
19335an das Volk wandten. Alle Güter dieser Welt sind gering zu
19336achten, denn wer sich mit ihnen beschäftigt, häuft zu seiner Hyle
19337noch andere (p. 250) und ist rettungslos verloren. Diese ganze
19338Erscheinungswelt erfüllte die Gnostiker mit unaussprechlichem
19339Ekel; die Welt und der Körper waren die feindlichen Mächte,
193401 ef. p. 214. 217. 218. 239. 249. 250. 251. 319.
page 538
19341522 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. -
19342welche ihren Geist, ihre Seele in die niedrige Sphäre hinabzogen,
19343darum vollkommner Bruch mit ihr; Weltflucht war die Losung
19344d. h. ein mönchisch-asketisches Ideal, wie es auch unter den
19345Christen eifrige Vertreter fand. Sehr deutlich spricht Jesus
19346diesen Grundsatz auf P. 56 aus: „Nicht saget ihnen diese My-
19347sterien des Lichtschatzes, ausser denen, welche ihrer würdig sein
19348werden, welche die ganze Welt und ihre Götter und Ⲑⲟⲃ
19349heiten hinter sich gelassen haben und keinen anderen Glauben
19350besitzen ausser dem Glauben an das Licht nach Weise der
19351Kinder des Lichtes, indem sie auf einander hören und sich ein-
19352ander unterordnen wie Kinder des Lichtes“. Sehr häufig wird
19353auf das apostolische Leben hingewiesen: „Jetzt nun, da ihr eure
19354Väter und eure Mütter und eure Brüder und die ganze Welt
19355verlassen habt und mir gefolgt seid und alle meine Befehle,
19356welche ich euch aufgetragen, vollführt habt“ (P. 56). „Jesus
19357hatte Mitleid mit seinen Jüngern, weil sie ihre Eltern und ihre
19358Brüder, ihre Frauen und ihre Kinder und alle Lebensbedürfnisse
19359dieser Welt preisgegeben hatten und ihm zwölf Jahre gefolgt waren
19360und alle Gebote, die er ihnen gegeben, befolgt hatten. ! (P.57.c£ P.1).
19361Jesus selbst ist das Vorbild; wie er einst gewandelt, so soll man auch
19362jetzt seine Jungfräulichkeit und sein Kleid tragen (P.4). Selig ist nur
19363derjenige, welcher-die Welt gekreuzigt hat und sich nicht von
19364ihr hat kreuzigen lassen, d. h. wer sein Wort gefunden und den
19365Willen dessen, der ihn gesandt, erfüllt hat (P. 1). Eine sittliche
19366Lebensführung auf Grund der Herrenworte, der &yzo4al, die ⲉ
19367seinen Jüngern gegeben hat, ist die Vorbedingung, um in die
19368Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen zu werden. Diese
19369&rtolai wurden den Täuflingen wie in der Grosskirche als der
19370Sittenspiegel vorgehalten. „Und vor allen Dingen befehlet dem-
19371jenigen, welchen ihr diese Mysterien geben werdet, nicht falsch
19372zu schwören noch überhaupt zu schwören, nicht zu huren noch zu
19373ehebrechen, nicht zu stehlen noch nach fremdem Gut zu begehren,
19374nicht Silber noch Gold zu lieben, nicht den Namen der Archonten
19375noch den Namen ihrer Engel um irgend eine Sache anzurufen,
19376nicht zu rauben, nicht zu fluchen, nicht fälschlich zu ⲅⲉ] ϣⲱⲙ
19377noch zu beschuldigen, sondern ihr Ja sei Ja und ihr Nein Ne,
19378mit einem Wort sie sollen die guten Gebote ausführen“,
193791 Ebenso P. Sophia ⲣ. 341. 357. 368.
page 539
19380IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 523
19381Diese regula ist ein Stück echt christlicher Ethik, sie ist von
19382diesen Gnostikern augenscheinlich nicht ersonnen worden, son-
19383dern den Katechesen der Grosskirche entnommen, mit der unsere
19384Gnostiker in sehr naher Berührung gestanden haben müssen; dies
19385lehrt uns ein Blick in die Didache, Barnabas, Apostolische
19386Constitutionen; ähnliche Sittenregeln finden wir in der Pistis
19387Sophia. !
19388Ihren eigentümlichen Ausdruck fand die gnostische Ethik
19389in der &yxgärteıa d. h. in der Ehelosigkeit, eine Ansicht, die nicht
19390den Gnostikern allein, sondern einem grossen Teil der damaligen
19391Gesellschaft eigentümlich war, da der Mensch durch Frau und
19392Kinder zu sehr an diese Welt geknüpft, der freie Geist durch
19393die Sorgen niedergedrückt würde?. Als reine Menschen galten
19394diejenigen, welche sich jedes sinnlichen Genusses enthielten, daher
19395auch Jesus spricht: „Gehet hinauf nach Galilaea und findet einen
19396Mann oder eine Frau, in denen die Mehrzahl der Schlechtigkeit
19397gestorben ist — wenn es ein Mann ist, der keinen Beischlaf
19398hält, oder wenn es eine Frau ist, die mit der Weise der Frauen
19399aufgehört hat und keinen Beischlaf macht“ (P. 59 f.). Wie dem
19400Mönchtum, so ist es auch dem Gnosticismus ergangen; die strengste
19401Askese musste in den schrecklichsten Antinomismus und Liberti-
19402nismus umschlagen. Wir bedürfen in dieser Beziehung gar nicht
19403der Nachrichten des Irenaeus, Clemens Alexandrinus und Epi-
19404phanius. Unsere Gnostiker kennen selbst einige von ihren Brü-
19405dern, die der exorbitantesten Unsittlichkeit anheimgefallen sind,
19406V cf. Harnack, Untersuch, etc. S. 67f. und 70f.
194072 Sehr schroff ist die These des Marcion. Clemens Alexandr.
19408Strom. IHM, 3, 12. 13. III, 4, 25. Tertullian ad Marcion. I, 29. IV, 11.
1940934. III, 11. Hippolyt VIT, 80, 394. Epiph. haer. 42, 3. 4. — Tatian
19410und Julius Cassian, Clem. Alex. Strom, III, 13, 91. 92. Philastrius
19411cap. 48. — Saturnin Iren. I, 24, 2. Epiph. haer. 23, 2. Hippolyt
19412VII, 28, 382. Theodoret haer. fab. I, 3. — Encratiten Iren. TI, 28, 1.
19413Euseb. h. ⲑ. IV, 29. — Naassener Hippolyt V, 8, 160; V, 9, 170.
19414Basilides verwarf nicht schlechthin die Ehe, wenigstens nicht sein
19415Sohn Isidor in seinen ⲘⲎⲐⲓⲭϭ︦ bei Clem. Alex. Strom. MI. 1, 1. —
19416Valentin hielt sie für etwas Gottgefälliges, zumal da seine Aonen
19417in Syzygien verbunden waren cf. Clem. Al. Strom. IHN, 1.
page 540
19418524 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
19419darum sie ihnen gegenüber energisch Front machen. „Verratet
19420sie (sc. die Mysterien) keinem Weibe oder irgend einem Men-
19421schen, der in irgend einem Glauben an diese 72 Archonten steht,
19422oder die ihnen dienen, noch verratet sie denen, welche der achten
19423Dynamis des grossen Archon dienen d.h. denen, welche das
19424Blut von der Menstruation ihrer Unreinigkeit und den Samen
19425der Männer verzehren, indem sie sagen: Wir besitzen die wahre
19426Erkenntnis und beten zum wahren Gott. Ihr Gott aber ist schlecht“
19427(P. 55). Es ist dieselbe Sekte von der im vierten Buche: der P. ⲃ
19428(ⲣ. 386) Thomas spricht, und welche von Jesus mit den heftigsten
19429Worten verdammt wird. Wir werden ihrer noch später gedenken.
19430Unsere Gnostiker haben ihr Ideal mit grossem Ernst zu bewahr-
19431heiten gesucht, und es gewinnt den Anschein, dass sie bei der
19432Durchführung desselben nicht gescheitert sind. Wir müssen mr
19433bedauern, dass das Christentum bei ihrer so hoch gesteigerten
19434Ethik so verkümmerte Formen angenommen hat, zugleich ein
19435deutlicher Beweis für die absolute Gültigkeit der christlichen
19436Religion und für den ungeheuren Eindruck, welchen sie auf die
19437heidnischen Gemüter ausgeübt hat,
19438Bevor wir uns zur Eschatologie wenden, möchten wir noch
19439einmal auf die Mysterien der Taufen, insbesondere auf die heiligen
19440Elemente zurückkommen. Das Brot scheint wirkliches Brot ge
19441wesen zu sein, und zwar werden ebenso viel Brote, als Täuflinge
19442vorhanden sind, auf den Tisch gelegt. Daneben spielt der Wein
19443eine grosse Rolle; die heiligen Gefässe heissen dyyela und ⲟⲉⲓϣ
19444erstere dienen ohne Zweifel zur Aufbewahrung des Weines, letztere
19445werden bei der Kommunion benutzt. Nach der Version A sind
19446zwei dyyela Weins, zwei ⲟⲩϩⲓ Wassers und ein ⲟⲩϩⲃⲟ Weis
19447in Gebrauch, nach B zwei dyysza und ein ⲟⲩϯϩⲟ Weins, es fehlen
19448mithin die zwei zo7%0:@ Wassers. Letztere sind im Kultus durchaus
19449notwendig, denn nicht Wein, sondern Wasser wurde im heiligen
19450Abendmahl gespendet, wie ja auch von andern Gnostikern über-
19451liefert ist.! Denn dies beweist das Wunder, welches darin be-
194521 Dies war besonders bei den Encratiten und Tatlan der Fall
19453ef. Epiph. h. 30, 16. Epiph. 46, 2. Hieronym. in Amos 2, 12 ⲉ VI
19454P. 247. Vall. Clemens Alex. Paedag. II, 2, 832 ⲃ. Strom. I, 19, 9%.
19455Epiph. h. 47, 1. Theodoret haer, fab. I, 20 — auch bei Mareioa
page 541
19456IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 525
19457steht, dass der Wein zu Wasser verwandelt wird. Wir besitzen
19458hier ein sehr altes Zeugnis für eine Art von Transsubstantiation,
19459und es sollte uns nicht Wunder nehmen, wenn ein katholischer
19460Gelehrter daraus für das hohe Alter derselben und für den
19461Usus in der Grosskirche Kapital herausschlüge. Giebt es doch
19462noch andere Zeugnisse, die für das Verwandlungswunder bei den
19463Gnostikern sprechen; es wird z. B. bei Iren. I, 13,2 von Marcus be-
19464richtet: x0t70(L@ ⲟϣ XEXQAUEVX ROOCKOLOVUEVOG EUXAQLOTELV
19465xal ⲉ̀ⲡⲓ ⲡⲟⲩ ⲉ̀ϫⲧⲉϧⲱϧ ⲧⲟ̀ ⲗⲟⲩ ⲧϥⲥ &RLKÄNGEWS, ⲡⲟϩϣⲙ̀ⲣⲉϥ
19466xal ⲉⲱⲣ dvagaivecdaı ot. In der That hat Massuet Dissert.
194671. in Iren. artic. 2. 86. p. 50. 51 und Diss. 3. art. 7. $ 76. 77, p. 139
19468diesen Versuch gemacht, wenn er sagt: Ubi facile adverterit,
19469quisquis tantisper anticipatis Calvinianorum et Lutheranorum
19470opinionibus animum exuere voluerit, tam alte tunc temporis eorum,
19471qui Christianum nomen, etiam specie tenus, profitebantur, animis
19472illud insedisse, sacra dona, consecratione facta, in verum Christi
19473corpus et sanguinem converti, eo conversionis genere, quae nunc
19474transsubstantiatio dicitur, ut ii, qui legitima auctoritate ac po-
19475testate destituti vinum in Christi sanguinem invisibili, vera ta-
19476men ratione convertere se non posse probe sciebant, praestiglis
19477uterentur, ut id operari se persuaderent. Age, quaeso, fac Mar-
19478cum et eius asseclas in eucharistia nihil aliud agnovisse, quam
19479meram Christi corporis et sanguinis figuram, eadem semper per-
19480severante substantia panis et vini post consecrationem; ut quid
19481tam operose studuisset, vinum album in rubrum colorem com-
19482mutare sanguinemque desuper stillantem exhibere et praedicare,
19483nisi Christianorum omnium ea tunc fuisset sententia, vinum con-
19484secratione facta non manere, sed in verum sanguinem converti?
19485Facinus hactenus in coetibus eccelesiasticis inauditum exhorruis-
19486sent quique, nec fuisset, qui eo liquore, qui sanguinem retulisset
19487quemque verum esse sanguinem iactasset impostor, labia cruen-
19488tare non refugisset; quum tamen ex Irenaeo constet, nullum
19489fuisse, qui ex eo gustare non gestiret. Adeo infixa erat omnium
19490Christianorum animis ea sententia, eucharistiam verum Christi
19491corpus et sanguinem esse“. Wie grundfalsch eine solche Be-
19492Epiph. h. 42, 3. Tertull. adv. Marc. I, 14. Vergleiche Harnack: Brod
19493und Wasser: Die eucharistischen Elemente bei Justin in d. Texten
19494und Untersuchungen VII. Bd. Heft 2. S. 117.
page 542
19495ⲃ IV. Untersuchungen über die guostischen Werke
19496haunptung ist. wird jedem denkenden Leser klar sein, deun gerade
19497das Gegenteil von dem, was Massuet beweisen will, kann ⲙⲙ
19498aus den Worten des Irenaeus entnehmen. Man stelle sich zur
19499vor, dass schon in der Grosskirche der Transsubstantialione-
19500gedanke herrschend gewesen, hätte er dann wohl mit so beisser-
19501dem Spott das Treiben des Marcus gegeisselt? M. Ⲕ gewiss nicht.
19502Auch hier ergiebt sich eine Thatsache, die wir schon öfters be-
19503tont haben, dass nämlich der Gnosticismus den Katholicismus
19504anticipiert hat, u. z. in erhöhtem Masse bei der Lehre von den
19505Sakramenten, denn er hat Taufe und Abendmahl unter den Ge-
19506sichtspunkt der antiken Mysterien gestellt, hat neue Sakramente
19507hinzugefügt (Salbung, wiederholte Taufen) und den Kultusdienst
19508eingeführt, ebenso auch die Transsubstantiationsidee.. Auch in
19509den Excerpta ex Theodoto ⲃ 82 tritt sie hervor: ϫⲁ) ö ⲉ̄ϩⲅⲟϩ ϫⲟ
19510ⲧ ⲉⲗⲥⲓⲟⲩ Gyıäberaı ⲧϥ̄ ϧⲟϧ To ‚Svöparos ⲟ ⲅⲉ ⲉⲉⲛ
19511Örta ⲭⲟⲧ ⲧⲟ̂ qaıvopevovp ola Eingdn, ⲗ. durapueı ⲉϩ düvapıy
19512AVEULATIKN,D HETAßEBANTAL' OUTAG ϫⲟ TO dmg ϫⲱ) TO ⲟϣⲉ
19513ϧⲟⲩ ϫⲟⲓ TO BAKTIOUA YLVÖLEVOP ⲟⲩ HÖVOV XWOE TO XElQ0P, ⲀϤ ⲱ
19514&/ıacyöp ϫⲣⲟϭⲗⲟⲕⲃⲥϧⲉⲓ. Solche Gedanken findet man in dieser
19515Zeit noch keineswegs in der Grosskirche; man müsste denn zu
19516dem berühmten Heilmittel der disciplina arcana seine. Zuflucht
19517nehmen.
19518D. Eschatologie.
19519Unsere bisherigen Quellen geben uns über die gnostische
19520Eschatologie nur wenig Auskunft‘; „dies ist nicht auffallend;
19521denn die Gnostiker hatten über dieselbe nicht viel zu sagen, reıp.
19522was sie zu sagen hatten, kam bereits in ihrer Lehre von der
19523Entstehung der Welt und von der Erlösung durch Christas zum
19524Ausdruck, Wir erfahren, dass „Apelles’ regula ? mit den Worten
19525ϣⲉⲙ :hlossen hat: ⲉ̀ⲧⲡⲧϥ ⲉⲓϩ ⲟⲓ̀ϭⲃⲟ̀ϩ ⲟⲩⲑⲉ ⲕⲱ ⲕⲉ (statt S0w
19526ⲟⲗⲉⲧϭⲓ XOTVaL Ϩⲱ︦ⲧϭϩ ⲕ⳪) vEXQgOVG); Wir wiesen, dass Marcion, der
19527hier schon genannt werden darf, die ganze urchristliche eschatole:
19528gische Erwartung in das Gebiet des Judengotts verwiesen hat,? und
19529' ef. Harnack, Dogmengesch. I? ⲃ. 228 x
195302 cf. Harnack in den Patrum apostol. opp. L 8. 140.
19531* Tertullian ad. Marc. I, 27. 28. II, 28. IV, 29.
page 543
19532IV. Untersuchungen über die guostischen Werke. 527
19533wir hören, dass Gnostiker (Valentinianer) die Worte ϭϭϩⲭⲟⲩϩ
19534AvydoTAadıp beibehalten, aber so gedeutet haben, dass man in diesem
19535Leben auferstehen, d. h. die Wahrheit erkennen müsse ⲃⲟ setzten
19536sie auch an Stelle der „resurrectio mortuorum‘“ die „resurrectio
19537a mortuis“ d. h. die Erhebung über das Irdische; s. Iren. II, 1
19538Tertullian de resurr. carnis 19. Während die christliche Über-
19539lieferung ein grosses Drama an das Ende aller Geschichte ge-
19540stellt hat, ist den Gnostikern vielmehr die Geschichte das Drama,
19541welches im Grunde bereits mit der (ersten) Erscheinung Christi
19542schliesst. Mögen auch nicht alle Gnostiker der Meinung gewesen
19543sein, „die Auferstehung sei schon geschehen“, so scheinen doch
19544die Zukunftserwartungen für die Meisten ganz blass und vor
19545Allem bedeutungslos gewesen zu sein. So sehr ist das „Leben“
19546in die Erkenntnis mit eingeschlossen, dass uns in den Quellen
19547nirgends ein kräftiger Ausdruck der Hoffnung auf ein jen-
19548seitiges Leben entgegentritt und jene Einführung der Geister in
19549das Pleroma sehr unsicher und vage erscheint. Es ist aber hoch
19550bedeutsam, dass diese Gnostiker, die nach ihren Prämissen als
19551höchstes Gut die reale Erlösung von der Welt fordern, in Bezug
19552auf solche Erlösung schliesslich in derselben Unsicherheit und
19553religiösen Muthlosigkeit stecken geblieben sind, welche die grie-
19554chischen Philosophen charakterisirt. Eine Religion, die Religions-
19555philosophie ist, bleibt eben schliesslich immer im Diesseits haf-
19556ten, mag auch der Kontrast des Geistes mit seiner Umgebung
19557noch so stark betont und die Erlösung sehnsüchtig verlangt
19558werden. An die Stelle des Wunsches nach Erlösung schiebt
19559sich unbemerkt die Freude des Denkers an seiner Erkenntnis,
19560und diese stillt ihm den Wunsch (Iren. III, 15,2). Wie in aller
19561Religionsphilosophie tritt auch hier ein Moment der Freigeisterei
19562sehr deutlich auf. Die eschatologischen Hoffnungen haben nur
19563. durch die Überzeugung kräftig erhalten werden können, dass
19564die Welt Gottes sei. Schliesslich sei aber darauf hingewiesen,
19565dass gerade auch in der Eschatologie der Gnosticismus nur die
19566Konsequenzen von Ansichten gezogen hat, die von allen Seiten in
19567die Christenheit eindrangen und ihre Zukunftshoffnungen in
19568steigendem Masse gefährdeten. Übrigens wurde doch in einigen
195691 cf. Massuet dissertatio ad Iren. I. Artic. 3, $ 2. — Heu-
19570mann: Vermischte Bibliothek, Hamburg Tom. I, p. 147.
page 544
19571328 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
19572valentinianischen Kreisen das zukünftige Leben als ein Zustand
19573der Erziehung betrachtet, als ein Fortschritt durch die Reihe
19574der (sieben) Himmel, resp. es wurden zukünftige Läuterungen
19575angenommen. Beides ist nachmals — von Origenes ab — in die
19576kirchliche Lehre eingedrungen (Fegefeuer, verschiedener Rang im
19577Himmel), wie denn überhaupt die valentinianische Eschatologie
19578stark auf Clemens und Origenes eingewirkt hat.“
19579Mit diesen schönen Worten hat Harnack kurz, aber scharf-
19580sinnig die eschatologischen Hoffnungen der Gnostiker charak-
19581terisiert. Aber ich möchte befürchten, dass derselbe ihnen, da er
19582zu sehr den religionsphilosophischen Standpunkt betont, in einem
19583Punkte nicht ganz gerecht geworden ist. Denn m. E. hat der
19584Gnosticismus niemals eine Religionsphilosophie im eigentlichen
19585Sinne des Wortes sein wollen, es möchte dies vielleicht bei
19586einigen spekulativ angelegten Schulhäuptern der Fall gewesen
19587sein; aber in seiner ganzen Erscheinung — und nur in dieser ist er
19588religionsgeschichtlich von Bedeutung gewesen — war er eine
19589tief religiöse Bewegung, die, von hellenischem Geiste getragen, die
19590hellenistisch gebildete Gesellschaft der alten Welt für ihre eigen-
19591tümlich gefärbte christliche Religion zu gewinnen suchte und in
19592der That eine Zeit lang diese ihre Aufgabe mit grossem Erfolg
19593durchgesetzt hat.
19594Hohe Erwartungen hatten damals die Gemüter der ersten
19595Christen erfüllt und ihnen jenen bewundernswürdigen Enthusias-
19596mus, jene beispiellose Todesfreudigkeit verliehen, die sie all
19597Leiden dieser Welt vergessen machte. War der Christ doch hier
19598auf Erden seiner ewigen Seligkeit gewiss, wusste er sich doch
19599nach seinem Tode in dem Schosse Abrahams geborgen, um in
19600jenen Lichthöhen das Antlitz Gottes des Vaters und seines Kir-
19601geborenen Sohnes schauen und in ewiger Glückseligkeit leben
19602zu können. Das Ende der Welt sei nahe, -— dies war sein felsen- -
19603fester Glaubenssatz; — dann würde des Menschen Sohn in dem
19604herrlichsten Lichtglanze zum zweiten Male in die Welt kommen,
19605zu richten die Lebendigen und die Toten; dann würde alles
19606Fleisch leibhaftig auferstehen, ein allgemeines Weltgericht ⲓⲙ
19607finden, ein tausendjähriges Reich unter Jesu Christi Herrschaft
19608errichtet werden.! Diese sinnlich apokalyptischen Hoffnungen
196091 ef. Iren. fünftes Buch.
page 545
19610IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 529
19611bildeten das Erbe, welches das Judentum der neuen Religion hinter-
19612Jassen hatte; der Gnosticismus hat sie von demselben befreit,
19613denn ein notwendiges Postulat seiner hellenischen Weltanschauung
19614war das Abstreifen aller sinnlichen Momente. Wie wäre es mög-
19615lich, dass der zum Vater zurückgekehrte Jesus in leibhaftiger
19616Gestalt herniedersteigen würde, da ein Lichtwesen nicht körper-
19617lich gedacht werden kann? Wie wäre es denkbar, dass die Ver-
19618storbenen aus ihrem Grabe auferstehen und die Seelen in den
19619früheren Leib zurückkehren sollten, da dieser gerade ihr natür-
19620licher Feind, ein Produkt der Materie ist!? Diese Vorstellungen
19621mussten alle eschatologischen Hoffnungen der Christen negieren;
19622aber es wäre ein voreiliger Schluss, die Behauptung aufstellen
19623zu wollen, dass bei den Gnostikern dieselben sehr verblasst, ja
19624durch die Spekulation ganz begraben wären. Auch für sie gab
19625es sichere Bürgschaften, auch sie glaubten an ein zukünftiges
19626Leben nach dem Tode; dies lehren uns ganz deutlich die herr-
19627schenden Mysterienkulte, die Taufen und die Spekulationen über
19628den Wert derselben für das künftige Heil. Aber — und darin
19629besteht der Unterschied — der Gnostiker war ein Hellene; als
19630die Errungenschaft seiner griechischen Philosophie galt der Satz,
19631dass die Seele unsterblich sei, ein Gedanke, den man in dem
19632Kult- und Mysterienwesen zum kräftigen Audruck gebracht
19633hatte. Was hier begonnen, aber noch heidnisch verbrämt war,
19634hat der Gnostiker in ein christliches Gewand gekleidet. Auch hier
19635zeigt sich der Gnosticismus als der Träger jener grossen Kultur-
19636aufgabe, das Christentum mit den Ideen des Hellenismus zu durch-
19637I Diese These ist von allen Gnostikern verfochten. Einige Bei-
19638spiele werden genügen: Valentin: Tertullian de praescr. haer. cap. 33.
19639Epiph. h. 31, 7. Philastrius cap. 38. — Basilides: Tren. I, 24, 5.
19640Pseudo-Tertull. cap. 46. — Carpocrates: Pseudo-Tertullian cap. 48.
19641Philastrius cap. 35. Iren. II, 31, 2. — Saturnin: Iren, I, 24, 1.
19642Philastr. cap. 31. Tertull. 1. c. cap. 46. — Cerinth: Epiph. h. 28, 6.
19643— Cerdo: Pseudo-Tertullian cap. 71. Epiph. h. 41, 1. — Marcion:
19644Iren. I, 27, 3. Tertullian de praeser, cap. 33. — Apelles:;: Pseudo-
19645Tertullian cap. 71. Tertullian de praeser. haer. cap. 33. Hie-
19646ronymus epist. 38 ad Pamm. (Opp. I, 36.) — Ophiten: Epiph. h.
1964726, 9. 15. Pseudo-Tertull. cap. 57.
19648Texte u. Untersuchungen VII, 1, 2. 34
page 546
19649530 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
19650dringen und auf diese Weise jenen weltgeschichtlichen Prozess
19651der Hellenisierung des Christentums zu beschleunigen. Von
19652diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, erkennen wir mit klaren
19653Augen, aus welchen Gründen der Gnosticismus die jüdisch-apoka-
19654lyptischen Hoffnungen verworfen, an ihre Stelle aber den Un-
19655sterblichkeitsglauben der Seele gesetzt hat. Die Seele macht
19656den Adel der menschlichen Natur aus, sie ist ein kostbares
19657Kleinod, welches dem Menschen als ein teures Erbstück seit
19658jenem verhängnisvollen Sündenfalle überkommen ist, welches ihn
19659an seine höhere Bestimmung gemahnt. Ist doch die Seele ein
19660Teil der göttlichen Substanz selber, darum das Bindeglied dieser
19661und jener Welt. Um sie aus den Banden der Materie und des
19662Körpers zu lösen und ihr die Rückkehr nach der Urheimat zu
19663ermöglichen, ist Jesus auf die Erde herniedergestiegen.! Das ist
19664gnostisch und, fügen wir gleich hinzu, hellenisch.
19665Wie deutlich liegt in unseren gnostischen Werken diese
19666hellenische Weltanschauung ausgesprochen! Vergebens suchen
19667wir einen Ausspruch, der uns zur Annahme einer Erlösung des
19668Körpers, eines Auferstehungsglaubens berechtigt. Über das gap
19669und dessen Schicksale weiss der Gnostiker nichts zu sagen, es
19670bleibt auf Erden; die Seele dagegen legt den ihr lästigen yezoiv
19671ab, zersprengt die Banden, welche sie an das Fleisch der «ixao-
19672MEvn fesselt; die dienstbaren Geister des guten Princips, die
19673xagainurtAaı des Lichtes? nehmen sie in Empfang und führen
19674sie zu den herrlichen Lichthöhen, zu dem Topos der Ruhe und
19675des Schweigens. Ohne Anstrengung überwindet sie die feind-
19676lichen Weltmächte; die Mysterien mit ihren opgayldeg, dxodo-
19677ylaı, AnopAGEIZ, ϭⲕⲃⲟⲗ⳪, OXHUATA und YäDOL, welche sie auf
19678Erden empfangen, bezeichnen sie als Sohn des Lichtes, als Herr-
19679scher der unteren Regionen, denn „sie hat die Welt gekreuzigt
19680und sich nicht von ihr hat kreuzigen lassen“ und „den Himmel nach
19681unten und die Erde nach oben getragen“. Dieses Schicksal tziffi
19682freilich nur diejenigen Seelen, welche die wahre Lehre empfangen,
19683welche der Taufen und Mysterien, die zum Lichtschatz führen, teil-
19684haftig geworden sind und alle Befehle Jesu vollführt haben;
196851 Man lese zu diesem Zwecke die Einleitungsworte des Buches Joel.
19686? ef. Ⲣ. Soph. p. 106. 192. 198. 2..
page 547
196871V. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 531
19688die sündigen Seelen aber werden von den Archonten und in der
19689Unterwelt (s. o.) gepeinigt und teils von der Lichtjungfrau zu
19690der Metensomatose zurückgeführt oder bei groben Sünden sofort
19691der ewigen Verdammnis anheimgegeben. !
19692Die Erlösung hat zwar durch Jesum stattgefunden, aber sie
19693wird erst in der Zeit zur Vollendung kommen; er selbst kehrt
19694bald zu seinem Vater zurück (p.20. 254. 302.), um hier ein Reich
19695zu gründen. Auch insofern hat Jesus noch nicht sein grosses
19696Erlösungswerk vollendet, als er freilich die Macht der Archonten
19697der Äonen geschwächt, aber noch keineswegs gänzlich gebrochen
19698hat. Noch immer muss die Überleitung ihres Lichtstoffes zur
19699Erschaffung von Menschenseelen fortgesetzt werden, damit die
19700Archonten ihrer höheren Lichtelemente entleert, die Abhängig-
19701keit von dem Unendlichen wieder hergestellt und die entstandenen
19702Seelen zum Teil für das Lichtreich gewonnen werden. „Länger
19703als bis diess vollbracht ist, dauert die gegenwärtige Ordnung
19704der Dinge nicht, weil nur diese Herstellung der Einheit und
19705Harmonie im Universum das Ziel der göttlichen Weltregierung,
19706der mit dem Wesen des göttlichen Urprincips als der Alles aus
19707sich hervorbringenden und in sich zurücknehmenden Einheit von
19708selbst gegebene eine und letzte Endzweck sein kann; nicht eine
19709fort und fort ins Unendliche sich mehrende, sondern nur eine
19710so grosse Zahl von Menschenseelen, als zur Erreichung jenes
19711Zweckes erforderlich ist, soll ins Dasein treten und auch von
19712diesen nur eine schon zum Voraus festgesetzte Anzahl zur wirk-
19713lichen Wiedervereinigung mit dem Lichtreich gelangen“ (Koestl.).
19714Echt gnostisch ist die Ansicht, dass nur eine bestimmt vorher
19715praedestinierte Anzahl von Seelen, die dot 3ϭⲓϩ od. doıtduOS TOP
19716TELELwrp ⲯⲱⲭⲱⲩ (ⲣ. 33. 37. 39. 40. 76. 89. 194. 195. etc.) der Selig-
19717keit teilhaftig sein werden d.h. die Seelen der Gnostiker. Diese
19718Zahl ist die Vollendung des ersten Mysteriums (p. 15. 354.)
19719Wie gross diese Zahl sein wird, ist nicht angegeben, ebenso
19720wenig die Zeit der Vollendung. Vielleicht aber lässt sich dieselbe
19721durch die Notiz (p. 243 ff.) genauer bestimmen, dass nämlich Jesus
197221000 Jahre entsprechend den Jahren des Lichtes als König über
197231 Über das Schicksal der guten und schlechten Seelen werde
19724ich nicht ausführlich handeln, da es wenig Interesse bietet.
1972534*
page 548
19726ⲩⲩ ⲩ ⲩ . .. .
19727532 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
19728alle zooßolal des Lichtes und alle Seelen, welche die Mysterien
19729empfangen haben, in der Mitte des letzten zxagasctdrng herrschen
19730wird. Diese 1000 Jahre des Lichtes entsprechen 365000000 Jahren
19731des Kosmos, da ein Tag des Lichtes 1000 Jahre des Kosmos aus-
19732macht. Hieraus ergiebt sich, dass die Zeit der Vollendung noch
19733eine ungeheure Zeit in Anspruch nehmen wird; zugleich er-
19734kennen wir einen Rest jener altchristlichen Vorstellung vom
19735tausendjährigen Reich Christi auf Erden, nur mit dem Unter-
19736schiede, — und dies ist beachtenswert — dass die Gnostiker dieses
19737Reich infolge ihres Spiritualismus in ein himmlisches umgeselzt
19738haben.
19739Dass nach der Pist. Sophia noch ein langes Zwischensta-
19740dium zwischen der Rückkehr Jesu zum Vater und der Sammlung
19741der Seelen liegt, zeigt deutlich p. 89, wenn es heisst: „Wahrlich
19742ich sage euch, wenn die vollkommene Zahl vollendet ist und das
19743All auffährt, werde ich im Lichtschatze sitzen, und ihr werdet
19744auf zwölf Lichtkräften sitzen, bis wir alle Taxeis der zwölf ϭⲱ
19745ⲃⲟⲉⲥ in den Topos der xAingovolulaı eines jeden von ihnen
19746zurückversetzen (dxoxadıctdvar)“. — Das vierte Buch der P. 8. und
19747die beiden Bücher Jeü kennen nur ein sofortiges Eingehen der
19748Seele in den Lichtschatz.
19749Die ϭⲱϧⲧ ⲉⲓⲥ ⲧⲟⲩⲧⲟ ⲧⲟⲟ aldivos ! (ⲣ. 188. 180. 194. 195)
19750zerlegt sich in zwei Akte, in die evectio universi od. wvy@r
19751(ⲣ. 76. 89. 189. 194. 220 ete.) und in die solutio universi od.
19752xö0uov od. ⲭⲉⲟϭϭⲙⲟⲩ (ⲣ. 76. 206. 259. 271). Beide Akte fallen
19753in die Zeit des letzten Weltdramas, u. z. geht die eveotio universi
19754der solutio universi voraus.
19755Am Ende der Tage findet keine Parusie des Erlösers statt;
19756er verschliesst die Thore des Lichtes, damit Niemand seit dieser
19757Zeit hinein- und herausgehen kann, denn jetzt wird er an den
19758Kosmos Feuer anlegen, damit dasselbe die Aonen und die Vor-
19759hänge und die Firmamente und die ganze Erde und alle in ihr
19760befindlichen Hylen reinige; u. z. geschieht dies zu einer Zeit,
19761wo das Menschengeschlecht noch existiert. In jenen Tagen werden
19762sich sehr viel die ⲡϭⲅⲉϩ und die ⲙⲱϭⲉⲩⲣⲉⲥ offenbaren, und
19763einige Seelen, die vermittelst der Metensomatosen zum Kosmos
19764! Der Ausdruck findet sich in den Evangelien nur bei Matth.
1976513, 39. 40. 49; 24, 3; 28, 20 und Hebr. 9, 26.
page 549
19766IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 533
19767gelangt sind, werden daselbst die Mysterien des Lichtes finden
19768und sich zum Lichtschatz begeben wollen, aber dann ist es zu
19769spät. Denn sobald sie an die Thore anklopfen und sagen:
19770„O Herr, öffne uns“, wird Jesus zu ihnen sprechen: „Ich kenne
19771euch nicht, woher ihr stammt“. Dann antworten sie: „Wir haben
19772von Deinen Mysterien empfangen und Deine ganze Lehre vollendet,
19773und Du hast uns auf den Strassen belehrt“. Jesus erwidert:
19774„Ich kenne Euch nicht, wer ihr seid, die ihr die Missethat und
19775das Böse bis jetzt vollführt, deshalb gehet zu der äussersten Fin-
19776sternis“. Und in demselben Augenblick werden diese in die
19777äusserste Finsternis gehen, an den Ort, wo Heulen und Zähne-
19778klappern ist (p. 317 ff.).
19779Jetzt gehen die vollkommenen Seelen in den Ort der xAn-
19780oovoulaı des Lichtes ein, um daselbst in ewiger Seligkeit an
19781der dyaxavoıs teil zu haben. Eine jede „gelangt in Gemässheit
19782der Höhe des geistigen Lebens, zu dem sie sieh hier auf Erden
19783aufgeschwungen, zur Befriedigung der Sehnsucht nach Erkenntniss
19784des Universums und insbesondere der höchsten Regionen desselben“
19785(Koestl.) und erhält ihren bestimmten Platz im Reiche angewiesen
19786(p. 196. 202 ff. 233. 244. 303 ff.); die unterhalb von ihr befindlichen
19787Regionen kann sie betreten, aber nicht die oberhalb gelegenen.
19788Daher können diejenigen Seelen, welche das Mysterium im ersten
19789Gebot empfangen haben, nur die Taxeis des dritten yOoEnuUA be-
19790suchen, ebenso die, welche das Mysterium des ersten Mysteriums
19791d. h. des vierundzwanzigsten Mysteriums oder das Mysterium in
19792den Taxeis der 24 Mysterien oder das in den Taxeis des ersten My-
19793steriums d. h. im dritten ⲭⲱ ⲫ) etc. empfangen haben. „Und wer
19794das audErytEs WvOTNOLOP des ersten Mysteriums des Ineffabilis
19795empfangen hat d.h. die zwölf Mysterien nach einander des ersten
19796Mysteriums, welche über alle wo uata des ersten Mysteriums
19797herrschen, wer nun jenes Mysterium empfangen wird, hat die
19798Macht, alle Taxeis der drei ⲱⲣ ⲕⲥⲧϭ der toLKZVELLATOL und die
19799drei xo0NKATA des ersten Mysteriums und alle ihre Taxeis an-
19800zuschauen; und er hat die Macht, alle Taxeis der x4n0oovoulaı
19801des Lichtes anzuschauen, und sie von aussen bis innen und von
19802innen bis aussen und von oben bis unten und von unten bis
19803oben und von der Höhe bis zur Tiefe und von der Tiefe bis zur
19804Höhe und von der Länge bis zur Breite und von der Breite bis
19805zur Länge anzuschauen. . . Und er hat die Macht, in dem Topos
page 550
19806534 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
19807zu bleiben, der ihm in der xAngovogla des Lichtreiches gefällt;
19808und wahrlich ich sage euch: Jener Mensch wird bei der Auf-
19809Jösung des Alls König über alle Taxeis der xAngovopla sein“
19810(ⲣ. 202 ⲃ.) Den höchsten Rang nehmen die Besitzer des My-
19811steriums des Ineffabilis ein, durch dieses erhalten sie Einsicht in
19812den Grund und Zweck der Schöpfung, in die Entstehung aller
19813Dinge und in den grossen Gott-Weltprozess (ⲣ. 206 ff.); sie wer-
19814den dem Ersten gleich (ⲣ. 354) und : verbinden sich mit den
19815Gliedern des Ineffabilis (p. 228). Auf diese Weise „haben sie sich
19816zu dem, was sie ihrer ursprünglichen Natur nach sind, zu einem
19817Gebilde des Ineffabilis, zu einem Wesen von gleicher Höhe mit
19818ihm erhoben, wie ja ursprünglich alle Wesen und so auch der
19819Mensch aus dem Urprincip selbst hervorgegangen, und so aus
19820einer und derselben Substanz mit ihm sind. Was den Menschen-
19821geist von seinem Urquell, dem Urgrund aller Dinge, trennte,
19822war ja nur der Mangel an dem Bewusstsein“ (Koestl.),
19823Der Besitzer dieses Mysteriums steht, obwohl er noch im
19824Kosmos ist, höher als alle Engelmächte; er und Jesus’ bilden
19825eine mystische Einheit, denn „jener ist ich und ich bin jener* !;
19826dieser ist König in seinem Reiche und wird zur Rechten und
19827zur Linken von ihm sitzen (p. 206. 230f. 243f.). Unter allen
19828treten die Jünger Jesu hervor, seine Genossen und seine Brüder,
19829welche im Besitze dieser höchsten Mysterien sind, denn ihr Thron
19830wird demjenigen von Jesus am nächsten stehen und zwar allen
19831voran der von Maria und Johannes 6 xag##&vos (p. 231).
19832An dieser evectio ty yvyay nehmen auch die Seelen derer
19833teil, welche durch den Gnadenschatz der Gläubigen gerettet woräen
19834sind (ⲣ. 238 f. 240. 275f. 325f. 334). Dieselben haben entweder
19835die Mysterien nicht empfangen oder sich Versündigungen zu Schul-
19836den kommen lassen, sind aber durch die Besitzer der höchsten
19837Mysterien den Peinigungen der Archonten der Mitte und der
19838Unterwelt entronnen, haben von der Lichtjungfrau ein vörzügliches
19839Siegel empfangen und sind von den sieben Lichtjungfrauesi getauft
19840und gesalbt worden; aber da dies sie noch keineswegw zum Ⲙⲛ-
19841tritt in das Lichtreich berechtigt, werden sie in das Ⲙⲟ des
19842Schatzes an einen besonderen Ort gesammelt, bis die eveutio des
19843Alls stattfindet. Sobald dann die Vorhänge des „Tüchtschatues
198441 cf. Harnack: Untersuch. etc. ⲃ︦. 63ff, ; .-.
page 551
19845IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 535
19846aufgezogen werden, reinigen und läutern die sieben Lichtjung-
19847frauen jene Seelen noch einmal, geben ihnen von neuem die
19848Mysterien und versetzen sie in die letzte Taxis des Lichtschatzes.
19849Auf diese Weise ist der Spruch Jesu wunderbar in Erfüllung
19850gegangen, dass die Letzten die Ersten und die Ersten die
19851Letzten sein werden (p. 252. 188. 98. 197. 229f.). Denn die
19852Menschheit war bedeutend später als die Archonten- und höhere
19853Lichtwelt entstanden. Erst nachdem das auserwählte Geschlecht
19854die ewige Seligkeit empfangen, hat auch die Stunde ihrer Er-
19855lösung geschlagen, während sie bis dahin an ihren Ort gebunden
19856und im Dienste des Lichtes thätig waren. In der Zeit der
19857ovpTtElELX des Äons werden die zwölf 00THQES des Schatzes
19858und die zwölf Taxeis eines jeden von ihnen d.h. die Probolai
19859der sieben Stimmen und der fünf Bäume mit Jesus in dem Topos
19860der xAnoovoulaı des Lichtes als Könige herrschen und zwar ein
19861jeder über seine Probolai. Der ϭⲱⲍ ⲟ der Probolai der ersten Stimme
19862wird in dem Topos derjenigen Seelen herrschen, die das erste
19863Mysterium des ersten Mysteriums empfangen haben; in demselben
19864Verhältnis wie die zwölf Mysterien des ersten Mysteriums sich ab-
19865stufen, ebenso auch die Probolai; und die sieben Amen, fünf Bäume
19866und drei Amen werden zur Rechten Jesu als Könige in den xAn00-
19867rogulaı des Lichtes sitzen, die vcwt70-Zwillinge und neun Wächter zu
19868seiner Linken, und ein jeder der ϭⲱⲧ] ⲉϩ wird König über die
19869Tazxeis seiner Probolai sein, wie es bereits früher schon der Fall
19870war. Die neun Wächter werden vorzüglicher als die ϭⲱⲧ ⲉϩ sein,
19871die ocwrtYE-Zwillinge als die neun Wächter, dann die drei Amen,
19872ihnen folgen Jeü, der Wächter des Vorhangs des grossen Lichtes,
19873die beiden grossen x00%yovuWEVOL, der grosse Sabaoth, die Licht-
19874jungfrau, der grosse 7yovuevoc der Mitte, der grosse ⲃ, die
19875zwölf Diakonen, die zagaotdtAaı der sieben Lichtjungfrauen und
19876die übrigen Engel der Mitte (ⲣ. 16.) Sehr merkwürdig ist
19877es, dass der Verfasser bei dieser Aufzählung die Archonten des
19878‚Jabraoth, die Busse gethan haben, und die Bewohner des drei-
19879zehnten Äons, die doch ohne Zweifel — wenigstens die Archonten
19880des Jabraoth und einige aus dem dreizehnten Aon — der Erlö-
19881sung teilhaftig geworden sind, ganz vergessen hat; auch sonst
19882finden sie in dieser Hinsicht keine Erwähnung.
19883Auf die evectio der Seelen und der höheren Lichtmächte
19884folgt die solutio universi, xö04gov od. xeEQAGUOT, d. ⲃ. die Schei-
page 552
19885336 IV, Untersuchungen über die gnostischen Werke.
19886dung des widernatürlich Gemischten, die Trennung des Lichtes
19887und der Materie. Letztere, das Princip des Bösen, die Weltmächte
19888und Bewohner der Unterwelt nebst den verdammten Seelen
19889müssen vernichtet werden, .damit von nun ab das Reich Jesu
19890ungestört fortexistieren kann. In dieser Zeit wird Jesus den Be-
19891fehl erteilen, alle tyrannischen Götter, die noch nicht das Reine
19892ihres Lichtes abgegeben haben, vor seinen Richterstuhl zu führen.
19893Der Tag des Gerichtes ist gekommen. Jesus sitzt auf einer Licht-
19894kraft und seine Jünger zu seiner Rechten, ein weisesP Feuer
19895verzehrt die Tyrannen, bis sie das letzte in ihnen befindliche
19896Licht abgegeben haben (p. 76). Auch der grosse Archon mit
19897dem Drachengesicht, der die Finsternis umgiebt, wird gerichtet
19898(p. 385) und am Schluss des Dramas die irdische Welt und
19899die Äonenwelt dem Untergange preisgegeben werden (p. 14. 210.
19900211). — In den beiden Büchern Jeü finden wir gar keine An-
19901deutung über das Weltende; nur einmal scheint Jesus diese
19902Frage zu streifen; auf P. 86. spricht er nämlich von den drei
19903ⲧⲟⲓⲕⲟ, die an das Lichtreich geglaubt haben und dafür
19904insofern belohnt werden, als sie bei der Scheidung der Äonen
19905das Mysterium der Sündenvergebung erhalten und in das Licht-
19906reich aufgenommen werden. Auf Grund des ganzen Systems
19907muss der Verfasser eine andere Auffassung in der Eschatologie
19908vertreten haben. Er konnte noch keine Rangverhältnisse im
19909Himmelreich und keine evectio der Seelen annehmen; alle Seelen
19910der Gnostiker gehen ohne Unterschied in den Topos des Schwei-
19911gens und der Ruhe ein; beim Weltgericht wird eine Scheidung
19912der guten und bösen Gewalten eintreten, jene gerettet, diese
19913vernichtet werden.
19914So hatte der gnostische Christ seine hohen Ideale, seine
19915Zukunftshoffnungen, auf denen er seine ganze Lebensführung fun-
19916damentierte; sie galten nicht seinem Körper, sondern seiner Seele,
19917durch die er sich als ein Glied Gottes erkannt hatte. Das Heil
19918der Seele beschäftigte sein ganzes Dichten und Trachten. Das
19919sichere Bewusstsein, dasselbe durch die Mysterien empfangen zu
19920haben, und schon hier auf Erden ein Sohn des Lichtes, ein un-
19921sterblicher Gott! (P. 58. 68) geworden zu sein, entrückte ihn
199221 Diesen Gedanken hat Valentin in den wundervollen Worten
page 553
19923IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 537
19924dieser gemeinen Welt, liess ihn die Leiden derselben vergessen
19925und lehrte ihn, auf seine Mitmenschen, die nicht der himmlischen
19926Güter teilhaftig geworden, mit grosser Verachtung herabzublicken. '
19927eines Fragmentes seiner Homilie zum Ausdruck gebracht (Clemens
19928Alex. Stromat. IV, 13, 91): .
19929’Ax &oyns ⲉⲐⲥⲩⲁⲧⲟ Lore ⲕⲁ) ⲧⲉⲭ Ewns ⲉ̀ϭⲓ alwviag ⲭⲁ TO
19930Bavarov NOere Ueoloaodar ⲉⲓϩ ⲉ̀ϭⲱⲧⲟⲩϩ ⲓⲁ daravnontE ⲥⲱⲧⲟⲩ ⲛⲟ)
19931dvakwontE, ϫⲟ Arodavn 6 Ⲑϭⲟⲟⲧⲟϩ ⲉ ⲕ︦ ϫⲟ) Öl’ ⲕⲱ̄ ⲟⲧⲟⲩ ⲣⲉϩ
19932ⲧⲟⲩ ⲕⲩ ⲭⲟϭⲕⲟϧ ÄUnNTE, ⲙⲉⲓ ÖL un KatalUnOdE, xVQLEUETE ⲧϥⲥ ⲭⲧⲓϭⲉⲱϩ
19933xal ıns ϣⲑⲟϩⲁ̄ϩ ANKONS.
199341 Die Klage über diesen unerträglichen Dünkel der Gnostiker,
19935welche die wahre Lehre gepachtet zu haben, daher nur allein in das
19936Himmelreich einzugehen vermeinten, tönt aus allen Schriften der
19937Väter entgegen cf. Iren, I, 6, 2: ’Emaıdevdnocav ϩⲁⲣ ⲧⲉ ⲯⲱⲭⲓⲭⲟ of
19938ⲯⲱⲭⲓⲭⲟ) &vdQwroL, ⲟ Öl Foywv ⲕⲟ) ⲡϭⲅⲉⲱϩ ⲯⲓⲥ feßaroupevor ⲕⲟ)
19939N ⲧⲩ ⲧⲉⲗⲉⲓⲁ ⲯⲱⲱ̄ϭⲓϧ Ϩⲭⲟⲩⲧⲉϩ. Elvaı 0! ⲧⲟⲧⲟⲟϩ ⲉⲡⲟ ⲧϥ̄ϩ ⲕⲭϥϭⲓⲁϩ
19940ⲡⲙⲁϩ ⲣⲟⲟϭ.. ϫⲓⲟⲩ ⲕⲁⲓ ϥⲙⲟ ⲙⲉⲩ ⲉ̀ⲩⲁⲩⲭⲟⲓ̈ⲟⲩ ⲉϭⲓ ⲧⲓ Ayadıv modkıvy
19941ⲉⲡⲟϣⲥⲓⲩⲟⲩⲓϭⲓ ⲟ︦ⲗⲗⲱϩ ⲣⲉϩ Aduvarov ϭⲱⲃϥ⳪ⲓ. Avrtovs ⲑ un dıa ⲡⲣⲟ‐
19942Eecwos, Ⲙⲁ Ϩⲓ TO ϣⲱϭⲉ ⲡϧⲉⲱⲕⲟⲧⲓⲭⲟϩ ⲉⲓ ⲡⲥ︦ⲟⲧϥ ⲧⲉ ⲕ) ⲡϭ︦ⲟⲧⲱϩ ϭⲱ‐
19943Ⲑⲏϭⲉϭⲑϭⲓ doymarlkovoıv. Ns ⲩϩ TO ⲗⲟⲓ̈ⲭⲟⲩⲩ AdUvaTOV ϭⲱⲧϥϩⲁϩ ⲙⲉ‐
19944ⲧⲉⲓ̅ (ⲟ ⲁϩ Elvaı AEyovoıy ⲥiⲍⲟ ÖextıKOV aUTHS) ⲟⲩⲧⲱϩ ⲡϭ︦ⲗⲓ TO ⲡⲩⲉⲱ‐
19945ⲕⲟⲧⲓⲭⲟ (ⲟϭ ol ⲁⲱⲟ Elvarı) ⲉⲑ ̃ⲩⲟⲅⲟⲩ ϣⲪⲟϩⲟⲙ ϫⲁⲧⲥ4sⲑⲡⲓ, ⲭⲉ
19946ⲟⲡⲟⲓⲓϩ ϭⲱⲩⲭⲁⲧⲟⲩϧⲱⲓⲧϭⲓ ⲡϩⲟ︦ⲝⲉϭⲓ. Ⲟⲩ ⲣⲉϩ ⲧϩⲟ︦ⲡⲟⲩ ϥϩⲱϭⲟⲩϩ Ev ⲃⲟϩⲃⲟⲩϩϣ
19947ⲭⲟⲧⲟⲧⲉⲑⲉ̀ϩ 00x Anoßahleı ⲧⲓ ⲭⲁⲗⲟⲩ) ⲧⲟⲟ, Ⲙⲁ ⲧ] (Olav quo
19948ⲩⲓⲁϣⲱⲗ︦ⲧⲧⲉⲓ ⲧⲟⲩ Bogßogou undiv ddınn dar Övvapkvouv ⲧⲟ̀ ϥϩⲱϭⲟⲅ• OUTOO
19949ⲑⲉ xal aUTOUS AEyovGL, ⲕⲟⲩ Ev Örolais UlIxais ⲡϩⲟ︦ⲝⲉϭⲓ KATAyEVWVTAL,
19950ⲙⲏ abrode magaßiantecdat, ⲏⲓ Aroßahleıv ⲧⲓ) KVEULATIKNV ⲡ
19951ora«cıy. Vergl. ferner Iren. I, 6, 4. I, 16, 3. I, 19, 2. I, 27, 3. TI, 3
19952IL, 6, 9. — 18, 6. — 22, 1. — 26, 1. — 28, 6 etc. — Hippolyt Phi-
19953losoph. V, 8, p. 158. 162. 164. V, 9, p. 168. 174. V, 16, p. 190. 192,
19954V,17,p.196. V,21,p. 212. Am weitesten gingen wohl die Anmassungen
19955des Carpocrates cf. Iren. I, 25, 2 (Epiph. h. 27, 2. Theodoret haer,
19956fab. I, 5). ⲞⲐⲉⲩ eis tugpov ⲟⲩⲧⲟⲓ ÄÄNACKOTES ⲙⲟⲩ .. . EXUTOUS ⲡϩⲟⲕϩⲓⲧ4ⲟⲱϩ
19957NyoOvrzaı ⲕ⳪) ϭⲟ̀ⲧⲟⲟ︦ ⲧⲟⲟ Incod. Ⲙⲟⲓ ⲟ︦ s ⲁⲧⲱ 00x Ⲓⲏϭⲟⲱ pasır,
19958ⲉⲗⲁ Ⲡⲉⲧϩⲟⲱ ⲭⲁ) ϩⲟⲩ ⲕⲁⲓ ITaviov ⲕⲁ) ⲧⲱ ⲗⲟⲓⲡⲱⲩ ⲉⲡⲟϭⲧⲟⲱⲩ
19959ⲉ̃ⲥⲱⲧⲟⲩⲩϩ ⲩⲧⲉϩϣⲉϩⲉϭⲓϩⲟⲟϩ Elvarı dık ⲧⲓ VREQBOANV INS ⲣϧⲱ̀ϭⲉⲱϩ ...
19960ⲟⲓ ⲑⲉ ZE ⲁⲧⲱ ϣϭ̃ϭⲕⲟⲱϭⲓ ⲙϥ dıevnvozEvar ⲧⲟⲟ Ⲓ3ϭⲟⲩ. AL ⲣⲉϩ
19961ϣⲱϥ ⲉⲕ ins AUS ⲡⲉϩⲓϣⲟϩⲁⲉ̄ϩ ⲉⲓϭⲓ Kal ⲕⲟⲃⲱϩ ⲭⲁⲧ ⲧⲓ) TOU Incov
page 554
19962ϭⲉⲟ ⲉ ⲧⲟϩ ⲡⲉ ⲧⲟ ϫⲱⲛⲧ
19963pertafiirat ϫ ⲟⲩⲧ da ⲧⲟ
19964dorw iv ⲧⲃ̄ ⲕⲁϭⲟ̃ⲧⲣⲧⲓ. Ⲧⲉ ⲧ
19965ⲉⲏⲧⲟϩ Mingauatos ⲭⲱⲟⲉⲓⲏ. Ⲧⲟⲕⲧ
19966.........7-...--
19967ⲩⲥϭ̀ⲏⲉϧⲟⲃ ⲡⲉ̄ϭⲥ ⲗ. ϭⲕⲕⲉ ⲱⲱ
19968unter” elvaı zoom -.)-
19969tovtarp byvamkvaı Gxompal
1997088 63. 64. 65. — Ophiten. Iren.
19971antem futuram, quando tota humeet
19972et abripiatur in Aeonem incorrupi
19973ϣⲙ
19974ϩⲙ
19975xal 00 "Inooü - « ⲙ
19976=
page 555
19977ⲙⲁⲓⲩⲃⲕ︦ⲉⲓⲧⲩ
19978Ca, ‚07
19979ⲙ.. ⲟⲃϣ
19980IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke, 539
19981Untersuchungen über das zweite koptisch-
19982gnostische Werk.
19983Mit diesen Ausführungen hätten wir ein ungefähres Ge-
19984sammtbild von den Anschauungen, die im Kreise unserer Gno-
19985stiker heimisch gewesen sind, gegeben; an eine erschöpfende
19986Darstellung konnte nicht gedacht werden, da dieselbe über den
19987Rahmen unserer Arbeit hinausgehen würde.
19988Es wird nunmehr die Aufgabe an uns herantreten, auch
19989dasjenige Werk (P. 1*—61*), welches wir als ein selbständiges
19990Ganze aus dem Codex herausheben zu müssen glaubten, nach
19991den verschiedensten Seiten zu betrachten. Aber sobald man sich
19992dieser Arbeit unterzieht, ergiebt sich das merkwürdige Resultat,
19993dass dies nicht angängig ist; denn das Werk nimmt auf prak-
19994tische Fragen gar keine Rücksicht, sondern entwickelt auf phi-
19995losophisch-spekulativer Grundlage den grossartigen Weltprozess.
19996Auch eine kurze Inhaltsangabe erscheint mir ein Ding der
19997Unmöglichkeit, da diese nur im Zusammenhang mit der ganzen
19998Kosmologie gegeben werden kann; eine genaue Untersuchung
19999aber über das zu Grunde liegende System hielt ich aus prak-
20000tischen Gründen nicht für geboten, um nicht die Herausgabe des
20001Codex Brucianus unnötiger Weise zu verzögern.
20002Daher ist es meine Absicht, nur zwei Punkte näher zu be-
20003leuchten, da auch diese schon hinreichend geeignet sind, die
20004besondere Stellung unseres Werkes zu illustrieren, u. z. 1) die Be-
20005nutzung der heiligen Schrift, 2) den Ursprung und die Abfas-
20006sungszeit des Werkes. Dies geht um ⲃⲟ eher, als wir auch in
20007kurzen Zügen die beiden Bücher Jeü und die P. Sophia in den
20008Bereich unserer Untersuchungen stellen können.
20009E. Die Stellung zur heiligen Schrift‘.
20010In den „Untersuchungen über das gnostische Buch P. Sophia“,
20011hat Harnack bereits das Verhältnis des Buches zum A. und N.
200121 Im Allgemeinen vergleiche man die gediegene Abhandlung
20013von Heinrici: „Die valentinianische Gnosis und die heilige Schrift“
20014Berlin 1871 und Hofstede de Groot: „Basilides am Ausgang des
20015apostolischen Zeitalters als erster Zeuge für Alter und Autorität neu-
page 556
20016540 1V. Untersuchungen über die gnostischen. Werke.
20017Testament in erschöpfender Weise behandelt (ⲃ︦. 2-—49). Er ist
20018zu dem Resultat gekommen, dass der Verfasser das A. Ⲧ. alı
20019göttlich-kanonische Urkunde anerkannt, ebenso auch die Evan-
20020gelien und Paulusbriefe trotz mannigfacher Abweichungen vom
20021recipierten Text benutzt hat und sich demgemäss von: den gross-
20022kirchlichen Christen nicht nachweisbar unterscheidet. Auch hat
20023H. im Anschluss daran die biblische Exegese (8. 40—858) an
20024einzelnen Proben beleuchtet und ihre willkürliehe allegorisele
20025Erklärung charakterisiert.
20026In dieser Hinsicht bietet also die P. Sophia für den Kanoa-
20027forscher kein grosses Interesse, zumal wenn sie ein Produkt
20028späterer Zeit ist. Anders gestaltet sich sehon die Frage: bei‘ den
20029beiden Büchern Jen, da sie ein bedeutend höheres Alter repräsen-
20030tieren und m. E. der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderte
20031entstammen. Leider finden wir in ihnen nur ganz geriege
20032Ausbeute, an keiner Stelle treffen wir ein wörtliches Citat; doch
20033lassen sich eine Menge Parallelen anführen, die selilagend be-
20034weisen, dass der Verfasser die Evangelien benutzt und: eifrig
20035gelesen hat. Man betrachte nur die ganze Kompositionsweise; die
20036Gespräche Jesu mit seinen Jüngern, insbesondere- die Einleitung,
20037welche voll von Reminiscenzen steckt, z. B.
200381) .ϯⲭⲉ̀ⲡϥϭ⳪ ⲟ.. Joh. 15, 9. 12.
200392) „typ Cwnp ⲱ︦ ⲓϧ linca* cf. ⲟⲃ. 6; 38. —
2004010, 28. — 17, 2. —.1. Joh, 5, 11. 16.
200413) „’Incois 6 COv“ of. Luc. 24, 5. Joh. Ⲉ 5%. — 14; 19.
200424) „Jesus ist die Erkenntnis der Wahrheit“ ⲙ ganz im
20043johanneischen Geiste.
200445) „Exdextöp yEvoc“ 1. Petr. Ⲁ 9.
20045ⲃ) ⲩⲟϩ tüs ⲱⲡ of. 1. Joh. 1, 1 U
200467) „Selig ist der, welcher die Welt gekreuzigt hat und nicht
20047die Welt hat ihn kreuzigen lassen“. Dies erinnert. an Ⲉ Ⲁ 14:
20048ϣⲟⲓ ⲟⲉ un yEvoıTO xavyä0dat, ⲉ un) &v te ⲟⲅϭⲟϩϩ ⲉⲑ
20049ⲗⲱ Incod Ϫⲣⲓϭⲅⲟⲟ• dı' ⲟⲟ ⲉ̀ϣⲟ) ⲭⲟϭⲕⲟϩ ia
20050ⲓ ϯ
20051testamentlicher Schriften, insbesondere des Johannep- Evangelium“.
20052Deutsche Ausg. Leipz. 1868.
200531 Ich habe grösstenteils die koptischen ⲃⲱ da ⲡⲃ
20054zurückübersetzt,
page 557
20055IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 541
20056ϫⲟϭⲙϣ, einen Satz, welchen nach Celsus! Aussage alle Christen
20057stets im Munde führten.
20058ⲃ) „töp ArootellaytaA ⲛⲉ Matth. 10, 40. Marc. 9, 37. Luc.
200599, 48; 10, 16. Joh. 3, 17. 28. 34 ete.
200609) „Wir, die wir Dir mit unserm ganzen Herzen (cf. Matth.
2006122, 37. Marc. 12, 30 etc.) gefolgt sind, haben Vater und Mutter
20062verlassen und die Besitzungen, Felder, Güter und die Herrlich-
20063keiten des Königs preisgegeben“, ebenso P. 56: „Da ihr eure
20064Väter und eure Mütter und eure Brüder und die ganze Welt
20065verlassen habt und mir gefolgt seid und alle meine Gebote, die
20066ich euch aufgetragen, vollführt habt“ und P. 57: „weil sie ihre
20067Eltern und ihre Brüder, ihre Frauen und ihre Kinder und alle
20068Lebensbedürfnisse dieser Welt preisgegeben hatten“ etc. Keine
20069von diesen Stellen stimmt genau mit Matth. 19, 29. Marc. 10,
2007028 sq. Luc. 14, 26. — 18, 29 überein; dasselbe konnte Harnack
20071schon für die P. Sophia p. 341. 357. 363 konstatieren.
2007210) P. 2: „ö «0x0 TOovTOVL TO aldcyos“. Joh. 12, 31. —
2007314, 30. — 16, 11. 1. Cor. 2, 6. 8.
2007411) P. 2: ,ⲧⲟ ⲡϧⲉⲟ︦ⲕϭ ⲟ nAQAXKAnNTOS“ Joh. 14, 16. 26. —
2007515, 26. — 16, 7. ,
2007612) P. 3: ,ⲟⲩⲭ &lul ⲉⲭ ⲧⲟⲟ x60uuv“. (ef. P. S.p. 11) Joh. 17,14.
2007713) P. 4: ,ⲭⲟⲧⲉ ϭⲁϫ* Roem. 4, 1. — 8, 1. 4. 5. 12. 13.
200782. Cor. 1, 17. — 5, 16. — 10, 2. 3. — 11, 18. Gal. 4, 23. 29.
2007914) „weois“ Luc. 10, 42. Coloss. 1, 12.
2008015) „z&xva (viol) to ⲫⲱⲧϩ (P. 56.) Luc. 16, ⲃ. Joh.
2008112, 36. Eph. 5, 8. — 1. Thessal. 5, 5.
2008216) „xotacosodaı ⲗⲗ ⲗⲟⲓϩ (P. 56) Ephes. 5,21. 1. Petr. 5, 5.
2008317) „&prolal (P. 57) sehr häufiger Ausdruck im N. T.
2008418) „Sondern ihr Ja sei Ja und ihr Nein Nein“ (P. 57) ef.
20085Matth. 5, 37. — 2. Corinth. 1, 17. Jacob. 5. 12. Der Verfasser
20086weicht von der Version bei Matth. 5, 37 ab und schliesst sich den
20087beiden andern Stellen an. Nach Hilgenfeld soll in der That
20088der ursprüngliche Text Zoro di vumy to val val xal ⲧⲟ̂ ⲟ ⲟ
20089gewesen sein (ef. Justin Apol. Ⲓ 16 und Clement. Homil. 3, 55; 19, 2.).
20090Wir könnten noch eine Reihe anderer Parallelen anführen,
20091aber schon diese werden für unsern Zweck genügen.
200921 Origenes ⲥ. Celsum V. cap. 65 und bei den Valentin. Iren.
20093Ⲧ ⲉ) .
page 558
200945342 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
20095Von grösster Wichtigkeit für den Kanonforscher gestaltet
20096sich aber das zweite grosse gnostische Werk, vorausgesetzt, dass
20097uns der Nachweis gelingen wird, es habe der unbekannte Ver-
20098fasser um 160—200 n. Chr. gelebt. Denn wir hatten bis dahin
20099wohl hinreichende Kunde, dass die Onostiker sich der heilge
20100Schriften in ausgedehntem Masse bedient haben, aber.die Zeit
20101bestimmung war eine sehr schwierige, zumal da man nicht gene
20102bestimmen konnte, ob an der betreffenden Stelle von dem Meister
20103oder von seinen Schülern die Rede sei; andererseits war es nicht
20104auszumachen, ob die Kirchenväter das Citat nebst der Cähations-
20105formel wörtlich der gnostischen Quelle entnommen hatten. oder
20106nicht. In dieser Beziehung besitzen wir in unserm Werke ein
20107Dokument ersten Ranges, da wir hier den Gebrauch der Schriften
20108an der Quelle studieren und dadurch die uns sonst
20109Nachrichten kontrolieren können; denn im Laufe der Eintwiek-
20110lung des Systems werden eine Reihe von Citaten sowohl des N.
20111wie des A, Testamentes angeführt. Schon dieser Umstand be-
20112lehrt uns in unzweideutiger Weise, welch’ ein vergebliches Unter-
20113fangen es sein würde, wollte man mit Amdlineau dieses Werk
20114mit den beiden Büchern Jeü in irgend eine nähere Verbindung
20115setzen.
20116Zuvörderst wird es nötig sein, die Citationaformeln näher
20117ins Auge zu fassen, da sie ja für die Wertschätzung ϥⲟⲓ heiligen
20118Schriften von besonderem Interesse sind.‘ ;
20119ⲙ
201201) Psalm 64, 12 wird auf P. 13° mit folgenden. Worten ein-
20121geleitet: xard top 26y0p, Ⲟⲩ 406 ⲉⲕⲉ 26ye hs 5
201222) Psalm 35, 10 (P. 14%): ws yETOAK TEL. ϫⲁ...
201233) Unmittelbar darauf Psalm 67, 18: ⲟϩ ⲩⲩ ⲉⲣⲉⲃ
20124(P. 142).
201254) Eine Stelle aus demselben Verse: xal ⲡ︦) (P. TR
201265) Proverb. 12, 11 (cf. 28, 19): an Lorlu 4 77, za
20127ⲉⲅ. (P. 218).
201286) Daran schliesst sich unmittelbar Predig. Salom, 5,8: xal
20129al ⲱ (ⲃ. 21
20130! Wir haben sämmtliche Formeln zur besseren Orientierung
20131griechisch wiedergegeben.
page 559
20132IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 543
201337) Psalm 104, 5: xad0ws ϯⲉⲩⲣⲥⲡⲧϭⲓ (P. 2).
201345) Psalm 74, 4 unmittelbar darauf: xal x&Aıp (P. 26.
201359) Psalm 146, 4: ϫⲧⲉ to yEOCUUEVOD (P. 2)
2013610) Hohelied 3, 11 ⲟⲑ ⲉϭⲓ 6 ϭⲟϩ, ⲡⲉ ⲟ YEYOA-
20137ⲙ̄ⲧⲱⲓ (P. 338).
2013811) Psalm 16, 9: ⲥ ⲧⲟⲩⲧⲟ ⲗⲉⲓ (P. 39)
20139Es sind dies die solennen Formeln, mit denen in der Gross-
20140kirche das A. Test. citiert wurde; daraus geht hervor, dass für
20141unsern Verfasser dasselbe eine heilige, mit Autorität ausgestattete
20142Urkunde war. In diesem Punkte unterscheidet er sich keines-
20143wegs von der P. Sophia, während in sehr vielen gnostischen
20144Kreisen das A. T. heftig angefochten und als ein Werk des
20145Demiurgen angesehen wurde.
20146b) Neues Testament.
201471) Joh. 1, 3 ohne Formel (ⲃ. 98).
201482° Joh. 1, 1. 3. 4: ⲟⲩⲱⲧϩ ⲉϭⲓ, ⲡⲉⲣ ot Ⲓⲱⲉϧⲩⲗϩ ⲉⲡⲉ)
20149(P. 162),
201503) Matth. 3, 3. Marc. 1, 3. Luc. 3, 4. Joh. 1, 23 und
201512. Corinth. 6, 1: xal ol ⲭϣⲟⲍⲟⲩⲧⲉϩ (P. 2).
201524) Joh. 1, 16 ohne Formel (P. 28%).
201535) Ein Agraphon: xad- ws yEyoanTaL (P. 30.
201546) Hebr. 6, 7: ⲥⲟⲧ] Zotip ϥ 7, ⲡⲉⲣ Ns yEyoOAKTAL (P. 2
201557) Galat. 4, 19: xal ⲧⲟⲧⲉ AveßonceEp (ExgaGe) ⲉϫⲱ (P. 398).
20156ⲃ) Gleich darauf 2. Cor. 11, 2: xal ⲡ︦ dvaßoa (xoaAbeı)
20157(P. 39. .
201589) Matth. 19,29 etc.: ⲉⲗⲟ ⲧ) Enayyellar, 4 Ennyyeidn
20159ⲉ︦ ⲧⲟⲟ AeyoprTos (P. 418).
2016010) Mitten im Text Matth. 23, 37. Luc. 13, 34 (6.3)
2016111) Joh. 8, 31 u. 10, 28: ⲉⲱⲭⲉ) aUutOoIs &vtolas (P. 46
2016212) Ein Agraphon im Text (P. 498).
2016313) Ohne Formel Joh. 12, 364).
20164Übersehen wir noch einmal die sämtlichen Stellen, so er-
20165giebt sich ein grosser Unterschied in der Citationsweise, denn,
20166während diejenigen des A. T. ohne Ausnahme in solenner Weise
20167eingeführt werden, geschieht es beim N. T. nur in drei Fällen.
20168Die meisten werden als Aussprüche den betreffenden Gottheiten
20169in den Mund gelegt; immerhin ist der Schluss unabweisbar, dass
page 560
20170544 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
20171die neutestamentlichen Schriften für den Verfasser dieselbe Dig-
20172nität besassen, wie diejenigen des A. T.
20173Wir haben nun zu untersuchen, 1) welche Schriften und in
20174welcher Weise sie benutzt werden, 2) ob neben ihnen noch andere
20175nichtapostolische Quellen hohe Dignität besitzen.
20176a) Altes Testament.
201771) Psalm 64, 12: ϫⲱⲧⲉ ⲧⲟ̀ ⲟⲕ, 0v 4) ⲉⲡⲉ ey:
20178Ⲃⲓ ⲟⲩϭⲱ ⲧⲟⲩⲩ ϭⲧⲉ̀ϣⲥϧⲟⲩ ⲧⲟⲟ EvLKUvTOG ⲉ Ti) XONGTÖTNTL GOU =
20179ⲉ ⲗⲟⲩϭⲉ TOP GTEKAVOD TO ⲉ̀ϧⲓϭⲱⲧⲟ̄ ⲉⲓϩ XQNOTÖTNTOS ϭⲟⲟ
20180ⲭⲁ ⲧⲉ ⲡⲉ ϭⲟⲟ ⲡ⳪ ]ϭⲟⲩⲅϭⲓ KXLÖTHTOS. Der Verfasser schreibt
20181EUÄ0yH00 st. ⲉⲗⲟⲩ]ϭⲉⲓϩ, während Gott als derjenige, welcher
20182EU207e7, aufgefasst sein soll. Die Variante &y s] xENOTÖTNTL 00V
20183st. ts XONGTÖTNTOS ϭⲟ ist nirgends bezeugt.
201842; Psalm 35, 10: ⲱⲥ y&yoaxtaı ⲉ ⲅ︦ ⲫⲱⲧⲓ ϭⲟⲱ ÖpöpEd
20185ge, wörtlich nach der Septuag.: ⲅⲉ ϫϭϩⲟ 001 zn Gais, ⲉ
20186tm Ott ϭⲟ ϥ... ϣⲱⲥ.
201873) Psalm 67, 18: ⲱϩ ⲡ︦ ⲩⲩϩⲥⲙⲧⲡⲓ• TO ⲉϩⲙ ⲧⲟⲩ ϩⲱ
20188HVQLOXÄAGLÖD Zortw, ebenfalls wörtlich nach der Sept.: ⲅ ⲉⲙ
20189ⲧⲟⲓ ⲉⲟ WVQLORAAGLOD.
201904) Psalm 67, 18: xal ⲡⲟⲗⲓ • yede&des On voÖnTEG ⲉϭⲱ
20191xt ⲫⲟⲥ ⲉ̀ autos (od. & ols xUQt06) == ϥⲓⲗ︦Ⲫⲉϩ SÜÖNpOoUPTED
20192ϫⲟⲓⲟϩ ⲉ ⲡⲓⲧⲟϩ & Zıwa &v tm ⲉⲓϣ. Die Varianten sind
20193unbedeutend.
20194Prov. 12, 11 (ⲥ 2, 19): ⲥⲟⲧϥ ⲉⲟ) 7, ϫⲉⲣ Hs done
20195OÖ ̀ⲩⲥϩϣⲉϧⲟϩ ⲧ. ⲉ̃ⲥⲱⲧⲟ ϯ] ⲉ̀ⲕⲡϥϭⲟⲩ̀ϭⲉⲧϭⲓ ⲉ̄ⲟⲅⲱⲕ ϫⲱ ϩⲱ
20196ⲉ̀ϭⲓ ⲧⲟⲟ ⲉ̃ⲗⲱⲩⲥ yo. Der Nachsatz xal ⲧⲟ ⲉⲥⲱⲩⲟⲟ︦ ⲉ︦ⲗⲱ̃ⲙ
20197ⲱⲯⲱϭⲉ. findet sich an keiner Stelle, daher ein Agraphon ⲙ
20198genommen werden muss; dies ist um so beachtenswerter, weil
20199dieser Teil ohne Weiteres dem echten Citat angeschlossen wird.
202006) Pred. Salom. 5, 8: xal zdAlıy" 6 ßadılsds to& ⲉⲩⲣⲟ ale
202017aGukvor ⲉⲡ) xavtl ⲉⲧⲓ) = ⲟ xegloosın ⲩϩ nl ⲥⲓⲧ bares,
20202Bautleus TOO ⲉⲩⲣⲟ oyaouevov. Der Vers ist umgestellt und
20203ein wenig verändert worden,
202047) Psalm 104, 5: ϫϭⲑⲱ̀ⲥ ⲩⲩⲟⲥϫⲅⲡⲓ • ⲉ̀ⲟⲅⲉⲣϭⲱϭⲉ ⲉⲓϯ ⲟⲃⲱⲟ
20205ⲕⲉ ⲣ ϫⲟⲓ̈ ⲟⲧ ϭϭⲗⲉⲱⲪⲓϭⲉⲥⲓ — xal ⲩⲉ ⲉ̀ⲟⲅⲉϩϧⲱϭⲉ up ⲱⲱⲱ
20206ⲏeir:]n HTIS ⲟ ϭ⳪ⲗⲉⲱⲃⲓ⳪ⲉⲧϭⲓ mit unbedeutender Variante ϣⲙ
20207Pealm 95, 10. — 88, 12).
20208|
page 561
20209IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 545
202108) Psalm 74, 4: xal ⲡⲓ Erdxn 3 ⲭⲁ KAPTEG Ol XATOL-
20211ϫⲟⲱ︦ⲙⲧⲉϩ aUTHp, wörtlich nach der Septuag.
202129) Psalm 146, 4: xata ⲧ ⲩⲉⲩⲟⲁⲙⲕⲉ̀ϧⲟⲩ• 6 ⲉ̀ϩⲓⲫⲕⲱ ⲇⲇ)
20213ⲛ̀ⲟⲫ xal ⲡⲥ̄⳪. aUTOIG övöyata ⲁⲗⲱⲧ nach der Sept.
2021410) Hohelied 3, 11: oUtTös ⲉ̀ϭⲧⲓ ⲟ OTEHAVOS, ⲡⲉⲣ ⲟ yEYOR-
20215ⲧⲧⲡⲓ • 6) Ϫⲁⲗⲱⲙⲱⲩⲓ (Zodopdrı) & ⲡⲕⲉ ⲉ̀ⲫⲣⲟϭⲱⲗⲥ ϫϥⲫ‐
20216dias «tod = ϭⲱⲩⲟⲧ̀ⲣⲉϩ Ϫⲱ, ⲉⲃⲉⲗⲑⲟⲧⲉ ⲭⲁ idete ⲉ̀ ⲍ︦ ⲃⲟ
20217ϭⲓⲗⲉⲓ Ϫⲱ ϣⲱ, & ⲧϣ ϭⲅⲉⲫϭⲙϣ ⲫ ⲉ̀ϭⲧⲉϣⲥ̀ϧⲱϭⲉϩ avtöp Y
20218ⲙⲧⲟ AUTO ⲉ NUEOX VULEUGEMG AUTO ⲭⲁ ⲉⲩ ⲛⲛⲉϩ
20219ⲉⲧⲟⲟ ϭ ⲱϩ xagdlag autOov. Der Verfasser hat diese Stelle
20220sinngerecht umgewandelt.
2022111) Psalm 15, ⲉ toUTO ⲗⲉⲓ NÜwOCPIN ⲓ) xaQdia HOT
20222xal yallıkoato ⲣⲗⲱϭϭⲥ ⲕⲟ Wörtlich nach der Sept. cf. Act.
202232, 26. Es bedarf wohl gar keiner näheren Begründung, dass
20224unsere Stelle nur dem Psalm entnommen sein kann.
20225b) Neues Testament.
202261) Joh. 1,3: 05705 dr’ ⲁⲩⲧⲟ ⲡⲟⲧⲥ EyEpETO ϫⲟ ⲭⲱⲣⲓ̀ϩ auTOD
20227ⲉ̀ⲣϧⲉⲧⲟ ⲟⲩⲉ. Ob der Verfasser ⲟⲩⲉ Ey oder ⲟ gelesen
20228hat, lässt sich im Koptischen nicht mehr konstatieren. Es fehlt
20229am Schluss 5 y£yovey, diese Lesart bieten alle Gnostiker und
20230die älteren Kirchenväter.
202312) Joh. 2; 1. 3. 4: ⲟⲟⲧⲟϩ Zott, ⲧⲉⲣ ⲟⲑ Ⲓⲱⲥ̀ⲩⲩϥϩ ⲉⲡⲉ) •
20232& ⲉ̄ϩⲭ 4) ⲟ 26706, xal 6 Aöyos 7) ⲡⲟⲟϩ TOD Ⲑⲉ, ϫⲟⲓ̈ ⲉⲟ ϩ
20233ⲛ︦ O0 26706. ⲟⲩⲧⲟϩ ⲭⲱⲣⲓⲥ AUTO EyEvETO ⲟ︦ Ey ⲭ ⲟⲩⲉⲩ
20234ⲉ̀ ⲧ︦, ⲱ ⲟⲧⲓ.
20235Es ist von sehr grosser Wichtigkeit, dass der Prolog des
20236Johannes- Evangeliums unter dem Namen des Johannes citiert
20237wird. Daraus geht mit Notwendigkeit hervor, dass der Ver-
20238fasser dasselbe bereits im Kanon als johanneisch vorfand und
202391 Derselbe Vers bei Ptolemaeus ep. ad Flor. (Epiph. 33, 3):
20240ⲧⲓ ⲉ ⲧ ⲧⲟⲩⲩ x6öoyov Önwıovoylav Wiav ⲗⲉⲓ eivaı (ⲉⲉ zavıa ÖL
20241ⲁⲧⲟⲩ yEyOvEVAL, ⲕⲁⲓ ϥⲱⲣⲓϩ ⲡⲟⲟⲩ ⲣⲉⲣⲟⲩⲉ ⲟ). Theodot: Clem,
20242Alex. Exec. 6. 45. Peraten: Hippolyt Philos, V, cap. 16, S. 194.
20243Naassener: Hippol. Philos. V, cap. 8, S. 150. Valent.: Iren. I, 8, 5.
20244(Epiph. h. 31, 29). — Heracleon: Origenes in Joh. Tom. IT, 8 (Opp.
20245IV, 66 sϥ.).
20246Texte u. Untersuchungen VII, 1, 2. 35
page 562
20247546 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
20248im Gebrauch der Christen voraussetzte, da sonst eine Berufung
20249auf dasselbe gar keinen Wert haben konnte. Wir würden damit
20250einen neuen Beitrag zu dem berühmten Kapitel „Die äusseren
20251Zeugnisse für das Johannes Evangelium“ liefern, aber es wird
20252Vorsicht am Platze sein, von hieraus die Frage von neuem zu
20253erörtern, bevor nicht die Zeit des Werkes endgültig feststeht.
20254Es könnte vielleicht der Versuch gemacht werden, die Cita-
20255tionsformel oder das Wort „Johannes“ für einen späteren Zusatz
20256eines Schreibers anzusehen, doch ist dieser Ausweg von vorn-
20257herein als ein ganz verkehrter und methodisch in jeder Hinsicht
20258verwerflicher zu bezeichnen, der leider auf dem Gebiete des
20259ältesten Christentums viele subjektive Einfälle zur Folge gehabt
20260hat. An dieser Stelle können wir nun positiv nachweisen, dass
20261eine spätere Interpolation nicht vorliegt. Der Prolog wird näm-
20262lich zum Beweis des ⲕⲟⲟⲩⲉ iϩ angeführt; nun werden im vor-
20263hergehenden Paragraphen zwei wörtliche Citate aus einem Buche
20264eines unbekannten Phösilampes gegeben, und das erstere mit der
20265Formel ⲡⲉⲣ ⲟⲑ Pooıldunrng ⲉⲡⲉ eingeführt; in Parallele zu
20266diesem steht der Prolog; infolge dessen sah sich der Verfasser
20267genötigt, an dieser Stelle ebenfalls den Namen des Autors zu
20268nennen. Man kann mit Sicherheit behaupten, dass dies sonst
20269keineswegs geschehen wäre.
20270‚Was den Text anbetrifft, so ist der zweite, Vers 05to0s 5v
20271ⲉ̀ ⲉⲗ ⲡⲟⲟϩ deop, ebenso im dritten Vers xädyra 6 aurot
20272E&y£&reto ausgelassen; aber dies ist kein Beweis, dass er noch
20273nicht den vollständigen Prolog gelesen, vielmehr kennt er in
20274P. ⲫ den Anfang von ⲩ. 3; diese Stücke sind wahrscheinlich
20275aus bestimmten Gründen nicht aufgeführt. Viel wichtiger ist
20276die Thatsache, dass der Verfasser ⲟⲩ ‚yEyovep von dem Vorher
20277gehenden trennt und mit & aur@ in Verbindung setzt, eine
20278Lesart, welche bei den alten Vätern die herrschende war!
20279(ef. Tischend. Nov. Test. Graece I. S. 740 f.). Doch schiebt er vorher
20280ein xal ein, liest also xal 6 ⲣⲟⲕⲉ ⲉ aut; ebenso willkürlich
20281setzte Ptolemaeus? ⲥ︦ an Stelle von xal. Am Schluss steht
20282' Für die Gnostiker vergleiche Iren. I, 8, 5. Hippolyt Philos
20283V, 16 und V, ⲃ. Clemens Al. Exe. $ 19. Origenes in Johann,, Tom.
20284IT, 15 (Opp. ⲓⲛ ⲧ) SW
202852 cf. Iren. J,
page 563
202861V. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 547
20287ⲥⲱ) Eotw, wie es sich bei älteren Kirchenvätern bezeugt
20288findet.
202893) Matth 3, 3. Marc. 1, 3. Luc. 3, 4. Joh. 1, 23 cf. Jesaia
2029040, 3: xal ol xoACoptEG ⲉⲧⲟⲙ̃ϭⲧⲉ ⲧ ⲟ︦ xvolov; der Schluss
20291von dem x%0vyua des Johannes fehlt, an seiner Stelle heisst es:
20292xal ⲉⲡⲉ ⲧⲓ) ⲗⲟⲓ ⲧⲟⲩⲩ ⲉⲟ. Nirgends findet man ein
20293solches Citat, daher wir hier ein Agraphon vor uns haben; am
20294nächsten käme noch 2. Cor. 6, 1 in Betracht: Ϫⲱⲟϧⲉϩⲩⲟⲟⲧⲉϩ ⲟⲉ
20295ⲭⲉ ⲡϭϩⲥⲭⲁⲗⲟⲟⲩⲙⲉϧ UN ⲉⲓϩ ϫⲉⲟⲩ ⲧ) ⲭⲉⲓ ⲧⲟⲟⲩ Ⲑⲉⲟⲱ︦ ⲉⲥ-
20296ϭⲑ⳪ⲓ ⲙⲙⲁⲥ.
202974) Joh. 1, 16: ⲉϫ ⲥⲟ ⲡⲗ]ⲟⲱⲙⲧⲟϩ AUTO ELKßOMEV XAQLV
20298= ⲟⲓ Ex ⲧⲟ ⲡ ϥⲟⲱ̀ⲕⲥⲧⲟϩ AUTOÜ NUEIS AAVTES ⲗⲟⲏ, ⲭ)
20299Xdow dvrTı ⲭⲉ̀ϩⲓⲧⲟⲥ.
203005) xal ϭ) &p ⲡ⸍ⲧⲉϩ, ⲭⲑⲱ̀ϩ ⲣⲩⲟⲁⲡⲧϭⲓ ϯϭ Ep KAPTES
20301ⲉ to ϯⲅ uöva. Ein derartiges Citat kommt im N. Test. nicht
20302vor, das Wort ⲉⲓ̄ uörog ist gnostischen Ursprungs. Herr Ober-
20303kirchenrat Resch hat die grosse Freundlichkeit gehabt, mir
20304brieflich mitzuteilen, dass dieses Citat wahrscheinlich ein johan-
20305neisches Agraphon sei und sich Joh. 17, 21 nähere; er verweist
20306zugleich auf Epiph. haer. 69 cap. 67 p- 793: xal x&lır ⲡⲟlnϭⲟ
20307ⲥⲩⲧⲟϩ Ira mom E& Zuol, wos ⲭⲱ xal cv Ep kouer ck. Joh. 11,
2030852. — 17, 11.
203096) Hebräer 6 ϭⲟⲧ] ϭ u ⲩ ⲡⲉ Ϯ̀ⲉ ⲩⲉⲩⲣⲡⲧⲓ ”
203107 ϥ ⲡⲛⲟϭ ⲧⲟ̀ VETOP ⲡⲟⲗⲗⲟ̄ⲭⲓⲉ = ⲩ ⲣ̀ N ⲡⲓⲟⲅ︦ϭϭ ⲧⲟⲩⲩ Ex’
20311ⲁⲧⲉ ⲉⲟⲭⲟⲙⲉϧⲟϧ ⲡⲟⲗⲗⲟ̀ⲭⲓϩ ⲙⲉⲧ. Der Verfasser hat leicht ge-
20312ändert. Dieses Citat aus dem Hebräerbrief ist nicht ohne Inter-
20313esse, da es uns auf den Wohnsitz des Verfassers, nämlich auf
20314Aegypten hinweist, wo dieser Brief zuerst als paulinisch in den
20315Kanon aufgenommen ist !.
20316ⲧ) Ⲉ] 4, 19: xal ⲧⲟⲧⲉ ⲉⲃ ϭⲉ (Expaßer) exop: TExra
20317KOov, ⲟⲥ ⲱⲱ, UEXOLS ⲟ ⲕⲟⲟⲣⲱⲑ ϥ Ⲕⲣⲓⲟⲧⲟⲩϩ EV ⲙ =— TEXVA
20318ⲙⲟⲟ, ⲟϩ ⲡⲇⲓ ⲱⲱ, UEXOLE ⲟ ⲟⲟⲟ Ϫϭⲓⲟⲧⲟ̀ϩ ⲉ ⲡ
20319Nur ⲡϭ︦ⲗⲓϧ ist ausgelassen.
20320! Die Berufung auf paulinische Briefe in ⲃⲟ alter Zeit ist sehr
20321interessant; die Gnostiker haben dieselben in den kirchlichen Kanon
20322gebracht, überhaupt ihre Gedanken in Paulus wiederzufinden gesucht.
20323cf. Werner: „Der Paulinismus des irenaeus“ Texte u. Untersuch.
203241889, VI, 2. S. 48ff,
203253
page 564
20326548 1V. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
203278) 2. Cor. 11, 2: xal x&2ıp (dvaßog) xgäbet* ⲅⲉ dopölopa
20328ⲩϩ ⲫ̀ⲏϭ̅ϩ in ⲉⲩⲟ̀ϩⲓ ⲡⲡⲣⲃϧⲟⲩ &ypip ⲡϥϩⲟ ϥ̅ϭ: TB Ϫϩⲱⲟⲅⲫ
20329= YoLOGdUND ⲩϩ ⲕⲁϩ Eyl Avdol ⲕⲥⲟⲑⲟⲱ ⲉⲩ) ϫⲉϩⲥⲟⲧϥ̅ϭⲉⲓ
20330ⲧ︦ Xoıorm. Es stimmt fast wörtlich überein.
20331ⲑ) ⲉ̀ⲗⲃⲟⲩ ⲅ) &xayyellav, ⲉaⲣⲩⲩⲗⲑϥ ϫⲟ tod Adyorres
20332ⲟⲅ. ⲟϩ ⲉϭⲉ KATEORX ϫⲁ) ϣⲥⲣⲥ ϫⲟ) ⲉⲉⲗ ϫⲁ
20333xal yvvalxa xal ⲧⲉ̀ϫⲱⲥ ⲕ Vxagkiy ϫⲟ) ⲃⲟⲟⲅⲉ̀ϩⲉⲉ (dos) von
20334oravgöp ⲁⲧⲟⲩ ϫⲁⲓ Axolovdel Hot, Exayysllag, ⲉϩ ⲉⲉⲩⲉ ⲏ
20335ⲥⲉⲧ, ⲉⲧϭⲓ. Dies ist eine Compilation von Matth. 19, 29.
20336Marc. 10, 29. Luc. 14, 26. — 18, 29 und Matth. 10, 38. — 16, 24
20337Marc. 8, 34. Luc. 9, 23. — 14, 27. Luc. 14, 26 sq. ⲃⲟⲃⲉⲙ die
20338Vorlage gebildet zu haben, das Wort öxap&ıg kommt‘ an diesen
20339Stellen nicht vor.
2034010) Matth. 23, 37. Luc. 13, 34: ⲱϩ ⲟ︦ϩⲓⲥ ⲉ̀ⲕⲉⲟⲟⲃⲥ̀ⲩⲉⲉ ⲉⲉ
20341vooola ⲥⲧⲉ ⲡⲟ ⲧⲉϩ ⲡⲧⲉ̀ϩⲟⲩⲟϩ ⲉ- x000xiG ⲓ] iⲙ]ⲟ⳪ ⲉⲑⲓ
20342ayayılv ⲧⲉ ⲧϫ⳪ ϭⲟ, ⲟϧ TOÖX0V ⲟⲩϩⲃⲉϩ EXLOUPETEL ⲅⲉ ⲛⲟⲟⲙⲉ
20343aÜTHS ⲙⲡⲟ ⲧⲉϩ ⲡⲧ̀ⲣⲟⲩⲟⲥ mit kleinen Varianten.
2034411) ⲉϣϫⲉ) AUTOS &vto2ds* ⲕⲉⲧⲉ ⲉ ⲅ ϣⲟ ⲉⲫⲱϣ
20345xal ⲱϭⲱ ⲥ. ⲝⲱ) ) ϭⲱ̀ϧⲓⲟⲩ eine Compilation yon doh. 8,31:
20346Eleyep ⲟⲟⲩ ⲟ ⲧϭⲟ ⲡϩⲟ ⲧⲟⲩ̀ϩ KEXLOTEUXÖTAG aür@:
20347ϩⲩ ⲙ̀ⲙⲉ uelpntE ⲉ tm ‚267 zo Eu®, ⲉⲗϥⲑⲑ̅ⲥ ⲕⲉⲑϥⲅⲱ ⲓⲱⲑ
20348ⲉϭⲉ und Joh. 1 28: ϫⲉⲱ ϧⲓϭⲱϣⲓ ⲟⲩⲧⲟⲓ ϩⲱ ⲱ̀ⲱ ⲙⲟ
2034912) xal Sol ⲉϭⲉ xal ⲩⲱⲱ̀ϭⲉⲟⲑⲉ ⲟⲩⲧ. ⲃⲉ ⲉⲛ ⲑⲟ ders
20350scheint ein neutest. Agraphon zu sein, erinnert schr’an Gin. 3,8.
2035113) xal tovtOvG TOUG 267005 ⲕϩⲓⲟϩ ϩⲟ ⲉⲩⲣⲁ ⲙⲁⲅⲟⲥ
20352(xavtöc) AÜTOIG 8102n0e xal ⲉ̀ϫ aUTOD ⲉⲩⲉⲭⲱ̀ϩϧϭⲓⲱ ϫⲱ
20353ax’ aUt@»p ist Joh. 12, 36 nachgebildet: ⲩⲟ
20354”Incods, ⲭ Areidov ϫⲟⲃ) dx avtay. ⲁⲁ.
2035514) Zum Schluss möchte ich noch darauf hinweisen; ⲙⲱ
20356die 12 Edelsteine (ddäuayrtes) im Kranze der sieben 4
20357an die dadexa Hapyaptraı der Apoc. Joh. 21, 21 ⲙⲙⲛ. •
20358Damit hätten wir die Übersicht über die vorhandenen ⲥⲁⲙ
20359erschöpft. Aus dem A. T. werden mit Vorliebe die Panlusem be-
203601 So wird ohne Zweifel zu lesen sein,
203612 Auch bei den Kirchenvätern findet man häufig Zusammen-
20362stellungen von verschiedenen Stellen zu einem Citat; die Gnostiker
20363haben dies mit Vorliebe angewendet,
page 565
203641V. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 549
20365nutzt z. B. N. 1. 2. 3. 4. 7. 8. 9. 11, daneben Proverbien N. 5,
20366Prediger Salomonis N. 6 und Hohelied N. 10, d. h. die poetischen
20367Stücke. Die Propheten, welche doch eine reiche Ausbeute ge-
20368währten, sind nicht ein einziges Mal angeführt. Können wir
20369daraus irgend welche Schlüsse ziehen, welchen Standpunkt der
20370Verfasser in der Frage nach dem Gesetz und den Propheten ein-
20371genommen hat? Es gewinnt in der That den Anschein, als
20372wenn er diesen Stücken keine Autorität zugeschrieben hat; sicher
20373ist dies aber keineswegs.
20374Was das Neue Testament anbetrifft, so nehmen unter den
20375Citaten diejenigen des Johannes-Evangeliums ! den ersten Rang
20376ein, nämlich N. 1. 2. 4. 11. 13; auch sonst sind eine Reihe von
20377Terminologien wie z. B. uovoye&rpns, 26y0s, zatııo diesem Evan-
20378gelium entnommen, aus den Synoptikern nur N. 3. 9. 10, daneben
20379der Hebräerbrief N. 6, der Galaterbr. N. 7, 2. Corinth. N. 8 und
20380drei Agrapha N. 3. 5. 12 nebst einer Parallele zur Apokalypse;
20381es fehlen mithin die Apostelgeschichte und katholischen Briefe.
20382Ob diese letzteren bereits im Kanon gestanden haben oder nicht,
20383lasse ich unbeantwortet; im Übrigen kann man wohl behaupten,
20384dass die vier Evangelien und die paulinischen Briefe als heilige,
20385mit hoher Autorität ausgestattete Urkunden gelten.
20386Wie uns aus den Kirchenvätern bereits bekannt, so giebt
20387auch hier die Gnosis ihr Bestreben zu erkennen, dass sie christ-
20388lich sein will, daher ihr Lehrgebäude auf dem Boden des A. und
20389N. Testamentes zu errichten sucht, um sich der Qrosskirche
20390gegenüber als die wahre Religion, als die einzig berechtigte In-
20391terpretin der heiligen Schriften zu legitimieren. Aber mit welchen
20392Mitteln konnte man dieses Verfahren durchführen! Denn jeder
20393Gnostiker musste erkennen, dass sich weder im N. noch im A.
20394Testament seine Ideen und Spekulationen lauter und rein wieder-
20395finden; dazu bedurfte es erst eines tieferen Verständnisses des
203961 Die Valentinianer haben bei ihren Spekulationen dasselbe sehr
20397häufig benutzt: cf Iren. III, 11, 7: Hi autem, qui a Valentino sunt,
20398eo quod est secundum Joannem plenissime utentes ad ostensionem
20399conjugationum suarum, ex ipso detegentur nihil recte dicentes, Dies
20400beweisen die Excerpte des Clemens aus Theodot und der Johannes-
20401Kommentar des Heracleon.
page 566
20402550 IV, Untersuchungen über die gnostischen Werke.
20403vorliegenden Textes und einer besonderen Interpretation. Des
20404Hauptmittel bildete die allegorisch-pneumatische Ausdeutung,
20405welche in der P. Sophia mit verblüffender Virtuosität gehandhabt
20406wird, eine Methode, deren sich auch die apostolischen Väter in
20407ausschweifender Weise bedienten. In unserm Werke ist dies
20408nicht der Fall, vielmehr dient jedes Citat zur Stütze der auf-
20409gestellten Behauptungen. Das System wird einfach formuliert,
20410die nötigen Bibelstellen finden sich von selbst. Infolge dessen
20411kann von einem wirklichen Eindringen in den inneren Kern der
20412betreffenden Stelle nicht die Rede sein; die Exegese steht ganz
20413im Dienste der Dogmatik, ihr zu Liebe werden die einzelnen
20414Stellen aus ihrem Zusammenhang gerissen und dadurch ihres
20415genuinen Inhalts beraubt. Aber dies ist noch keineswegs genug.
20416Man lässt einzelne Worte, die nicht passen, beliebig fort, ⲱⲙ
20417willkürlich andere hinzu, zieht ganz verschiedene Stellen zu
20418einem Citat zusammen und fälscht, so viel es beliebt. Das heisst
20419doch aller gesunden Logik Hohn sprechen, wenn man die Schrift
20420nach dem System interpretiert und nicht das System nach der
20421Schrift. Wir können nicht umhin, den Kirchenvätern unsere
20422vollsten Sympathien auszusprechen, welche in energischer Weise
20423gegen diesen Unfug Front gemacht haben !. In dieser Beziehung
20424haben die Gnostiker grossen Schaden angerichtet, freilich auch
20425auf der andern Seite einen nicht zu unterschätzenden Dienst ge-
20426leistet. Im Gegensatz zu ihnen hat man die allegorische Methode,
20427wenn auch nicht aufgegeben, so doch auf ein gewisses Mass
20428beschränkt, das richtige Verständnis der heiligen Schriften wieder-
20429gewonnen, den schlichten Wortsinn verstehen gelernt; von ⲉ
20430ab bildete das lebendige Wort, wie ⲉⲃ in den
20431apostolischen Schriften niedergelegt war, die einzige Norm. ⲟ
20432schönen Worten hat Irenaeus Ⲱ︦ 27, 1) diesen Gedanken zum
20433Ausdruck gebracht: 0 ⲗⲟ ⲙⲟϩ ϫⲟ) äxlvduvog ⲕⲱ) ⲉⲃ
20434xal ...ⲧ ⲟⲩϭⲥ &p ⲧϥ ⲍⲱⲏ ⲉⲩⲑϩⲱ̀ⲡⲱⲟ &Eovolg didaxer 6
20435Ⲑⲉⲟ̀ϩ xal ÜTOTETALE th ÜHETEOR ⲩⲱⲱϭⲉ:, ⲧⲟⲧ ⲉϩⲟ HS &z-
20436ⲕⲉⲗⲉⲧⲙϭⲉⲓ. ⲭⲁ Ep ⲡⲉⲧⲟⲓ ⲡϩⲟⲭⲟ̀ⲫⲉⲓ, ⲓⲉ ⲧϥ̅ ⲕⲑ ϥⲙⲉⲣⲉ ⲉⲟ-
20437ϭⲉⲱϩ ϥ︦. ınr i ϥϭⲓ ̀ϭⲱⲅϣ︦ ⲡⲟⲉⲟⲩ̀ⲙⲉⲃⲟϩ ⲉ ⲟ) ⲅⲱⲟ︦ⲥⲉ
20438ⲟ. Iren. prooem. 1. Ⲓ 3, 6. — 8, 1, 2. — 9, 1. 3. 8. 4 —
2043918. 1ff. Tertullian de praeser. haer, cap. 15. 17. 18. 87.
20440|
page 567
20441IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke. 551
20442ⲧ ⲧⲉ Un ⲟⲓ AinTOrTA TYV ⲕⲉⲧ) ϫⲓ 00H OAVEQOE Kal
20443ⲉⲩⲟⲏϭⲓⲃⲟⲗⲱϩ AUTOLEEEL Ev TAis ⲉⲥⲓⲥ ⲩⲟϭϣⲥⲓⲥ ⲗⲉⲗⲉϫⲧϭⲓ etc.
20444Vor ihm hat kein Schriftsteller in der Weise gesprochen.
20445Hat nun der Verfasser neben diesen heiligen Schriften noch
20446andere Quellen benutzt? Wir haben freilich oben gesehen, dass
20447er seine Lehre „auf die unverfälschte, aus Schriften zu erhebende
20448apostolische Tradition“ zu gründen beabsichtigt; aber so redlich
20449auch immer diese Absicht gewesen sein mag, so wurde sie bald
20450durchkreuzt, denn die apostolische Tradition reichte nicht im ge-
20451ringsten Masse aus, um durch sie den Inhalt der Lehre zu decken;
20452man sah sich genötigt, neue Quellen zu erschliessen. Sehr viel
20453Interesse bietet in dieser Hinsicht P. 13 denn hier unterbricht
20454der Verfasser plötzlich sein Thema und schickt sich an, den
20455Nachweis zu liefern, welchen Quellen er seine Kenntnis von der
20456oberen Welt entnommen habe. Er gesteht ein, dass er nicht
20457den yovoyerns — denn um diesen handelt es sich — mit Flei-
20458scheszunge beschreiben könne, er müsse vielmehr zu grösseren
20459Geistern seine Zuflucht nehmen, die den Ort des wovoyernc mit
20460eigenen Augen geschaut haben. Als solche von Gott begnadete
20461Männer werden Marsanes und Nicotheos angeführt, ja von letz-
20462terem sogar ein wörtliches Citat gegeben: Nicotheos hat von ihm
20463geredet und ihn geschaut, denn er ist jener. Er sprach: „Der Vater
20464existiert, indem er über alle z£A&t0t erhaben ist“, Dasselbe ist, wie
20465wir weiter unten sehen werden, einer Apokalypse des Nicotheos
20466entnommen, während Marsanes ein Prophet der Archontiker
20467war! (ⲃ. u.). Neben diesen tritt als dritter im Bunde Phösilam-
20468! Sehr häufig haben die Gnostiker Propheten als Gewährsmänner
20469angeführt ⲍ. B. Gnostiker, Nicolaiten den Barcabbas. Epiph. h.
2047026, 2. — Philastr. haer. cap. 33. — Basilides den Barcoph und
20471Barcabbas cf, Agrippa Castor bei Euseb. h. e. IV, 7, 5—8. Ⲧⲃⲑⲟ‐
20472doret haer. fab. I, 4. — Isidor schrieb to zgo@1r0ou Ⲡⲁϩⲗⲱ̀ϩ &EnynN-
20473tıxa cf, Clemens Alex. Strom. VI, 6, 53. — Nach den Acta Archelai
20474et Manetis 52 und Epiph. haer. 64, 3 verhandelt Terebinthus mit
20475einem Propheten II«xyxos. — Die Marcosianischen Prophetinnen Iren.
20476I, 13, 3 und die Philumene des Apelles Tert. de praesc. cap. 30. de
20477carne Chr. cap. 6. Pseudo-Tertull. cap. 71. Hippolyt VII, 38 p. 410
20478und X, 20, 524. Hieron. Epist. 132 ad Ctesiph. cap. 4. Auch die
20479Helena des Simon Magus scheint als Prophetin aufgetreten zu sein.
page 568
20480552 IV. Untersuchungen über die gnostischen Werke.
20481ⲣⲃ, eine bis dahin unbekannte Grösse. Aus einem Werke der
20482selben erhalten wir zwei Citate 1) P. 15%: Dies ist die ⲕ
20483x0olıs des uovoyernc, dies ist der yovoysrpng, von dem Phös-
20484lampes gesagt hat: „Er existiert vor dem All“. 2) Gleich darasf:
20485Und als ihn Phösilampes begriffen hatte, sprach er: „Durch ⲘⲰ
20486ist das in Wirklichkeit wahrhaftig Existierende und das wahrhaftig
20487Nichtexistierende, durch welchen das in Wirklichkeit verborgen
20488Existierende und das in Wirklichkeit offenbar Nichtexistierende |
20489existiert“. Diese Schrift war ursprünglich, wie alle Indieien an die
20490Hand geben, in griechischer Sprache verfasst; der Verfasser giebt
20491sich durch das öyzws ⲟⲩ und ur) öytws Öp als Platoniker kund,
20492daher man auf ein im philosophischen Ton abgefasstes Werk
20493schliessen möchte, doch war dasselbe m. E.ebenfalls eine
20494Sehr bezeichnend für den Standpunkt des Ginostikers. uni
20495zugleich ein schlagendes Indicium für das hohe Alter unseres
20496Werkes ist die Thatsache, dass diese beiden Citate ohne irgend
20497welchen Unterschied in der Dignität mit dem Prolog des Johanunse-
20498Evangeliums auf gleiche Linie gestellt, ja sogar beide mit: «rag
20499ⲟ ...ⲉⲡⲉ eingeleitet werden. Valentinianer würden sich
20500niemals dieser Freiheit, soweit wir auf die uns überlieferten: ‚Nach-
20501richten vertrauen können, bedient haben.
20502ⲉ
20503. .
20504V. Ursprung, Zeit und Ort der koptisch-gnostischen
20505Originalwerke.
20506A. Die Pistis Sophia und die beiden Bücher ⲑ
20507Sehr eingehend hat Amelineau in seiner oben erwähnten Ab- |
20508handlung ! diese Punkte besprochen; daher wird es notwendig
20509sein, seine Ansichten, auch wenn sie von den unsrigen in jeder
20510Hinsicht abweichen sollten, den Lesern zur Prüfung vorzulegen.
20511Nach Am. gehören die im Codex Brucianus enthaltenen
20512Werke dem ägyptischen Gnosticismus an; denn wenn anch das
20513Original in griechischer Sprache abgefasst war, so führt doch
205141 Revue de lhistoire des relig. 1890 ⲃ︦. ⲱⲃ
page 569
20515V. Ursprung, Zeit u. Ort d. koptisch-gnostischen Originalwerke. 553
20516der Umstand, dass dasselbe ins Koptische übertragen, zu der
20517Vermutung, dass die behandelten Stoffe den Ägyptern bekannt
20518und sehr angenehm gewesen sind, mithin eine bestimmte Anzahl
20519gewissermassen autochthonischer Ideen enthalten haben müssen,
20520Er sieht nun in den Siegeln der Äonen der mittleren Welt und
20521in den Merkmalen der Äonen des höheren Pleroma wirkliche
20522hieroglyphische Zeichen und findet dies dadurch bestätigt, dass
20523ein Zeichen nicht allein die Augenkenntnis, sondern auch das
20524Verständnis des ideographischen Zeichens beweise. Das Merk-
20525mal des Gottes der Wahrheit nämlich, welcher an der Spitze
20526des höheren Pleroma steht und von Irenaeus „Bvd0ös‘“ im valen-
20527tinianischen Systeme genannt wird, setzt sich aus einem Bassin
20528zusammen, das drei wellenförmige Linien einschliesst 5 ;
20529vermittelst dieser drei wellenförmigen Linien bezeichnet der Ägyp-
20530ter das Wasser. Den Einwand, welchen man erheben möchte,
20531dass der Gott der Wahrheit in der Abhandlung niemals Bvd6s
20532genannt wird, daher auch nicht mit dem ersten Gott des von
20533Irenaeus dargestellten Systems identificiert werden dürfe, glaubt
20534Am. dadurch zu entkräften, dass die Kirchenväter bei der be-
20535trächtlichen Anzahl von Namen für einen und denselben Äon
20536nicht immer den Hauptnamen gewählt haben. Zugleich beruft
20537er sich auf sein Buch Essai sur le Gnosticisme !, in welchem er
20538den Nachweis geführt habe, dass ein grosser Teil der von Basi-
20539lides und Valentin verfochtenen Ideen ägyptischen Quellen ent-
20540nommen seien. Unsere Abhandlungen liefern ihm zur Stütze
20541jener These neues Material.
20542Unter den Genien, welche jeden Äon bevölkern und das
20543Pleroma durch ihre Gesammtheit ausmachen, giebt es eine Hierar-
20544chie der zapgalnurtAaL oder zapgalnUKTOQES, deren Aufgabe darin
20545besteht, die Seelen nach dem Tode aus dem Körper zu holen
20546und durch alle Äonen bis zum Topos des Gottes der Wahrheit
20547zu führen. Diese vergleicht Am. mit Anubis, dem Yvyox6U0s
20548der ägyptischen Religion, welcher die Seelen in den Saal des
20549Osiris und seiner 42 Beisitzer führte und ihnen „den Weg öft-
20550nete“. Auch ähnelt die Reise einer gnostischen Seele durch die
20551Äonen ganz derjenigen einer ägyptischen zum Amente. Jene be-
205521 ⲃ︦. 231— 253 und 281—320.
page 570
205535354 V. Ursprung, Zeit u. Ort d. koptisch-gnostischen Originalwerke.
20554darf der Siegel und Losungsworte, um die Ungeheuer zu be-
20555kämpfen, diese muss auf ihrer Reise zum Osiris viele Ungeheuer,
20556die sich ihr entgegenstellen, überwinden, muss bei der Überfahrt
20557über den grossen Fluss der Unterwelt ein Verhör bestehen, um
20558sich in betreff der Kenntnis der Mysterien zu rechtfertigen. Für
20559die Bildung dieser Ungeheuer (ef. P. Sophia p. 105 u. 106)
20560brauchte der Gnostiker nur die Malereien der Tempel, die Vig-
20561netten der Totenhbücher und die Darstellungen in den Totengräbern
20562zu betrachten. Endlich entspricht eine im Codex Brucianus vor-
20563kommende Phrase: „der Vater und die Quelle aller Wesen, der,
20564welcher alle seine Glieder hervorgebracht hat“ derjenigen in den
20565Texten der pharaonischen Hymnen: „der Gott schafft die Götter,
20566welche seine Glieder sind“.
20567Auf diese Weise gelangt Am. zu dem Resultat, dass der
20568Grund der gnostischen Lehren im Codex Brucianus zum grossen
20569Teil auf den alten Doktrinen Ägyptens beruhe, dass also unsere
20570beiden Abhandlungen Erzeugnisse des ägyptischen Gnosticismus
20571seien, mithin auch den Meistern desselben zuerteilt werden müssten.
20572Welches sind nun die Meister des ägyptischen Gnosticismus?
20573Carpocrates, Ptolemaeus, Heracleon und Colorbasos scheidet Am.,
20574da sie seiner Meinung nach zu spezielle Lehren vorgetragen
20575haben, von vornherein aus; es bleiben für ihn daher nur noch
20576die beiden grossen Schulhäupter Basilides und Valentin übrig.
20577Zwar geht er nun noch nicht so weit, unumwunden die Behaup-
20578tung aufzustellen, dass dieser oder jener der Urheber des Werkes
20579sei, ja ⲉⲃ steht ihm sogar fest, dass sie es nicht seien; aber beide
20580sollen einen gleichmässigen Einfluss auf den Gnosticismus un-
20581seres Werkes ausgeübt haben.
20582Basilides stellt an die Spitze seines Systems den nicht-
20583existierenden Gott d. h. den grossen Schatz, in dem alle Keime
20584en puissance vereinigt sind, der aber nach einer Reihe von ab-
20585strakten Evolutionen sich mehr und mehr dem Konkreten nähert.
20586In jeder Welt existiert ein Vater, der einen Sohn hervorbringt,
20587der grösser als er in der Ogdoas ist; dasselbe Wunder wieder-
20588holt sich in allen 365 Himmeln, von denen der erste die Heb-
20589domas ist. — Die Glückseligkeit, welche Basilides seinen An-
20590hängern verspricht, ist die vollkommene Unkenntnis, an welchem
20591Orte die oberhalb gelegenen Äonen sich befinden (cf. Hippolyt
20592Philos. VI1I, II, 20—26, p. 344/366).
page 571
20593V. Ursprung, Zeit u. Ort d. koptisch-gnostischen Originalwerke. 555
20594Alle diese Punkte findet man in der ersten Abhandlung
20595wieder. 1. Zwar wird der nichtexistierende Gott nirgends ausdrück-
20596lich genannt, aber es treten uns daselbst abstrakte Ausdrücke
20597entgegen z. B. „der, welcher ist“ und „der, welcher nicht ist“.
205982. Es kehrt die Zahl 365, welche für das basilidianische System
20599charakteristisch ist, zweimal wieder. 3. Der Monogenes spielt
20600neben seinem Vater dieselbe Rolle, wie der Sohn des grossen
20601Archonten neben dem seinigen in jeder Welt, denn er ist mäch-
20602tiger wie jener. 4. Die Wesen, welche Körper angenommen haben,
20603wünschen ihn zu verlassen, um zur ewigen Glückseligkeit zu
20604gelangen; um nun das Ende dieser Glückseligkeit oder die all-
20605gemeine Wiedergeburt auszudrücken, heisst es, dass die Unsicht-
20606barkeit in allen Welten herrsche, d. h. dass jede der unteren
20607Welten nicht die darüber befindlichen erkennen werde. 5. Auch
20608findet man die Namen der Ogdoas und Hebdomas, letztere nicht
20609namentlich, aber ihr gleichbedeutend sieben cog(aı, u. z. führt eine
20610derselben den Namen Hebdomas. 6. Daneben erscheint die Enneas
20611als eine Sammlung, „die ohne Merkmal und in der die Merkmale
20612jeder Kreatur sind.“ 7. Endlich tritt uns eine vörnNs entgegen.
20613Aber noch andere Züge weisen auf Basilides. Derselbe war
20614bekanntlich ein Schüler des Menander und Mitschüler des Satur-
20615nin, kannte also das System beider. Der Äon Evangelium spielt
20616in seinem System dieselbe Rolle wie der Lebensfunke bei Satur-
20617nin, freilich mit der Differenz, dass jener nicht wie dieser in Ge-
20618fangenschaft geführt wird. Dieser Funke kommt in der ersten
20619Abhandlung vor; er übt eine wohlthuende Wirkung aus und
20620steigt in alle Äonen hinab, wird aber nicht in ein elendes
20621Loos geführt, sondern an seiner Stelle wird die Gnade gefangen.
20622Ja, Am. findet sogar Anklänge an das System von Simon Magus,
20623in welchem die &xivor@ ebenso wie bei Menander eine grosse
20624Rolle spielt.
20625Nach diesen Betrachtungen würde man den Codex Brucianus
20626für basilidianischen Ursprungs halten, wenigstens die erste Ab-
20627handlung. Andere Ausdrücke weisen uns dagegen auf das valent.
20628System, z. B. wird ein Äon von der Sophia-Ogdoas geschaffen,
20629der alle Vollkommenheit des Pleroma besitzt. Dieser Aon ist die
20630„gemeinsame Frucht des Pleroma oder Jesus“ !, mithin kannte der
206311 Hipp. Phil. VI, II, 32 p. 287.
page 572
20632Gestalt angenommen hätten. _ vie
20633Abhandlungen eine spätere En
20634Systems zu sehen; dies wäre f
page 573
20635V. Ursprung, Zeit u. Ort d. koptisch-gnostischen Originalwerke. 55
20636sehr leicht. Demgemäss setzt Am. die Originalkomposition der
20637beiden Abhandlungen zwischen 130 und 140 n. Chr. Zum Be-
20638weis für ein solches Alter macht er das seltene Citieren der
20639Evangelien geltend, da nur die ersten Verse von dem Johannes
20640Evangelium zur Rechtfertigung der Abstammung der Äonen an-
20641geführt werden. Dieselbe Ableitung findet er auch in den Ex-
20642cerpta Theodoti, ohne damit einen Schüler Valentin’s als Autor
20643des Werkes hinstellen zu wollen.
20644Hatten wir schon bei der Anordnung der Fragmente den
20645Ansichten von Am. unsere Anerkennung versagen müsen, wie
20646viel mehr noch bei diesem Teil der Untersuchungen! Abgesehen
20647davon, dass eine andere Fragmentanordnung auch in den andern
20648Fragen eine verschiedene Ansicht zur Folge haben muss, so wird
20649man dennoch über die hier dokumentierte Methodik in ein nicht
20650geringes Erstaunen versetzt; denn von einer wissenschaftlichen
20651Untersuchung findet man keine Spur, vielmehr werden einzelne
20652Stellen ohne Sinn und Verstand aus dem Zusammenhang gerissen
20653und auf das Geratewohl mit sonstigen Nachrichten der Kirchen-
20654väter in Verbindung gesetzt; bei näherer Prüfung erkennt man
20655aber nur Seifenblasen und Phantasiegebilde. Wie schon in seinem
20656Essai sur le Gnosticisme, so hat auch hier Am. seine Kenntnis
20657von der Geschichte und dem Wesen des Gnosticismus grössten-
20658teils den Philosophumena entnommen, bei deren Benutzung
20659gerade die grösste Vorsicht am Platze gewesen wäre !; aber auch
20660abgesehen davon, vermissen wir überhaupt jedes tiefere Eindringen
20661in die Quellenfragen und in die Geschichte des Gnosticismus.
20662Am. scheint eine besondere Vorliebe für den ägyptischen Gno-
20663sticismus, den er in seinem Essai sehr eingehend darzustellen ver-
20664sucht hat, gefasst zu haben. Ich schliesse mich in dieser Hin-
20665sicht voll und ganz den Ausführungen von Harnack? an; denn
20666auch ich muss meinerseits gestehen, dass der Zusammenhang des
20667Gnosticismus mit der ägyptischen Religion und den ägyptischen
206681 Vergleiche darüber Salmon: "The Cross-References in the
20669Philosophumena. Hermathena 1885 und Stähelin: Die gnostischen
20670Quellen des Hippolyt etc. in den Texten und Untersuch. VI, 3.
206712 Vergl. die Anzeige des Werkes in der Theol. Literztg. 1889
20672Nr. 9, S. 22.
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20673558 V. Ursprung, Zeit u. Ort d. koptisch-gnostischen Originalwerke.
20674Mysterien keineswegs nachgewiesen und die Parallelen ..meisten-
20675teils an den Haaren herbeigezogen sind. Am. setzt gar nicht
20676in Rechnung, dass die gnostischen Schriften und die religiösen
20677Texte der Pharaonenzeit durch Jahrtausende von einander ge
20678trennt sind, dass wir von den letzten Stadien der ägyptischen
20679Religion so gut wie gar nichts wissen!, Ebenso wenig haben
20680uns die speciell für unser Werk beigebrachten Parallelen über-
20681zeugen können, ja sie entbehren sogar jeder thatsächlichen Grand-
20682lage. Die Widerlegung eines Punktes möchte schon. ‚genügen.
20683Am. sieht in den Siegeln etc. hieroglyphische Zeichen, ja stellt
20684die Behauptung auf, dass der Verfasser das ägyptische.Zeichen
20685Mu „Wasser‘ als Bud0g verstanden habe. Dies ist. eitel Dunst,
20686denn die Siegel haben mit Hierogly hen n „En
20687irgend welche Ähnlichkeit; wie missli
20688schon daraus hervor, dass Am. keinen B
20689viel weniger ist die zweite Behauptun
20690tet man das Original genauer, so sin
20691tes der Wahrheit (P. 5) nicht drei \
20692gerade Striche vorhanden; dieselben Stril
20693dern Stelle (P.6) wieder, wenn auch die A
20694Schwartze fälschlich ⲉⲝ geben. Zum Glü«
20695über die Bedeutung der Zeichen in e
20696es heisst: „Diese drei Striche, welche a
20697men, welche er von sich geben wird
20698dass er den Vater preise, damit er sell
20699bringe und selbst emaniere“, Das ist klar
20700teren Kommentars.
20701Wir unsererseits wollen den Versuch ma
20702deren Wege zu möglichst sicheren Resnul
20703! Damit ist nun noch nicht gesagt, das
20704ägyptischen religiösen Vorstellungen, wie
20705cismus ausgebildet waren, rundweg von
20706vielmehr bedarf diese Frage einer besonder
20707will ich behaupten, dass man auf dem von Ar
20708zu keinem festen Resultate gelangen ⲓ
20709dass es mir späterhin vergönnt sein wind,
20710Punkt in einem grösseren Zusammenh
20711? Vergl. meine Abhandlung: „Über di
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20712V. Ursprung, Zeit u. Ⲟ d. koptisch-gnostischen Originalwerke. 559
20713und zwar liegt es in unserer Absicht, zu diesem Zwecke zwei
20714Namen, welche für das ganze System charakteristisch sind, näm-
20715lich Jaldabaoth und Barbelo, näher zu beleuchten und ihren Ge-
20716brauch bei den gnostischen Sekten nachzuweisen.
20717I. Die richtige Lesart des ersten Namens ist Jaldabaoth; die
20718Erklärung desselben ist eine sehr verschiedene. Petavius leitet
20719ihn von 83x 751 „matrix patrum ac propagatrix vis“ ab, Beller-
20720mann (Gemmen der Alten 1 39) von 13 87“ „Sohn der Bytho
20721(ⲟϩ ⲧϥⲥ Ⲃⲱ) Gieseler (Kirchengeschichte S. 189), Matter
20722(hist. du Gnosticisme II, 198) von Ma ⲁⲧ „Sohn des Chaos“,
20723eine Erklärung, die heute wohl als die recipierte gelten kann;
20724nur Harvey vermutet in seiner Ausgabe des Irenaeus I, p. 230,
20725MNMaN NT.
20726Diese mythologische Figur tritt uns bei einer Reihe von
20727gnostischen Sekten entgegen. Jaldabaoth ist gewöhnlich der Sohn
20728der Sophia-Prunikos oder Barbelo und als solcher Inhaber des
20729siebenten Himmels und Schöpfer der Welt.
207301. Bei den Ophiten. Epiph. haer. 37,3. Theodor. fab. h, I. 14.
20731Pseudo-Tertullian cap. 47. Philastrius cap. 1.
207322. Bei den Nicolaiten. Epiph. h. 25, 2. 3. Philastr. c. 33.
207333. Bei den sog. /vowottxol. Epiph. h. 26, 10 ff.
207344. Bei den Severianern. Epiph. h. 45,1.
207355. Bei den Barbelo-Gnostikern. Iren. I, 30,1 ff.
207366. Bei den Naassenern nach Dunker und Schneidewin !, welche
20737”Hoaidatos in ’Iaidaßacnd geändert haben; ihnen haben sich
20738Möller, Hefele u. A. angeschlossen, aber diese Emendation ist
20739durchaus willkürlich, da an jener Stelle gar kein Verdacht einer
20740Korruption vorliegt.
20741IL Die zweite Figur ist die Barbelo; die richtige Form des
20742Namens lautet Ⲃⲱ (Iren. I, 29,1. Epiph. h. 25,2. Philastr.
20743ⲥ. 33), daneben auch Bapßnicwid (Epiph. h. 21,2. Theod. 1. 13). Auch
20744dieser Name hat eine verschiedene Erklärung gefunden; nach
20745Petavius „Syriaca vox esse videtur ⲛ. <a filius Bahalis id
20746est ‚Jovis‘“; Bellermann (Gemmen der Alt. 1 2) übersetzt ihn
20747erhaltenen gnostischen Originalwerke“, Sitzungsber. der Königl. Preuss.
20748Akad. d. Wissensch. zu Berlin phil.-hist. Klasse XI, 1391 S. 215 —219.
207491 Hippolyt Philosoph. V, 7 p. 104.

Provenance

Full provenance, licence and citation: part 1.

What the layers are

L0 witness
The text as its witness or edition has it, original spelling; its dialect is a description and is never standardized.
L0.5 transliteration
For Egyptian texts: the transliteration with the editors' marks turned into the symbols ° * < > _ ^ (ruled 2026-09-10). For papyri: the edition's Leiden marks as the same symbols, and the editors' readings beside the scribe's as ‹scribe→editors› (ruled PAP-3).
L1 Cairene
Standardized Greco-Bohairic spelling and grammar, generated by code from the layer above under the rulings of the project.
L2 Kemetic
The Kemetic alphabet, generated by code from L1.
English
Quoted translations where they exist, credited; otherwise model drafts, marked as drafts.